Die Ikone der Liberalen

In der konservativen schweizerischen Zeitung Die Weltwoche erschien in der aktuellen Ausgabe vom 3. Oktober ein zweiseitiges Porträt von Ayn Rand. Das Porträt fällt relativ sachlich und nüchtern aus und vermeidet die wüsten Verrisse, die Rand gewöhnlich über sich ergehen lassen muss. Man kann es also lesen.

Etwas verwirrend für den europäischen Leser ist die Bezeichnung Ayn Rands als „Ikone der amerikanischen Rechten“, wie man im Titel erfährt. Bedenkt man, dass Rand für ein Recht auf Abtreibung eintrat, überzeugte Atheistin war, die einem Anhänger zufolge meinte, man könne die Bibel „gänzlich streichen“ und dass sie über amerikanische Konservative schrieb, sie „stehen für und sind nichts“, so mag es seltsam anmuten, dass sie überhaupt etwas mit den „Rechten“ zu tun haben sollte, geschweige denn ihre Ikone darstellen mag.

Es ist prinzipiell trotzdem wahr, dass Ayn Rand zu den Galionsfiguren der Republikaner und insbesondere der Tea Party gehört; was, wenn man nur dies erfährt (oder dies ausgerechnet im Titel erfährt und viele werden den ganzen Artikel gar nicht erst lesen), allerdings schnell in die Irre führt. In den USA gibt es unter „Konservativen“ eine einflussreiche Richtung, die sich auf die Gründungsväter der Vereinigten Staaten beruft und die insofern für eine liberale, aufgeklärte Gesellschaft eintritt: Individuelle Selbstbestimmung und kleiner Staat mit geringen Steuern.

Es gibt aber auch religiöse, kollektivistische Konservative in den USA, die während des Vietnam-Kriegs die Wehrpflicht einführten, die die Trennung von Kirche und Staat zu Gunsten des Christentums aushöhlen möchten, die – ähnlich wie in Deutschland die Sozialdemokraten – regulierend in die Wirtschaft eingreifen möchten. Sie lehnen ein Recht auf Abtreibung ab und sie sind gegen die Homo-Ehe. Kurz gesagt möchten sie individuelle Rechte zu Gunsten ihrer eigenen Gruppe beschneiden.

Nun gibt es in Deutschland praktischerweise unterschiedliche Begriffe für diese beiden politischen Ausrichtungen: „Liberal“ und „konservativ“. In den USA nennt man beide einfach „konservativ“. Und: Linke heißen dort „Liberals“; nur, um die Verwirrung komplett zu machen.

Ayn Rand müsste man im deutschen Kontext vielmehr als „Ikone der Liberalen“ bezeichnen. Sie trat für eine freie Gesellschaft mit freier Marktwirtschaft und einem Minimalstaat ein. Das Individuum war dabei ihr Leitstern. Und das Individuum ist gerade nicht der Leitstern von dem, was man in Europa unter „konservativ“ versteht. Die europäischen Konservativen gehören eher der kollektivistischen Variante an.

Falls es jemand nicht glauben sollte, dass ausgerechnet eine liberale Atheistin zu den großen Ikonen der amerikanischen „Rechten“ gehören könnte, dem seien folgende Zitate von Ayn Rand zur Lektüre empfohlen:

Falls die „Konservativen“ nicht für den Kapitalismus stehen, so stehen sie für und sind nichts; sie haben kein Ziel, keine Richtung, keine politischen Prinzipien, keine sozialen Ideale, keine intellektuellen Werte, keine Führung, die sie irgendwem bieten könnten.

Wie rational sind jene, die glauben, sie könnten die Menschen zur Freiheit täuschen, sie zur Gerechtigkeit betrügen, sie zum Fortschritt für dumm verkaufen, sie zum Erhalt ihrer Rechte hereinlegen und sie derweil mit Etatismus indoktrinieren, ihnen ein Schnippchen schlagen und sie eines Morgens in der perfekten kapitalistischen Gesellschaft aufwachen lassen?

Das sind die „Konservativen“ – oder zumindest die meisten ihrer intellektuellen Fürsprecher.

Die „Konservativen“ von heute sind nutzlos, ohnmächtig und kulturell tot. Sie haben nichts anzubieten und sie können nichts erreichen. Sie können nur dabei helfen, intellektuelle Standards zu zerstören, das Denken zu desintegrieren, den Kapitalismus zu diskreditieren und den unwidersprochenen Zusammenbruch dieses Landes zu einem Zustand der Verzweiflung und Diktatur zu beschleunigen.

Die Behauptung der „Konservativen“, ihre Argumentation beruhe auf Glauben, bedeutet, dass es keine rationalen Argumente gäbe, um das amerikanische System zu stützen, keine rationale Rechtfertigung für Freiheit, Gerechtigkeit, Privateigentum, individuelle Rechte; dass diese auf mystischer Offenbarung beruhten und nur mittels Glauben akzeptiert werden könnten – dass aus Sicht von Logik und Vernunft der Feind im Recht sei, aber die Menschen müssten ihren Glauben als überlegen gegenüber ihrer Vernunft ansehen.

Und dies sagte: „Die Ikone der amerikanischen Rechten.“

Wer mehr über Ayn Rands Philosophie, den Objektivismus, erfahren möchte, dem sei meine neueste Essaysammlung Der Westen. Ein Nachruf ans Herz gelegt, in der ich verschiedene Tehmen aus objektivistischer Sicht kommentiere. Inzwischen gibt es sechs Rezensionen auf Amazon über das Buch nachzulesen:

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=terrrott-21&o=3&p=8&l=as1&asins=B0099N3362&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

Ein Kommentar zu “Die Ikone der Liberalen

  1. Karl sagt:

    Den Liberalismus kann man unterscheiden in den klassichen Liberalismus wie er von John Locke und Adam Smith begründet wurde und den sozialen Liberalismus.

    Im ersteren konzentriert sich der Staat auf die Verteidigung und den Schutz der Eigentumsrechte. Im zweiten kommen im auch Umverteilungsaufgaben und Risikoabsicherung als Aufgaben zu.

    Ein Liberal in Amerika ist somit ein Sozialliberaler. Ein Liberaler in Deutschland eher ein klassischer Liberaler.

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