Herzlichen Glückwunsch: Der Sozi hat gewonnen!

Vielleicht klappts jetzt auch mit der Homoehe, für die sich Obama noch im Wahlkampf 2012 aussprach. Das war in der Tat sehr mutig und dafür gebührt ihm meine Anerkennung.

Irgendetwas sagt mir allerdings, dass nicht nur die Republikaner an den Rändern (die glauben, Obama sei nicht in den USA geboren, etc.) ein verzerrtes Bild von Barack Obama haben. Auch seine deutschen Unterstützer scheinen sich nicht recht darüber im Klaren zu sein, wodurch sich Obama eigentlich auszeichnet. Hier einige überraschende Fakten über den wiedergewählten US-Präsidenten:

1. Barack Obama gehört zu den Atomkraftbefürwortern und er ließ bereits mehrere neue Kraftwerke errichten. Er zählt die Atomenergie zu den nachhaltigen, umweltschonenden Energiequellen.

2. Der  US-Präsident befürwortet die Todesstrafe für besonders schlimme Verbrechen wie Massenmord und für die Vergewaltigung von Kindern.

3. Er  legalisierte 2009 die verlängerte Vorbeugehaft  für als „besonders gefährliche“ Terroristen eingeschätzte Gefangene. Auch wenn deren Schuld von keinem Gericht anerkannt wurde.

4. Guantanamo Bay und das umstrittene Militärgefängnis Bagram sind noch immer in Betrieb.

5. 2011 unterschrieb Obama ein Sicherheitsgesetz, das US-Behörden erlaubt, terrorverdächtige Ausländer auf unbegrenzte Zeit in Haft zu nehmen.

6. Obama setzt auf Drohnenangriffe gegen Terroristen, denen auch viele Zivilisten zu Opfer gefallen sind. George W. Bush hatte zivile Verluste durch einen stärkeren Einsatz von Bodentruppen nach Kräften vermieden.

Das soll nicht heißen, dass ich mit diesen Dingen, oder mit allen von ihnen, unbedingt ein Problem hätte. Ich frage mich lediglich, warum genau Obama bei den eher sozialdemokratischen Europäern so beliebt sein sollte.

Das konservative US-Magazin FrontPageMag gibt sich besorgt darüber, was mit Obama noch drohen könnte. Einige der Kritikpunkte:

1. Obamas Appesement gegenüber der muslimischen Welt. Er machte beispielsweise ein billiges Mohammed-Video für die gewalttätigen Anschläge auf US-Botschaften verantwortlich.

2. Obama steht nicht eindeutig auf der Seite Israels und nannte in seiner Kairoer Rede die israelischen Siedler im selben Atemzug mit der mangelnden Bereitschaft der Palästinenser, Israels Existenz anzuerkennen (und somit das Existenzrecht der dort lebenden Juden). Kein Wunder, dass sich 57% der Israelis für Mitt Romney aussprachen und nur 22% für die Wiederwahl Obamas.

Der irische Blogger Mark Humphrys wirft erneut mit Fakten und Statistiken über die Wahl um sich. Außerdem drückt er seine Frustration über den Wahlsieg Obamas aus. Er stellte unter anderem fest, dass ganze 93% der amerikanischen Schwarzen für Obama stimmten, während immerhin 39% der Weißen für den schwarzen Kandidaten ihre Stimme abgaben. Am Inhalt der Programme und an Obamas Erfolgen wird das kaum gelegen haben, schließlich erreichte die schwarze Arbeitslosigkeit unter Obama neue Rekorde.

Aus den statistischen Analysen geht außerdem hervor: „Man nehme zur Kenntnis, dass Obama der Kandidat der Jungen, der Singles, der Kinderlosen, der Naiven und Studenten und der Arbeitslosen ist. Derweil ist Romney der Kandidat der Erwachsenen mit Jobs und Familien und Kindern und Hypotheken.“

Humphrys Erklärung zum Wahlsieg Obamas ist interessant. Immerhin bin ich ihm schon lange zuvorgekommen. Erster!

Ich ändere mein Selbstverständnis von „pro-amerikanisch“ zu „pro-westlich“

Man ändert nicht jeden Tag sein Selbstverständnis, aber ich denke, nach der Wiederwahl Barack Obamas muss ich mein lang etabliertes Selbstverständnis als „pro-amerikanisch“ verändern.

Ja, ich bin pro-westlich und mein ganzes Leben lang war Amerika der Anführer des Westens. Aber falls genügend amerikanische Wähler möchten, dass Amerika von dieser Rolle zurücktritt, um nur eine weitere unbestimmte, apologetische, vormals große Macht wie England und Frankreich zu werden, dann beschreibt „pro-westlich“ meine Weltanschauung allmählich besser als „pro-amerikanisch“.

Amerika ist immer noch die größte Nation der Welt, der wissenschaftliche und kulturelle Anführer, und der interessanteste Ort des Planeten. Aber es ist offenbar nicht länger der politische Anführer der freien Welt. Der Westen ist nun mehrpolig. Er hat keinen Anführer.

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7 Kommentare zu “Herzlichen Glückwunsch: Der Sozi hat gewonnen!

  1. Laura sagt:

    Könnten es rassistische Gründe sein, dass so viele Amerikaner Obama gewählt haben?

  2. Fred sagt:

    Die Berichterstattung über die US-Wahl in den deutschen Medien einseitig pro Obama zu nennen wäre vermutlich noch stark untertrieben. Damit lässt sich auch die Begeisterung erklären.

    Ich glaube vor allem demographische Trends haben die Wahl entschieden. Obama konnte die schwarzen Stimmen überragend gewinnen, ebenso die Latinos. Beide Gruppen wachsen in den USA aufgrund stärkerer Geburtraten und/ oder Migration stärker an. Genauso konnte er stärker bei den Frauen gewinnen die tendenziell eher den Sozialstaat unterstützen.

  3. Milfweed sagt:

    Das war doch bei Bush genauso schlimm in den deutschen Medien. Auch ein Grund warum ich ihn polemisch verteidigt habe, obwohl ich ihn als Liberaler gar nicht mochte. Meine deutschen Kollegen machen sich über die Reps wegen der „Kriege“ und „Steuersenkungen“ lustig und nicht wegen deren Missachtung von Individualrechten (Homoehe, Religion usw.)

  4. Rauh sagt:

    Ich warte auf Ihren nächsten Beitrag. Karneades zweiter Tag in Rom. Und so.

  5. DerFelek sagt:

    Nicht zu vergessen: Obama hat ja mal so kurz laut zu Medjedjew gesagt, dass er nach der Wahl „flexibler“ sein würde. Aka, kein Antiraketenschild für Nato-Mitgliedland Polen. Das neoimperial. Russland hat schon mal seine eigenen Raketen, welche auf Warschau ect gerichtet sind, in Kaliningrad vorinstalliert.Obama steht für alles, aber nicht für eine klar pro-westliche Politik.

  6. sba sagt:

    Amerika … ist offenbar nicht länger der politische Anführer der freien Welt. Der Westen ist nun mehrpolig. Er hat keinen Anführer.
    Muss ja nicht unbedingt schlecht sein: Insofern Freiheit auf mehr Freiheit hinausläuft, ist das Wegfallen von Führungsrollen eigentlich eine mehr oder weniger logische Folge von Befreiungsprozessen (m Gegensatz zu allen Revolutionen, nach oder während denen erstmal ein Machtkampf unter den revolutionären Protagonisten ausbrach).
    Blöd ist nur, wenn von den mehreren Polen des Westens keiner eine Idee hat, wofür er steht und keinen Plan, wie er es erreicht und bewahrt.

  7. JMA sagt:

    Ach, oft genug wählt man doch eine Alternative, weil man die andere ganz sicher NICHT will – das kleiner Übel. Die Republikaner sind eben selber schuld, wenn sie so oft Leute auf den Schild heben, die gar zu wenig die Mitte abholen können.

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