Wenn Frauen zu Kindern werden

Der hiesige Kommentator Martin empfiehlt folgenden Artikel zum Thema „Sexismus“, der in kritisch-rationalen Kreisen gerade die Runde macht – und ich möchte ihn meinen Lesern ebenfalls ans Herz legen:

Berhard Lassahn: Wie Sexismus entsteht – und warum es dafür keine Entschuldigung gibt

Lassahn trifft eine wichtige Unterscheidung, die ich alleine schon wichtig finde, weil meine Philosophie „Objektivismus“ heißt:

Was ist Bildung? Es ist …

„ … die harte Arbeit gegen die bloße Subjektivität des Benehmens, gegen die Unmittelbarkeit der Begierde, sowie gegen die subjektive Eitelkeit der Empfindung und die Willkür des Beliebens.“ Diese Beschreibung stammt nicht aus einem Parteiprogramm oder aus dem ‚Stern’, so schreibt Hegel in seinen Betrachtungen zu ‚Bildung und Erziehung’. Da sagt er weiter: „Der gebildete Mensch kennt an den Gegenständen die verschiedenen Seiten“. So ein gebildeter Mensch hat seine „Partikularität“ aufgegeben und handelt nach „allgemeinen Grundsätzen“. Und weiter: „Je gebildeter ein Mensch ist, desto weniger tritt in seinem Betragen etwas nur ihm Eigentümliches, daher Zufälliges hervor.“

Selbst Hegel hatte beizeiten Sinnvolles zu sagen. Es geht also um genau das Problem, das ich selbst schon angesprochen hatte:

Es gibt in der Postmoderne keine klaren Verhaltensstandards im Umgang zwischen den Geschlechtern mehr. Manchen Frauen gefallen erotische Anspielungen und anzügliche Bemerkungen, da sie sich so als Frau wahrgenommen und attraktiv fühlen. Andere drohen bei einem falschen Blick bereits mit einer Klage wegen sexueller Belästigung. Manchen Frauen gefallen anzügliche Sprüche und Witze, sie lachen darüber – und sie fühlen sich zugleich dadurch belästigt!

Anstelle von „klaren (oder normierten) Verhaltensstandards“ könnte man auch von „objektiven Kriterien“ sprechen. Es gibt keine anerkannten objektiven Kriterien, was sexistisch ist und was nicht. Alleine der subjektive Eindruck einer individuellen Frau entscheidet, was einem Mann objektiv vorzuwerfen sei. Dass dies mit einem Mangel an Bildung zu tun hat, erscheint mir ebenso überzeugend. Die Opferfrauen (die also nicht objektiv Opfer sind, sondern es sich nur einreden) erklären ihr „Ich“ zum Richter über Gut und Böse. Sie halten zum Beispiel Oralsex oder Analsex, egal ob freiwillig oder nicht, für Vergewaltigung – also sei es objektiv Vergewaltigung. Wobei vielleicht mal jemand erwähnen sollte, dass es beide Praktiken schon seit Jahrtausenden gibt und sie keine Erfindung von modernen Pornoproduzenten zur Entwürdigung der Frau sind, wie manche Feministen glauben. Wieder das Problem der mangelnden Bildung.

Männer werden also schrittweise in die Hände der weiblichen Willkürherrschaft gegeben. Das hat allerdings auch für Frauen einen Nachteil, nämlich ihre „Schuldunfähigkeit“, wie Lassahn es nennt, und somit ihre Unmündigkeit. Wenn Frauen nach rein subjektiven Kriterien urteilen, was Sexismus sei, so setzen sie sich damit selbst herab von mündigen (Bildungs-)Bürgern zu unmündigen Kindern, die nur nach ihren persönlichen Gefühlen und Eindrücken urteilen können, nicht anhand universeller Prinzipien und Kriterien. Entsprechend werden sie dann erneut wie Kinder behandelt, so ähnlich wie empört kreischende Muslime, und nicht als ernsthafte Gesprächspartner in einem aufgeklärten Diskurs wahrgenommen. Warum auch?

Ein aufgeklärter Mann würde in dieser feministischen Zukunft gar nicht anders können, als jene infamen Kindsköpfe wieder an die kurze Leine zu nehmen. Entweder das, oder Männer lassen sich von den kleinen Mädchen herumkommandieren, sie ergeben sich, verzichten auf ihre Souveränität und Selbstbestimmung. Das Weibsbild, das laut kreischt, weil es nicht bekommt, was es will, bekommt objektiv Recht.

Ich hatte trotzdem auch selbst geschrieben, dass ich Brüderles Verhalten nicht angemessen fand. Vielleicht war es das aber doch, wenn man bedenkt, dass er an einer Bar stand und nicht in einem angemeldeten Interview Rede und Antwort zu stehen hatte. Frau Himmelreich unterbrach ihn beim Feiern mit journalistischen Fragen, hat ihn belästigt, also kann Brüderle auch ein wenig zurückbelästigen und wieder zur Feierstimmung zurückfinden. Den Dirndl-Spruch fand ich etwas deplaziert – andererseits gibt es zweifellos Frauen, die so etwas gerne hören und die Situation „Hotelbar“ muss eben einbezogen werden. Der Handkuss und die Tanzkarte waren altmodisch, aber vielleicht stammen sie auch aus einer Zeit, in der es noch objektive Verhaltenskriterien gab und wo man sich eben so gegenüber einer interessanten Dame betrug.

Vielleicht ist tatsächlich das Verhalten von Frauen nicht mehr angemessen. Wenn sie kein Interesse an einem Tanz haben, könnten Sie uns das einfach mitteilen. Stattdessen schreien sie „Sexismus“, wenn man sie altmodisch (und somit auch ohne überbordende Grenzüberschreitung) zum Tanz auffordert.

Sex statt Intimität

Ebenso aufschlussreich finde ich folgenden Artikel:

Brendan O’Neill: Do we live in a „pornified“ world?

Der britische Journalist Brendan O’Neill schreibt darüber, dass intime Beziehungen immer mehr tabuisiert werden, während die „Fetischisierung von Sex“ an ihre Stelle tritt. Seine achtjährige Tochter singt einen Hit von Rihanna, „I love it when you get up on me“, wie O’Neill früher „Scooby Doo“ gesungen hätte. Sexuelle Anspielungen, Internetporno und Popsängerinnen, die sich wie Striptease-Tänzerinnen bewegen, sind bereits den jüngsten Generationen bekannt und gehören sogar zu ihrer Kultur. Das „Kennenlernen“ findet alkoholisiert in Diskos statt, in denen Worte von der lauten Musik verdrängt werden und wo man sein eigenes Geschlecht durch Kleidung und Bewegung betont. Kennenlernen ist kein Kennenlernen mehr, sondern eine Einladung zum One Night Stand, mit einem Fremden, der auch fremd bleiben wird. Wenn irgendetwas den schnellen Spaß stört, ist die „Beziehung“ spätestens am Ende.

„Das soll nicht heißen, dass jeder Sex in einer ernsthaften Beziehung stattfinden oder von Liebe getrieben werden müsste und dass es keinen Platz gäbe zum Experimentieren“, schreibt O’Neill. „Aber wenn frühere Generationen experimentierten, dann war ihnen die Tatsache bewusst, dass sie Grenzen überschritten; ihre sexuellen Begegnungen konnten, ob positiv oder negativ, gegen eine weitere kulturelle Sichtweise von Sex als den Ausdruck eines tiefen Gefühls zwischen zwei Menschen kontrastiert werden. Heute gibt es keine Grenzen, keine Regeln; es gibt nur den Kollaps dessen, was Sex einst darstellte, und dieser Kollaps wird von einigen Beobachtern als „Prozess der Pornifizierung“ beschrieben und von den noch Wahnsinnigeren als „sexuelle Befreiung“.“

„Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäus 18,3)

Und sie drehen das Rad der Geschichte zurück, von der Aufklärung zum Mittelalter, vom selbstbestimmten Bildungsbürger zum unschuldigen und somit verantwortungslosen Kind.

6 Kommentare zu “Wenn Frauen zu Kindern werden

  1. Sba sagt:

    Zunächst einnmal: Zustinnmug, Zustimmung, Zustimmung!
    Und eingedenk einiger Argumentationsweisen, die mir rl begegnen (a lá „Liebe: Alles Hormone und so“), frage ich mich, inwiefern die Humanbiologie (oder besser gesagt: Deren mediale Vermittlung an das Publikum) am Zustandekommen dieser Lage mitbeteiligt ist.

    Zwei Abers habe ich aber auch noch:
    1. Es heißt „hiesig“ (ohne ß).
    2. Liegt vermutlich an divergierenden Denkgewohnheiten, aber ich hätte das Jesus-Zitat genau andersherum aufgefasst (und in der Unterscheidung „vor der Welt“ vs. „vor Gott“ müsste sich der hintere Teil für den säkularen Gebrauch recht einfach zu „in Wahrheit“ übersetzen lassen): Wenn der Zeitgeist die jetzige regel- und grenzenlose Lage tatsächlich für gut und erstrebenswert hält, muss ihm eine Einstellung, die Regeln und Grenzen wünscht, als naiv, kindlich erscheinen, oder?
    Anders gesagt: Wer eine post-(und un-)aufklärerische Einstellung für „erwachsen“ hält, dem wird eine aufklärerische Haltung „kindlich“ vorkommen.

  2. Sugar Sun sagt:

    Die moderne Prüderie ist als Gegenbewegung zur „Spaßgesellschaft“ zu verstehen, die du oben als „Gesichtlose Fetischisierung“ umschrieben hast.

    Dabei handelt es sich in Wirklichkeit um eine Rückkehr zur Unmündigkeit. Die Spaßgesellschaft ist ebenfalls keine „freie Sexualität“ im Sinne von Gefühlsverständigung. Kein Mensch kann offen über irgendwelche Vorlieben im Bett reden, nicht einmal die betrunkenen Bar-One-Nightler. Deren Erfahrungsaustausch ist gar nicht erwünscht – nur deren Verfügbarkeit. Es sind eher 2 Seiten einer Medaille, die geistige und körperliche Selbstaufgabe.

    • sba sagt:

      Und wer redet hier einer „modernen Prüderie“ das Wort (bzw.: wo hast Du sie beobachtet)?

  3. Trinculo sagt:

    Also bei der #Aufschrei-Aktion z.B. ging es ja nur darum zu sammeln, welche Erfahrungen Frauen (und auch Männer) mit Sexismus hatten. Und natürlich ist das erst einmal subjektiv. Aber es ging ja auch gar nicht darum, gleich etwas verbieten zu wollen. Sondern nur darum, zu zeigen, dass es das Problem überhaupt gibt. Auch deshalb, weil viele Leute irrtümlich immer noch glauben, dass viele Frauen sexistische Schieße auch noch toll finden würden.
    Ich weiß nicht warum so viele Leute so große Probleme damit haben zu unterschieden zwischen:
    „X finde ich aber nicht so schön.“
    und
    „X muss sofort mit aller Härte des Gesetzes unter Strafe gestellt werden.“
    Wenn man etwas verbieten will, braucht man natürlich eindeutige objektive Kriterien. Aber darum geht es ja gar nicht.
    Es geht bei der Sexismus-Debatte um soziale Normen, ums Sollen, nicht ums Dürfen. Wäre toll, wenn du das verinnerlichen könntest.
    Bei anderen soziale Verhaltensweisen ist auch nur intersubjektiv ausgehandelt, was als angemessen gilt und was nicht. Ich sehe nicht, warum das ausgerechnet bei Sexismus ein Problem sein soll.
    Mal abgesehen davon: Bei Tausenden von einzelnen Beiträgen zum Thema, kann man doch sicher auch einen allgemeinen Konsens darüber erstellen was als sexistisch gilt und was nicht. Es gibt sozialwissenschaftliche Studien, die mit viel weniger Rohdaten zu Erkenntnissen kommen.

    >> „Sie halten zum Beispiel Oralsex oder Analsex, egal ob freiwillig oder nicht, für Vergewaltigung – also sei es objektiv Vergewaltigung.“
    Mal im Ernst: Wer vertritt sowas wirklich?
    Eine feministische Position ist das jedenfalls nicht.
    Irgendwie habe ich den Eindruck, dass solche Stories Gruselgeschichten sind, die man sich in irgendwelchen Männerrunden erzählt. Ich habe noch nie von jemand gehört, der ernsthaft solche Positionen vertritt. Immer hört man so etwas nur von „Feminismuskritikern“.
    Ich meine Idioten gibt es immer, und ich kann nicht ausschließen, dass es nicht eine Handvoll davon auch diesen spezifischen Blödsinn glauben, aber das ist ganz bestimmt nicht die Mehrheit der Frauen. Und sie haben auch sicher keine Herrschaft errichtet. (Oder hat dich schon einmal jemand gewaltsam am Oral- oder Analsex gehindert?)
    Das ist so albern wie die zionistische Weltverschwörung von der „Ich bin ja kein Antisemit, aber…“-Fraktion.

    • derautor sagt:

      „welche Erfahrungen Frauen (und auch Männer) mit Sexismus hatten“

      In dem Fall fordere ich eine Männerquote beim #aufschrei-Twittern! Ich glaube nämlich, da sind praktisch nur Frauen unterwegs.

      „dass viele Frauen sexistische Schieße auch noch toll finden würden“

      Beweise das Gegenteil. Ich durfte genügend Machos kennenlernen, die die schönsten Freundinnen im Arm hatten. Wie bekommen sie die bitte, wenn nicht durch die Zustimmung der Frauen?

      „Es geht bei der Sexismus-Debatte um soziale Normen, ums Sollen, nicht ums Dürfen. Wäre toll, wenn du das verinnerlichen könntest.“

      Wenn das auch für die Befürworter von Frauenquoten gilt, mache ich mit.

      Mal im Ernst: Wer vertritt sowas wirklich?
      Eine feministische Position ist das jedenfalls nicht.

      Unsinn, das ist Mainstream unter radikaleren Feministen:

      „Second, they expand the definition of ‘rape’ to encompass more than just overt physical force and violence (or the explicit threat thereof). Recognizing the ways in which broad patterns of male power systematically compromise women’s bodily and sexual freedom, and challenging the equation of female submission with meaningful consent, they tend to see a kind of continuum (rather than a bright dividing line) between rape and much “normal” heterosexual activity.“

      Also ist nicht nur Vergewaltigung auch wirklich Vergewaltigung – sondern alles Mögliche, was Feministen nicht passt.

      To put the point another way, having granted that “no” always means no, we must recognize that, in some cases, “yes” also means no. There are many kinds of explicit and implicit threats that render a woman’s consent to sex less than meaningful: the man may threaten to sue for custody of their children, to derail her green card application, to evict her, or simply to sulk and make her life miserable for days should she refuse to have sex. Which (if any) such nonviolent coercive pressures should be regarded as rape, either morally or legally, is a matter of some controversy (Schulhofer 1998; Burgess-Jackson 1996, 91-106).

      Ganz ausdrücklich soll auch „ja“ manchmal „nein“ bedeuten. Zum Beispiel (und das steht da!), wenn der Mann eine Weile lang beleidigt ist, wenn die Frau keinen Sex will – dann gilt das für manche Feministen bereits als „Vergewaltigung“, wenn die Frau darum zustimmt!

      Pineau believes that this model is the backdrop against which many people base their judgments about reasonable belief in rape cases. The aggressive-contractual model should be replaced, she argues, with a model of “communicative sexuality,” one that emphasizes “an atmosphere of comfort and communication, a minimum of pressure, and an on-going checkup on one’s partner’s state” (1989, 231). Communicative sexuality is most likely to be rewarding for both parties, allows them to promote each other’s sensual ends non-manipulatively and non-paternalistically, and observes norms appropriate to friendship and trust. Because it is through communication that one gains knowledge of one’s partner’s desires or lack thereof, Pineau contends that “where communicative sexuality does not occur, we lack the main ground for believing that the sex involved was consensual.”

      „The contractual model should be replaced“ – das bedeutet, dass die Vertragstheorie, die Grundlage der freien Gesellschaft, „replaced“ werden sollte. Nicht mehr freies Einvernehmen soll entscheiden, sondern die Willkür von Frauen, etwas beliebig für Vergewaltigung zu halten oder nicht.

      http://plato.stanford.edu/entries/feminism-rape/

      „As rape was increasingly demonstrated to be a societal problem by the anti-rape movement, women worked together in feminist grassroots organizations to start the first rape crisis centers. These first centers were largely formed by radical feminists, as “…the goal initially was not reform, but a total transformation of ideologies, power relationships, and the existing social structure,” and they relied mostly on volunteers.“

      http://en.wikipedia.org/wiki/Anti-rape_movement
      Das ist marxistische Sprache, kein Zweifel. Die Sprache der modernen Feministen bedient sich überwiegend bei marxistischem Vokabular.

      Ich habe noch nie von jemand gehört, der ernsthaft solche Positionen vertritt.

      Dann lies dir doch einfach die Positionen von radikalen Feministen durch!

      aber das ist ganz bestimmt nicht die Mehrheit der Frauen.

      Noch nicht.

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