In unserem Land, in deiner Stadt

Am Bonner Hauptbahnhof ist ein Selbstmordattentat auf Passanten missglückt. Am Bahnsteig eins war der Sprengkörper in einer Sporttasche platziert worden. Genau dort hatte ich einige Male als Promoter gearbeitet.

Und ich hatte dort sogar Salafisten gesehen, genauer einen weißen Mann mit langem Bart, weißer Kutte und seine verschleierte Frau. Das ist schon ein paar Monate her, irgendwann im Sommer, und ich gehe nicht davon aus, dass die irgendetwas mit dem Anschlag zu tun hatten. In Bonn gibt es ja eine salafistische Szene, also laufen dort eine ganze Reihe von denen herum. Ich hatte mir damals gedacht, na gut, die haben zwar alle einen Dachschaden, aber es sind ja nicht alle Terroristen. Also habe ich das Paar freundlich angelächelt.

Irgendwie fühlt es sich jetzt dämlich an, das getan zu haben.

Wäre die Bombe an einem meiner Einsatztage explodiert, könnte ich diesen Text nicht schreiben und man hätte Mühe, meine Überreste vom Boden aufzukratzen. Ich bin mehrmals an genau der Stelle vorbeigelaufen, wo man die Tasche gefunden hatte – wie natürlich auch andere, die am Bahnhof arbeiten; erst recht jene, die das regulär tun. Und wie unzählige Reisende.

Die Salafisten, falls es denn welche waren (andernfalls gehörten sie einer anderen Kategorie radikaler Muslime an, aber sie erfüllten das Salafisten-Klischee, wie man es aus dem Fernsehen kennt) sahen wirklich nett und zivilisiert aus. Exotische, aber saubere Kleidung und ich glaube mich erinnern zu können, dass die schwarz umhängte Frau auf ihrem Handy herumtippte. Der Mann hatte einen ernsthaften, aufrechten Gesichtsausdruck. Irgendwie respekteinflößend.

Und solche Leute sind in der Lage, mit einer Bombe gezielt harmlose Passanten an einem Bahnhof zerfetzen zu wollen. Menschen, die ihnen nichts getan haben, die sie sogar freundlich anlächeln und sie grüßen, die einfach nur ihrer alltäglichen Arbeit nachgehen oder die auf der Durchreise sind, zu Hause die Kinder besuchen, die Oma; die vom Urlaub zurückkommen oder die auf Geschäftsreise sind.

Die Bombe enthielt Nägel. Ähnliche Bomben werden von palästinensischen Terroristen in Israel eingesetzt. Die Nägel sollen durch die Explosion verteilt werden und auch jene, die nicht direkt zerfetzt werden, wenigstens noch zerschneiden und durchbohren.

Mir ist noch immer ein wenig schlecht. Ich glaube, ich verstehe jetzt etwas besser, was 9/11 für die New Yorker bedeutete. Es ist der unfassbare, surreale Gedanke, dass es in deiner eigenen harmlosen, gemächlichen Stadt passieren kann – wo doch sonst nichts passiert, wo doch noch nie etwas passiert ist, außer betrunkenen Jugendlichen, die sich an Silvester schlägern.

Irgendwo in Deutschland, sogar in einer eher kleinen „Großstadt“ wie Bonn oder in meiner eigenen, ähnlich großen Stadt, Würzburg. Dass Menschen, denen man es nicht ansieht, die freundlich wirken, deinen Tod wollen, dass sie dich nicht nur töten, sondern vernichten wollen. Menschen, denen du nie etwas angetan hast und denen du – trotz deines Vorwissens, was es bedeuten kann, wenn sich Menschen so kleiden – mit Optimismus und Wohlwollen begegnest.

So fühlt sich also die Konkretisierung einer abstrakten Bedrohung an. Ich glaube nicht, dass ich davon noch mehr brauche.

Ich habe inzwischen schon mehrmals Bahnpolizei beobachtet, wie sie auf verdächtige Taschen reagiert, deren Besitzer gerade nicht auffindbar war. Die übergroße Vorsicht kam mir übertrieben vor. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte hier doch nur ein Passant seine Tasche stehengelassen, um in den Zeitschriftenladen zu gehen und er würde gleich wieder kommen. Übergroße Vorsicht werde ich niemandem mehr vorhalten.

8 Kommentare zu “In unserem Land, in deiner Stadt

  1. Tibor sagt:

    Was soll man gegen diese Bedrohung unternehmen? Ständige Kameraüberwachung sämtlicher Bereiche größerer Bahnhöfe(*) und sofortige Ansprache der betreffenden Person, sobald sie eine Tasche abstellt und den Bereich der Kamera verlässt? Das wäre zwar ein irrsinniger Aufwand, allerdings ist es meines Erachtens ohnehin irrational, seine Tasche am Bahnhof zu parken und sich davon zu entfernen. Die Tasche könnte gestohlen oder mit einem Wasserwerfer zerstört werden – beides will ein rationaler Mensch nicht. Daher muss man schon mal anfangen, den Menschen dieses irrationale Verhalten auszutreiben, um den Anteil derjenigen zu reduzieren, die ihre Tasche aus reiner Gedankenlosigkeit stehen lassen. (Auf die lächerlichen Durchsagen, man möge doch kein Gepäck stehen lassen, hört doch eh keiner. Wenn die Leute schon nicht lernen wollen, dann müssen sie ihr Verhalten eben ändern, weil ihnen die Schamesröte im Gesicht steht, wenn sie öffentlich getadelt werden.) Allerdings sind damit auch nur die Fälle abgedeckt, in denen der betreffende Attentäter nicht vorhat, sich mit seiner Tasche in die Luft zu sprengen.

    Letztlich ist das wohl wieder ein Grund, in Zukunft Fernbusse zu bevorzugen.

    (*) Das heißt, dass nicht nur irgendwas aufgezeichnet wird, sondern dass hinter jeder Kamera ein Mensch sitzt und auf herrenlose Taschen achtet.

  2. Martin sagt:

    Tja… ein absolut sicheres Mittel gibt es nicht. Eins weiß ich aber sicher..,. ich bin Weihnachten mit meiner Frau und sechsjährigen Tochter per Bahn unterwegs.Sollte einer von beiden durch einen Anschlag etwas passieren und ich dazu noch fähig sein, dann bringe ich soviele bekannte Apologeten, Zwangsentschuldiger, Fürsprecher und Hypertoleranzler um, wie ich nur kann.

    • Milfweed sagt:

      Ich fahre auch direkt einen Tag vor Weihnachten durch ganz Deutschland mit der Bahn. Da wird einen schon mulmig.

      • Milfweed sagt:

        Wie kommuniziert ihr mit moslemischen Freunden? Sprecht ihr sowas an? Ich bin da immer ganz schweigsam und meide jegliches brisante Thema. Ich habe einige, vor allem in England, kennengelernt und befreundet.

  3. Sophian Philon sagt:

    Der größte Teil der Personen, von denen Gefahr ausgeht, sind keine deutschen Staatsbürger. Ein Schritt wäre es also, die Besagten zurückzuschicken, statt sie zu alimentieren. Stattdessen holen die Verantwortlichen aber immer mehr Gefahrenquellen ins Land…

    • Fred sagt:

      Der Großteil an Zuwanderung in den letzten Jahrzehnten war Zuwanderung aufgrund einer sehr großzügig ausgelegten Möglichkeit zum Familiennachzug hier bereits lebender Ausländer.
      Offizielle wurde mit dem Gastarbeiteranwerbestopp 1973 die Zuwanderung aus dem türkisch-arabischen Raum beendet. Die letzte große Zuwandererwelle war Anfang der 90er die Zuwanderung von Aussiedlern aus dem Bereich der ehemaligen Sowjetunion die aber gemeinhin nicht unter das Thema Migration fallen.

  4. DerFelek sagt:

    Weisst Du was ich irgendwie mittlerweile witzig finde?

    Etwas, das ich u.a in Holland,Schweden u. Irland beobachten konnte.

    Damals, vor der UE, war es z.B für Bulgaren,Rumänen,Balten ect. ein Ding der Unmöglichkeit in diese Länder einzureisen/aus dem sozialistischen Paradies zu flüchten. Man war zwar halbwegs gut gebildet (die meisten hatten zumindest eine Berufsausbildung) aber war nicht. Es war um einiges leichter als Flüchtling aus Afrika/Arabien einzureisen. Zynisch gesprochen, mir kommt es so vor als ob da linke Kreise (die in der Regierung waren) einfach mal zeigen konnten wie „weltoffen“ und „antirassistisch“ und gut sie waren. Das geht bei Weissen eher nicht so gut. Aber sie hatten Ideale oder so was- Multikulturalismus, bloss nicht die Immigranten „belästigen“ z.B indem man eine (Grundwertetechnische) Assimilation gefordert hätte
    .Und „belästigt“ fühlen sich manche z.B dadurch, dass in den nordischen Fahnen christliche Kreuze sind.Demletzt wurden in diesen Ländern die Landesfahnen durch fundamentalistische Gruppen verbrannt,öffentlich. In Schweden habe ich ganze Viertel gesehen, wos aussieht wie in Arabien-wo junge Männer arbeitslos (und auch nicht arbeitssuchend) in der Gegend rumstehen. Und wütend sind- weil sie sich ausgegrenzt fühlen durch die „Ungläubigen“, daher die Radikalisierung (in einigen schwed. Moscheen wurde schon zur Steinigung von Homosexuellen aufgerufen, so im Rahmen der „religiösen Freiheit“).
    Dem Ost-Mittleren Teil sowie dem östlichen Teil Europas wird dass, was Du beschreibst, eher nicht treffen. Bei allem Hass auf die Ungläubigen- die Somalis, die letztes Jahr auf Malta gestranden sind, haben das Angebot Polens,der Slowakei,Ungarns und Rumäniens sie bei sich aufzunehmen (u. auch einzubürgern) abgelehnt-Begründung? „Der Lebensstandart war ihnen nicht hoch genug (!). Sie würden gerne nach Frankreich,Holland,England,Schweden u.ä gehen. Deutschland hat gleich mal 100 aufgenommen. Ich denke, wenn der Wohlfahrtsstaat nicht so ausgebaut wäre dann hätte man derartige Probleme eher weniger…

    • sba sagt:

      Also das letztere ist aber ein Problem des Asylunrechtes, das es Asylanten verbietet, zu arbeiten – wenn ich vorher weiß, dass ich dem Zielland auf der Tasche liegen muss, würde ich auch ein wirtschaftlich stärkeres nehmen (und im übrigen hielte ich Flüchtlingsvisa und Einbürgerungen für bessere Lösungen des „Asylproblems“ )

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