Auf dem Weg

Ja, ich habe schon wieder gedichtet. Und es ist erneut ein bissiges, philosophisches Werklein geworden über die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Viel Spaß:

1. Der Philosoph

Ich wachte auf und fragte:

Wo bin ich und was ist das nun?

Die Frage, die mich mehr noch plagte:

Und was soll ich darin tun?

2. Der Gläubige

Du bist hier, weil Gott dich schuf.

Er hat einen Plan.

Folg dem Ruf

und stell dich nicht so an.

***

Mit Augen kannst du Gott nicht schauen,

aber du kannst sicher auf ihn bauen.

Er ist wie ein Vertrag von der Bausparkasse,

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist klasse.

***

Tust du nicht, was wir dir – er dir sagt,

fährst du zur Hölle, was dir nicht behagt.

Im Kleingedruckten steht das drin.

da brauchst du keinen sechsten Sinn.

3. Der Evolutionäre Humanist

Alles Quatsch, sagen die Aufgeklärten.

Du bist ein Affe und folgst dem Instinkt.

Endlich ein Tipp von den Gelehrten.

Der Freiheit hab ich zum Abschied gewinkt.

***

Chaotische Ursachen steuern dein Leben,

Die Natur hat sie dir eingegeben.

Was du tust, ist fremdbestimmt,

und nun sei ein braves Kind.

***

Du bist organisch wie die Pflanze,

animalisch wie der Hund.

Keinen Sinn hat doch das Ganze

schlaf und friss dich kugelrund!

***

Dein Denken dient der Genvermehrung,

du bist schon eine arme Sau.

„Affe“ ist noch eine Ehrung –

du glaubst nur, du bist einzig schlau.

***

Doch zum Glück sind wir Neandertaler

und sterben bald schon aus.

Für die anderen wirds fataler,

doch wir sind fein heraus.

4. Der Allzerstörer

Es muss doch etwas besseres geben,

was sagt der größte Denker unserer Zeit dazu?

Du darfst nicht für dich und musst für andere leben,

tu deine Pflicht und stirb in Ruh.

***

Die echte Welt ist echt egal,

weil du sie mit Sinnen gar nicht siehst,

Und wenn du freudig jemand liebst,

dann ist das gegen die Moral.

5. Der moderne Mensch

Hör lieber nicht auf die da oben,

Philosophie sind leere Worte.

Du musst ein Haus kaufen, einen Hund und ein paar Drogen

Was die sagen, ist alles gelogen.

***

Ideen haben keinen Wert,

besorg dir eine Familie und nen Job.

Wer denkend lebt, der lebt verkehrt.

Das Denken überlassen wir dem Mob.

***

Und wenn alles über uns zusammenbricht,

der Mob die Ideen, die Ideen die Welt zerstören,

Wir haben gelebt, simpel und schlicht.

Wir gehen unter – glücklich, das können wir schwören.

***

Hab dich nicht so, morgen ist wieder Komasaufen.

Gibts ein Problem, die Pragmatik wirds lösen,

Große Geschichten sind zum Davonlaufen.

Die Denker, das sind die Bösen.

6. Der Philosoph

Doch es ist nicht aller Tage Abend,

es ist aller Tage Anfang.

Ich arbeite im Garten, neue Ideen pflanzend

–  notfalls im Alleingang.

8 Kommentare zu “Auf dem Weg

  1. Tibor sagt:

    Ich habe nun mal nicht so sehr auf den Inhalt des Gedichts geachtet, sondern nur auf das „Handwerkliche“, und das wirkt, als hättest du es in ein paar Minuten runtergeschrieben, ohne dir irgendwelche Gedanken über die Form zu machen. Hauptsache irgendwie gereimt.

    Ich fände es wesentlich ansprechender, wenn die ganzen gelehrten Herren, die in dem Gedicht vorkommen, ihren Sermon formal korrekt runterleierten, also auch mit entsprechendem Versmaß. Das würde einen schönen Kontrast herstellen: formal korrekt, gestelzt, gespreizt – inhaltlich aber Quatsch. So brabbeln sie bloß vor sich hin, aber da stört wiederum das Gereime. Daher meine Empfehlung: Entweder mit jeglicher Form brechen, ständige Enjambements, keine Reime – oder formale Stringenz einhalten.

    Nur ein Beispiel: Statt „Du kannst Gott mit Augen nicht schauen, / aber du kannst sicher auf ihn bauen.“ fände ich besser: „Mit Augen kannst du Gott nicht schauen, / doch du kannst sicher auf ihn bauen.“

    • derautor sagt:

      Dein Verbesserungsvorschlag ist gut. Inhalt und Form hängen hier aber (mal abgesehen davon, dass ich es wirklich recht schnell geschrieben habe und es m.E. schon ganz nett, aber kein Meisterwerk ist oder sein soll) zusammen. Zum Beispiel gibt es einen Grund, warum die ersten Aussagen des Gläubigen so viel kürzer sind als die des Philosophen. Der Philosoph stellt zunächst tiefgründige Fragen, die eine ausführlichere Antwort erfordern würden, dann folgt die Antwort:

      „Er hat einen Plan.

      Folg dem Ruf

      und stell dich nicht so an.“

      Hier predigt jemand seine willkürlichen Gewissheiten in Befehlsform.

      Nichts gegen formelle Kritik, aber wenn die Form vom Inhalt getrennt beurteilt wird, als solche vorgegeben ist und dies erwartet und als anspruchsvoll geschätzt wird, dann sind wir im Barock zurück. Meiner Ansicht nach muss es schon ein harmonisches Verhältnis zwischen Form und Inhalt geben, mal unabhängig davon, was von diesem kleinen Gedicht von mir zu halten ist. Ich sehe nicht, warum sich irgendwer an Formschablonen halten sollte, wenn das im Kontext keinen Sinn ergibt.

      • Tibor sagt:

        Das stimmt, gerade bei den von dir genannten Versen ergibt die von dir gewählte Form absolut Sinn. Ich stimme dir auch zu, dass Form und Inhalt nicht getrennt voneinander beurteilt werden sollten. Du hast anscheinend darauf geachtet, dass jeder Vers oder zumindest jede Strophe formell ihrem Inhalt entsprechend gebaut ist, während ich meinte, dass die belehrenden Worte insgesamt in „leiernder“ Form vorgetragen werden sollten (Kreuzreim, Jamben, z.B.). Für meinen Geschmack ist das einfach zu anstrengend, wenn die Form ständig wechselt, auch wenn das deiner Intention nach statthaft ist.

        Vielleicht findest du ja noch die eine oder andere Stelle, an der du feilen magst, z.B. die dritte Strophe des modernen Menschen oder einige Verse des evolutionären Humanisten, die mir recht unruhig vorkommen im Vergleich zu den dort vorherrschenden Trochäen und Jamben bzw. Trochäen mit Auftakt.

        Aber letztlich hatte ich wahrscheinlich nur Spaß daran, nach schon längerer Zeit abgeschlossenem Studium mal wieder ein wenig an einem Gedicht herumzunörgeln…

  2. Fred sagt:

    Das Gedicht gefällt mir sehr gut. Es passt zum ja immer hoffentlich reflexiv gefeierten Jahresende. Noch ein paar Gedanken von mir dazu.

    Wo bin ich und was ist das nun?

    Wir sind hier weil sich ein Universum entwickelt hat welches in der Lage war Leben zu entwickeln und auf unserem Planeten Leben enstanden hat aus dem sich im Lauf der Jahrmillionen intelligentes Leben entwickelt hat. Wir sind Lebewesen die aus dieser Evolution hervorgegangen sind und durch diese und eine kulturelle Evolution geprägt sind. Darüber hinaus sind wir mit einem freien Willen ausgestattet. Als Person bin ich konkret aus der Entscheidung meiner Eltern hervorgegangen ein Kind zu haben.

    Und was soll ich darin tun?
    Da ich nicht glaube das sich aus der 1. Frage direkt eine Anweisung zum Handeln entwickelt.

  3. Kawe sagt:

    Heißt es nicht „stirb“ (4. Zeile Allzerstörer)?

  4. sba sagt:

    Bin ich jetzt eigentlich ungäubig (nach Deiner Defi), wenn ich nicht so denke, nicht so glaube, wie „Der Gläubige“ (nach Deiner Defi“?

    Ansonsten frohes Neues 🙂

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.