Die anti-konzeptuelle Mentalität

Toleranz bedeutet die Bereitschaft, mit intellektuellen Gegnern zu diskutieren und die kosmopolitische Akzeptanz von Vielfalt in der Lebensweise.  Toleranz, so definiert, ist eine Tugend.

Doch „Toleranz“ wird heute auf viele weitere Fälle ausgeweitet und beispielsweise gegen Vorurteile und Engstirnigkeit ins Feld geführt. Man sagt, Rassisten sollten „tolerant“ sein gegenüber Menschen mit einer anderen Hautfarbe und / oder Herkunft. Chauvinisten sollten „tolerant“ sein gegenüber Frauen. Aber „Toleranz“ ist kein angemessenes Konzept für diese Problematik.

Leute, die Menschen für etwas moralisch verurteilen, das mit Moral nichts zu tun hat, sind irrational und leiden konkret unter einer „anti-konzeptuellen Mentalität“, wie Ayn Rand sie nannte. Sie behandeln Abstraktionen als wären sie perzeptuelle Konkreta.

Menschen dieser Art möchten den aufwandslosen, automatischen, unfehlbaren Charakter der unmittelbaren Sinneswahrnehmung in ihrem ganzen Leben erfahren und nicht das Risiko, den Aufwand, die geistige Unabhängigkeit eingehen, zu denken. Mit anderen Worten möchten sie wie Tiere instinktiv leben und scheitern notwendig daran, dass Menschen keine Instinkte haben. Bei der anti-konzeptuellen Mentalität wird der Vorgang der Integration überwiegend durch einen Vorgang der Assoziation ersetzt. Solche Menschen können für gewöhnlich ihre Begriffe nicht definieren. Für sie ist die Bedeutung eines Wortes ein Haufen auswendig gelernter Beispiele, emotionaler Konnotationen, vorbeiziehender Bilder.

Also in etwa das, was moderne Sprachwissenschaftler machen (und was bereits in englischen Schulen so gelehrt wird): Um Wörter zu definieren, fragen sie einfach die Menschen, wie sie Wörter gebrauchen. Vielfalt ist dabei willkommen. Wer kann schon sagen, was richtig und was falsch ist? Das Ergebnis landet in modernen Wörterbüchern. Die Sprachwissenschaftler bilden sich etwas darauf ein, „deskriptiv“, also rein beschreibend und somit scheinbar rein wissenschaftlich zu arbeiten. Nicht länger „präskriptiv“ wie die Wörterbuchautoren der Renaissance und der Aufklärung, etwa Samuel Johnson. Aber die Geisteswissenschaften können und sollen keine Naturwissenschaften sein und einfach deren Methoden übernehmen. Wir haben unsere eigenen Methoden oder könnten sie haben, die für unsere eigenen Zwecke ebenso rational sind wie jene der Naturwissenschaftler für ihre.

Sprachwissenschaftler – beeinflusst durch postmoderne Philosophen – bilden keine Begriffe mittels der Identitifkation von Unterschieden und Ähnlichkeiten und mit dem Vorgang der „measurement omission“, dem Auslassen konkreter Messzahlen (z.B. hat ein Tisch eine bestimmte Form, aber keine bestimmten Maßzahlen – ein großer und ein kleiner Tisch sind beides Tische). Sie bilden keine Konzepte mittels Logik auf Grundlage von Beobachtungen. Das wäre die echte wissenschaftliche Herangehensweis: Eine Antwort auf die Frage zu finden, auf welche realen Dinge sich Begriffe beziehen, welche Eigenschaften sie gemeinsam haben, wie sie sich inhaltlich von anderen unterscheiden – nicht, indem man Umfragen macht, wie irgendwelche Laien das sehen, sondern indem man sich die Realität ansieht, genau beobachtet und daraus Verallgemeinerungen ableitet.

Aber ich schätze, es wäre zu anmaßend, den Menschen „präskriptiv“ vorschreiben zu wollen, was ein Wort bedeutet, auch wenn es vernünftigerweise eben dieses bedeuten muss, da die Realität so ist wie sie ist und wir Wörter gebrauchen, um die Realität zu beschreiben. Ein Tisch ist ein Tisch. Er ist kein Stuhl. Er ist keine Rose. Das ist nicht „arbiträr“. Sicher: Dass wir konkret den Begriff „Tisch“ für das gebrauchen, was er bezeichnet, ist arbiträr, also willkürlich – aber es besteht so oder so die Notwendigkeit, einen Tisch mit einem bestimmten Begriff zu bezeichnen, einen Stuhl mit einem anderen und alle Begriffe ordentlich zu definieren und voneinander abzugrenzen, welche konkreten Laute wir auch jeweils dafür auswählen mögen.

Beispiel: Das hier vor mir ist ein Tisch. Es gibt mehrere dieser Art, die bestimmte Eigenschaften gemeinsam haben und die sich von anderen Dingen unterscheiden. Man definiert „Tisch“ anhand seiner essenziellen Eigenschaften. Man definiert andere Möbelstücke und findet schließlich einen Überbegriff („Möbel“), den man so definiert, dass alle Möbelstücke dazu gehören.

Für Menschen mit anti-konzeptueller Mentalität gibt es nur den Tisch, den sie direkt wahrnehmen, nicht „Tisch“ als generelle Kategorie. Sie verbinden „Tisch“ in ihren Köpfen mit verschiedenen Bildern und Situationen, an die sie das Konzept erinnert, aber sie verstehen im Grunde nicht, was ein Konzept ist, also was ein Wort bedeutet, was damit gemeint ist.

Menschen mit anti-konzeptueller Mentalität identifizieren sich stark mit einer Gruppe, die sich durch konkrete Eigenschaften wie Rasse, Geschlecht oder geografische Nähe auszeichnet. Das moralische Universum dieser Menschen besteht aus Konkreta, die rationale ethische Prinzipien (wie die Menschenrechte) ersetzen: Rituale, Traditionen, Mythen und so weiter. Menschen, die zu anderen Gruppen gehören, mit anderen Ritualen, Traditionen, Mythen, werden bestenfalls schief angeschaut, meist eher feindschaftlich behandelt. Ayn Rand nannte solche Menschen den „Missing Link“ zwischen Mensch und Tier. Ich nenne sie „Barbaren“ oder „Wilde“. Konkrete Beispiele wären die Taliban, die Nazis, kriminelle Banden wie Rockerbanden oder Mafiaclans.

Ebenso Leute, die mit inhaltsleeren Begriffen wie „soziale Gerechtigkeit“ um sich werfen, die abstrakte ethische und politische Konzepte mit klarer Definition ersetzen. In ihrer Gruppe gehört es sich so, dass man „soziale Gerechtigkeit“ als moralisch ansieht. Sie können das nicht definieren, aber sie assoziieren „soziale Gerechtigkeit“ mit positiven Gefühlen, mit allgemeinem Wohlwollen, mit einer Abwesenheit von Obdachlosen und hungernden Kindern. Sie wissen nicht, was das ist, aber sie nehmen regelmäßig an Ritualen gegen „Gene“ und „Atome“ und „Chemie“ teil. Sie verstehen die abstrakten Begriffe nicht, die ihre politischen Gegner verwenden, wie „individuelle Rechte“, aber sie wissen, dass die einer anderen Gruppe angehören, die andere Rituale hat, andere Farben, andere Werbeclips im Fernsehen.

Mit einem abstrakten, ethischen Konzept wie „Toleranz“ ist solchen Halbaffen nicht geholfen. Die Rationalität alleine, das konzeptuelle, logische Denken, versetzt Menschen in die Lage, die Ungerechtigkeit zu erkennen, Menschen anhand moralisch irrelevanter Kriterien wie Geschlecht, Rasse, Herkunft zu beurteilen.

Ein alternativer Vorschlag wird von gläubigen Menschen ebenso wie von säkularen Humanisten vertreten: Wir sollen unseren Stamm, unsere Gruppe, unsere „ethische Sphäre“ auf die gesamte Menschheit ausdehnen. Das ist einerseits ein bisschen viel für die Wilden, da sie so viele unterschiedliche Rituale, Traditionen, Mythen nicht als „ihre eigenen“ verarbeiten können. Andererseits löst es das Problem nicht. Die Ausweitung der ethischen Sphäre von Barbaren auf den Rest der Welt führt nur dazu, dass überall nur noch Barbaren herumlaufen. Es gibt keine Alternative zur Rationalität. Es gibt nur einen unendlichen Konflikt zwischen verschiedenen Gruppen von Wilden untereinander und von Wilden mit dem zivilisierten, dem denkenden Menschen. Der Konflikt kann nur beendet werden, indem die Wilden mit dem Denken anfangen.

Literatur

Ayn Rand. The Anti-Conceptual Mentality

David Kelley: Unrugged Individualism

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5 Kommentare zu “Die anti-konzeptuelle Mentalität

  1. Bjoern sagt:

    Inwiefern ist „Rasse“ kein Konzept? Ich sehe noch nicht, dass Menschen die konzeptionell denken, keinen Unsinn schlussfolgern können.

    • derautor sagt:

      Letzteres behaupte ich nicht. Die meisten Rassisten dürften kein ausgefeiltes Rassekonzept haben, selbst das der Nazi-Rasseforscher war doch sehr konfus. Sie denken eher, „die sind anders als wir“ und fantasieren willkürlich herum mit verschiedenen Assoziationen. Es gibt auch sorgfältigere Ethnologen und Anthropologen, aber die sind kaum Rassisten im Sinne moralischer Verurteilung.

  2. Wafthrudnir sagt:

    „Mit anderen Worten möchten sie wie Tiere instinktiv leben und scheitern notwendig daran, dass Menschen keine Instinkte haben.“ Mir ist bewußt, daß Ayn Rand Menschen für instinktlos hielt, aber inzwischen hat die Verhaltensforschung doch geradezu überwältigende Belege für das Vorhandensein zahlreicher Instinkte auch beim Menschen geliefert, siehe u.a. Pinker oder Eibl-Eibesfeld. Wir besitzen sogar etliche Instinkte, die bei Tieren nicht vorkommen, z.B. all jene, die mit Sprache zu tun haben.
    Das Problem ist eher, das unsere Instinkte darauf ausgerichtet sind, uns in einer steinzeitlichen Umgebung zur maximalen Nachkommenschaft zu verhelfen, und nicht dazu, uns ein moralisches, erfülltes, glückliches oder auch nur sinnerfülltes Leben zu ermöglichen. Ich würde daher eher vermuten, daß anti-konzeptuelle Menschen nicht daran scheitern, daß keine oder zu wenig Instinkte hätten, sondern daran, daß ihre Instinkte sie eben nicht dort hinführen, wo sie gerne wären und wo sie mit ein wenig mehr Vernunft durchaus hinkommen könnten.

    • derautor sagt:

      Wir haben natürlich eine bestimmte Natur, einen bestimmten Erkenntnisapparat, aber wir haben kein automatisches Wissen (Instinkte). Man muss sich immer ansehen, wie die Begriffe im Objektivismus definiert sind, wenn man sie kritisieren möchte:

      An instinct of self-preservation is precisely what man does not possess. An “instinct” is an unerring and automatic form of knowledge. A desire is not an instinct. A desire to live does not give you the knowledge required for living. And even man’s desire to live is not automatic . . . Your fear of death is not a love for life and will not give you the knowledge needed to keep it. Man must obtain his knowledge and choose his actions by a process of thinking, which nature will not force him to perform. Man has the power to act as his own destroyer—and that is the way he has acted through most of his history.

      Man has no automatic code of survival. He has no automatic course of action, no automatic set of values. His senses do not tell him automatically what is good for him or evil, what will benefit his life or endanger it, what goals he should pursue and what means will achieve them, what values his life depends on, what course of action it requires. His own consciousness has to discover the answers to all these questions—but his consciousness will not function automatically.
      http://aynrandlexicon.com/lexicon/instinct.html

  3. Die Lösung der Sozialen Frage

    Die erste Voraussetzung für absolute soziale Gerechtigkeit ist, dass alle Wirtschaftsteilnehmer zuallererst eigennützig handeln.

    Die zweite Voraussetzung ist eine makroökonomische Grundordnung, in der es automatisch das Beste für alle bedeutet, wenn jeder Einzelne nur das Beste für sich anstrebt.

    Aus der eingeschränkten Perspektive einer noch fehlerhaften Grundordnung, in der die zweite Voraussetzung nicht erfüllt ist, wird die erste Voraussetzung nicht verstanden.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/09/von-den-drei-verwandlungen.html

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