Es gibt keine Alternative zum Leben

Es gibt ja keine Dogmen in der modernen Philosophie, mal abgesehen von „Humes Gesetz“ und dem naturalistischen Fehlschluss.

Man klingt nicht wirklich schlauer, wenn man ständig wiederholt, wie schrecklich jeder doch an Humes Gesetz scheitern müsse und wie sehr wir doch am Ende zum Relativismus verurteilt wären. Und dass Ayn Rand doch gar nicht vom Sein zum Sollen gelangt sei, weil eine Art von Naturgesetz, Humes Gesetz, es nicht erlaubt. 

Aber gut. Gehen wir mal davon aus, dass Ayn Rand die Sein-Sollen-Kluft nie überbrückt hat. Gehen wir mal davon aus, dass die Tatsache, dass sich der Mensch für einen anderen Standard der Ethik entscheiden kann als sein eigenes Überleben, beweist, dass man aus dem Sein kein Sollen ableiten kann, aus dem, was ist, keine Handlungsanweisung. Die Folge ist eine Negation: Da Werte vom Leben abhängen – da nur etwas Werte haben kann, weil es lebt – kann die einzige echte Alternative zum Leben, der Tod, keine Werte haben und somit keine Ethik erfordern im Sinne einer Technologie, die dazu dient, diese Werte zu erreichen. Im Prinzip würde jemand, der nicht sein Leben anstrebt, die Nicht-Existenz anstreben. Und etwas, das nicht existiert, hat keine Ethik und muss keine Sein-Sollen-Dichotomie überbrücken. Also kann nur das Leben der Standard der Ethik sein, insofern man unter „Ethik“ dasselbe versteht wie Rand:

What is morality, or ethics? It is a code of values to guide man’s choices and actions—the choices and actions that determine the purpose and the course of his life. Ethics, as a science, deals with discovering and defining such a code.

Ayn Rand über die Definition von Moral / Ethik

Geht man von der unüberbrückbaren Sein-Sollen-Dichotomie aus, ist es also ethisch zulässig, sich gegen das Überleben zu entscheiden und so zu tun, als wäre man etwas anderes als ein Organismus. „Na schön, wenn das Leben nicht notwendig der letztendliche Zweck der Ethik ist, dann zerstöre ich mich eben selbst, dann handle ich eben zu meinem eigenen Nachteil, dann verehre ich eben den Tod und nicht das Leben“. Ayn Rand drückte es wie folgt aus:

Life or death is man’s only fundamental alternative. To live is his basic act of choice. If he chooses to live, a rational ethics will tell him what principles of action are required to implement his choice. If he does not choose to live, nature will take its course.

Ayn Rand über die Wahl, kein Sollen aus dem Sein abzuleiten.

Mit anderen Worten: Ja, ein Mensch kann sich für einen anderen Standard der Ethik als sein eigenes Leben entscheiden, für ein anderes Ziel seiner Handlungen: Für den Tod. Und wenn er das tut, stirbt er. Und wir brauchen nicht weiter mit ihm über David Hume zu debattieren.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich jemand ernsthaft mit der Sein-Sollen-Problematik aus Sicht der Objektivismus befassen möchte, habe ich im Folgenden eine Liste mit Zitaten und Links zusammgenstellt, die einen Einblick bieten:

In answer to those philosophers who claim that no relation can be established between ultimate ends or values and the facts of reality, let me stress that the fact that living entities exist and function necessitates the existence of values and of an ultimate value which for any given living entity is its own life. Thus the validation of value judgments is to be achieved by reference to the facts of reality. The fact that a living entity is, determines what it ought to do. So much for the issue of the relation between “is” and “ought.”

Ayn Rand über die Sein-Sollen-Dichotomie

A being who does not know automatically what is true or false, cannot know automatically what is right or wrong, what is good for him or evil. Yet he needs that knowledge in order to live. He is not exempt from the laws of reality, he is a specific organism of a specific nature that requires specific actions to sustain his life. He cannot achieve his survival by arbitrary means nor by random motions nor by blind urges nor by chance nor by whim. That which his survival requires is set by his nature and is not open to his choice. What is open to his choice is only whether he will discover it or not, whether he will choose the right goals and values or not.

He is free to make the wrong choice, but not free to succeed with it. He is free to evade reality, he is free to unfocus his mind and stumble blindly down any road he pleases, but not free to avoid the abyss he refuses to see. Knowledge, for any conscious organism, is the means of survival; to a living consciousness, every “is” implies an “ought.” Man is free to choose not to be conscious, but not free to escape the penalty of unconsciousness: destruction. Man is the only living species that has the power to act as his own destroyer—and that is the way he has acted through most of his history.

Ayn Rand über die Sein-Sollen-Dichotomie 2

O’Neil’s criticism of Ayn Rand’s ethics therefore makes no more sense than criticizing the principles of civil engineering by saying that „the entire system is subjectively dependent on the individual designer’s will: If you do not choose for your building to remain standing, there appear to be no grounds upon which the civil engineers can condemn your engineering judgment. The principles of civil engineering are therefore entirely subjective.“ In both cases, what makes the theory objective is if it identifies the means that are objectively necessary for achieving the result (in the case of ethics, your own survival; in the case of civil engineering, having the building remain standing).

Replik von Eyal Mozes der Atlas Society auf eine häufige Kritik an Rands Ethik – dass sie ebenfalls subjektiv sei, weil sie nicht begründe, warum sich jemand dazu entscheiden sollte, zu überleben.

Craig Biddle: How Morality is Grouned in Reality

Sehr guter YouTube-Vortrag zum Thema:

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=k8nWDFGnDxI[/tube]

28 Kommentare zu “Es gibt keine Alternative zum Leben

  1. ulpian sagt:

    Zunächst ist Ayn Rand ja weder die einzige, noch die erste oder gar die einflussreichste Kritikerin der „Sein-Sollen-Dichotomie“. Und es ist auch nicht so, dass all diejenigen, die vom Vorliegen eines nicht reduzierbaren Dualismus von Sein und Sollen ausgehen (zu denen auch ich gehöre), hierfür dieselben Gründe und Konsequenzen vertreten würden.

    So wie ich den Dualismus verstehe und vertrete (natürlich nicht ich allein, sondern viele Philosophen, deren Argumenten ich hier zustimme), steht in deinem Artikel jedenfalls kein stichhaltiges Argument gegen diesen Dualismus.

    Kein Vertreter des Sein-Sollen-Dualismus (jedenfalls keiner, den man ernst nehmen müsste), hat ja behauptet, zwischen „Sein“ und „Sollen“ bestünde überhaupt keine Relation. Denke nur an den allseits anerkannten Grundsatz „Impossibilium nulla est obligatio“, „Unmögliches kann nicht als Pflicht auferlegt werden“. Auch hat kein mir bekannter Moralphilosoph, der diesen Dualismus vertritt, behauptet, man habe normative Maßstäbe und Werte ohne jegliche Rücksicht auf die Realität aufzustellen.

    In ihrer einfachsten Form, bedeutet die Dichotomie-Behauptung lediglich, dass aus deskriptiven Sätzen allein keine normativen bzw. präskriptiven Sätze folgen können. Ich wüsste nicht, was man dagegen schlüssig einwenden könnte. Ich sehe es aber nicht als ein Dogma (oder versuche aufrichtig, es nicht als ein Dogma zu sehen), sondern bin für jegliche rationale Kritik daran offen.

    Aus dieser Dichotomie folgt insbesondere nicht, dass es unmöglich sei, über moralische Maßstäbe rational zu diskutieren. Es drückt lediglich die Einsicht aus, dass es einen fundamentalen Unterschied gibt zwischen Tatsachen, deren Existenz nicht von uns als Personen abhängt, einerseits und Werten andererseits. Über die ersteren können wir Aussagen treffen, die wahr oder falsch (im engeren Sinne) sein können. Über die Werte können wir Vorschläge machen, die wir rational diskutieren können.

    Was die Alternative zwischen Tod oder Überleben argumentativ gegen den Sein-Sollen-Dualismus vorbringen soll, kann ich nicht nachvollziehen. Aus dem Sein-Sollen-Dualismus folgt doch nicht, dass man sich gegen das Leben entscheiden solle, oder dass es für die ethischen Grundsätze irrelevant sei, ob sie für das Leben förderlich oder hinderlich sind.

    Wenn ich deinen Standpunkt etwas verkürzt zusammenfassen darf: Ohne Leben gibt es auch keine Werte. Und Werte brauchen wir zum Überleben. Also sollten wir die Werte akzeptieren und befolgen, die unserem eigenen Überleben und Leben im weiteren Sinne förderlich sind. Ergo: Ethisch richtig ist all das und nur das, was dem rationalen Eigeninteresse dient.

    Nun gut, aber sobald Du konkrete Normen auf dieser Grundlage aufbauen möchtest, gerätst Du unweigerlich in einen logischen Zirkel (was wir bereits unter einem anderen Artikel halbwegs diskutiert hatten): Es gibt Situationen, in denen eine bestimmte Handlungsweise, die auch Du als unmoralisch bewertest, eindeutig und auch langfristig dem Eigeninteresse dient. Um die Beurteilung als „unmoralisch“ zu begründen, muss man dann wieder auf irgendwelche Prinzipien zurückgreifen, in die moralische Aspekte einfließen, die aber primär nichts mit Eigeninteresse zu tun haben.

    Ich finde es vernünftig, unsere ethischen Maßstäbe in erster Linie anhand des Eigeninteresses des je Einzelnen zu entwickeln; wäre aber dagegen es als ausschließliches Kriterium ohne jegliches Korrektiv zu akzeptieren. Aber darum geht es hier nicht. Wogegen ich hier argumentiere ist die schlicht falsche Behauptung, ethische Normen und Maßstäbe ließen sich objektiv erkennen und eindeutig, wissenschaftlich begründen.

    Wobei es natürlich nicht auszuschließen ist, dass Du und ich ganz verschiedene Begriffe von „objektiv“, „wissenschaftlich“, „erkennen“ und „begründen“ haben. Diese Begriffe verwenden wir aber zumindest auch in der empirischen Wissenschaft. Dass die Erde sich um die eigene Achse dreht, können wir objektiv erkennen und wissenschaftlich begründen. Wenn Du mit der „objektiven Ethik, die wissenschaftlich begründet werden kann“ an in etwa die gleichen Standards denkst, liegst Du einfach falsch. Wenn nicht, wäre es vielleicht angemessener, einfach andere Begriffe zu verwenden.

    • derautor sagt:

      Du hast eine gewisse Tendenz, einfach deine Position darzustellen, ohne zu versuchen, meine zu verstehen. Liegt es vielleicht daran, dass du Probleme mit den englischsprachigen Texten und Videos hast? Das geht inzwischen so sehr an der Sache vorbei, dass ich mir nicht sicher bin, ob du sie eigentlich wahrnimmst.

      • ulpian sagt:

        Ehrlich gesagt, hatte ich meinerseits das Gefühl, bei Dir eine ähnliche Tendenz festzustellen; dass Du nämlich gar nicht versuchst, die eigentliche Kritik an deinen Standpunkten zu verstehen. Aber ok, ich für meinen Teil werde mich noch mehr anstrengen. Gut möglich, dass ich in den Artikeln oder insbesondere im Video möglicherweise einige entscheidende Aspekte verpasst habe. Wäre in dem Fall für eine Klärung dankbar.

        Ich gehe ja in meinem Beitrag auf den von dir attackierten naturalistischen Fehlschluss und auf dein Argument ein. Wäre vielleicht am hilfreichsten, die Diskussion direkt an den Stellen fortzusetzen. So wie ich die Dinge momentan sehe, glaube ich nicht, dass Du das von dir sog. „Humes Gesetz“ richtig verstanden hast bzw. richtig einordnen kannst. Du stellst den von Dir kritisierten Grundsatz in einer Weise dar, wie ich ihn noch bei keinem Philosophen gesehen habe (worauf ja größtenteils meine Kritik beruht).

        • derautor sagt:

          Der Objektivismus ist auch eine grundlegend andere Philosophie als alles andere, was heutzutage im Gespräch ist. Ayn Rand steht im fundamentalen Gegensatz zu fast allen anderen Philosophen, die es jemals gab. Darum sind objektivistische Philosophen oft unabhängig vom akademischen Mainstream tätig und publizieren in ihren eigenen Fachmagazinen.

          • derautor sagt:

            Was Humes Gesetz angeht: Man kann von Fakten keine Handlungsvorgaben ableiten. Ayn Rand: Die Ethik ist eine Art Technologie, die auf Grundlage von Fakten bestimmt, wie der Mensch sich verhalten muss, um zu leben. Dabei strebt er Werte an, die seinem Leben dienen. Es gibt keine Werte ohne Leben. Werte müssen dem Leben dienen, um existieren zu können. Ohne Werte keine Tugenden, keine Handlungsanweisungen, mit denen man Werte erreichen kann. So viel hast du im letzten Kommentar schon zugestanden. Dann hast du nicht den Standard der Ethik bezweifelt, sondern das Prinzip der fairen, friedlichen Kooperation, das erst viel später kommt in der philosophischen Hierarchie. Deine Argumentation ist typisch für moderne Denker, ignoriert aber die objektivistische Herangehensweise.

  2. Karl sagt:

    Sam Harris geht ja ähnlich vor bei seiner Herleitung einer objektiven. Nur ersetzt er den Begriff Leben durch den Begriff Glück. Vermutlich ist der Unterschied dass Glück als zentraler Wert für einen Naturalisten wie Harris evolutionstheoretisch besser verankert ist.

    • derautor sagt:

      Sam Harris ist auch ein ethischer Realist, aber er gehört zur utilitaristischen Variante. „Das größte Glück der größten Zahl“ ist sein Ziel und er möchte mit wissenschaftlichen Methoden feststellen, wie „man“ das erreichen kann. Und „man“ kann so ziemlich jeder sein, vom Staat bis zum Individuum.

      Richard Carriers „Ziel-Theorie“, ebenfalls eine Variante des moralischen Realismus, ist insofern besser, als sie als Standard das individuelle Glück des Menschen festsetzt und er argumentiert zudem, dass uns Ethik interessieren sollte, weil sie unserem eigenen Lebensglück diene. Er sieht, wie Rand, Ethik als eine Technologie an, nur eben als Glückstechnologie. Und er vertritt ebenfalls eine Tugendethik.

      Bei Carrier fehlt nur noch der Standard „Leben“ als Ausgangspunkt. Und eine passende Naturrechtslehre, also individuelle Rechte, die uns in die Lage versetzen, mit Hilfe unserer Tugenden unsere Werte zu erreichen und somit unserem Leben zu dienen.

      Der Objektivismus ist für mich die am besten durchdachte Variante des moralischen Realismus, um nicht zu sagen, ich halte ihn für objektiv wahr.

  3. ulpian sagt:

    @derautor

    Zitat:
    „Der Objektivismus ist auch eine grundlegend andere Philosophie als alles andere, was heutzutage im Gespräch ist.“

    Meine Kritik bezog sich nicht darauf, dass der Objektivismus eine ganz andere Philosophie ist, die ich noch bei keinem anderen Philosophen gesehen habe (das wäre ja eine alberne Kritik). Vielmehr ging es mir darum, dass der naturalistische Fehlschluss, so wie er von dir dargestellt und kritisiert wird, von keinem mir bekannten Philosophen verstanden wird, dass Du also etwas attackierst, was es so nicht gibt. Insbesondere vertreten die Philosophen die von einem nicht reduzierbaren Dualismus ausgehen, gerade nicht, dass es zwischen Sein und Sollen keinerlei Relation gebe oder dass man moralische Werte ohne Rücksicht auf die Realität aufzustellen habe .

    Zitat:
    „Ayn Rand steht im fundamentalen Gegensatz zu fast allen anderen Philosophen, die es jemals gab.Darum sind objektivistische Philosophen oft unabhängig vom akademischen Mainstream tätig und publizieren in ihren eigenen Fachmagazinen.“

    Unabhängigkeit vom philosophischen Mainstream oder von Moden ist ein hohes intellektuelles Gut. Nur kann eine solche Abschottung gegenüber allen anderen philosophischen Richtungen schnell zur intellektuellen Inzucht verkommen. Deine objektivistische Philosophie in allen Ehren, aber der Streit zwischen den Vertretern und Kritikern der Sein-Sollen-Dichotomie (der idR. unter der Überschrift „ethischer Kognitivismus vs. Non-Kognitivismus geführt wird), ist ein alter Hut und wurde bereits sehr lange auf sehr hohem Niveau geführt. Bei deinen Darstellungen kann ich jedenfalls nichts sehen, was diesem Streit fundamental Neues hinzufügen könnte. Vielmehr ignorierst Du einfach die Argumente und Gegenargumente in dieser grundsätzlichen Debatte und stellst das „Humesche Gesetz“ als ein ziemlich lächerliches Dogma dar, ohne auf die Gründe, die dafür vorgebracht wurden, einzugehen.

    Bereits Moritz Schlick, um nur ein Beispiel zu nennen, hatte vor Ayn Rand geschrieben:
    „Was als die letzten Normen oder die höchsten Werte gilt, muss der menschlichen Natur und dem Leben als Tatsache entnommen werden. Daher kann ein Resultat der Ethik nie mit dem Leben in Widerspruch stehen, kann nicht die im Leben zugrunde liegenden Werte für schlecht oder falsch erklären… Wo dergleichen vorkommt, ist es ein sicheres Zeichen, dass der Ethiker seine Aufgabe missverstanden und daher nicht gelöst hat…, dass er sich in der Rolle des Erkennenden nicht wohl fühlt und lieber Schöpfer moralischer Werte sein möchte.“

    Zitat:
    „Was Humes Gesetz angeht: Man kann von Fakten keine Handlungsvorgaben ableiten. Ayn Rand: Die Ethik ist eine Art Technologie, die auf Grundlage von Fakten bestimmt, wie der Mensch sich verhalten muss, um zu leben. Dabei strebt er Werte an, die seinem Leben dienen. Es gibt keine Werte ohne Leben. Werte müssen dem Leben dienen, um existieren zu können. Ohne Werte keine Tugenden, keine Handlungsanweisungen, mit denen man Werte erreichen kann. So viel hast du im letzten Kommentar schon zugestanden. Dann hast du nicht den Standard der Ethik bezweifelt, sondern das Prinzip der fairen, friedlichen Kooperation, das erst viel später kommt in der philosophischen Hierarchie.“

    Wir wollen ja nicht über Worte streiten. Du kannst das Wort „Ethik“ als eine Technologie zum Überleben verstehen, und Handlungsanweisungen aufstellen wie „Um am Leben zu bleiben, tu dies und das…“. Das allein wäre ja auch kein naturalistischer Fehlschluss. Alles, was danach „in der Hierarchie“ kommt, was also nicht mehr auf diese einfache Formel unmittelbar zurückgeführt werden kann, wäre aber zwangsläufig mit den besagten Fehlern behaftet.

    • derautor sagt:

      So, jetzt bin ich wieder zu Hause und muss nicht mehr im Zug oder an Haltestellen über solche komplexen Themen nachdenken und meine Antworten ins Handy tippen.

      Insbesondere vertreten die Philosophen die von einem nicht reduzierbaren Dualismus ausgehen, gerade nicht, dass es zwischen Sein und Sollen keinerlei Relation gebe oder dass man moralische Werte ohne Rücksicht auf die Realität aufzustellen habe.

      Ich weiß. Aber die logische Schlussfolgerung der Sein-Sollen-Dichotomie ist der Relativismus. Wenn man nicht von beobachtbaren Fakten ausgeht, dann geht man von subjektiver Willkür aus. Es gibt keine Alternative dazu. Man könnte sagen: „Man kann zwar nicht von Fakten auf eine Ethik schließen, aber wir sollten uns trotzdem so verhalten, dass wir dem Leben dienen, glücklich sind, etc.“, aber dies wären alles rein subjektive Präferenzen. Ohne Fakten keine Objektivität.

      Du kannst das Wort „Ethik“ als eine Technologie zum Überleben verstehen, und Handlungsanweisungen aufstellen wie „Um am Leben zu bleiben, tu dies und das…“. Das allein wäre ja auch kein naturalistischer Fehlschluss. Alles, was danach „in der Hierarchie“ kommt, was also nicht mehr auf diese einfache Formel unmittelbar zurückgeführt werden kann, wäre aber zwangsläufig mit den besagten Fehlern behaftet.

      Ich verstehe Ethik nicht willkürlich als Technologie zum Überleben. Ethik dient entweder dem Überleben, oder es ist keine Ethik. Sie kann nur diese Funktion haben. Das ist ja gerade der Punkt. Danach kommen in der Hierarchie Tugenden, die ebenfalls aus beobachtbaren Fakten abgeleitet werden in Hinblick auf die Frage, ob sie dem Leben dienen. Ob die objektivistischen Tugenden wirklich dem Leben dienen, ist überprüfbar und hinterfragbar. Dass Tugenden dem Leben dienen müssen und dass Ethik dem Leben dienen muss, ist eine logische Notwendigkeit, aus genannten Gründen.

      • derautor sagt:

        Moritz Schlick kommt schon nahe heran, aber er geht nicht den letzten Schritt. Er sagt nur, dass eine Ethik nicht den Notwendigkeiten des Lebens widersprechen darf, aber nicht, dass das Leben der Standard der Ethik ist.

        • derautor sagt:

          Gut, dass die objektivistische Ethik eine Variante des Kognitivismus und darunter eine Variante des moralischen Realismus und darunter eine Variante des starken ethischen Realismus darstellt – finde ich trivial und ich sehe nicht, was du damit aussagen möchtest. Das Interessante ist doch, dass es an dieser Stelle aufhört mit den Gemeinsamkeiten zu anderen moralischen Realisten. Übrigens gehört Immanuel Kant, den Rand zu ihrem Erzfeind erklärte, in dieselbe Kategorie des starken ethischen Realismus mit seinen Maximen. Der Rest ist vollkommen anders. Wobei Kant eher zur willkürlichen Variante der moralischen Realisten gehört. Er behauptet einfach, wir sollten uns an den kategorischen Imperativ halten und unsere daherfantasierten Pflichten erfüllen, weil die Vernunft das objektiv so festlege. Was auch immer.

  4. ulpian sagt:

    Zitat:
    „Aber die logische Schlussfolgerung der Sein-Sollen-Dichotomie ist der Relativismus. Wenn man nicht von beobachtbaren Fakten ausgeht, dann geht man von subjektiver Willkür aus. Es gibt keine Alternative dazu.“

    Das ist nicht richtig. Dein Argument beinhaltet die sogenannte „Falsche Disjunktion“. Du tendierst sehr oft dazu, wenn ich das mal sagen darf, einen solchen Alternativ-Radikalismus in allen möglichen Bereichen hinzustellen, womit dann dein eigener Standpunkt als der einzig logisch möglicher erscheint.

    Zwischen ethischem Kognitivismus und Non-Kognitivismus besteht eine logische Disjunktion; nicht aber zwischen Kognitivismus und (Wert-)Relativismus. Auch faktisch gibt es viele Philosophen, die den Non-Kognitivismus vertreten und den Wertrelativismus bekämpfen.

    Zunächst einmal wäre diese Alternative, selbst wenn sie stimmen würde, für sich kein Argument für den ethischen Kognitivismus (was Du so vielleicht auch nicht behauptest). Denn, dass die einzig mögliche Alternative uns nicht gefällt, kann ja keinen Standpunkt begründen.

    Es verstört und verunsichert uns alle, wenn wir einen Grund/-Satz, den wir anerkennen, logisch oder empirisch nicht so begründen können, wie wir viele mathematische oder naturwissenschaftliche Sätze begründen können (wobei wir selbst in diesen Bereichen oft mit unbegründbaren Sätzen leben müssen, aber das sei mal dahingestellt). Wenn der fragliche Satz sich aber nun mal nicht in der Weise begründen lässt, dann lässt er sich eben nicht in der Weise begründen. Wie schrecklich die Alternative auch ist.

    Außerdem ist der Wert-Relativismus ja auch nicht die einzig logische Alternative. Ein Relativist sagt nicht nur, dass ethische Grundsätze nicht erkannt werden können, wie etwa Fakten sich erkennen lassen. Darüber hinaus sagt er etwa: „Ich enthalte mich der Stimme“ oder „Ich bezeichne alles als moralisch zulässig, was in dem jeweiligen Kulturkreis als solche akzeptiert ist.“

    Man kann als Non-Kognitivist aber auch sagen: „Ich kann meine ethischen Grundsätze zwar nicht so begründen, wie man in der Mathematik oder Naturwissenschaft Sätze begründet. Dennoch entscheide ich mich aber für die Werte Freiheit des Einzelnen, Meinungsfreiheit, freie Marktwirtschaft, gegenseitige Toleranz etc. und bin bereit, meine ethischen Vorschläge mit konkurrierenden zu vergleichen und rational zu diskutieren.“

    Logisch sehe ich da überhaupt keinen Selbstwiderspruch. Es ist vielmehr die intellektuell redlichere Haltung, da die ethischen Sätze sich nun einmal nicht in der besprochenen Weise begründen lassen. Aber auch faktisch bzw. psychologisch muss dieser Standpunkt keine politische Verzagtheit bedeuten. Es gibt (ethische) Non-Kognitivisten, die sich ihr Leben lang für Freiheit, Liberalismus und Aufklärung eingesetzt haben bzw. einsetzen.

    Du kannst einem zurechnungsfähigen und gesunden Menschen, der sagen wir mal, keine Angehörigen hat und Freitod begehen will, nicht schlüssig begründen, dass er dadurch unmoralisch handeln würde. Ich meine nicht nur, dass Du ihn nicht überzeugen oder überreden könntest (das ist eine andere Sache). Einem intelligenten und intellektuell redlichen Menschen (der auch nicht an Religion, Esoterik, Verschwörung etc. glaubt) kannst Du schlüssig begründen, warum wir die in Mathematik oder Naturwissenschaft anerkannten Sätze anerkennen. Er wird aufgrund der schlüssigen Argumentation die Gültigkeit der Sätze EINSEHEN bzw. ERKENNEN. Es ist aber nicht möglich, einem Menschen mit denselben Eigenschaften, der Freitod begehen will, zu „begründen“, warum die Ethik von ihm verlangt am Leben zu bleiben, warum dieses Gebot für ihn gültig ist und warum er bei Zuwiderhandlung unmoralisch handeln würde. Du kannst ihm schlüssig darlegen, was IST (etwa die biologischen Grundlagen seiner Existenz), kannst aber nicht mit derselben Strenge begründen, das er etwas SOLL. Das ist die Dichotomie zwischen Sein und Sollen.

    • sba sagt:

      Eine Anfrage:
      “Ich kann meine ethischen Grundsätze zwar nicht so begründen, wie man in der Mathematik oder Naturwissenschaft Sätze begründet. Dennoch … bin (ich) bereit, meine ethischen Vorschläge mit konkurrierenden zu vergleichen und rational zu diskutieren.”
      Also, naturwissenschaftliche und mathematische Sätze werden doch rationale begründet? Ethische Sätze nicht „so“ begründen zu können heißt dann doch, sie nicht rationale begründen zu können? Wenn man sie nicht rational begründen kann, wie soll man sie dann rational diskutieren?

      Und ein Einwurf:
      Das einzige, was am Suizig ethisch eine Rolle spielt, ist, dass durch seine Ausführung keine Rechte Dritter verletzt werden. Ansonsten ist er für den Objektivism. nach meinem Verständnis außermoralisch im Sinne von „nicht Gegenstand der Ethik“: Wenn ich entscheide, dass mein Leben enden soll, folgt für mein Handeln beliebiges hinsichtlich meiner Selbst. Dass ein Freitod explizit unmoralisch sei, kann man nur vertreten, wenn man auch bereit ist zu vertreten, dass das eigene Leben einem nicht gehöre.

      • sba sagt:

        PS: Der Objektivism will ja nicht vorschreiben, dass wir leben wollen; er sagt bloß: „Wenn Du leben willst, solltest Du X, Y, Z tun und beachten.“
        Die Überschrift dieses Artikels hier besagt mehr oder weniger bloß, dass es außer dem je eigenen Leben tatsächlich keine vernünftigen Gründe für irgendwelche ethischen Sätze gebe.

    • derautor sagt:

      Zunächst einmal wäre diese Alternative, selbst wenn sie stimmen würde, für sich kein Argument für den ethischen Kognitivismus (was Du so vielleicht auch nicht behauptest). Denn, dass die einzig mögliche Alternative uns nicht gefällt, kann ja keinen Standpunkt begründen.

      Natürlich nicht.

      “Ich kann meine ethischen Grundsätze zwar nicht so begründen, wie man in der Mathematik oder Naturwissenschaft Sätze begründet. Dennoch entscheide ich mich aber für die Werte Freiheit des Einzelnen, Meinungsfreiheit, freie Marktwirtschaft, gegenseitige Toleranz

      Aber auf welcher Grundlage?

      Es gibt (ethische) Non-Kognitivisten, die sich ihr Leben lang für Freiheit, Liberalismus und Aufklärung eingesetzt haben bzw. einsetzen.

      Und es gibt Christen, die nicht an Gott glauben. Menschen glauben alles Mögliche aus allen möglichen Gründen.

      Du kannst einem zurechnungsfähigen und gesunden Menschen, der sagen wir mal, keine Angehörigen hat und Freitod begehen will, nicht schlüssig begründen, dass er dadurch unmoralisch handeln würde

      Immerzu wirfst du mit Behauptungen um dich. Schön – das ist es, was der kritische Rationalismus besagt. Ein Beweis ist das allerdings nicht. Ich werde dies mit dem Selbstmord einmal im folgenden Beitrag versuchen, wobei allerdings der Objektivismus den Selbstmord nicht generell ausschließt. Dazu komme ich noch.

      Du verstehst das ganze „Leben ist der Standard“-Ding nicht. Vielleicht sollte ich besser sagen: Überleben des Menschen als Mensch. Das Überleben einer Spezies erfordert, dass sie auf eine bestimmte Weise, ihrer Natur gemäß handelt.

      Nehmen wir an, ein Fuchs hätte ebenfalls, wie der Mensch, einen freien Willen. Er könnte sich also dazu entscheiden, Vegetarier zu werden. Damit würde er sich für eine Ethik entscheiden, die dem Standard des Lebens in seinem Fall (im Gegensatz natürlich zu Pflanzenfressern) zuwiderläuft, die letztlich zu seinem Tod führt oder ihn jedenfalls vom rechten Weg abbringt. Ebenso kann sich der Mensch dazu entscheiden, nicht wie ein Mensch zu leben. Natürlich wird er darum nicht unbedingt sofort sterben, im wörtlichen Sinne. Er könnte als Parasit überleben, als Pflanze, als Raubtier – aber nur wer als Mensch lebt, ist wirklich glücklich (daher sind die Sozialisten in Atlas Shrugged unglücklich), weil er eine seinem Leben als Mensch dienliche Ethik befolgt. Natürlich leugnen Objektivisten nicht das Glück, aber dieses kann nur erreicht werden, wenn man das Leben – im Falle des Menschen das Überleben als Mensch – als Richtschnur, als Standard der Ethik anerkennt.

      Der Mensch hat die Wahl, entgegen seiner Natur und der Natur der Dinge zu handeln. Tut er dies, handelt er gemäß dem ethischen Standard des Todes. Für Rand gibt es nur die beiden Möglichkeiten „Überleben“ und „Sterben. Das Überleben ist auf ähnliche Weise der Standard für die Ethik wie für Hedonisten und Utilitaristen das Glück oder das größte Glück der größten Zahl der Standard ist. Darum geht es. Utilitaristen sehen alles in Hinblick auf „Glück“ und „Leid“. Objektivisten sehen alles in Hinblick auf „Leben“ und „Tod“ (und selbstredend argumentieren sie, warum dieser Standard sinnvoller ist als andere).

  5. ulpian sagt:

    Zitat:
    „Wenn man sie nicht rational begründen kann, wie soll man sie dann rational diskutieren?“

    @sba
    „Begründen“ hat in der Regel die Bedeutung, dass ein Satz z.B. aus selbstevidenten Axiomen, an denen überhaupt kein vernünftiger Zweifel bestehen kann, logisch abgeleitet und damit eindeutig begründet wird, so als ob wir den Satz des Pythagoras demonstrieren würden. Derautor beansprucht für seine ethischen Grundsätze eben diesen Grad an Gewissheit. Gerade bei unseren ethischen Grundsätzen ist das aber schon gar nicht möglich. Das muss doch inzwischen hinreichend klar geworden sein.

    Das heißt aber doch nicht, dass wir unsere ethischen Vorschläge überhaupt nicht miteinander vergleichen oder rational kritisieren könnten. Wir können sie auf ihre Widerspruchsfreiheit prüfen; oder darauf, ob die gezogenen Konsequenzen wirklich von den Argumenten getragen werden; ob aus den Argumenten vielleicht auch unerwünschte Konsequenzen folgen; ob und in wie weit die fraglichen ethischen Grundsätze realisierbar sind; ob die in den Argumenten enthaltenen Tatsachenaussagen wahr sind; ob zur Erreichung der beiderseits anerkannten Ziele bessere Alternativen aufzufinden sind etc.

    Zitat:
    „Der Objektivism will ja nicht vorschreiben, dass wir leben wollen; er sagt bloß: “Wenn Du leben willst, solltest Du X, Y, Z tun und beachten.”

    Ich bezweifle, dass derautor das so sieht. Denn das wäre ja keine Ethik im eigentlichen Sinne. Ein solcher „hypothetischer Imperativ“ hätte auch rein gar nichts mit dem naturalistischen Fehlschluss zu tun. Das Ziel selbst wäre dem Belieben des Handelnden anheimgestellt und die Anweisung enthielte lediglich die geeigneten Mittel für den jeweiligen Zweck, den man annehmen kann oder auch nicht.

    Dass das Leben des Einzelnen eine Grundlage für die Entwicklung unserer ethischen Maßstäbe bilden sollte, dieser Behauptung würden ja die wenigsten Moralphilosophen widersprechen. Wir können doch nicht aus einem intellektuellen Vakuum heraus Normen für körperlose, freischwebende Wesen entwickeln.

    Derautor behauptet aber doch, dass das je eigene Leben nicht nur eine Grundlage sondern das alleinige Kriterium für alle ethischen Normen ist, die zumindest im Prinzip aus Fakten eindeutig und unbezweifelbar abgeleitet werden können. Das nun ist unmöglich.

    • sba sagt:

      ulpian sagt:
      „Derautor beansprucht für seine ethischen Grundsätze eben diesen Grad an Gewissheit. Gerade bei unseren ethischen Grundsätzen ist das aber schon gar nicht möglich. Das muss doch inzwischen hinreichend klar geworden sein.“
      Daß Sie das so sehen: Ja.
      Daß es so sei: Nein.
      Andererseits gibt es zu Axiomen und ihren Folgen im Objektivism drei Artikel hier und ich wundere mich gerade, daß er nicht einfach dahin verlinkt hat:
      http://www.terryrotter.de/feuerbringer/2012/09/die-axiome-des-objektivismus-kausalitat/

      http://www.terryrotter.de/feuerbringer/2012/09/die-axiome-des-objektivismus-existenz-und-identitat/

      http://www.terryrotter.de/feuerbringer/2012/09/die-axiome-des-objektivismus-bewusstsein/

      „Das heißt aber doch nicht, dass wir unsere ethischen Vorschläge überhaupt nicht miteinander vergleichen oder rational kritisieren könnten. Wir können sie auf ihre Widerspruchsfreiheit prüfen [etc]“
      Mag ja alles sein. Die große Frage ist dann nur: Woher bekommen wir dann eigentlich ethische Vorschläge?

      „Ich bezweifle, dass derautor das so sieht. Denn das wäre ja keine Ethik im eigentlichen Sinne.“
      1. Ist mir ehrlich gesagt egal, wer was wie sieht. Nach meiner Beobachtun ist es so mit der obektivist. Ethik.
      2. Bleibt sie trotz des „hypothetischen Imperatives“ Ethik im eigentlichen Sinne durch die Zusatzannahme, dass die Entscheidung dafür, leben zu wollen die einzige brauchbare Grundlage einer vernünftigen, handlungsleitenden Ethik sei. Was widerlegt wäre, wenn man einen einzigen anderen Kandidaten für diese Grundlage durchfechten könnte. Das Verhalten in Notfällen mit Konkurrenzsituation ist es mit ziemlicher Sicherheit nicht: Notfälle sind schon zu selten für eine ganze Ethik. Notfälle mit Überlebenskonkurrenz als Untergruppe natürlicherweise noch seltener. Und selbst wenn: vernünftigerweise wäre zuerst die Kooperation zu suchen. Ansonsten hat derjenige Unrecht, der den ersten Angriff startet und der Defendent jedes Recht, sich zu verteidigen.

      • derautor sagt:

        Ein weiterer Artikel, den ich hätte verlinken sollen:
        http://www.terryrotter.de/feuerbringer/2012/09/leben-als-mensch-heist-nicht-uberleben-als-tier/
        „Leben als Mensch heißt nicht Überleben als Tier“.

        In der Tat wiederholt sich das alles ein bisschen. Ein so schwieriges Thema in kurzen Blogbeiträgen darzustellen, ist nicht einfach. Die Missverständnisse und Fehlinterpretationen und leider auch die Auffassung, man könnte spontan mit offensichtlichen Einwänden ein philosophisches System widerlegen (gilt vor allem für die Troll-Fraktion), wobei die ganzen Berufsdenker, die sich damit befassen, offenbar blöder sind als irgendein Dahergelaufener, der spontan auf einen Absatz in einem Blogbeitrag reagiert – wiederholt sich ebenso. Spaß macht es echt nicht immer. Ich sollte am besten an meiner Einführungsreihe weiterarbeiten, damit die Zusammenhänge und Voraussetzungen besser klar werden.

        • sba sagt:

          „Ich sollte am besten an meiner Einführungsreihe weiterarbeiten, damit die Zusammenhänge und Voraussetzungen besser klar werden.“
          Definitiv.
          Ansonsten könntest Du noch a lá Schopenhauer am Anfang neuer Artikel auf diejenigen älteren Verweisen, in denen die Grundagen und Voraussetzungen abgehandelt werden (eigentlich wäre ein Hypertext am besten, aber das widerspräche der Natur eine Blogs).

  6. ulpian sagt:

    Zitat:
    „Schön – das ist es, was der kritische Rationalismus besagt. Ein Beweis ist das allerdings nicht.“

    @derautor
    Überleg Dir doch bitte mal, was das für ein Diskussionsstil ist.

    (a) Mit keinem Wort habe ich unter diesem Artikel den kritischen Rationalismus bzw. dessen Vertreter auch nur erwähnt oder mich auf irgendeine „Autorität“ berufen. Stattdessen habe ich versucht Argumente gegen deine Standpunkte zu formulieren. Argumente, die Du vielleicht nicht als schlüssig ansiehst und die es ja auch vielleicht wirklich nicht sind, was eine gegenseitige Diskussion zutage fördern könnte. Es geht mir hier nicht darum, irgendeine philosophische Schule zu verbreiten. Du weißt natürlich aus unseren vorangehenden Diskussionen, dass ich dem kritischen Rationalismus nahe stehe und zweifellos beeinflusst mich dieser Umstand auch in meiner Denk- und Argumentationsweise, wenn ich deine Ansichten kritisiere. Für alles, was ich unter diesem Artikel geschrieben habe, könnte man jedoch auch Denker anführen, die mit dem kritischen Rationalismus nichts zu tun haben, etwa Bertrand Russell. Aber das ist ja auch nicht wichtig. Wenn wir uns nicht auf die Sache selbst und auf die gegenseitigen Argumente konzentrieren, könntest Du mir das obige Zitat an den Kopf werfen und ich dann entsprechend entgegnen: „Schön – das ist es, was der Objektivismus besagt. Ein Beweis ist das allerdings nicht.“ Und dabei könnten wir’s dann auch belassen. Mir geht es aber wirklich um die Sache.

    (b) Dein Satz „Ein Beweis ist das allerdings nicht“ zeigt, dass ich mich leider immer noch nicht verständlich machen konnte. Es ist ja nicht so, dass ich gegen deine „objektivistische Ethik“ irgendeine andere Form von Ethik zu beweisen versuche. Im Gegenteil, versuche ich zu zeigen, dass auf dem Gebiet der Ethik ein „Beweis“, eine „Letztbegründung“ oder auch irgendeine Begründung mit dem Gewissheitsgrad etwa der Mathematik und Naturwissenschaft unmöglich ist. Und meine Argumente dafür, warum eben dies unmöglich ist, habe ich ja nun wirklich mehrfach ausgeführt.

    Um aber nochmal die am besten greifbaren Punkte meiner Kritik zusammenzufassen:

    (1) „Humes Gesetz“ besagt, dass aus einer Reihe von ausschließlich deskriptiven Sätzen allein keine normativen Sätze abgeleitet werden können. Nicht mehr und auch nicht weniger. Du hast dich nun nicht etwa dafür entschieden, dass diejenigen, die Ayn Rands objektivistischer Ethik „Humes Gesetz“ vorhalten, Unrecht haben, weil die objektivistische Ethik Humes Gesetz gar nicht verletze. In diesem Fall hättest Du argumentieren müssen, warum das Gesetz nicht verletzt ist. Stattdessen hast Du „Humes Gesetz“ als ein unberechtigtes Dogma hingestellt. So hättest Du aber demonstrieren müssen, aus welchen ausschließlich deskriptiven Sätzen welche Norm schlüssig folgt (ohne bereits eine Meta-Norm vorauszusetzen). Dies hast Du nicht getan.

    (2) Das je eigene Leben und das rationale Eigeninteresse als einziges Kriterium unserer ethischen Maßstäbe anzusehen, führt bereits in alltäglichen Situationen zu Resultaten, die von Dir nicht erwünscht sein können. Wir kennen alle Situationen, in denen eine bestimmte Handlungsweise eindeutig, langfristig und ohne Gefahr dem Eigeninteresse dienen, aber Rechte anderer verletzen würde. Einige ganz konkrete Beispiele hatten wir bereits unter einem anderen Artikel diskutiert. Um auch diese Handlungen als moralisch unzulässig zu bewerten, bleibt Dir nichts anderes übrig, als auf Prinzipien zurückzugreifen, welche bereits bestimmte moralische Maßstäbe voraussetzen, die nicht aus dem Eigeninteresse folgen.

    (3) Eine Ethik, die als „Standard“ ausschließlich das je eigene Leben akzeptiert, ist nicht in der Lage, für außerordentliche Krisensituationen, in denen die fundamentalen Lebensinteressen mehrerer kollidieren, eine objektive, für alle Parteien prinzipiell nachvollziehbare Lösung anzubieten.

    Denk doch mal nur an das berüchtigte „Brett des Karneades“. Für zwei Schiffsbrüchige auf See ist die einzige Rettung ein einziges umhertreibendes Brett, das nur eine Person tragen kann. Eine der beiden Personen hat sich bereits auf das Brett gerettet. Nach einer Ethik mit dem je eigenen Leben als einzigen Standard müsste es für die zweite Person nicht nur entschuldigt, sondern sogar gerechtfertigt (wenn nicht gar geboten) sein, die andere Person vom Brett umzustoßen und damit zu töten. Das gleiche müsste aber auch für die erste Person gelten. Dieselbe Ethik würde für beide Personen Handlungen vorschreiben oder zumindest zulassen, die miteinander kollidieren. Unter anderem daran scheitert die Objektivität der objektivistischen Ethik. Unnötig zu sagen, dass wir die Grundsituation in dem Gedankenexperiment „Brett des Karneades“ auch im wirklichen Leben in Krisensituationen wie Krieg, Naturkatastrophe, Hungersnot, Unfall etc. vorfinden können.

    Die Hauptaufgabe der Moral- und Rechtsphilosophie ist aber doch gerade für Interessenkollisionen eine für alle Parteien prinzipiell nachvollziehbare Lösung anzubieten. Es müssen Probleme gelöst werden. Wenn eine Philosophie für solche fundamentalen Kollisionsfälle keine einheitliche Lösung bereitstellen kann, sollte man sie überdenken.

    Nun könntest Du natürlich bestimmte Prinzipien der objektivistischen Ethik mit Links auf Rand-Zitate aufzählen, die ausführen, dass die objektivistische Ethik eben nicht zu diesem Ergebnis kommt, das ich oben aus ihr für Krisensituationen gefolgert habe. Diese Prinzipien müssten aber ihrerseits zwangsläufig mit moralischen Aspekten gestützt werden, die nicht auf das je eigene Überleben aufbauen. Das wäre an sich auch nicht schlimm. Ich argumentiere ja gerade dafür, das je eigene Leben nicht als einziges und ausschließliches Kriterium der Ethik anzusehen, sondern zumindest wohldurchdachte Korrektive in rationaler Abwägung hinzuzufügen. Schlimm wäre es aber, wenn man einfach nicht eingestehen würde, dass man den Standard des je eigenen Lebens mit externen Korrektiven verbunden hat.

    • derautor sagt:

      So hättest Du aber demonstrieren müssen, aus welchen ausschließlich deskriptiven Sätzen welche Norm schlüssig folgt

      Hängt wohl davon ab, was du mit „schlüssig folgt“ meinst.

      Deskriptive Sätze: Die Überlebensmethode des Menschen ist das Denken. Werte hängen vom Leben ab und sind von diesem abgeleitet. Die Ethik, die vorschreibt, was der Mensch tun soll, dient dazu, dem Menschen Handlungsrichtlinien zu geben, damit er die Werte erreichen kann, die seinem Überleben dienen.
      Norm: Wenn der Mensch überleben will, muss er denken.

      Wenn er nicht überleben will, trifft „sollen“ nicht auf ihn zu. Die Ethik hat einem Menschen, der nicht überleben will, nichts zu sagen.

      Allmählich glaube ich, es geht hier um den Unterschied zwischen der rationalistischen, rein deduktiv-logischen Ableitung, der Logik als „Manipulation von Symbolen“ und der objektivistischen Epistemologie, auf deren Grundlage Ayn Rand argumentiert und die auf konzeptuellen Folgerungen beruht. Wenn Logik nur die Manipulation von Symbolen ist, dann gibt es zeitlose Wahrheiten wie:

      Alle As sind Bs
      Alle Bs sind Cs
      Also sind alle As Cs.

      All dies hat nichts mit echten Konzepten zu tun. Mit anderen Worten hat es nichts mit der Realität zu tun und ist somit für die Ethik sowieso irrelevant.

      Beispiel:

      Alle Menschen sind biologische Wesen.
      Alle biologischen Wesen sind sterblich.
      Also sind alle Menschen sterblich.

      Die Sterblichkeit von biologischen Wesen ist laut der modernen analytischen Philosophie keine „logische Wahrheit“, weil es sonst eine rein formelle Aussage sein müsste, belegt durch rein formelle Argumente. Da die Aussage, dass biologische Wesen sterblich ist, nicht „logisch wahr“ ist, sondern von Beobachtungen abhängt, soll man keine Ethik von Fakten ableiten können. Ich hoffe, dass du etwas anderes meinst.

      Dieser Essay von Tibor Machan sollte die Unklarheiten beseitigen:
      http://www.aynrandstudies.com/jars/archives/jars9-2/jars9_2tmachan.pdf

      Ich kann also nicht durch die Manipulation von Symbolen aus Fakten Handlungsvorgaben deduzieren. Wenn das Humes Gesetz sein soll, ist es irrelevant für ethische Debatten.

      Das je eigene Leben und das rationale Eigeninteresse als einziges Kriterium unserer ethischen Maßstäbe anzusehen, führt bereits in alltäglichen Situationen zu Resultaten, die von Dir nicht erwünscht sein können

      Du bringst es fertig, das subjektivistisch zu interpretieren.

      Für zwei Schiffsbrüchige auf See ist die einzige Rettung ein einziges umhertreibendes Brett, das nur eine Person tragen kann.

      Kein Wunder, dass sich kein Mensch mehr für Philosophie interessiert. Es ist auch wirklich besser so, wenn man bedenkt, wie viel höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Menschen an moderne Philosophen geraten als an Ayn Rand und ihre Tradition.

      Nach einer Ethik mit dem je eigenen Leben als einzigen Standard müsste es für die zweite Person nicht nur entschuldigt, sondern sogar gerechtfertigt (wenn nicht gar geboten) sein, die andere Person vom Brett umzustoßen und damit zu töten. Das gleiche müsste aber auch für die erste Person gelten. Dieselbe Ethik würde für beide Personen Handlungen vorschreiben oder zumindest zulassen, die miteinander kollidieren.

      Wie wäre es, wenn der eine für eine Weile schwimmt und dann der andere? Wenn du sagen möchtest: Stell dir eine Situation vor, in der ein Mensch den anderen töten muss, um zu überleben. Dann sage ich: Dann muss ein Mensch den anderen töten, um zu überleben. Es gibt keine Ethik, die etwas Schönes dazu aussagen könnte. Es gibt jedoch Philosophien, welche die Realität einfach ignorieren würden, um bei den Menschen besser anzukommen.

      Unnötig zu sagen, dass wir die Grundsituation in dem Gedankenexperiment “Brett des Karneades” auch im wirklichen Leben in Krisensituationen wie Krieg, Naturkatastrophe, Hungersnot, Unfall etc. vorfinden können.

      Ach, tun wir das? Wie oft bist du bislang in eine vergleichbare Situation geraten? Wie oft kommt irgendjemand in unserem Land in eine solche Situation? In den allermeisten Fällen niemals, nicht ein einziges Mal. Und doch sind solche haarsträubenden Gedankenexperimente die Hauptbeschäftigung moderner Ethiker. Sinn der Übung?

      Wenn eine Philosophie für solche fundamentalen Kollisionsfälle keine einheitliche Lösung bereitstellen kann, sollte man sie überdenken.

      Oder moderne Philosophen überdenken ihre Fokussierung auf Extremfälle und wenden sich wieder dem echten Leben zu, wie es die allermeisten Menschen in der freien Welt täglich zu bewältigen haben. Ich finde es nur noch bescheuert, von einer Philsophie eine „nette“ Antwort auf eine Situation zu erwarten, in der ein Mensch gezwungen ist, einen anderen, Unschuldigen, zu töten, um zu überleben.

      Observe also that the advocates of altruism are unable to base their ethics on any facts of men’s normal existence and that they always offer „lifeboat“ situations as examples from which to derive the rules of moral conduct. („What should you do if you and another man are in a lifeboat that can carry only one?“ etc.)

      The fact is that men do not live in lifeboats—and that a lifeboat is not the place on which to base one’s metaphysics.

      The moral purpose of a man’s life is the achievement of his own happiness. This does not mean that he is indifferent to all men, that human life is of no value to him and that he has no reason to help others in an emergency. But it does mean that he does not subordinate his life to the welfare of others, that he does not sacrifice himself to their needs, that the relief of their suffering is not his primary concern, that any help he gives is an exception, not a rule, an act of generosity, not of moral duty, that it is marginal and incidental—as disasters are marginal and incidental in the course of human existence—and that values, not disasters, are the goal, the first concern and the motive power of his life.

      http://kslinker.com/ayn_rand_the_ethics_of_emergencies.html

  7. ulpian sagt:

    Zu meinem Punkt (1): naturalistischer Fehlschluss

    Zitat von Dir:
    “ Deskriptive Sätze: Die Überlebensmethode des Menschen ist das Denken. Werte hängen vom Leben ab und sind von diesem abgeleitet. Die Ethik, die vorschreibt, was der Mensch tun soll, dient dazu, dem Menschen Handlungsrichtlinien zu geben, damit er die Werte erreichen kann, die seinem Überleben dienen.
    Norm: Wenn der Mensch überleben will, muss er denken.“

    Wie soll den bitteschön eine reine Technologie zum bloßen ÜBERleben wie „Wenn Du am Leben bleiben willst, tu dies und das“ das Humesche Gesetz überhaupt tangieren? Was haben denn solche Sätze mit dem naturalistischen Fehlschluss zu tun, wie er in der Philosophie begründet und diskutiert wird? Warum hast Du dann überhaupt die Notwendigkeit gesehen, Humes Gesetz zu kritisieren?

    Man muss am Leben bleiben, damit für einen die Ethik überhaupt noch relevant ist. Und um am Leben bleiben zu können, muss man gewisse Sachen machen. Das kann man nicht bezweifeln. Das können wir von mir aus GEWISS nennen. Was folgt nun alles daraus?

    Dabei bleibt deine Ethik doch nicht. Du möchtest doch EINZIG DARAUF die Prinzipien der Demokratie, des Rechtsstaates, des Liberalismus etc. gründen. Mehr noch: Von Prostitution bis hin zur Sozialgesetzgebung, von freiwilliger Aufopferung für die Rettung fremder Leben bis hin zur Außenpolitik vertrittst Du doch dezidierte Meinungen unter Berufung auf die „objektivistische Ethik“ und erhebst meist implizit oder explizit den Anspruch auf dieselbe GEWISSHEIT. Als ob all diese Meinungen einwandfrei auf das Prinzip „Man muss am Leben sein, damit für einen die Ethik relevant ist.“ zurückgeführt werden könnten.

    (Selbstverständliches Prinzip, das keiner je bestritten hat:) Um weiterhin ein potenzielles Subjekt von ethischen Anforderungen zu sein, muss ein Mensch überhaupt am Leben bleiben und hierfür muss er dies und das tun.

    Dieses Prinzip allein kann doch unmittelbar nur das erfassen, was wirklich zum bloßen Überleben notwendig ist. Jeder, der das Prinzip akzeptiert (wer akzeptiert es denn nicht?), kann vollkommen widerspruchsfrei für alles weitere, nachdem das Überleben als solches gesichert ist, andere Prinzipien vorschlagen (etwa das Glück der größtmöglichen Zahl oder Verminderung unnötigen Leids, wo immer möglich etc.). Aus diesem Prinzip folgt doch erstens nicht zwangsläufig, dass die gesamte Ethik lediglich auf dem je eigenen Leben beruhen muss. Und zweitens kannst Du all die ethischen Maßstäbe, die Du begründen möchtest, allein mit dem je eigenen Leben gar nicht begründen (siehe dazu nochmal den letzten Punkt unten).

    ____________________

    Zu meinem Punkt (3): scheinbar „extreme“ Kollisionsfälle

    Du meinst, dass die von mir ins Feld geführten Fälle realitätsfern und für Deutschland irrelevant seien, dass es müßig sei, sich mit solchen Fällen überhaupt zu befassen und dass ohnehin keine Ethik in diesen Fällen irgendetwas regeln könne.

    (Ich habe hier bewusst nicht dich zitiert, sondern deine Replik selber zusammengefasst, um deine teilweise unnötig aggressiven und ironischen Formulierungen nicht wiederholen zu müssen. Ein solcher Stil ist nicht schwer anzuwenden, nur ist es meistens der Sache nicht dienlich.)

    Was Realitätsferne ist, darüber kann man streiten. In Griechenland zum Beispiel gibt es MOMENTAN Familien, die sich lebensnotwendige Medikamente nicht leisten können. Wie weit man in so einer Situation als Betroffener moralisch zulässigerweise gehen darf und wo eine Grenze gezogen werden muss, das scheint mir eine Frage zumindest auch der Ethik zu sein. Aber ok, bleiben wir mal in Deutschland.

    Diese „Extrem-Fälle“ sind auch in Deutschland juristisch geregelt, vgl. etwa die Notstandsparagraphen §§ 34, 35 StGB. Und diese Regelungen finden auch tatsächliche Anwendung. Deutsche Gerichte verschiedener Instanzen befassen sich sozusagen täglich damit. Wobei es nicht immer um eine Tötung geht (aber auch das kommt oft genug vor), sondern generell um die Verletzung fremder Rechte zur Wahrung eigenen Lebens, Gesundheit oder Freiheit (Fälle der Interessenkollisionen eben). Die Paragraphen haben teilweise komplizierte Voraussetzungen. Eine Tötung zur Rettung eigenen Lebens im Falle des Karneades wäre nach deutscher Regelung entschuldigt (§ 35), aber nicht gerechtfertigt (§ 34). Das läuft aufgrund der Straffreiheit nur scheinbar auf dasselbe hinaus. Entschuldigung und Rechtfertigung haben zum Teil gravierende Unterschiede in den Rechtsfolgen (z.B. was die Maßregeln für den Betroffenen oder die Bestrafung von seinen Helfern angeht).

    Wichtig hier ist: Um überhaupt solche Regelungen mit faktischen Auswirkungen auf Menschenleben durch rationale Abwägungen vornehmen zu können, brauchen wir eine moral- und rechtsphilosophische Diskussion als Grundlage. Irrelevant ist es also sicherlich nicht. Eine Moralphilosophie sollte auch für solche Kollisionsfälle einheitliche Lösungen zur Diskussion stellen können, die von allen betroffenen Parteien prinzipiell nachvollzogen werden könnten. Die objektivistische Ethik, wie Du sie vertrittst, tut dies nicht.

    ____________________

    Zu meinem Punkt (2): Alltagssituationen, in denen das je eigene Leben und das Eigeninteresse als Standard nicht ausreichen

    Auf diesen einen Kritikpunkt gibst Du einfach keine Antwort. Und auch in deinem letzten Beitrag gehst Du hierauf überhaupt nicht ein.

    Es gibt im Alltag Situationen, in denen eine bestimmte Handlungsweise eindeutig, langfristig und ohne Gefahr dem Eigeninteresse dienen, aber fremde Rechte verletzen würde (wir alle kennen doch aus eigener Erfahrung solche Situationen).

    Ich wiederhole nur mal das konkrete Beispiel von der vorherigen Diskussion, aber es lassen sich unschwer zahlreiche nicht unwahrscheinliche Fälle finden: Ein armer Familienvater mit hohen Schulden findet auf der Straße völlig unbeobachtet eine gut gefüllte Brieftasche mit Ausweis. Der Eigentümer ist offensichtlich sehr reich. Die Verwendung des Geldes zur Begleichung der Schulden würde das Arbeits- und Familienleben des Finders erheblich entlasten; für den Reichen wäre es leicht zu verschmerzen. Der Finder beruhigt sein Gewissen damit, dass er das Geld viel nötiger brauche, dass der Verlust den reichen Eigentümer überhaupt nicht empfindlich treffen werde, dass er es ohnehin nicht selber entwendet sondern nur gefunden habe, dass er es irgendwann doch bestimmt zurückzahlen könnte etc. Jedenfalls hat er mit dem Behalten des Geldes psychologisch keine Probleme.

    Wir beide sind der Meinung, dass er ethisch verpflichtet ist, die Brieftasche dem Eigentümer zu geben. Ich behaupte aber: Zu diesem Ergebnis kann man nicht kommen, wenn man für die gesamte Ethik das je eigene Leben und Eigeninteresse als ausschließliches und alleiniges Kriterium akzeptiert. Jeder Rückgriff auf „Prinzipien“ oder „Tugenden der objektivistischen Ethik“, um doch noch zu diesem Ergebnis zu kommen, würde in einen logischen Zirkel geraten. Denn diese Prinzipien oder Tugenden müssten ihrerseits durch moralische Erwägungen geschützt werden, die nicht allein aus dem individuellen Eigeninteresse folgen können.

    • derautor sagt:

      Jetzt habe ich einen Beitrag zu genau deinen Einwänden von einem akademischen Philosophen, Tibor Machan, mit unzähligen Veröffentlichungen in anerkannten Fachmagazinen, verlinkt. Das ist dir offenbar wieder mal, wie die meisten meiner Ausführungen und die von sba, total egal. Stattdessen ist unsere Diskussion ein Magnet für Trolle geworden, die kein Interesse an einem echten Verständnis haben und die alles, was ich sage, auf maximal hirnverbrannte Weise interpretieren. Schau dir doch einfach mal die Begründung des ethischen Standards bei Kelley, Peikoff, Machan an. Da sind zwei normale, etablierte akademische Philosophen darunter, die deine Sprache sprechen. Bislang hast du alles Englische ignoriert. Entweder du kannst die Sprache nicht, dann gib es endlich zu, oder du hast ėine andere Motivation. Diese Diskussion schließe ich jetzt. Wer es verstehen will, der hat jetzt alle nötigen Erklärungen und Quellen. Es empfiehlt sich auch ein Blick auf die objektivistischen Tugenden und die Rolle des Lebensglücks und deren Verhältnis zum Standard.

      • ulpian sagt:

        Tut mir wirklich leid, dass Du unsere Diskussion so betrachtest. Die externen Links in deinem ursprünglichen Artikel oben hatte ich mir angesehen und glaube, sie auch hinreichend verstanden zu haben. Den Link in deinem letzten Beitrag hatte ich mir tatsächlich erspart, da das, was Du unmittelbar davor geschrieben hast, nichts mit meinen Einwänden zu tun hatte.

        Ich verstehe aber grundsätzlich einen solchen Vorwurf nicht. Ich schmeiße ja auch nicht mit Links um mich herum und weise dich an, etwa die Begründung des naturalistischen Fehlschlusses oder die Demonstration der Unmöglichkeit einer logisch-empirisch zwingenden Ethik in einem Fachartikel eines anerkannten Philosophen zu lesen. Und solche Artikel gibt es. Wenn Du glaubst, dass ein entscheidendes Argument gegen meine Einwände in einem dieser Links steht, dürfte es doch nicht schwer sein, dieses einfach selbst zu formulieren. So würde ich mir eine Diskussion vorstellen.

        Auf deine Argumente bin ich jedenfalls stets eingegangen und mich so gut ich kann bemüht, nichts Entscheidendes, was Du geschrieben hast, einfach unter den Tisch zu kehren, zu ignorieren oder aus dem Zusammenhang zu reißen. Ich muss aber gestehen, dass ich den selben Eindruck bei deinen Antworten nicht immer hatte.

        Wen Du mit „Trollen“ mit ihren „hirnverbrannten“ Interpretationen meinst, weiß ich zwar nicht genau. Vermutlich spielst Du aber auf Leser an, die hier Kommentare schreiben, die aber Du nicht aktivierst. Da ich sie nicht lesen kann, vermag ich sie nicht zu beurteilen. Finde es aber seltsam, dass Du das mir anlastest.

        So haben wir uns also nicht nur nicht einigen können; darüber hinaus gehen wir auch mit sehr divergieren Meinungen über den Diskussionsstil des anderen aus dieser Diskussion auseinander.

        Vielleicht wäre es empfehlenswert, wenn wir uns beide diese ganze Diskussion so in drei Monaten mit gewissem Abstand nochmal durchlesen würden. Möglicherweise könnten wir dann einiges besser sehen.

        Dass Du mir aber eine „andere Motivation“ unterstellst, finde ich, nun, bleiben wir bei „seltsam“. Trotzdem danke für die Diskussion.

        • derautor sagt:

          Wenn Du glaubst, dass ein entscheidendes Argument gegen meine Einwände in einem dieser Links steht, dürfte es doch nicht schwer sein, dieses einfach selbst zu formulieren.

          Ich habe es selbst formuliert, aber du ignorierst es einfach wiederholt. Daher die Links als Ergänzungen, hat natürlich auch nichts gebracht. Die Bemerkung mit den anerkannten Fachmagazinen bezieht sich auf einen ehemaligen Mitdiskutanten namens „Fitz“, der nichts anderes anerkennen wollte als anerkannte Fachmagazine. Jetzt hat er seine Fachmagazine und wird er mir deshalb zustimmen? Nein. Weil er ein Troll ist wie Bernd und andere, die hier nur Ärger machen wollen und die offenbar dadurch motiviert werden, wie du dich rhetorisch auf eine erhabene Position des weisen, belesenen Philosophen stellst, was auch immer du inhaltlich sagst, und mich von oben herab wie irgendeinen Crétin behandelst, was immer ich sage.

          Und wenn man sich mal ansieht, was nun hinter der Rhetorik steht, gibts wieder nichts als den üblichen modernen Unsinn mit dem Leben im Rettungsboot und mit den kontextlosen Situationen. „Aber was ist, wenn du eine Brieftasche klaust und wirst nicht erwischst, dient das nicht deinem rationalen Eigeninteresse?“ Du schaust immer nur auf isolierte Szenarien, die du dir ausdenkst und überlegst, wie man darauf reagieren würde.

          Dazu passt wunderbar, was Friedrich Sommer geschrieben hat. Demnach müsste man sich in jeder Situation nur fragen, was nun dem Überleben dient, anstatt die Frage zu stellen, wie der Mensch als Mensch überleben kann, welche Prinzipien und Tugenden er dafür benötigt. Steht man also vor der Wahl, eine Frau namens Maria oder eine Frau namens Sarah zu ehelichen, so müsste man sich demnach für diejenige entscheiden, die das eigene „Überleben“ begünstigt, die vielleicht besser kochen kann und besser auf die Gesundheit ihres Partners achtet. Oder, vor der Frage stehend, ob man Physik oder Germanistik studieren sollte, so würde man sich einfach überlegen, womit man besser überlebt, und studiert das dann. Wenn man vor der Wahl steht, ein Schokoeis oder ein Erdbeereis zu verschlingen, so wählt man das Eis, das einen länger leben lässt, wie auch immer man das entscheiden sollte.

          Gott, ich bin im falschen Jahrhundert geboren. Vorrüber sind die großen Fragen über den Menschen und seinen Platz auf der Welt. Heute geht es ums Überleben auf einem Stück Holz im Meer, auf das ein anderer liegen möchte, oder um Fragen wie: „Was ist wenn ein Terrorist dich mit der Waffe bedroht und dir befiehlt, Sex mit deiner Tocher zu haben, würdest du es tun?“

          Viel Spaß mit der erhabenen Auserlesenheit im erlauchten Diskurs unter modernen Moralphilosophen.

          Den Link in deinem letzten Beitrag hatte ich mir tatsächlich erspart, da das, was Du unmittelbar davor geschrieben hast, nichts mit meinen Einwänden zu tun hatte.

          Es ging dir doch offenbar um Humes Verständnis der Deduktion im Vergleich zu Rands konzeptuellen Ableitungen. Und genau darum geht es in dem Artikel.

          Ich schmeiße ja auch nicht mit Links um mich herum

          Damit hätte ich sicher kein Problem gehabt.

          Auf deine Argumente bin ich jedenfalls stets eingegangen

          Du bist auf fast gar nichts eingegangen. Du hast immer nur wiederholt, dass man kein Sollen vom Sein ableiten könne, dass es diese Diskussion schon zwischen Kognitivisten und Nonkognitivisten gab (und welch Trottel muss ich sein, das nicht zu wissen) und natürlich, dass ich das Thema gar nicht ankratze, weil niemand ein Problem damit hat, Verhaltensbedingungen für das menschliche Überleben vorzuschreiben. Darum geht es aber eben nicht. Es geht darum, dass eine Ethik auf Grundlage eines anderen Standards als dem Leben nicht möglich ist und dass dieser Standard direkt von den Fakten der menschlichen Natur und der menschlichen Überlebensbedigungen abgeleitet ist.

          Ich fand deinen Diskussionsstil respektlos, weil du nicht versucht hast, meine Position zu verstehen. Ich verstehe deine, weil ich selbst dort angefangen habe.

          • ulpian sagt:

            Gut aber, wir brauchen ja jetzt nicht ewig das Spiel „Wer das letzte Wort hat“ weiter zu spielen. Denn vor deinem letzten Kommentar bezogen sich bereits unsere beiden letzten Kommentare nicht mehr auf die Sache, sondern auf den Stil, die Verständnisgabe und -bereitschaft oder auch die Motivation des anderen.

            Mein vorheriger Vorschlag ist wirklich ernst gemeint: Lesen wir doch beide so nach drei Monaten die gesamte Diskussion hier uns noch einmal durch. Denn momentan kann ich wirklich in meinen Beiträgen nichts von dem erkennen, was Du mir vorwirfst. Und Du deinerseits kannst in deinen Beiträgen nichts sehen, was ich Dir vorwerfe. Das ist wirklich sehr seltsam. Denn das meiste, was Du mir vorwirfst, glaube ich momentan in deinen Beiträgen vorfinden zu können (Nicht-Eingehen auf Argumente, respektlose Behandlung, aggressive und überhebliche Rhetorik etc). Vielleicht sehen wir das mit gewissem Abstand ein wenig anders.

  8. Friedrich Sommer sagt:

    Da das grundlegende Prinzip dieser Ethik außerdem nicht mal mehr das Gut-Leben ist, sondern das bloße Überleben, handelt es sich sowieso um die reinste Antiethik.

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