Wohlwollen für Eilige

Mein Wohlwollen-Essay ist ein wenig arg ausführlich ausgefallen und: Wir haben doch keine Zeit! Diejenigen, die nur mal schnell in der Disco erklären möchten, was es mit der Tugend des Wohlwollens auf sich hat, sind mit der folgenden Kurzversion besser bedient.

Die kann man auch schnell auf Flyer drucken und herumreichen. „Alter, hier Wohlwollen!“ Obwohl, da würde man wahrscheinlich für einen Sektierer gehalten werden. Schon schlimm, was das Christentum angerichtet hat: Jeder, der irgendetwas über Ethik sagt, gilt automatisch als religiöser Spinner.

„Finden Sie Erlösung! Mit dieser rein weltlichen, systematischen Darstellung der Tugend des Wohlwollens aus der Perspektive der objektivistischen Philosophie! Gesegnet seist du, Maria!“

So, ausgesponnen für heute. Und hier ist der Essay:

Wohlwollen für Eilige

„Kirchtürme sind Sinnbild der Verheißung des Glaubens, der Nächstenliebe und Gottvertrauens“, sagte Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland bei einer Veranstaltung zum Abschluss der Sanierung des Stechower Kirchturms. Damit wäre die Nächstenliebe eine christliche Angelegenheit für Menschen mit einem Hang zu sinnbildlichen Kirchtürmen. Aber kann Nächstenliebe auch für Atheisten eine Tugend sein?

Das englische Wort für Nächstenliebe lautet „benevolence“. Man könnte es auch mit „Wohlwollen“ übersetzen. Wir sollten unseren Mitmenschen demnach mit der Haltung „Im Zweifel für den Angeklagten“ begegnen. Wir gehen zunächst davon aus, dass andere Menschen es gut meinen und dass sie kein böses Spiel treiben. Für den Philosophen David Kelley lautet die Motivation für das Wohlwollen „rationales Eigeninteresse“. Wir sollten also unsere Nächsten respektieren, weil wir etwas davon haben. Friedliche, produktive und kooperative Beziehungen zu anderen Menschen gereichen uns schließlich zum Vorteil.

Der allgemeine Respekt und das Wohlwollen, das wir gegenüber anderen Menschen zeigen, sind durch den Wert motiviert, den andere Menschen für uns potenziell darstellen, ob als ökonomische Handelspartner, als Freunde oder Geliebte. Wir profitieren von ökonomischem Austausch, der zu Wohlstand führt, von Kommunikation, die uns Wissen verschafft, und von Sichtbarkeit, durch die wir Selbstbestätigung erfahren. In allen Fällen tauschen wir etwas. Wir kaufen und verkaufen, wir tauschen Informationen aus und wir erkennen einander als Personen an.

Zu einer wohlwollenden Haltung gehören Höflichkeit, Sensibilität, Großzügigkeit und Toleranz. Höflichkeit ist der Ausdruck des eigenen Respekts für die Menschlichkeit und Unabhängigkeit von anderen und der eigenen Absicht, Konflikte friedlich zu lösen. Höflichkeit äußert man überwiegend durch konventionelle Formalitäten wie die Grußworte, „Guten Tag“ und „Guten Abend“ oder indem man „Bitte“ und „Danke“ sagt.

Die Möglichkeiten des gegenseitigen Austauschs werden durch die psychologischen Eigenschaften anderer eröffnet. Ihre Interessen, Ideen, Werte und Gefühle machen andere Menschen zu unseren Handelspartnern. Sensibilität meint den Versuch, die Psychologie anderer Menschen zu erkennen. Dann verstehen wir besser, was wir ihnen anbieten können und was sie uns zu bieten haben. Großzügigkeit ist die Bereitschaft, andere mit Gütern auszustatten, ohne eine definitive Gegenleistung zu erwarten. Man ist großzügig, wenn man einem anderen Menschen in einer Notlage hilft oder wenn man in das Potenzial einer Person investiert. Sind wir großzügig, sind andere es vielleicht auch. Toleranz bedeutet schließlich die Bereitschaft, mit intellektuellen Gegnern zu diskutieren und die kosmopolitische Akzeptanz von Vielfalt in der Lebensweise. Vielleicht lernen wir dann noch etwas oder behandeln andere zumindest fair, was wir ebenso erwarten.