Die Tugend des Wohlwollens

Ist die christliche Tugend der Nächstenliebe auch eine Tugend für Egoisten? Auf jeden Fall!, argumentiert David Kelley in seinem inzwischen kostenfreien Büchlein Unrugged Individualism. The Selfish Basis of Benevolence.

„Kirchtürme sind Sinnbild der Verheißung des Glaubens, der Nächstenliebe und Gottvertrauens“, sagte Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland bei einer Veranstaltung zum Abschluss der Sanierung des Stechower Kirchturms. Damit wäre die Nächstenliebe eine christliche Angelegenheit für Menschen mit einem Hang zu sinnbildlichen Kirchtürmen. Aber kann Nächstenliebe auch für Atheisten eine Tugend sein?

Das englische Wort für Nächstenliebe lautet „benevolence“. Man könnte es auch mit „Wohlwollen“ übersetzen. Wir sollten unseren Mitmenschen demnach mit der Haltung „Im Zweifel für den Angeklagten“ begegnen. Wir gehen zunächst davon aus, dass andere Menschen es gut meinen und dass sie kein böses Spiel treiben.

Behaupten wir einfach mal, dass keine höhere Macht, die uns ins ewige Höllenfeuer schleudern könnte, uns befahl, dass wir unsere Mitmenschen mit Wohlwollen begegnen sollten. Gibt es einen guten Grund, dies trotzdem zu tun?

Für den Philosophen David Kelley ist dieser Grund das rationale Eigeninteresse. Wir sollten also unsere Nächsten respektieren, weil wir etwas davon haben. Die Alternative zum Leben für sich selbst sei laut Kelley der Altruismus. Laut diesem habe man kein Recht auf Leben, sondern der Dienst für andere sei die einzige Rechtfertigung unserer Existenz und somit sei die Selbstaufopferung die höchste moralische Pflicht.

Unseren eigenen Interessen sei hingegen am besten gedient, wenn wir friedliche, produktive und kooperative Beziehungen zu anderen Menschen anstrebten. Wir sollten also handeln, Wert für Wert geben, statt zu plündern und zu rauben.

Der allgemeine Respekt und das Wohlwollen, das wir gegenüber anderen Menschen zeigen, sind durch den Wert motiviert, den andere Menschen für uns potenziell darstellen. Ein Wert als Handelspartner, Freunde oder Geliebte. Auch aus egoistischer Sicht ist nichts falsch daran, anderen Menschen zu helfen, insofern sie der Hilfe würdig sind und man es sich leisten kann, ihnen zu helfen. Es ist im Gegenteil in unserem eigenen Interesse, wenn wir Handelspartner gewinnen möchten.

Gerade wenn wir unser eigenes Leben und unser eigenes Glück anstreben, ist Wohlwollen eine Tugend. Andere Menschen machen uns und unsere Werte sichtbar. Wir können in manchen von ihnen das erkennen, was wir selbst wertschätzen. Wir genießen zum Beispiel die Gesellschaft anderer, die unsere Interessen teilen, weil sie unsere Werte sichtbar machen. Menschen gehen zum Mozart-Festival und hören sich nicht nur alleine Mozart an. Die abstrakte Liebe zur Musik wird durch andere Menschen konkretisiert.

Man erfährt auch eine Bestätigung seiner eigenen Identität durch die Interaktion mit einer anderen Person. Ein Unsichtbarer könnte an seiner eigenen Existenz zweifeln; unsere wird durch gegenseitige Anerkennung bestätigt. Andere Menschen sind psychologische Spiegel, mit denen wir uns von außen erkennen können.

Wir profitieren von einem guten Verhältnis mit anderen Menschen durch ökonomischen Austausch, durch Kommunikation und durch Sichtbarkeit. Damit erreichen wir Wohlstand, Wissen und Selbstbestätigung. In allen Fällen tauschen wir etwas. Wir kaufen und verkaufen, wir tauschen Informationen aus und wir erkennen einander als Personen an.

Was bedeutet Wohlwollen konkret?

1. Menschlichkeit: Insofern wir mit anderen handeln möchten, müssen wir sie erst einmal als Menschen anerkennen und sie so behandeln. Als bewusste Wesen mit einem Innenleben und mit einer Eigenwahrnehmung. Wir haben ein Bedürfnis danach, dass unser Selbstverständnis mit dem übereinstimmt, wie andere uns sehen und behandeln. Dies fängt damit an, dass wir Passanten und Fremde ansehen und sie gegebenenfalls grüßen, sie als Subjekte und nicht als Objekte behandeln. Dazu gehören auch Glückwünsche, Gesten, Anteilnahme und alles, was zum Leben in einer Gesellschaft gehört.

2. Unabhängigkeit: Wir sollten auch anerkennen, dass Menschen einen freien Willen besitzen und somit die Wahl haben, Entscheidungen zu treffen und unabhängig zu handeln. Wir erkennen an, dass ein Handel die bereitwillige Teilnahme des Handelspartners erfordert, dass er durch den Einsatz seiner Urteilskraft im Eigeninteresse handelt. Niemand mag es, wenn er genötigt, unter Druck gesetzt, herablassend oder wie ein Unmündiger behandelt wird. Menschen möchten nichts weiter mit jenen zu tun haben, die sie so behandeln.

3. Individualität: Jeder von uns hat eine bestimmte Identität, die sich durch bestimmte Überzeugungen, Werte, eine Persönlichkeit, einen Stil und eine bestimmte Art des Handelns und Denkens auszeichnet. Jeder Mensch hat bestimmte Erfahrungen gesammelt und verfügt über bestimmte Talente. Das ist es, was jeder zu einem Austausch mitbringt. Da Menschen einzigartige Individuen sind, mögen sie es nicht, in irgendeine Schublade gesteckt zu werden, zu einem Mitglied einer bestimmten Gruppe („wieder so ein Golfspieler!“) degradiert zu werden. Wer das tut, risikiert den Verlust potenzieller Handelspartner.

4. Harmonie der Interessen: Jede teilhabende Partei profitiert von einem Wertetausch. Indem man andere wohlwollend behandelt, teilt man ihnen mit, dass man sie nicht als Gefahr für seine eigenen Interessen ansieht, oder als Opfer, das ausgenutzt werden möchte. Vielmehr betrachtet man andere als potenzielle Verbündete, die gegenseitig voneinander profitieren.

Wie also kann man die Tugend des Wohlwollens definieren?

Wohlwollen ist eine Zusage, die Werte, die das Leben bietet, mit anderen Menschen in der Gesellschaft zu erreichen, indem man sie als potenzielle Handelspartner behandelt, ihre Menschlichkeit, Unabhängigkeit und Individualität und die Harmonie zwischen ihren Interessen und den eigenen anerkennt.

Wohlwollen dient dazu, Gelegenheiten für den Austausch zu erzeugen. In einer böswilligen, misstrauischen Gesellschaft möchte niemand bereitwillig mit anderen Menschen handeln. Mit einem wohlwollenden Verhalten hingegen formen wir unsere soziale Umwelt als Abbild unserer Werte. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, in der wir unsere Werte am besten erreichen können.

Diese Eigenschaften zu erkennen, erfordert Einfühlungsvermögen, also eine Aufmerksamkeit gegenüber den psychologischen Zuständen anderer.

Nicht jeder verdient Einfühlungsvermögen. „Mitleid auf Terroristen zu erweitern ist eine ungerechte Handlung, keine wohlwollende Handlung: Es ist kaum wohlwollend, diejenigen zu unterstützen, die menschliches Leben zerstören wollen“, schreibt Kelley. „Jenen Geld zu geben, die sich zum Betteln entscheiden, obwohl sie arbeiten könnten, ist ebenso ein Akt der Ungerechtigkeit, nicht des Wohlwollens: Es ist nicht wohlwollend, in anderen Laster zu ermutigen.“

Hingegen sei es wohlwollend, sich daran zu erinnern, dass ein Angestellter ein unabhängiges menschliches Wesen ist, das respektvoll behandelt werden sollte. Ebenso sollte man von seinem Partner in einem Streit nicht das Schlimmste denken. Praktisch jede Beziehung birgt das Potenzial in sich, uns mehr Werte zu bieten, als wir schon aus ihr herausgeholt haben.

Wohlwollen in der Praxis

Wohlwollen lässt sich in drei Tugenden aufteilen: Höflichkeit, Sensibilität und Großzügigkeit.

1. Höflichkeit

Wir sagen „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“, „Wie geht es Ihnen?“ und „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag“ als Anerkennung, dass die andere Person ein Mensch ist und dass ihm Gutes und Schlechtes zustoßen kann. Mit „Bitte“ und „Danke“ drücken wir aus, dass eine andere Person nicht unser Diener, unser Haustier oder ein Säugling ist, sondern ein unabhängiger Erwachsener, der freiwillig mit uns interagiert. Eine Tür aufhalten, in einer Schlange warten und dergleichen sind Möglichkeiten, die kleinen Zusammenstöße des Lebens zu vermeiden und die Harmonie der Interessen aufrechtzuerhalten. Indem man höflich bleibt, vermeidet man, dass eine Meinungsverschiedenheit zu einem Streit eskaliert. Die Höflichkeit dient in dieser Hinsicht dazu, friedliche und produktive Lösungen zu finden.

Definition: Höflichkeit ist der Ausdruck – überwiegend durch konventionelle Formalitäten – des eigenen Respekts für die Menschlichkeit und Unabhängigkeit von anderen und der eigenen Absicht, Konflikte friedlich zu lösen.

2. Sensibilität / Einfühlungsvermögen

Die Möglichkeiten des Austauschs werden durch die psychologischen Eigenschaften anderer eröffnet. Durch ihre Interessen, Ideen, Werte, Gefühle, etc. Sensibilität meint den Versuch, andere Menschen zu lesen, ihre Psychologie zu erkennen.

Sensibilität gehört zur Sichtbarkeit, denn ich fühle mich sichtbar, weil sich andere in mich einfühlen.

Mitgefühl geht einen Schritt weiter als die Sensibilität. Mitgefühl bedeutet, dass man sich vorstellt, in der Situation des anderen zu sein und dass man seine Gefühle in dieser Situation für legitim erachtet, für angebracht. Mitgefühl mit einem Terroristen würde bedeuten, dass man sich in seine Lage versetzt und bestätigt, dass man ebenso fühlen würde wie er, dass seine Gefühle legitim seien. Darum ist Mitgefühl mit Terroristen unmoralisch.

Freundlichkeit bedeutet derweil, dass man sich für eine Person einsetzen möchte, da man sich in sie einfühlt, mit ihr fühlt und nun auch für sie handeln möchte.

3. Großzügigkeit

Großzügigkeit bedeutet existenzielle Hilfeleistung für andere. Wer großzügig ist, stattet jemanden mit einem Gut aus, das kein Bestandteil eines expliziten Handels ist, ohne Erwartung einer definitiven Gegenleistung. Es ist auch großzügig, anderen die eigene Zeit oder das eigene Talent zu widmen.

Auch Großzügigkeit kann im objektivistischen Kontext angemessen sein. Insofern wir von anderen erwarten, dass sie uns in Notlagen helfen, sollten wir ebenso anderen in Notlagen helfen. Wer erwartet, dass man ihm Blut oder Organe spendet, sollte ebenso Blut oder Organe spenden. Allerdings sollte Großzügigkeit keine gesetzliche Pflicht sein. Es wäre schließlich möglich, dass sich manche Menschen ein höheres Maß an Großzügigkeit leisten können als andere. Manche können bedenkenlos Blut spenden, da sie keine finanziellen Probleme haben, anderen wäre mehr geholfen, wenn sie ihr Blut verkaufen könnten.

Ebenso kann Großzügigkeit eine Investition in eine andere Person bedeuten. Wenn ein Arbeitgeber beispielsweise erkennt, dass ein Bewerber vielleicht noch nicht so ist, wie er ihn gerne hätte, dass er aber die nötigen Tugenden mitbringt, um sich das mangelnde Wissen anzueignen, so könnte er aus eigenem Interesse großzügig sein und ihn trotzdem einstellen. Er kann hier keine definitive Gegenleistung erwarten, aber diese wäre gut denkbar und „den Versuch wert“. Leser von Atlas Shrugged denken vielleicht an Hank Rearden und sein Verhältnis zur „Wet Nurse“, dem Jungen, der für die Regierung arbeitet und Rearden ausspionieren soll. Rearden erkennt jedoch, dass der Junge ehrlich ist und das Potenzial hat, zu einem guten Menschen zu werden. Also duldet er ihn und gibt ihm Orientierung, was sich am Ende auch bezahlt macht.

Definition: Großzügigkeit ist die Bereitschaft, andere mit Gütern auszustatten, ohne eine definitive Gegenleistung zu erwarten; entweder in Form von Hilfe in einer Notlage oder als unspezifische Investition in ihr Potenzial.

4. Toleranz

Toleranz ist eine intellektuelle Tugend. Sie bedeutet zunächst, dass man die Meinungsfreiheit anerkennt. Man nimmt es hin, dass auch Meinungen geäußert werden, die man für falsch hält. Dass jemand etwas Falsches glaubt, heißt noch nicht, dass er irrational ist (für Objektivisten ist das Irrationale das Unmoralische). Es könnte sich um einen ehrlichen, unschuldigen Irrtum handeln; gerade bei komplexen Themen wie Philosophie und Politik.

Toleranz ermöglicht eine offene Diskussion zwischen rationalen Menschen. Man sollte niemanden auf der Grundlage unzureichender Belege verurteilen. Beispiel: Das bloße Wissen, dass ich für eine freie Marktwirtschaft eintrete, genügt  nicht, um mich moralisch zu verurteilen. Das sollte sich so ziemlich jeder in meinem persönlichen Umfeld mal hinter die Ohren schreiben. Vielleicht befinde ich mich im Irrtum, aber ich habe keine böswilligen Absichten. Vielleicht befinden sich auch alle anderen im Irrtum. Sehr wahrscheinlich sogar.

Davon abgesehen bedeutet Toleranz auch, dass man moralisch irrelevante, optionale Eigenschaften von Menschen, die von den eigenen abweichen, hinnimmt. Beispielsweise einen anderen Kleidungsstil, andere Lieblingsgerichte, andere Grußworte, einen anderen Musikgeschmack.

Definition: Toleranz bedeutet die Bereitschaft, mit intellektuellen Gegnern zu diskutieren und die kosmopolitische Akzeptanz von Vielfalt in der Lebensweise.

Fazit

Mit „Unruggend Individualism“ hat Kelley einen wichtigen Beitrag zum Objektivismus geleistet und eine Lücke aufgefüllt. Er erklärt, warum Wohlwollen in einem nicht-altruistischen Sinne in unserem eigenen Interesse liegt. Seine Erläuterungen sind logisch mit der übrigen Philosophie konsistent und eine willkommene Ergänzung. Neben der Gerechtigkeit steht nun auch die Nächstenliebe auf einer soliden atheistischen, egoistischen Grundlage.

Quellen:

Meldung über Hubers kirchtürmische Umtriebe:

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12400993/61759/Andacht-mit-Altbischof-Wolfgang-Huber-zum-Abschluss-der.html

David Kelleys „Unrugged Individualism“ – inzwischen kostenfrei (dank Unterstützung durch seine Stiftung):

http://www.atlassociety.org/sites/default/files/Unrugged_Ind.pdf

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=terrrott-21&o=3&p=8&l=as1&asins=B007C9R0TQ&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

15 Kommentare zu “Die Tugend des Wohlwollens

  1. ulpian sagt:

    Drei kritische Einwürfe:

    (1) Wenn man das Prinzip des Eigeninteresses auch darauf erweitert, dass man sich nach einer Wohltat aus welchen Gründen auch immer besser fühlt, werden die Grenzen zwischen Egoismus und Altruismus zu sehr verwischt. Im äußersten Fall kann man dann keine Handlung als altruistisch bezeichnen, sofern sie freiwillig geschieht. Wenn jemand, eine Selbstaufopferung begehen will, dann will er das eben und stuft diesen Willen höher ein als seine aufgeopferten Güter und Interessen; er fühlt sich dadurch in irgendeinem Sinne besser und tut es also im Eigeninteresse.

    (2) Die einzige Möglichkeit, dem obigen Einwand zu begegnen, wäre meines Erachtens der Verweis darauf, dass nur solche Wohltaten vom rationalen Eigeninteresse (und damit von Moral) gedeckt sind, die dazu geeignet sind, mir in irgendeiner Form früher oder später als Nutzen zurückzukehren.

    Nun leben wir nicht in einer idealen Welt, in der ein universelles Karma dafür sorgt, dass jede Wohl- und Schandtat dem Subjekt vergolten wird. Wir alle wissen doch aus eigener Erfahrung, dass Menschen zuweilen sich auch langfristig und unbestraft tatsächliche Vorteile verschaffen können, indem sie unzweifelhaft unmoralische Handlungen begehen.

    Ich zweifle nicht daran, dass die Einhaltung der moralischen Regeln, wie sie etwa im Artikel beschrieben sind, grundsätzlich auch in jedermanns Eigeninteresse liegt. Wenn man aber diese Regeln ausschließlich durch Appell an das eigene, individuelle Eigeninteresse begründet, wird man nicht beantworten können, warum wir auch dann moralisch handeln sollen, wenn bei rationaler Betrachtung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die unmoralische Handlung keine nachteiligen, dafür aber vorteilhaften Konsequenzen für uns haben wird.

    Und wir alle kennen doch solche Situationen aus dem Alltag. Etwa der unbeobachtete Fund einer gut gefüllten Brieftasche (mit Ausweis), die heimliche unfaire Übervorteilung eines Mitbewerbers am Arbeitsplatz, das unentdeckte unerlaubte Eindringen in die Privatsphäre einer anderen Person etc.

    Eine Meta-Regel wie „Was im allgemeinen in deinem Interesse ist, sollst Du auch dann einhalten, wenn sie im speziellen Einzelfall nicht in deinem Interesse wäre“ kann man eben nicht auf das Eigeninteresse stützen.

    (3) Ich neige zu der Ansicht, dass die bewusste und freiwillige Gefährdung des eigenen Lebens unter Inkaufnahme des Todes zur Rettung etwa eines Kindes oder mehrerer unschuldiger Personen, auch mit denen man nicht verwandt ist, Respekt verdient. Zumindest aber würde ich eine solche Tat nicht als unmoralisch bezeichnen. Ich wäre dagegen, solche Handlungen zur Pflicht zu erklären und würde es auch keinesfalls als unmoralisch ansehen, wenn man sich in so einer Notsituation für das eigene Leben entscheidet. Nach den Maßstäben, die Du vertrittst, müsste aber eine solche Tat als unmoralisch gelten. Nach dem Tod hat man schließlich rein gar nichts von den Vorteilen einer solchen Wohltat.

    Was würdest Du dazu sagen?

    • sba sagt:

      darf ich? (wenn nicht, einfach ignorieren)
      ad1: allgemein ist es schon ein Unterschied, ob man einen Akt der Großzügigkeit als langfristige Investition in einen potentiellen Handelspartner bzw. als Krisenhilfe begeht, oder sich einfach nur davon gut fühlen will.Letzteres läßt sich z.B auch mit Heroin erreichen, dennoch würde man nicht davon ausgehen, dass Heroineinahme tatsächlich im rationalen Eigeninteresse liegt. Und konkret habe ich in Florenz festgestellt, wie teuer das „gute Gefühl“ werden kann: Nachdem ich einem Bettler Geld gegeben hatte, damit er aufhört, auf mich einzureden, wollte er mehr UND ich war von fünf anderen umstellt. Also: lag das „gute Gefühl“ tatsächlich in meinem eigenen Interesse?
      ad2: nun, ich würde sagen, dass die Rationalität der Großzügigkeit nicht vom tatsächlichen Eintreten des Gegenwertes abhängt, sondern davon, dass nach allem,w as man weiß, die realistische Möglichkeit besteht, dass es sich auszahlen wird (eine Garantie muss schon deshalb entfallen, weil die betreffende Person eine freie ist) Und die Rückgbe zuordenbarer Fundsachen ist Sache der Ehrlichkeit, und die ist eine der zehn Grundtugenden des Objektivismus: Unehrlich zu handeln, birngt langfristig mehr NAchteile als Vorteile, weil niemand Grund hat, ehrlich mit einem umzugehen. Andererseits „nur“ dann unehrlich zu sein, wenn man dabei unbeobachtet ist, bedeutet, stets genau wissen zu müssen, ob es herauskommen wird oder nicht, wobei die Statistik sagt, dass man sich irgendwann einfach irren muss, und dann ist man als unehrlich bekannt.
      Sonstens geht der Objektivism davon aus, dass es betr. der Handlungsweise, die im allgemeinen dem eigenen Interesse dienen, keine Einzelfälle gibt, für die das Gegenteil gilt, was sich auch für jede einzelne der Tugenden vorrechnen lässt.

      ad3: das müsste unter höhere vs. niedere Werte fallen und bekäme die Antwort, dass jemand, dem das eigene Leben nicht der höchste aller Werte ist, insofern ein Problem hat, als er zu einem sehr schnellen Tod prädisponiert ist. Die einzige Ausnahme besteht darin, dass, wenn die Schonung des eigenen Lebens zu Tatsachen führt, mit denen man nicht wird leben können (z.B. übergroße Schuldgefühle, weil man nicht versucht hat, ein Kind zu retten), heißt: die die Integrität zerstören, ohne die man nicht leben kann. Dann wäre es allerdings im eigenen Interesse, das eigene Leben zu gefährden: weil es sonst in den eigenen Augen nicht mehr lebenswert wäre.

    • derautor sagt:

      (1) Die objektivistische Ethik ist eine Tugendethik, keine utilitaristische Ethik, bei der man von Fall zu Fall abwägen würde, welche Handlung nun mehr dem Glück oder dem rationalen Eigeninteresse dienen würde. Das können wir gar nicht. Das würde auf Subjektivismus hinauslaufen. Stattdessen gehen Tugendethiken von natürlichen Regularitäten aus, beziehungsweise beschreiben sie diese induktiv, dann werden rationale Prinzipien aufgestellt, an denen man sich stets orientieren kann. Steht man etwa vor der Frage, ob man eine Brieftasche stehlen soll, da man vielleicht damit durchkommen würde, dann erinnert man sich an die Tugend „Man soll sich nicht durch Diebstahl bereichern“ und lässt es bleiben.

      (2) Hier spielt die menschliche Psychologie auch eine Rolle. Wird man als Mensch glücklich, wenn man als Parasit lebt? Klar wird nicht jeder Dieb gefangen, sogar rund 50% der Morde bleiben unaufgeklärt. Aber nur weil man nicht unbedingt erwischt wird, ist Mord noch lange nicht im rationalen Eigeninteresse.

      (3) Kommt darauf an, ob diese Person, für die man sein Leben riskiert, einem so viel bedeutet, dass sie das Risiko wert ist. Dann ist es moralisch. Ebenso kann es durchaus moralisch sein, sein Leben beim Kampf gegen einen Diktator oder Kriminellen zu riskieren, insofern die Alternative lautet, in einer Diktatur leben zu müssen oder ständig von einem Kriminellen bedroht, belästigt, geschlagen, beraubt zu werden (angenommen, die Polizei tut nichts).

      Die Aufopferung von einem selbst für irgendwen, der einen nichts bedeutet, halte ich für unmoralisch; stimmt. Man sollte sich eben ansehen, wohin diese altruistische Denkweise führte bei Menschen, die sie konsequent vertraten (etwa die Kommunisten oder die Nazis, bei denen das Selbstopfer für Führer und Vaterland oder für die Parteigenossen als große Tugend galt).

  2. ulpian sagt:

    Danke für die Antworten.

    Zitat:
    „(2) Hier spielt die menschliche Psychologie auch eine Rolle. Wird man als Mensch glücklich, wenn man als Parasit lebt? Klar wird nicht jeder Dieb gefangen, sogar rund 50% der Morde bleiben unaufgeklärt. Aber nur weil man nicht unbedingt erwischt wird, ist Mord noch lange nicht im rationalen Eigeninteresse.“

    Naja, wir können doch nicht bestreiten, dass viele Menschen sehr gut damit fahren und soweit erkennbar auch ganz gut damit leben können, bei einer „sicheren“ aber unmoralischen Gelegenheit, die sich mal anbietet, zuzuschlagen.

    Ich rede nicht vom Leben als Dieb, wo früher oder später mit rechtlichen oder sozialen Sanktionen zu rechnen ist oder man zumindest immer auf der Hut sein muss. Es geht darum, warum man nicht etwa zuschlagen soll, wenn man eine sehr gut gefüllte Brieftasche (mit Ausweis) auf der Straße völlig unbeobachtet findet.

    Natürlich ist das Unterschlagen dieser Fundsache unmoralisch. Die Frage ist: Können wir dieses moralische Urteil allein durch Appell an das rationale Eigeninteresse und an den Egoismus des Handelnden begründen?

    Es spricht für Dich, dass Du dich damit schlecht fühlen würdest und nicht glücklich damit sein könntest. Mich würden auch die Gewissensbisse nimmer in Ruhe lassen, denke ich. (Obwohl man ja sich selbst erst dann kennt, wenn man vor solchen Gelegenheiten gestanden hat. Bei vielen wird es auch darauf ankommen, wie gut gefüllt die Brieftasche ist, vermute ich. Den gesegneten Umstand, dass man gar nicht in solche Situationen kommt, nannte Kant „das moralische Glück“.)

    Aber es gibt genug Menschen, die überhaupt keine psychischen und emotionalen Probleme mit sowas haben würden. Das können wir nicht einfach abstreiten. Viele würden wahrscheinlich sich irgendwelche vermeintlich rechtfertigende Gründe zurechtbiegen („Die Brieftasche gehört bestimmt einem Super-Reichen, den dieser Verlust nicht besonders treffen wird. Ich dagegen muss für eine Familie sorgen. Außerdem habe ich es ja nicht direkt gestohlen, sondern gefunden. Wenn ich erstmal meine Firma gegründet und reich geworden bin, kann ich es ihm ja immer noch zurückzahlen. etc“). Wir alle wissen doch mehr oder weniger, wie die Psyche sich selbst erfolgreich entlastet.

    Zu behaupten, dass diese Unterschlagung niemals im rationalen Eigeninteresse liegen kann (selbst wenn mit Sicherheit keine nachteiligen Konsequenzen zu befürchten sind und man auch emotional keine Probleme damit hat), liefe auf eine zirkuläre Argumentation hinaus. Wir würden dann in den Begriff des „rationalen Eigeninteresses“ bereits bestimmte moralische Standards ohne Begründung integriert haben, wo wir doch vorgeben, dass wir alle Moral-Standards durch das rationale Eigeninteresse begründen zu können.

    • sba sagt:

      „Können wir dieses moralische Urteil allein durch Appell an das rationale Eigeninteresse und an den Egoismus des Handelnden begründen?“
      relativ einfach (auch wenn es wie die goldene Regel aussieht): Es liegt im eigenen Interesse, dass alle immer so handeln, damit man sein Zeug selber auch wiederbekommen kann, wenn man es mal verliert. Und zu alle gehört man selber logisch dazu.
      Wenn man nicht damit rechnen kann, derart „belohnt“ zu werden, fehlen freilich die Gründe, es zu tun. Und indem ich nicht so handle, bezeuge ich, dass nicht alle immer so handeln.
      Rational ist, betr. Menschen a priori von Rationalität auszugehen. Und die besagt, dass Ehrlichkeit die Grundlage allen Zusammenlebens ist (denn wenn ich nicht damit rechnen könnte, mich auf das Wort und Handeln meiner Mitmenschen verlassen zu können, müsste ich vor ihnen fliehen oder gegen sie kämpfen, wie es mit jedem einzelnen geschieht, der unehrlich zu mir ist.)

      • ulpian sagt:

        Ich weiß leider nicht, wie ich meinen Einwand noch verständlicher formulieren kann. Ich sehe aber nicht, wie deine Ausführungen das von mir eingeworfene Problem lösen sollen.

        Wie ich bereits geschrieben habe: „Ich zweifle nicht daran, dass die Einhaltung der moralischen Regeln, wie sie etwa im Artikel beschrieben sind, grundsätzlich auch in jedermanns Eigeninteresse liegt.“

        Wir leben aber nicht in einer Welt, in der ein Karma dafür Sorge trägt, dass stets Gutes mit Gutem und Böses mit Bösem vergolten wird. Das müsste jedem durch seine eigene Lebenserfahrung doch hinreichend klar sein.

        Es ist nicht unvernünftig bei der moralischen Beurteilung einer Handlung darauf abzustellen, was wäre, wenn jeder es täte. Dieser Universalisierungsaspekt ist ja auch der Grundgedanke des Regelutilitarismus und des kategorischen Imperativs.

        Das Problem ist nun: Diesen Aspekt können wir eben nicht allein durch Appell an das je eigene, individuelle Eigeninteresse rechtfertigen.

        Wenn individuelles Eigeninteresse und Egoismus die einzige Rechtfertigungsgrundlage einer wohlverstandenen Moral sein soll, dann brauche ich beim (unbeobachteten) Fund einer Brieftasche mich eben nicht zu fragen, was denn wäre, wenn jedermann fremde Fundsachen unterschlagen würde. Denn niemand hat mich beobachtet, niemand wird es je wissen, wenn ich das Geld mir aneigne. Es gibt auch kein Karma, das mich dafür früher oder später bestrafen wird. Wenn ich auch psychisch und emotional damit zurechtkomme (was nicht allzu schwer ist), dann gibt es aus meiner egoistischen Sicht überhaupt keinen rationalen Grund dafür, das fremde Geld nicht anzueignen. Ich könnte etwa damit meine Schulden an die Bank zurückzahlen, eine für mich große finanzielle und psychische Belastung loswerden und sehr glücklich damit weiter leben.

        Ich könnte immer noch deine Ansicht teilen, dass die generelle Einhaltung moralischer Regeln in der Gesellschaft auch in meinem Interesse ist, und dass es auch für mich schlimm wäre, wenn jeder fremde Sache aneignen würde. Nur: diese eine Tat, in einer einmaligen Gelegenheit, die sich mir dargeboten hat, wird bei rationaler Betrachtung faktisch keinerlei negativen Konsequenzen für mich haben. Die Unterschlagung liegt eindeutig in meinem rationalen Interesse.

        • Bjoern sagt:

          Was passiert, wenn du die Brieftasche dem Eigentümer zurückbringst?

          Verschiedene Möglichkeiten:

          a) Dankbarkeit des Eigentümers
          b) Beteiligung am Inhalt
          c) Begründung einer neuen Freundschaft/Geschäftsbeziehung
          d) Anerkennung durch Umfeld
          e) Positives Gefühl(e) aus der Erkentnis, dass es keinerlei Veranlassung zur Unmoral gibt und man ohne Zweifel das richtige tut.

          Im schlimmsten Fall würde nur e) eintreten. Vielleicht hätte es sich nicht bezahlt gemacht, aber in der Mehrheit bzw. Gesamtheit der Fälle, würde es das.

          • ulpian sagt:

            Du hast natürlich Recht. Aber das Problem dabei ist: Wenn wir das Eigeninteresse als einziges Moralkriterium ansehen, dann ist es eine Frage der Kosten-Nutzen-Rechnung, ob es moralisch richtig ist, die Brieftasche zu behalten oder zurückzugeben.

            Die rationale Berechnung der Vor- und Nachteile für mich darf dabei nicht ihrerseits moralische Gesichtspunkte beinhalten. Denn hierbei geht ja gerade darum, herauszufinden, was moralisch richtig oder falsch ist.

            Wenn ich im Einzelfall etwa aus den Gründen, die Du aufzählst, zum Schluss komme, dass es für mich in diesem Einzelfall vorteilhafter wäre, sie zurückzugeben, dann wäre dies das moralisch richtige. Wenn die rationale Abwägung zum gegenteiligen Schluss kommt, dann wäre es moralisch richtig, die Brieftasche zu behalten. Denn was in meinem rationalen Eigeninteresse liegt, kann nach diesem Verständnis nicht falsch sein.

  3. Bjoern sagt:

    Der Autor hat den Objektivismus als Tugendethik bezeichnet, darin liegt der Schlüssel.

    Wir können den Einzelfall nicht berechnen, sondern müssen auf Basis unserer Wertvorstellungen zu einer Handlung kommen. Die Werte leiten sich aus eiggenützigen Überlegungen ab. Hätte ich generell mehr davon, zu lügen und mir fremdes Eigentum anzueignen? Oder sind Ehrlichkeit und die Annerkennung fremden Eigentums der bessere Weg?

    Nur Pragmatiker und Co. kämen auf die Idee, Handlungen einzig auf der Basis augenblicklich kalkulierbarem Nutzens abzuwägen. Aber wie gesagt, dass ist praktisch (ungewolltes Wortspiel) nicht möglich. Und ich nehme an, dass selbst wenn es möglich wäre, die oben favorisierten Tugenden herauskämen.

  4. ulpian sagt:

    Ich glaube, dass hier „Kriterium“ mit „Begründung“ verwechselt wird. Die Goldene Regel etwa ist ein Kriterium für moralisch Richtig und Falsch, aber für sich genommen natürlich noch keine Begründung (dasselbe gilt auch für den Kategorischen Imperativ).

    Ich habe ja nichts gegen die hier vertretene Auffassung, dass der „generelle“ Eigennutz eines jeden von der generellen Einhaltung der Spielregeln ein geeignetes Kriterium für richtig und falsch ist.

    Das Problem ist: Wenn wir dieses Kriterium einzig und allein durch das je eigene, individuelle Eigeninteresse begründen wollen, dann können wir zwar sagen: „Halte dich daran, DENN davon wirst Du im Allgemeinen mehr profitieren, als wenn Du dich überhaupt nicht daran halten würdest.“. Wir können aber nicht sagen: „Und halte Dich selbst dann daran, wenn die einmalige Verletzung der Regel im Einzelfall Dir mit Sicherheit mehr Vorteile einbringen würde“. Es ist schlicht nicht möglich, diese zweite Meta-Regel allein auf das Eigeninteresse zu stützen.

    Im Grunde ist das auch die Diskussion zwischen Handlungs- und Regelutilitarismus. Der Autor, Du und auch ich sind der Meinung, dass man nicht auf die einzelne Handlung abstellen sollte (soll ich jetzt in dieser konkreten Situation den Vertrag einhalten). Sondern stattdessen auf die generelle Regel („Verträge soll man einhalten.“). Das ist auch der Standpunkt des Regelutilitarismus. (btw: Auch der Kategorische Imperativ stellt nicht auf die einzelne, konkrete Handlung, sondern auf das Prinzip, die Maxime ab, und führt in dieser Hinsicht zu den gleichen Ergebnissen).

    Unsere Meinungsverschiedenheit besteht darin, dass ich nicht der Ansicht bin, dass man diese Art von Regel-Moral (die wir alle drei vertreten) allein auf das individuelle Eigeninteresse aufbauen kann.

    • Bjoern sagt:

      Ich verstehe dein Problem, die Frage habe ich mir auch schon mal und jetzt wieder gestellt.

      Aber ich finde, dass der Objektivismus dieses Problem löst.

      Es ist schwer zu sagen, was dieses Eigeninteresse ohne Wertesystem überhaupt sein soll. Vielleicht könnte ich das Geld nehmen und somit mehr Geld haben als vorher, aber was erreiche ich damit? Ist mehr Geld alles, was ich anstrebe? Was ist dieses „Nutzen“ für mich? Ohne genaue Definition, lässt sich auch nichts Maximieren.

      Ein Objektivist hat ein klares Wertesystem und kann daraus seine Entscheidungen ableiten. Wenn zwei Werte im Konflikt stehen, entscheidet er sich für den, der in der Werthierarchie höher steht. Sind mir meine Werte klar, weis ich immer noch, wie ich mein „Nutzen“ (= hier: Maximierung der Werterreichung -/erhaltung) maximieren kann.

      • ulpian sagt:

        Zitat:
        „Es ist schwer zu sagen, was dieses Eigeninteresse ohne Wertesystem überhaupt sein soll. Vielleicht könnte ich das Geld nehmen und somit mehr Geld haben als vorher, aber was erreiche ich damit? Ist mehr Geld alles, was ich anstrebe? Was ist dieses “Nutzen” für mich? Ohne genaue Definition, lässt sich auch nichts Maximieren.“

        Ich verstehe. Aber in dieses „Wertesystem“ dürfen wir keine moralischen Gesichtspunkte einschmuggeln; andernfalls befänden wir uns wieder im Zirkel (das Eigeninteresse soll ja die moralischen Bewertungen erst begründen).

        Wenn wir uns also „das Eigeninteresse“ zunächst ohne moralische Gesichtspunkte vornehmen, so müssen wir ihm als „Werte“ natürliche Bedürfnisse und Interessen zuordnen, etwa das Überleben; das sichere und konfliktfreie Leben; das Leben, in dem ich möglichst meine Wünsche erfüllen kann; ein Leben, in dem ich möglichst viel Anerkennung meiner Mitmenschen finde etc. Wie man nun diese „Werte“ sortiert, ist für unser Problem meines Erachtens nicht relevant, solange wir zunächst keine moralischen Aspekte hineininterpretieren.

        Nun –abermals- die folgende Situation: A hat Schulden, die ihn finanziell und psychisch sehr belasten. Er findet völlig unbeobachtet die besagte, sehr gut gefüllte Brieftasche mit Ausweis. Deren Inhaber kennt er nicht, ist aber nach dem ganzen Inhalt zu beurteilen ein sehr reicher Mensch. Hier steht A vor der Wahl zwischen „Anerkennung, möglicherweise Finderlohn“ etc. und „Tilgung seiner Schulden bei der Bank, große Entlastung in Arbeit und Familie“.

        Ich sehe eben nicht, wie man ohne moralische Regeln bereits vorauszusetzen, die erste Option höher einstufen könnte als die zweite. Vielmehr liegt es doch sehr nahe einzugestehen, dass ohne moralische Voraussetzungen die zweite Option deutlich mehr im Eigeninteresse von A liegt.

        Allerhöchstens könnten wir sagen, dass diese beiden Optionen von den näheren Umständen und den eigenen Vorstellungen von A abhängen. Zu sagen aber, dass der erste Wert („Anerkennung, möglicherweise Finderlohn“) auf jeden Fall dem Eigeninteresse von A mehr dient als der zweite, setzt bereits moralische Regeln voraus, die wir doch durch das Eigeninteresse erst begründen wollten. Ohne moralische Standards bereits zu postulieren, ist es schlicht nicht zutreffend, dass der erste Wert dem Eigeninteresse des A in jedem Fall mehr dient.

        Ich finde ehrlich gesagt, wenn wir diesen doch ziemlich deutlichen Umstand nicht eingestehen, dann ist unsere ganze Rede von „Eigeninteresse“ und „Egoismus“ als Grundlage von Moral ziemlich sinn- und wertlos.

        Bitte nicht falsch verstehen: Es ist nicht so, dass ich eine vollumfänglich begründete moralische Theorie kennen würde, die wirklich auf allen Gebieten tadellos funktioniert, und aus dieser sicheren Stellung heraus die objektivistische Ethik angreifen würde. Ähnliche Probleme hat meines Erachtens jede Moral-Theorie, die den Anspruch erhebt, eine rationale Letztbegründung bieten zu können (gilt übrigens auch für alle theistischen Letztbegründungen von Moral, siehe „Euthyphro dilemma“)

        Und nur hierum geht es mir eigentlich auch. Es wäre einfach intellektuell redlicher, finde ich, die Schwächen, Unschärfen oder Lücken in unseren Theorien einzugestehen. Die Alternative endet früher oder später im Dogmatismus.

        • sba sagt:

          „Wie man nun diese “Werte” sortiert, ist für unser Problem meines Erachtens nicht relevant, solange wir zunächst keine moralischen Aspekte hineininterpretieren.“

          ähm..nun ja, das ist etwas trickey: Für Rand sind Werte die Grundlage jeder Moral und damit per se moralische Gesichtspunkte: Wert ist, was meinem Leben dient; Werte anzustreben ist geboten und in je meinem Interesse (damit ich leben kann), sie zu erreichen, ist moralisch richtig und sie zu leben ist tugendhaft.

          Demgemäß hängt die Sache mit der Brieftasche nicht an der Letztbegründung, sondern am vollen System: Fundzeug zu unterschlagen, beschädigt die eigene Intedrität als ehrliche Person; Bereicherrung an zufälligem Loot, der das Ergebnis von anderer Leute Arbeit ist und dessen Besitztum nicht aufgegeben wurde, heißt, diese anderen Leute aufzuopfern und unterscheidet sich von offenem Raub nur durch weniger physische Gewalt; durch Zufall eigene Probleme zu lösen, verbietet jeden Stolz, und da es eine unverdiente Bereicherung darstellt, auch jedes Selbstwertgefühl; der Zufall beinhaltet ebenfalls, dass die eigene Vernunft nicht beteiligt war und dass der angeeignete Wert nicht Ergebnis eigener Bemühung ist, also auch nicht der eigenen Produktivität entspringt; und schließlich ist es ungerecht, wenn man zulässt, dass ein zufälliger Wertetransfer dazu führt, dass einer gewinnt wenn jemand anders verliert, während es im rationalen Eigeninteresse liegt, dass bei Wertetransferen alle Beteiligten gewinnen (denn sonst verliert man selber bei jedem, der einem überlegen ist, während man so aus der Überlegenheit anderer profitiert).
          Natürich liegt es in jedermans Freiheit, zuordenbares Fundzeug zu unterschlagen (wie es auch in jedermans Freiheit liegt, einen Bankraub zu unternehmen), man kann sich dann bloß nicht mehr der objektivistischen Ethik zuordnen (bis man den Schaden wieder gut gemacht hat).
          Lektürevorschlag:
          http://aynrandlexicon.com/lexicon/virtue.html
          (und die dort unten verlinkten Artikel)

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