Außer Rand und Kant

Ayn Rand (sprich: „Ein Ränd“) sah den deutschen Spätaufklärer Immanuel Kant als ihren Erzfeind schlechthin an. Seine Philosophie widerspreche ihrer eigenen, dem Objektivismus, in jedem wichtigen Bereich diametral. Ihr Lebenswerk sei der Zerstörung von Kant gewidmet. Nun ist mir aufgefallen (siehe Kapitel 6 in Der Westen. Ein Nachruf), dass sie sich in einigen Bereichen durchaus weitgehend einig waren, etwa in Punkto Strafrecht. Man fragt sich, wie tief der Graben letztlich ist.

Die metaphysischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Rand und Kant hat der Philosoph George V. Walsh systematisch in einem Essay namens Ayn Rand and the Metaphysics of Kant dargestellt, der im Journal of Ayn Rand Studies abgedruckt wurde.

Insgesamt denke ich, dass Rands Darstellungen von Kants Ansichten zwar sehr knapp und direkt ausgefallen sind, aber gibt man sich Mühe, sie richtig zu verstehen – und dann weiß man auch, dass sie stets die vollen Implikationen einer Philosophie vor Augen hatte – sind es doch sehr scharfsinnige Analysen. Sie gibt in ihren Kritiken nicht einfach wieder, was Kant aussagte, sondern sie macht die Implikationen seiner Aussagen deutlich; also das, was aus diesen logisch folgt. Und damit hat sie meiner Einschätzung nach Recht.

Allerdings drückt sie sich manchmal missverständlich und polemisch aus. Beispielsweise unterstellt sie Kant, er behaupte, die Realität sei nur eine „kollektive Wahnvorstellung“. Das ist nicht ganz korrekt, denn Wahnvorstellungen kann man von richtigen Vorstellungen unterscheiden. Für Kant jedoch nehmen wir alle die Realität nur indirekt durch Filter in unserem Bewusstsein (die Kategorien) wahr und daher wüssten wir nicht, wie die wahre Wirklichkeit beschaffen sei. Ich finde es naheliegend, dies polemisch eine „kollektive Wahnvorstellung“ zu nennen und Kant zu unterstellen, er behaupte, die Tatsache, dass wir die Welt mit bestimmten Sinnen wahrnehmen, würde beweisen, dass wir nicht die reale Welt, die Dinge an sich wahrnehmen. Rand eignet sich kurz gesagt nicht für eine Einführung in Kants Denken. Dieses sollte einem bereits geläufig sein. Ist es das, bringt Rand die Mängel sehr klar auf den Punkt.

Auch wer sich für das Verhältnis des Objektivismus zu den Naturwissenschaften interessiert, sollte hier mal reinschauen:

Einige Zusammenfassungen von Walshs Schlussfolgerungen über Rands und Kants Metaphysik und Epistemologie (also Ethik, Politik, Ästhetik unbeachtet):

Gemeinsamkeiten

1.) Sie akzeptieren beide die Existenz einer Welt, deren Hauptbestandteile sie Entitäten oder Objekte nennen, die in einem System aus Raum, Zeit und Kausalität angeordnet sind und von Menschen allgemein wahrgenommen werden. Diese Welt nennt Kant „empirische Realität“ und Rand nennt sie einfach „Realität“. Im Gegensatz zu dieser Welt gibt es individuelle und kollektive Illusionen und Wahnvorstellungen. Diese können durch die Anwendung von gewöhnlichen Regeln und Prozessen erkannt und korrigiert werden.

2.) Sie sind sich beide einig, dass die richtige Anwendung der perzeptuellen und konzeptuellen Fähigkeiten des Menschen, seine Vernunft, bei der Auseinandersetzung mit dieser Welt zu Wissen führen.

3.) Sie sind sich einig, dass der Mensch diese Welt als metaphysisch gegeben anerkennen muss, also als „außerhalb der Macht jeglichen Willens“ (Rand), um sich an sie anzupassen, sie zu kontrollieren und in ihr Erfolg zu haben.

Unterschiede

1.) Rand argumentiert, dass diese Welt aus raumzeitlich und kausal verbundenen Entitäten die gesamte Realität ausmache, was auch bekannt sei, während Kant behauptet, dass eine andere Realität, die teleologisch geordnet ist und die außerhalb von Raum, Zeit und Kausalität steht, wenigstens denkbar sei, auch wenn man nichts von ihr wissen könne. Zu dieser denkbaren Welt gehören für Kant das Universum als Ganzes, Gott, die Seele, die menschliche Willensfreiheit und die Ordnung der Dinge, die die menschliche Unsterblichkeit ermöglicht (sein Leben nach dem Tod). Rand leugnet, dass das, was man grundsätzlich nicht wissen kann, denkbar sei. Für sie gehört die Willensfreiheit zu den natürlichen Eigenschaften des Menschen.

2.) Kant geht davon aus, dass das Bewusstsein zwei grundlegende Formen habe, Sinnlichkeit und Verstand, beide mit ihren A-Priori-Gesetzen, während die A-Priori-Gesetze des Verstandes  für Sinnlichkeit und Verstand gleichermaßen gelten.  Die Art und Weise, wie die A-Priori-Gesetze des Verstandes sinnliche Wahrnehmungen in Objekte der Erfahrung organisieren, sei auf zwölf Kategorien begrenzt. Rand hingegen erkennt zwar einen großen graduellen Unterschied zwischen dem Konzeptuellen (Begriffen) und dem Perzeptuellen (Sinneswahrnehmungen) an, sie leitet jedoch Begriffe von dem ab, was wir wahrnehmen, also Konzepte von Sinneswahrnehmungen. Sowohl Sinneswahrnehmungen als auch Konzepte sind mit drei axiomatischen Konzepten vereinbar, Existenz, Identität und Bewusstsein.

3.) Laut Kant ist die empirische Realität lediglich die Art und Weise, wie uns reale Objekte erscheinen. Von den „Dingen an sich“ wissen wir nichts, wir kennen nur die Art und Weise, wie unser Bewusstsein sie wahrnimmt. [Wie Rand es ausdrückt: Laut Kant sind wir blind, weil wir Augen haben und taub, weil wir Ohren haben; AM]. Für Rand ist es eine Aufgabe der Naturwissenschaften, zu bestimmten, welche Entitäten existieren. Wir wissen lediglich, dass sie zu den drei Axiomen passen müssen, sonst haben wir unsere Beobachtungen falsch interpretiert. Während der Mensch die Welt mit Sinnen wahrnimmt, denen bestimmte Wahrnehmungsformen zugeordnet sind, so schränkt das die konzeptuelle Ausweitung seines Wissens nicht ein.

4.) Im Gegensatz zu Kant leugnet Rand die Unterscheidung zwischen synthetischen und analytischen Urteilen. Leonard Peikoff erläutert dies näher in seinem Essay The Analytic-Snythetic Dichotomy (in Ayn Rands Introduction to Objectivist Epistemology). Demnach gebe es auch kein synthetisches Urteil a priori. Also gibt es nichts, was unsere Erkenntnisfähigkeit einschränken und den Glauben notwendig machen würde. Die Tatsache, dass unsere Sinnesorgane eine bestimmte Identität haben, nimmt ihnen nicht ihre Verlässlichkeit. Irgendwie müssten wir die Welt schließlich wahrnehmen.

5.) Kant geht davon aus, dass wir über Gott, Willensfreiheit, das Universum als Ganzes und das Leben nach dem Tod prinzipiell nichts wissen könnten. Sowohl Belege dafür, als auch Belege dagegen sind für ihn nichtig. Da wir aber diese Dinge für die Moral bräuchten, sollten wir einfach blind an sie glauben.

Laut Rand sollten wir überhaupt nichts blind glauben. Die Willensfreiheit ist direkt erkennbar, Moral kann auf Grundlage der objektiven Notwendigkeiten des Lebens bestimmt werden. Gott und ein Leben nach dem Tod existieren nicht. Dies sind für Rand willkürliche Behauptungen, da sie nicht auf empirischen Belegen beruhen (der Objektivismus beruht vollständig auf empirischen Belegen und auf Konzepten, die von unseren Sinneswahrnehmungen abgeleitet sind). Auf das Universum als Ganzes könnten wir nur die Axiome anwenden. Demnach habe das Universum eine bestimmte Identität, wir können es grundsätzlich erkennen und es sei endlich (weil alles andere endlich ist, eine universelle Eigenschaft von Entitäten).

6.) Kant limitiert das, was wir wissen können, auf Kategorien und diese auf Erscheinungen. Rand erklärt: „Ich habe festgestellt, dass unser Wissen unbegrenzt ist und für den Glauben keinen Platz lässt.“ Es ist nicht nötig, irgendetwas zu glauben, da wir alles wissen können.

Literatur

The Journal of Ayn Rand Studies (alle älteren Ausgaben gratis als PDF!)

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=feuerbringer-21&o=3&p=8&l=as1&asins=B002OSXD8C&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

2 Kommentare zu “Außer Rand und Kant

  1. FluxCompensator sagt:

    Laut Rand&Kant besteht die Welt also Entitäten/Objekten die in Raum und Zeit existieren und der Kausalität gehorchen. Ist nun der Mensch auch eine solche Entität, welche der Kausalität gehorcht? Steht dies dann ggf. nicht im Widerspruch zur Willensfreiheit, die laut Rand „direkt erkennbar“ ist (wie?)? Vielleicht handelt es sich es aber nur um einen scheinbaren Widerspruch, weil Philosophen meines Wissens zwischen Kausalität und Determinismus unterscheiden, was mir als Naturwissenschaftler aber noch nie so richtig eingeleuchtet hat.

    • derautor sagt:

      Ja, der Mensch ist eine Entität, eine „Wesenheit“. Und er gehorcht der Kausalität. Und Philosophen unterscheiden zwischen Kausalität und Determinismus. Kausalität bedeutet essenziell, dass Entitäten ihrer Natur gemäß handeln. Eine Kugel rollt. Eine Ente quakt. Die Sonne brennt. Der Determinismus bedeutet, dass alle Ereignisse inklusive menschlicher Entscheidungen notwendig aus vorangegangenen Ursachen resultieren. Während es im kausalen Kontext also durchaus sein kann, dass der Mensch Gedanken initiieren kann, insofern ein voluntaristisches Bewusstsein zu seiner Natur gehört, so wäre das laut dem Determinismus unmöglich.

      Es ist kein Wunder, dass Physiker zum Determinismus neigen, weil er ja für die unbelebte Natur weitgehend zu gelten scheint. Aber er gilt eben nicht für Lebewesen (und, wie es aussieht, für subatomare Partikel).

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