Ist Wissen vergänglich?

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=yPL_74NGwI4[/tube]

Norbert Blüm gesellte sich jüngst zu Frau Maischberger und erhellte die Welt mit folgender Aussage: „Was die Wissenschaft nicht alles schon als die Weisheit letzter Schluss (erklärt hat), über jeden Glaubenszweifel erhaben. Die Geschichte der Wissenschaft ist eine Geschichte von Revisionen. Es gibt so gut wie nichts, was nicht vorletzte Wahrheit ist.“

Das mit der Erstursache wisse man ja auch nicht. Und dort findet Blüm ein Plätzchen für Gott als das, was wir Atheisten „Lückenfüller“ nennen. Gott erschuf die Arten nur so lange, bis Darwin die Wahrheit herausfand und Gott erschafft auch das Universum nur so lange, bis es eine vollständige natürliche Erklärung gibt. Bis dahin stecken manche Leute „Gott“ in die Erklärungslücke.

Das kommt davon, wenn Wissenschaftsphilosophen Unsinn in die Welt setzen. Der modernen Wissenschaftstheorie zufolge sei unser Wissen nur „vorrübergehend“. Was soll man auch erwarten von Leuten, die sich spontan irgendwelche Hypothesen einfallen lassen, nur um dann den Rest ihrer Karriere mit dem Versuch zu verbringen, ihre eigenen Hypothesen zu widerlegen?

Wenn die Wissenschaft auch nichts weiß, dann ist das der perfekte Ansatzpunkt für jene, die ihre religiös-esoterisch-philosophischen Spekulationen an die Stelle von objektivem Wissen setzen und dafür auch noch ernstgenommen werden möchten.

Vielleicht ist es sogar gut, dass die meisten Wissenschaftler keine Ahnung haben von Wissenschaftstheorie. Man stelle sich vor, unsere modernen Philosophen würden sie davon überzeugen, dass es gar nicht ihre Aufgabe sei, Fakten über die objektive Realität herauszufinden, sondern Spekulationen zu fabrizieren, für die lediglich spreche, dass sie bislang nicht widerlegt wurden. Dass die Erde von einem riesigen, rosafarbenen Schwamm ausgequetscht wurde, ist bislang auch nicht widerlegt worden. Dass es das Monster von Loch Ness wirklich gibt und man es nur darum nicht wahrnimmt, weil es stets rechtzeitig auf die Enterprise gebeamt wird, ist bislang nicht widerlegt worden.

Hypothesen müssen im Anbetracht des bisherigen Wissens, aufgrund von Belegen und Logik formuliert werden. Nicht willkürlich. Man könnte willkürlich die Hypothese aufstellen, dass Blitze durch einen Schlag von Thors Hammer auf die Wolken ausgelöst werden, oder man stellt wie Benjamin Franklin aufgrund des bisherigen Wissens mittels Logik die Hypothese auf, dass sie elektrische Entladungen darstellen – und dann entwickelt man ein Experiment, um es zu beweisen. Nicht um es zu widerlegen. Und Franklin konnte mit einem einzigen Experiment beweisen, dass Blitze elektrische Entladungen darstellen. Induktion erfordert keine abertausenden Beobachtungen. Manchmal benötigt man nur eine einzige Beobachtung für die Formulierung eines allgemeinen Gesetzes. Manchmal reichen dafür auch Millionen von Beobachtungen nicht aus.

Derweil verdienen willkürliche Behauptungen nur eine Reaktion: Man sollte sie ignorieren.

Mit „willkürlich“ ist eine Behauptung gemeint, die in der Abwesenheit von Belegen jeglicher Art aufgestellt wird, ob perzeptuell oder konzeptuell; ihre Grundlage ist weder direkte Beobachtung, noch irgendeine Art von theoretisches Argument. (Eine willkürliche Idee ist) eine bloße Behauptung ohne Versuch, sie zu validieren oder sie mit der Realität zu verbinden.

Falls ein Mensch eine solche Idee vertritt, ob er dies durch einen Fehler oder Ignoranz oder Boshaftigkeit tut, so ist seine Idee somit epistemologisch entkräftet. Sie hat keine Verbindung zur Realität oder zur menschlichen Kognition.

[…]

Es ist nicht deine Verantwortung, die willkürliche Behauptung von jemandem zu widerlegen – zu versuchen, Argumente zu finden oder sie dir vorzustellen, die zeigen werden, dass die Behauptung falsch ist. Es ist ein grundlegender Fehler deinerseits, dies auch nur zu versuchen. Die vernünftige Vorgehensweise bei einer willkürlichen Behauptung besteht darin, sie geradewegs abzulehnen, sie lediglich als willkürlich zu identifizieren, und somit als unzulässig und nicht diskutierbar.“

Leonard Peikoff (siehe Quelle)

Gott ist eine willkürliche Idee.

Der Begriff „Gott“ kann sich nicht auf ein Konzept beziehen, das von direkter, perzeptueller Beobachtung abgeleitet ist, da „Gott“ niemals verlässlich beobachtet wurde. Konzepte dürfen auch durch logisches und mathematisches Schlussfolgern von indirekten Messungen abgeleitet werden, die von direkten Beobachtungen und zuvor validierten Konzepten abgeleitet sind.

Adam Reed (siehe Quelle)

Gott hingegen ist von gar nichts abgeleitet. Er entstammt auch nicht auf die indirekteste Weise unseren Beobachtungen. Also ist Gott eine willkürliche Behauptung.

Und das bedeutet: Die Behauptung, dass Gott existiere, ist nicht falsch, sondern sie ist nicht einmal falsch. Sie ist unserer Aufmerksamkeit nicht würdig und sollte ignoriert werden.

Die Alternative wäre die Akzeptanz sämtlicher willkürlicher Behauptungen. Wir müssten alles für möglich halten, bis es explizit widerlegt wurde. Wenn jemand behauptet: Ich glaube, der Eisverkäufer dort ist ein Außerirdischer – so müssten wir diese Behauptung so ernst nehmen wie jede andere; bis sie falsifiziert wurde. Wir müssten ebenso die Pros und Kons der Alien-Behauptung debattieren wie wir darüber berieten, was für oder gegen das Fouriersche Gesetz der Wärmeleitung spricht. Skeptizismus würde an die Stelle des objektiven Wissens treten – was im Grunde bereits geschehen ist.

Mit anderen Worten geht es bei Maischberger um Fragen, die für vernünftige Menschen nicht einmal Fragen sind. Aber das ist, zugegeben, nichts Neues.

Ergänzung: Hier wird nicht der Kritische Rationalismus oder Karl Popper direkt kritisiert, sondern postmoderne Philosophien, die wissenschaftliche Erkenntnisse für vorrübergehend gültig (also niemals wirklich wahr) halten, für soziale Konstruktionen, die Wissenschaftlern persönliche Vorteile bringen. Man sollte allerdings bedenken, dass Paul Feyerabend und Thomas Kuhn Poppers Schüler waren und man fragt sich, wie das sein kann. Ebenso geht es um das öffentliche Verständnis der Wissenschaftstheorie. Und um den Missbrauch dieser Ideen von esoterisch-religiös argumentierenden Menschen.

Vornehmlich geht es mir hier um das Prinzip, dass man willkürliche Behauptungen verwerfen sollte und sie nicht überprüfen muss. Bezüglich der angeblichen absoluten Sicherheit, die Objektivisten über wissenschaftliche Theorien hätten, sei Alexander Cohens Vortrag in der Literatur empfohlen. Ich bezweifle, dass Wissenschaftler viel oder irgendetwas gegen diesen auszusetzen haben. Er stellt die objektivistische Position dar.

Literatur

Adam Reed: Objektivismus über Gott

Alexander R. Cohen: Ist Skeptizismus angemessen?

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=terrrott-21&o=3&p=8&l=as1&asins=0451230051&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

11 Kommentare zu “Ist Wissen vergänglich?

  1. ulpian sagt:

    Hallo,

    Du spielst in deinem Artikel mehrfach auf die Idee der Falsifikation an. Nun dürfte jeder wissen, dass die Idee des Falsifikationismus unmittelbar mit Popper und dem kritischen Rationalismus verbunden ist. Ich weiß freilich nicht, ob Du bei deiner Kritik wirklich Popper im Sinne hast oder nur diejenigen, die sich zwar immer wieder auf Popper berufen (bzw. Poppersche Begriffe und Ideen gebrauchen), ihn aber offensichtlich nicht gelesen haben. Dennoch würde ich gern ein paar Punkte diesbezüglich klarstellen. Nicht unbedingt als Einwand gegen deinen Artikel, sondern allgemein zur Falsifikation im kritischen Rationalismus. (Allerdings sind in den letzten Absätzen dieses Kommentars auch einige konkrete Einwände gegen deinen Artikel formuliert).

    Dass jede Behauptung eine gewisse Daseinsberechtigung habe, nur weil sie nicht widerlegt sei, hat natürlich mit Popper nichts zu tun. Und zwar aus vielerlei Gründen nicht.

    (1) Die FalsifizierBARKEIT ist nach Popper ein Abgrenzungskriterium zwischen (empirischer) Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft (wobei letzteres nicht unbedingt Unsinn zu sein braucht, sondern durchaus rationale Philosophie sein kann; wobei zweitens diese Grenze keine für alle Zeiten feste ist, sondern sich mit wissenschaftlichem Fortschritt verschieben kann). Das bedeutet, dass prinzipiell nicht widerlegbare Hypothesen, zu denen man sich keine Tatsache ausdenken kann, die der Hypothese widersprechen könnte, aus dem genuinen Bereich der (empirischen) Wissenschaft ausscheiden. (Damit sind bereits alle bloßen Existenzbehauptungen, die prinzipiell nicht widerlegt werden können, aus logischen Gründen ausgeschieden. Etwa auch die Behauptung „Es gibt einen Gott“).

    (2) Bei der Aufstellung einer Hypothese, der Entdeckung einer Idee spielen zwar kreative, schöpferische Momente, die wissenschaftstheoretisch nicht gänzlich fassbar sind, eine wichtige Rolle. Allerdings hat das nichts damit zu tun, dass jede kreative Hypothese eine eigene Berechtigung hätte. Popper unterscheidet hier zwischen Entdeckungs- und Begründungszusammenhang. Selbstverständlich muss eine Hypothese, die ernst genommen werden will, eine rationale Grundlage haben (d.h. sich im „Begründungszusammenhang“ rechtfertigen können). Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn Poppers Aversion gegen Induktion richtet sich nur im „Begründungszusammenhang“ (nicht im „Entdeckungszusammenhang“).

    (3) Zuallererst muss eine wissenschaftliche Hypothese eine ERKLÄRUNG für ein bestimmtes Phänomen bieten. Das ist die Grundvoraussetzung. Das heißt: Die problematisierte Beobachtung, besser: die entsprechende Beobachtungsaussage, muss aus der allgemeinen Hypothese und den individuellen Randbedingungen logisch-deduktiv folgen. Wenn wir also nach einer Erklärung für das Phänomen P (zum Beispiel: die Bewegung der Planeten in unserem Sonnensystem) suchen, müssen wir eine solche Hypothese H finden (zum Beispiel: die Newtonschen Gesetze), so dass aus H und den individuellen Randbedingungen (z.B: Masse der Sonne und Planeten) das problematisierte Phänomen P als Konklusion folgt. Die in deinem Artikel beispielhaft aufgeführten absurden Behauptungen erklären ohnehin keine Phänomene und sind daher nach dem Falsifikationismus des kritischen Rationalismus wertlos.

    (4) Wenn mehrere Hypothesen zur Erklärung desselben Phänomens zur Auswahl stehen, bewertet man sie danach, wie gehaltvoll sie sind (d.h. wie viele konkrete Phänomene sie abdecken, wie umfassend und konkret sie sind etc.), welche Hypothese mit den wenigsten Postulaten auskommt, welche besser im Einklang mit anderen bewährten wissenschaftlichen Theorien steht etc.

    (5) Im besten Fall für den wissenschaftlichen Fortschritt (und darauf kam es Popper ganz besonders an, was er immer wieder betonte) soll eine Hypothese/Theorie neuartige und selbstständig überprüfbare Prognosen liefern. Das heißt, nicht nur die zu erklärende Beobachtung soll aus der Hypothese (zusammen mit den Randbedingungen) logisch folgen, sondern auch Beobachtungen, die man noch nie gemacht hat.

    Dies war bei nahezu allen großen wissenschaftlichen Neuerungen der Fall. Aus Newtons Theorie etwa konnte man nicht nur all die Phänomene wunderbar ableiten, die man schon so lange einheitlich zu erklären versuchte (z.B. die bereits bekannten Bewegungen der Planeten), sondern es folgten aus derselben Theorie auch gänzlich neue Phänomene, an die man gar nicht gedacht hatte, die man aber (teilweise erst nach einigem technischen Fortschritt) selbstständig überprüfen und bestätigen konnte (z.B. folgte aus den Newtonschen Gesetzen und den individuellen Randbedingungen, dass ein noch bislang unbekannter Planet existieren musste, den man noch nicht beobachten konnte, und dies wurde später bestätigt.).

    Auch Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie bot nicht nur eine Erklärung für die bis dahin bekannten und problematisierten Beobachtungen, sondern aus ihr folgte (unter anderem) ein weiteres Phänomen, an das man bislang überhaupt nicht gedacht hatte. Die (genauer bezifferte) Ablenkung des Lichts eines weit entfernten Sterns, wenn es auf dem Weg zur Erde nahe der Sonne verläuft. Diese Voraussage konnte man bereits zu Lebzeiten Einsteins bestätigen (was nur bei einer Sonnenfinsternis und unter erheblichem Aufwand geschehen konnte) und erst dadurch wurde Einstein über Nacht ein weltweit populärer Wissenschaftler.

    Nach Popper muss also eine wissenschaftliche Hypothese prinzipiell widerlegbar sein, sie soll eine Erklärung für bekannte Phänomene liefern (d.h. aus ihr zusammen mit den Randbedingungen müssen die betreffenden Beobachtungsaussagen logisch-deduktiv folgen), sie soll im Vergleich zu ihren Konkurrenten gehaltvoller sein (umfassender und konkreter), mit weniger Postulaten auskommen, mit den bereits gut bewährten wissenschaftlichen Theorien möglichst im Einklang stehen UND sie soll möglichst neuartige und selbständig überprüfbare Prognosen machen. Damit sich eine wissenschaftliche Hypothese/Theorie außerdem „bewährt“, muss sie zudem bislang allen ernsthaften Widerlegungsversuchen erfolgreich widerstanden haben. Dies alles ist also so ziemlich das genaue Gegenteil von Willkür und Beliebigkeit.

    Zudem ist Popper ein scharfer Widersacher des Wahrheits-Relativismus. Er hielt den Zweifel an der Idee der absoluten und objektiven Wahrheit für absurd. Worauf er völlig zu Recht verzichtete, war nicht die Idee der objektiven Wahrheit, sondern die Idee der subjektiven Gewissheit, was er immer wieder betont und ausgeführt hat.

    Dass einige esoterisch, relativistisch oder sonst wie irrationalistisch veranlagte Mitmenschen gerade diesen Aspekt seiner Philosophie dazu missbrauchen, unter Berufung auf ausgerechnet Popper ihren Unsinn loszuwerden, ist eben kein Argument gegen Popper. Genauso werden auch viele physikalische Grundbegriffe und Konstruktionen von Esoterikern entstellt und missbraucht.

    Es ist nicht gerade vernünftig, nur um dem unsinnigen Relativismus ja kein Türchen zu öffnen, einfach zu behaupten, dass wir absolute Gewissheit über die Wahrheit unseres heutigen Wissenschaftsstands hätten, oder (verzeihe mir den kleinen Seitenhieb) dass wir zum Beispiel die Kausalität unmittelbar beobachten könnten.

    Zitat aus dem Artikel:
    „(…)– und dann entwickelt man ein Experiment, um es zu beweisen. Nicht um es zu widerlegen. „

    Auch Popper schreibt, dass der einzelne Wissenschaftler in der Regel selbstverständlich das Experiment in der Absicht anstellt, seine Hypothese zu beweisen. Worauf es Popper hierbei in Bezug auf die Falsifikation ankommt, sind aber diese zwei Aspekte:

    (a) Ein Experiment kann eine Hypothese nur insofern bestätigen, als es prinzipiell in der Lage wäre, sie auch zu widerlegen. Das bedeutet: Zum einen muss die Hypothese selbst prinzipiell falsifizierbar sein (Freuds Theorie zum Beispiel bietet für jedes erdenkliche menschliche Verhalten eine scheinbare „Erklärung“; man kann sich nichts ausdenken, was der Theorie widerstreiten könnte und deshalb ist sie keine Wissenschaft, sie erklärt im Grunde gar nichts). Zum anderen muss man ein so durchdachtes, gutes Experiment kreieren, dass es die Hypothese hätte auch widerlegen können. Nur dann ist der positive Ausgang des Experiments auch aussagekräftig. Das alles ist nicht gerade trivial. Gerade experimentelle Wissenschaftler berichten von den listigen Versuchungen, zur Bestätigung der eigenen Hypothesen ausgerechnet solche Experimente aufzustellen, die bei Lichte betrachtet nur positive Ergebnisse hätten liefern können. Aber dann ist das besagte Experiment eben gar nicht aussagekräftig. Um dieser „confirmation bias“ entgegenzuwirken, werden daher die Experimente einer Forschergruppe immer wieder von anderen Forschergruppen sehr kritisch unter die Lupe genommen.

    (b) Zweitens: es ist in der Regel gerade nicht der Fall, dass ein Experiment die besagte Hypothese tatsächlich positiv „beweist“. Bei den großen entscheidenden Experimenten der Wissenschaftsgesichte verlief dies -vereinfacht- in der Regel so: Es standen zwei Hypothesen in Konkurrenz zu einender, bis man durch Ideenreichtum oder technischen Fortschritt in der Lage war, ein Experiment oder eine Beobachtung anzustellen, deren Ausgang im Widerspruch zu einer der Hypothesen stand, womit eben diese aus dem Rennen war. In der Regel blieb auch (zunächst) nur eine übrig, womit sie auch gemeinhin als „endgültig bewiesen“ galt. Immer wieder kam es aber vor, dass nach weiterem wissenschaftlichem Fortschritt auch diese Hypothese widerlegt wurde und sie einer neuen Platz machen musste, die nicht nur im Einklang mit dem „alten“ Experiment stand sondern auch die neu entdeckten Phänomene besser erklären konnte. Auch Einstein wusste dies und sah seine Theorie trotz der beeindruckenden Bestätigung durch die oben angesprochene Beobachtung nicht als endgültig bewiesen an.

    Dabei war sich Popper durchaus auch dessen bewusst, dass die Wissenschaft nicht nur durch die völlige Verwerfung einer ehemals als wahr und bewiesen angesehenen Hypothese fortschreitet (was ja auch oft genug vorkommt), sondern vor allem dadurch, dass die ehemaligen Theorien sich nicht als völlig falsch, sondern als gute Annäherungen in gewissen beschränkten Bereichen herausstellen. Dies führt er auch unter anderem anhand der Übergänge von Kepler-Galilei zu Newton und von Newton zu Einstein sehr detailliert aus.

    Der Falsifikationismus des kritischen Rationalismus ist also bei Gott nicht so trivial und banal, wie er in Internetdiskussionen leider immer wieder dargestellt wird.

  2. Karl sagt:

    Als Realist hat Popper schon eine objektive Theorie der Wahrheit nach der, nach einem kritischen Prozess der Falsifizierung, Theorien die Wahrheit widerspiegeln vertreten. Das Problem ist wie allerdings Popper beschreibt dass Theorien auch falsch liegen können.

    Wenn man sich die Wissenschaftsgeschichte ansieht sieht man das es viele alte falsche Theorien gab. Von daher ist es wichtig Theorien kritisch gegenüberzustehen und sie als vorläufig anzusehen weil es durchaus möglich ist das sie revidiert werden.

    • derautor sagt:

      Hm. Komisch aber, dass die Begründer des modernen Relativismus, Feyerabend und Kuhn, Poppers Schüler waren. Ich frage mich, was an folgender Kritik an Popper aus objektivistischer Ecke dran ist:

      (1) Though Popper was critical of Kuhn (and, vice versa), in fact, Kuhn’s philosophy owes much to Popper.

      (2) It was one of Popper’s students, Imre Lakatos, who struggled to resolve Popper’s flasification with Kuhn’s ideas.

      (3) It was another of Popper’s strudents, Paul Feyerabend, who took some of the worst of Popper and brought some of it to its (il)logical conclusion of divorcing theory from scientific method.

      Und:

      1. Induction is a myth. Popper not only claims that it couldn’t work, he claims it’s not actually what scientists do.
      2. Scientific theories are at root arbitrary constructs. Hypotheses pop up out of nowhere; there is no rational process for arriving at theories, only for eliminating theories.
      3. The absence of falsification—rather than positive evidence—is the standard for adopting scientific conclusions. Since hypotheses arise arbitrarily for Popper, a given item (or set of items) of evidence can support a practically unlimited number of theories. So positive evidence won’t get you anywhere. No matter how much evidence you accumulate, somebody could come up with some floating abstraction that explains it all, and (again, according to Popper) there would be no way to support one over the other.

      http://forum.objectivismonline.com/index.php?showtopic=811

      • Karl sagt:

        Die Kritik an Kuhn und besonders Feyerband ist berechtigt. Sie vertreten eigentlich keinen Rationalismus oder Realismus mehr. Gerade Feyerband ist eigentlich mehr den postmodernen Denkern zuzuordnen.

        Popper an sich verteidigt eigentlich den Rationalismus an sich schon. Besonders in seiner Kritik der Wissenserlangung durch Induktion und somit am Positivismus des Wiener Kreises.

        Allerdings versucht er auch, und das ist ein wesentlicher Punkt des Kritischen Rationalismus, Wissenschaft von Metaphysik abzugrenzen. Abgrenzungskriterium dabei ist die Möglichkeit zur empirischen Überprüfung.

        Was deine Kritik an der Vorläufigkeit des Wissens anbelangt. Ich denke hier ist wichtig zwei Punkt zu unterscheiden.

        1. Bestehende Theorien können tatsächlich durch neue Theorien revidiert werden, z. B. Newtons Theorie der Gravitation durch Einsteins Theorie. Und wir sollten durch eine kritische Methode bereit sein dies zu fördern.

        2. Dennoch gibt es die Möglichkeit von immer besseren Theorien. Besser in dem Sinn dass sie die Wirklichkeit besser widerspiegen.

        Es stimmt bei Popper gibt es zwischen den Punkten 1. und 2. einen gewissen Widerspruch. Er vertritt einen objektive Theorie der Wahrheit hält aber Wissen vor vorläufig.

        Kuhn und Feyerabend verwerfen die objektive Theorie der Wahrheit vollständig. Sie nähern sich hier den Postmodernen an.

        • Karl sagt:

          Der Lieblingsschüler von Karl Popper war eigentlich Hans Albert. Sein „Traktat über die kritische Vernunft“ ist eigentlich die wichtigste Zusammenfassung über den kritischen Rationalismus.

  3. ulpian sagt:

    Danke für die Diskussion.

    Wie man die Irrationalismen von Kuhn und Feyerabend als Argument gegen Popper gebrauchen kann, ist mir völlig schleierhaft. Leider scheint dies aber langsam zu einem Gemeinplatz zu werden. Denselben Irrtum kann man auch in der sonst exzellenten Kritikschrift „Eleganter Unsinn“ von Sokal lesen, der Popper offensichtlich nie gelesen hat.

    Kuhn war kein eigentlicher Popper-Schüler, hat nur einige Vorlesungen von ihm besucht. Feyerabend war ein ehemaliger Popper-Schüler und wurde gewissermaßen ein „Abtrünniger“. Sie berufen sich gerade nicht auf Popper, sondern greifen seine Philosophie offen an. Andererseits kann man die beste und meines Erachtens vernichtende Kritik von Kuhn und Feyerabend ebenfalls bei Popper lesen. Zwischen Popper und Feyerabend kam es sogar zum persönlichen Zerwürfnis, da Popper das Gefühl hatte, dass Feyerabend intellektuell nicht redlich ist und wider besseres Wissen Poppers Positionen entstellt, um sie besser angreifen zu können.

    Feyerabend war ein hochgebildeter, hochintelligenter und streitlustiger Querdenker. Intelligenter kann man den (meines Erachtens falschen) Methodenrelativismus nicht vertreten. Dennoch hat man beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass er an manches, was er schreibt, selbst nicht wirklich geglaubt hat. Einige Insider meinen, dass Feyerabend sein erstes Plädoyer für den Relativismus bewusst sehr überspitzt niederschrieb, weil er eigentlich mit Imre Lakatos (einem weiteren Abtrünnigen) eine längere Diskussion durch abwechselnde kleine Streitschriften vereinbart hatte, woraus aber durch den frühen Tod von Lakatos leider nichts wurde. Wie dem auch sei: Feyerabend hat sich nicht auf Popper berufen, sondern im Gegenteil seinen Relativismus gerade mit offenem Angriff auf und polemischer Abgrenzung zu Popper entwickelt. Wiederum ist die beste Kritik von diesem Relativismus meines Erachtens immer noch bei Popper zu lesen. Überhaupt hatte Popper sehr viele „Schüler“ im engeren und auch weiteren Sinne. Kuhn und Feyerabend wurden eben nur berühmt für ihre radikalen Angriffe gegen den Rationalismus.

    Zitat:
    “(1) Though Popper was critical of Kuhn (and, vice versa), in fact, Kuhn’s philosophy owes much to Popper.
    (2) It was one of Popper’s students, Imre Lakatos, who struggled to resolve Popper’s flasification with Kuhn’s ideas.
    (3) It was another of Popper’s strudents, Paul Feyerabend, who took some of the worst of Popper and brought some of it to its (il)logical conclusion of divorcing theory from scientific method.”

    Selbstverständlich verdankt die Philosophie Kuhns -und auch die Feyerabends- vieles dem kritischen Rationalismus Poppers. Die Auseinandersetzung zwischen den Vertretern der objektiven Wahrheit und den radikalen Skeptikern und Relativisten ist ja schon so alt wie die Philosophiegeschichte. Und in jeder Epoche verdanken die Vertreter der einen Seite den vorangegangenen Vertretern der anderen Seite sehr viel, was etwa das Argumentationsniveau und Problembewusstsein betrifft. Der eigentlich relevante Fakt hier ist: Kuhn griff die Hauptthesen Poppers offen an. Und Popper sowie andere kritische Rationalisten konterten mit meines Erachtens vernichtender Gegenkritik. Kuhn selbst musste in den späteren Auflagen seiner „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ vieles an seinen ursprünglich radikal irrationalistischen Thesen deutlich entschärfen.

    Lakatos versuchte, eine Methodologie für das, was Kuhn “Normalwissenschaft” nennt, zu entwickeln und stellte in diesem Bereich anstelle der „Falsifikation von Hypothesen“ grob vereinfacht auf die „Fruchtbarkeit von Forschungsprogrammen“ ab. Gegen Popper wandte er mit Kuhn unter anderem ein, dass im faktischen Wissenschaftsbetrieb falsifizierte Theorien nicht gleich aufgegeben werden und dass sich diese Strategie oft als fruchtbar erweist. Nun hat Popper auch nicht gefordert, dass falsifizierte Theorien sofort und gänzlich aufgegeben werden müssen. Er hat sogar das genaue Gegenteil geschrieben und diesen Aspekt aufgrund der Missverständnisse in späteren Auflagen seiner Werke in den Fußnoten weiter ausgeführt. Jedenfalls verstehe ich nicht, warum dies ein Argument gegen Popper sein soll.

    Würde man etwa behaupten, dass Kuhn, Feyerabend oder Lakatos in ihrer Kritik an Popper Recht haben, dann könnte man darüber vernünftig diskutieren. Aber allein der Umstand, dass manche „Popper-Schüler“ einige Hauptthesen Poppers angegriffen und selbst irrationalistische Standpunkte vertreten haben, kann doch kein Argument gegen Poppers Ansichten sein. Popper selbst hat ja diese Irrationalismen exzellent kritisiert. Außerdem gibt es auch andere Popper-Schüler, die sich mit den Ansichten der „Abtrünnigen“ ausführlich befasst haben. Etwa Alan Musgrave, Hans Albert oder Gunnar Andersson.

    (Nur als Ergänzung: kein mir bekannter kritischer Rationalist ist bereit, alle Thesen von Popper vollständig zu übernehmen. Gerade manchen seiner späteren Entwürfe, etwa der Drei-Welten-Theorie, stehen die allermeisten ablehnend gegenüber. Viele Thesen Poppers werden von solchen, die sich als kritischer Rationalist, bezeichnen, nicht als eine These des kritischen Rationalismus angesehen. Was Kuhn, Feyerabend und Lakatos aber angreifen, betrifft durchaus den Kern des kritischen Rationalismus. Und, wie gesagt, ich habe nirgends eine bessere Kritik dieser Angriffe gesehen als bei Popper selbst und bei anderen kritischen Rationalisten.)

    Zitat:
    “1. Induction is a myth. Popper not only claims that it couldn’t work, he claims it’s not actually what scientists do.
    2. Scientific theories are at root arbitrary constructs. Hypotheses pop up out of nowhere; there is no rational process for arriving at theories, only for eliminating theories.”

    Wie ich in meinem ersten Kommentar oben ausgeführt habe, unterscheidet Popper (meines Erachtens zu Recht) zwischen „Entdeckungs-“ und „Begründungszusammenhang“. Ja, woher die zündende Idee für eine wissenschaftliche Erklärung kommt, lässt sich wissenschaftstheoretisch nicht fassen. Im Begründungszusammenhang müssen aber rationale Standards eingehalten werden und diese erschöpfen sich eben nicht darin, dass eine Hypothese noch nicht falsifiziert worden ist (siehe oben). Selbstverständlich knüpft jeder Forscher bei seinen Untersuchungen an die aktuelle Problemsituation und den Stand des Wissens an. Es gibt aber kein Rezept für die Erfindung neuer wissenschaftlicher Hypothesen, die können auch nicht aus Beobachtung gewonnen werden. Es gibt aber ein Rezept für die „Rechtfertigung“ von Hypothesen (wie ich oben zusammengefasst hatte). Popper führt dies alles sehr klar und verständlich aus und veranschaulicht es anhand vieler Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte und er geht auch immer auf tatsächliche geäußerte und von ihm selbst erdachte Kritiken an seinen Standpunkten fair und umfassend ein. Ich bin aktuell der Ansicht, dass seine Standpunkte in diesen Punkten richtig sind. Wäre aber natürlich bereit sie zu überdenken, wenn Gegenargumente formuliert werden.

    Auch wenn man nicht Popper liest, sondern sich ein wenig mit Wissenschaftsgeschichte befasst, würde man zu dem Schluss kommen, dass die erklärenden Hypothesen und Theorien (im Entdeckungszusammenhang!) nicht aus Beobachtung und Logik gewonnen werden, sondern durch Ideenreichtum konstruiert werden („Später“ müssen sie sich natürlich im „Begründungszusammenhang“ einer streng rationalen Überprüfung unterziehen. Und diese „spätere“ Überprüfung nimmt der Forscher in der Regel selbstverständlich bereits vor der Veröffentlichung selbst zum großen Teil vor.). Anders kann man auch Newtons Kräfte oder Einsteins Raumkrümmung nicht interpretieren.

    Übrigens schrieb Einstein in seinem Briefwechsel mit Popper:
    „Mir gefällt das ganze modische ‚positivistische‘ Kleben am Beobachtbaren überhaupt nicht. Ich halte es für trivial, dass man auf atomistischem Gebiete nicht beliebig genau prognostizieren kann, und denke, dass Theorie nicht aus Beobachtungsresultaten fabriziert, sondern nur erfunden werden kann (wie Sie übrigens auch).“

    Zitat:
    “3. The absence of falsification—rather than positive evidence—is the standard for adopting scientific conclusions. Since hypotheses arise arbitrarily for Popper, a given item (or set of items) of evidence can support a practically unlimited number of theories. So positive evidence won’t get you anywhere. No matter how much evidence you accumulate, somebody could come up with some floating abstraction that explains it all, and (again, according to Popper) there would be no way to support one over the other.”

    Bis auf den letzten Satz wäre Popper damit einverstanden. Gerade der letzte Satz verdeutlicht aber, dass die Unterscheidung zwischen Entdeckungs- und Begründungszusammenhang nicht beachtet wird. Endgültige positive Beweise gibt es in der empirischen Wissenschaft nicht. Zu einer Beobachtung oder einem Bündel von Beobachtungen kann man prinzipiell unendliche Theorien erfinden, so dass die Beobachtungen aus jeder dieser Theorien (zusammen mit den Randbedingungen) logisch folgen. Das heißt aber gerade nicht, dass es keine rationalen Kriterien dafür gibt, die eine Theorie gegenüber den anderen als die wahrheitsnächste auszuzeichnen. Diese Kriterien habe ich in meinem ersten Kommentar aufgelistet, sie sind weder trivial noch irrationalistisch.

    • derautor sagt:

      Da gibt es doch einige Unterschiede zur objektivistischen Epistemologie. Popper hat offenbar wirklich keine Ahnung, wie Hypothesen entstehen und bezieht sich stattdessen auf einen nichtssagenden Begriff wie „Ideenreichtum“ – wir haben also Hypothesen, weil wir Hypothesen haben. Und man sollte alle Hypothesen ernstnehmen, die gut begründet werden. Aber: Was soll das heißen? Wann ist eine Hypothese gut begründet? Gibt es für Popper willkürliche Annahmen? Danke auf jeden Fall für deine Erklärungen. Ich werde bei Gelegenheit auch die objektivistische Epistemologie erläutern.

  4. ulpian sagt:

    Das Wort „Ideenreichtum“ ist von mir. Popper geht es darum, dass die Entdeckung einer Hypothese eine schöpferische Erfindung ist, und in seinen Worten „dass es eine logische, rational nachkonstruierbare Methode, etwas Neues zu entdecken, nicht gibt“.

    Zitat:
    „Aber: Was soll das heißen? Wann ist eine Hypothese gut begründet?“

    Aber das habe ich doch bereits ziemlich konkret beantwortet. Diesmal kurz zusammengefasst: Eine Hypothese ist dann gut begründet,

    (a) wenn sie eine Erklärung für die problematisierten Beobachtungen bietet (wenn aus ihr und den Randbedingungen die betreffenden Beobachtungsaussagen logisch folgen),

    (b) wenn die Hypothese falsifizierbar ist,

    (c) wenn sie im Vergleich mit konkurrierenden Hypothesen umfassender und konkreter ist (z.B. mehr Phänomene einheitlich erklären kann), mit weniger Postulaten auskommt etc.

    (d) und wenn sie im Idealfall selbstständig überprüfbare Beobachtungen voraussagt, an die man noch gar nicht gedacht hatte.

    Zitat:
    „Popper hat offenbar wirklich keine Ahnung, wie Hypothesen entstehen (…)“

    Wie Wissenschaftler zu einer neuen erklärenden Hypothese kommen, ist für die Wissenschaftstheorie nicht relevant. Wie gesagt knüpfen sie selbstverständlich an die aktuelle Problemsituation in der jeweiligen Disziplin, an den Wissens- und Diskussionsstand an. Es führt aber kein rational rekonstruierbarer, eindeutig vorgegebener Weg zu einer neuen Hypothese. Die strenge rationale Überprüfung setzt erst im Begründungszusammenhang an.

    Vielleicht wird dies verständlicher, wenn man berücksichtigt, dass hier wirklich von der ersten Entstehung, gewissermaßen der Geburt einer neuen Hypothese die Rede ist, nicht von der bereits veröffentlichten Hypothese eines Wissenschaftlers.

    Wenn ein Forscher nach einer Erklärung für ein bestimmtes Phänomen sucht, dann geht er nicht ein bereits vorgegebenes Schema durch, um so zur Wahrheit zu gelangen. Er spielt vielmehr mit sehr vielen Hypothesen. Viele davon werden bereits im Entstehungsmoment wieder verworfen. Manchen geht er ein wenig länger nach, um auch sie zu verwerfen (weil sie etwa widersprüchlich sind, oder keine wirkliche Erklärung bieten). Andere bereits einigermaßen gereifte Hypothesen versucht er vielleicht durch einige Experimente zu überprüfen etc. Wenn nun vom kreativen Moment im Entdeckungszusammenhang die Rede ist, dann geht es hier wirklich nur um den ersten Funken; alles andere, etwa das kurze Erwägen, um die Idee sofort zu verwerfen, oder im Kopf kurz durchzuspielen, ob die Idee überhaupt eine Erklärung sein könnte, erst recht die Experimente etc. gehören zum Begründungszusammenhang.

    Ich verstehe nicht, warum dies ein Stein des Anstoßes für dich ist. Die Unterscheidung zwischen Entdeckungs- und Begründungszusammenhang ist ja auch keine Erfindung Poppers. Selbst die Termini stammen nicht von ihm (Allerdings machte Popper diese Differenzierung in vielerlei Hinsicht fruchtbar für die Methodenlehre, etwa in Bezug auf die Befreiung der Wissenschaftstheorie vom Psychologismus).

    Es ist ja auch nicht so, dass nur fachfremde Wissenschaftstheoretiker diese Behauptung aufstellten und die Wissenschaftler selbst dies nicht so sähen. Auch Wissenschaftler, die sich explizit mit der Methodologie des Erkenntnisgewinns befassen, unterstreichen diesen kreativen, freien, regellosen Aspekt der Hypothesenentdeckung.

    Im „Entzauberten Regenbogen“ führt Dawkins beispielsweise immer wieder anhand verschiedener Beispiele aus, warum Phantasie und Kreativität, die üblicherweise nicht der Wissenschaft sondern der Kunst zugeordnet werden, gerade für die Wissenschaft essenziell sind.

    Einstein schreibt in „Mein Weltbild“:
    „ Zu diesen elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition. Keiner, der sich in den Gegenstand wirklich vertieft hat, wird leugnen, dass die Welt der Wahrnehmungen das theoretische System praktisch eindeutig bestimmt, trotzdem kein logischer Weg von den Wahrnehmungen zu den Grundsätzen der Theorie führt. “
    (vgl. auch das Zitat aus Einsteins Brief an Popper in meinem obigen Kommentar)

    Ja, die Rede ist wirklich von Phantasie, Kreativität, Einfühlung, Erfindungsgabe, Intuition etc. Aber nein, dadurch wird der Rationalismus nicht aufgegeben. Nicht jedes „Heureka!“-Erlebnis ist auch wissenschaftlich relevant, auch Archimedes musste ja sein Prinzip erst einmal für sich rational rechtfertigen. Der Wissenschaftstheorie geht es daher um den Begründungszusammenhang. Und die Kriterien, die der kritische Rationalismus hierfür aufstellt, habe ich oben nochmals zusammengefasst.

    Wissenschaftler sind keine bloßen Beobachtungs-, Berechnungs- und Syllogismus-Automaten, andererseits aber auch keine freien Dichter. Der schöpferischen Eingebung folgt die Überprüfung an der Realität, der Konstruktion folgt die rationale Kritik.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.