Die Qual der Freiheit

Fjodor Dostojewski schrieb in seiner Erzählung Der Großinquisitor aus Die Gebrüder Karamasow über die Bedeutung der Freiheit für den Menschen. Jesus ist während der Inquisition auf die Erde zurückgekehrt und wird als Ketzer von der Kirche gefangen genommen. Der Großinquisitor, der weiß, wer Jesus ist, besucht ihn im Kerker und erklärt, wie die Kirche die Menschen unter ihre Kontrolle brachte. Der Monolog enthält viele Einsichten über die menschliche Furcht vor der Freiheit und über die Methoden der Macht. Sie gelten nicht nur für die Kirche, sondern auch für den modernen Wohlfahrtsstaat. Hier ein kommentierter Auszug – der Großinquisitor zu Jesus:

„Du willst in die Welt gehen und gehst mit leeren Händen, mit einem Versprechen von Freiheit, das sie in ihrer Einfalt und angeborenen Schlechtigkeit nicht einmal begreifen können, das ihnen Furcht und Schrecken einflößt – denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als Freiheit!

Aber siehst du die Steine hier in dieser nackten, glühenden Wüste? Verwandle sie in Brot, und die Menschheit wird dir wie eine Herde nachlaufen, dankbar und gehorsam, wenn auch in steten Zittern, du könntest deine Hand von ihnen nehmen, und es hätte dann mit deinen Broten für sie ein Ende!‹ [Anm: So auch Bismarks Plan, die Menschen mit Sozialleistungen an den Staat zu binden].

[…]

Sie werden uns wieder unter der Erde suchen, in den Katakomben, in denen wir uns verborgen halten, denn wir werden wieder verfolgt und gemartert sein. Sie werden uns finden und uns zurufen: Macht uns satt! Die uns das Feuer vom Himmel versprachen [Anm: die Aufklärer; AM], haben es uns nicht gegeben … Und dann werden wir auch ihren Turm zu Ende bauen, denn zu Ende bauen wird ihn, wer sie satt macht. Satt machen aber werden nur wir sie, und wir werden lügen, es geschehe in deinem Namen.

Oh, niemals werden sie ohne uns satt werden! Keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben, solange sie frei bleiben – und enden wird es damit, daß sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und sagen: Knechtet uns lieber, aber macht uns satt! Sie werden schließlich selbst begreifen, daß Freiheit und reichlich Brot für alle zusammen nicht denkbar ist, denn niemals, niemals werden sie imstande sein, untereinander zu teilen! Sie werden auch zu der Überzeugung gelangen, daß sie niemals frei sein können, weil sie schwach, lasterhaft, bedeutungslos und rebellisch sind.

[…]

Nein, uns sind auch die Schwachen teuer. Sie sind lasterhaft und rebellisch, schließlich aber werden auch sie gehorsam werden. Sie werden uns anstaunen und für Götter halten, weil wir uns an ihre Spitze stellen, bereit, die Freiheit zu ertragen, vor der sie Angst haben, und über sie zu herrschen, – so schrecklich wird es ihnen schließlich vorkommen, frei zu sein. Aber wir werden sagen, wir seien dir gehorsam und herrschen in deinem Namen. Wir werden sie wieder täuschen, denn dich werden wir nicht mehr zu uns lassen. In dieser Täuschung wird jedoch auch unser Leiden liegen; denn wir werden gezwungen sein zu lügen. Das also hatte diese erste Frage in der Wüste zu bedeuten. Das verschmähtest du um der Freiheit willen, die du höher stelltest als alles andere. Es lag in dieser Frage das große Geheimnis der Welt beschlossen.

Hättest du das ›Brot‹ angenommen, so hättest du damit einem allgemeinen und ewigen menschlichen Sehnen entsprochen, dem Sehnen jedes einzelnen Menschen genauso wie dem der gesamten Menschheit, jenem Sehnen, das sich in der Frage ausdrückt: Wen soll ich anbeten?

Es gibt für einen Menschen, der frei geblieben ist, keine unausweichlichere, dauerndere, quälendere Sorge, als möglichst rasch jemand zu finden, den er anbeten kann. Aber der Mensch möchte nur etwas anbeten, was bereits unbestritten ist, so unbestritten, daß sich alle Menschen zugleich zu gemeinsamer Anbetung bereit finden.

Denn es ist nicht so sehr die Sorge dieser kläglichen Geschöpfe, etwas zu finden, was ich oder ein anderer anbeten kann, sondern etwas, woran alle glauben und was alle anbeten, unbedingt alle zusammen. Und eben dieses Bedürfnis nach gemeinsamer Anbetung bildet die wesentliche Qual jedes einzelnen Individuums wie der ganzen Menschheit seit Anbeginn der Zeiten. Um der gemeinsamen Anbetung willen vernichteten sie sich gegenseitig mit dem Schwert. Sie schufen sich Götter und riefen einander zu: Entsagt euren Göttern und betet unsere an – oder Tod euch und euren Göttern! Und so wird es sein bis ans Ende der Welt, selbst wenn die Götter aus der Welt verschwinden. Das macht den Menschen nichts aus, dann werden sie eben vor Götzen niederfallen. [Anm: Siehe Kommunismus, AM]

[…]

Ich sage dir, der Mensch kennt keine quälendere Sorge, als jemand zu finden, dem er so schnell wie möglich das Geschenk der Freiheit übergeben kann, mit dem er, dieses unglückliche Geschöpf, geboren wird. Aber nur der bekommt die Freiheit der Menschen in seine Gewalt, der ihr Gewissen beruhigt. Mit dem Brot wurde dir ein unbestrittenes Banner angeboten: Wenn du ihm Brot gibst, betet dich der Mensch an, denn nichts ist unbestrittener als das Brot. Doch wenn zur gleichen Zeit ohne dein Wissen jemand sein Gewissen in die Gewalt bekommt – oh, dann läßt der Mensch sogar dein Brot im Stich und folgt dem, der sein Gewissen verführt.

In diesem Punkt hattest du recht. Das Geheimnis des menschlichen Seins besteht nämlich nicht darin, daß man lediglich lebt, sondern darin, wofür man lebt. Hat der Mensch keine feste Vorstellung von dem Zweck, für den er lebt, so mag er nicht weiterleben und vernichtet sich eher selbst, als daß er auf der Erde bleibt – mögen auch noch so viele Brote um ihn herumliegen.

Und was war nun das Ergebnis? Statt die Freiheit der Menschen in deine Gewalt zu bringen, hast du sie ihnen noch vermehrt! Oder hattest du vergessen, daß Ruhe und sogar Tod dem Menschen lieber sind als freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Nichts ist für den Menschen verführerischer als die Freiheit seines Gewissens, aber nichts ist auch qualvoller. Statt dem Menschen ein für allemal feste Grundlagen zur Beruhigung seines Gewissens zu geben, hast du ihm alles aufgebürdet, was es an Ungewöhnlichem, Rätselhaftem und Unbestimmtem gibt, alles, was die Kraft der Menschen übersteigt.“ [Anm: Und so kämpft die Aufklärung auf ewig gegen die Verlockung der Unfreiheit, AM]

Literatur

Quelle: Projekt Gutenberg

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3 Kommentare zu “Die Qual der Freiheit

  1. sba sagt:

    Kämpft die Aufklärung gegen die Verlockung der Unfreiheit – oder gegen jene Meinungen, der Mensch, die Menschen wollten ihr erliegen?
    Wenn die Unfreiheit wirklich in der menschlichen Natur läge, wozu sollte man sie aufklären und befreien?
    Will man dem Inquisitor widersprechen, muss man ihm über den Menschen widersprechen.

    • derautor sagt:

      Na ja, was bedeutet „in der menschlichen Natur“ in diesem Kontext? Faulheit liegt in der menschlichen Natur ebenso wie Gier. Wir können uns zur Unselbstständigkeit aus Furcht entscheiden, wir können auch die Furcht überwinden und selbstständig leben. Nur letzteres ist eine nachhaltige Überlebensstrategie.

  2. Amduscias sagt:

    Naja, ich sehe den Fehler genau darin, der Inquisitor nimmt für sich in Anspruch, dass seine Annahmen richtig seien. Hitler tat dies auch, als er sagte das Leben sei ein Kampf, auf dieser Grundthese baute seine ganze Ideologie auf. Beide Haltungen sind schlicht als falsch zu betrachten.

    Und natürlich kämpft die Aufklärung gegen die Unfreiheit.
    Ich glaube nicht, dass die Unfreiheit in der menschlichen Natur liegt, vielmehr der Hang dazu, sich aus reiner Bequemlichkeit und dem Gewissen zuliebe keinen Kopf zu machen, was aber letztendlich als Konsequenz in Unfreiheit endet.
    Das beste Beispiel dafür ist der Kreationismus, dem viele Menschen erliegen:
    Gott schuf die Welt, so weit, so gut. Wenn die Wissenschaft aber so etwas wie Evolution auf den Tisch bringt, musste er wohl nachträglich noch etwas verändert haben.
    Diese Haltung gründet nur in der Bequemlichkeit:
    Ich weiß über die Erkenntnisse der Wissenschaft und akzeptiere diese, weil sie mein Gewissen jedoch nicht weit genug stillen können, passe ich dieses Puzzleteil in den Plan Gottes ein und fertig – Ich musste nicht zuviel denken und mein Gewissen ist auch beruhigt.

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