Fragen an die Altruisten

Wie zu erwarten halten einige Kommentatoren meinen Beitrag gegen Menschenopfer für unsozial, nicht humanistisch und dem Gedanken nicht zuträglich, wir seien Teil von etwas Größerem, sei es von einem Volkskörper, von der Arbeiterklasse oder auch von „der Menschheit“ (die „humanistische“ Variante des Kollektivismus).

Warum das rationale Eigeninteresse nicht „humanistisch“ sein sollte, das Menschenopfer aber schon, konnte niemand begründen.

Ich schrieb, es sei ethisch nicht zu rechtfertigen, sein eigenes Leben in einer Notsituation für Fremde aufzuopfern, die für einen selbst nur einen geringen Wert darstellen. Man sollte durchaus anderen Menschen in einer Notlage helfen, aber man sollte das nicht tun, falls es das eigene Leben oder die eigene Gesundheit übermäßig gefährdet. Nur das, was für das eigene Leben von höchstem Wert ist, rechtfertigt das Risiko, sein eigenes Leben bei dem Versuch zu verlieren, ein anderes zu retten. Beispielsweise die eigene Frau und die eigenen Kinder. Nicht aber irgendeine Frau und irgendwelche Kinder.

Genau das ist eben nicht „Egoismus“ im gebräuchlichen Sinne. Ein Egoist würde niemandem helfen, egal ob sein Leben gefährdet ist, weder seinen eigenen Kindern, noch fremden Kindern. Ich dagegen als Vertreter des rationalen Eigeninteresses sage, man sollte sehr wohl sein Leben dafür einsetzen, das zu bewahren, was für einen selbst der höchste Wert ist, und dies können sehr wohl die eigene Frau und die eigenen Kinder sein. Obendrein argumentiere ich, dass man im Sinne der Tugend des Wohlwollens anderen Menschen in einer Notlage sehr wohl helfen sollte, nur eben dann nicht, wenn man damit sein eigenes Leben riskiert.

Ist jetzt alles geklärt?

Nun soll diese Haltung also unethisch sein und wie erwartet, ist niemand in der Lage, mit klaren Worten zu erklären, WARUM sie unethisch sei. Wenn sie diese Frage nicht beantworten können, stelle ich den Altruisten eben ein paar weitere, die vielleicht einfacher zu beantworten sind:

1. Männer sollen ihr Leben beim Versuch riskieren, das Leben von beliebigen Frauen und Kindern zu retten. Wäre es nicht im Sinne der Emanzipation der Geschlechter zu sagen, dass ebenso Frauen ihr Leben riskieren sollten, um das Leben von fremden Männern zu retten? Oder im Sinne der Menschenwürde eines Kindes, dass ein Kind sein Leben riskieren sollte, um das Leben eines fremden Mannes zu retten? Falls nicht – warum nicht?

2. Ist das Leben von Männern weniger wert als das Leben von Frauen und Kindern? Wenn ja – warum?

3. Sind Männer weniger ein „Teil des Ganzen“ als Frauen und Kinder? Wenn ja – warum?

4. Wenn wir nicht vornehmlich das bewahren sollen, was für uns von höchstem Wert ist – was sollen wir dann vornehmlich bewahren? Angenommen, ein Mann wäre ethisch verpflichtet, fremde Frauen und Kinder bei einer Schiffskatastrophe zu retten – für welche fremden Frauen und Kinder soll er sein Leben konkret lassen? Schließlich gibt es wahrscheinlich mehrere davon, die er retten könnte. Und warum soll er vornehmlich diese retten, nicht irgendwelche anderen Frauen und Kinder?

5. Wenn wir für beliebige Frauen und Kinder sterben sollen – sollen wir Männer dann auch für beliebige Tiere sterben? Sollen wir bei einer Schiffskatastrophe einem Hund das Leben retten, auch wenn wir selbst dabei draufgehen? Wenn nicht – warum nicht?

So. Und wer auf diese Fragen keine vernünftige Antwort geben kann, der möge für immer schweigen.

6 Kommentare zu “Fragen an die Altruisten

  1. matthias Stein sagt:

    Das ist eine sophistische, geradezu perfide Art zu argumentieren.
    Vielleicht ist es aber auch nur ein provoziertes Missverständnis.
    Niemand, auch kein Humanist, wird, nur um das Leben eines ihm sonst völlig fremden Menschen zu retten, sein eigenes Leben aufs Spiel setzen. Dagegen spricht schon reine Selbsterhaltungstrieb.
    Selbst ein Feuerwehrmann stellt seine Rettungsbemühungen ein, wenn er sich dabei selbst in Lebensgefahr bringt.
    zu 1) eine derartige These liegt auf dem gleichen Provokationsniveau.
    Frauen haben in Kriegen und Krisen oft genug bewiesen, dass Altruismus keine nur von Männern zu erfüllende Prämisse ist.
    Selbst Kinder handeln, ungeachtet des Geschlechtes des/der zu rettenden „erwachsener“ als mancher Volljährige.
    zu 2) auf eine derartige Frage kann m.E. kein vernünftiger Mensch mit JA antworten.
    zu 3) das gleiche gilt für diese Frage, die nicht einmal „rhetorisch zulässig“ ist.
    zu 4) wenn es gilt die Menschlichkeit zu bewahren, dann stellt sich diese Frage nicht, bzw. beantwortet sich dadurch, dass jeder das tut, was er zu tun Willens und in der Lage ist.
    zu 5) NEIN, erstens, weil nicht nur „wir Männer“ Helfer oder Retter sein können und zweitens, weil Tiere als Sachen zählen und einen anderen Wert als Menschen haben.
    Genau so gut könnte man fragen, ob ein Mensch einer ins Wasser gefallenen Brieftasche nachspringen soll.
    Ich würde es nicht tun – nur bei meinem Hund wäre ich persönlich betroffener.
    Meine Antworten halte ich für vernünftig, bei den Fragen habe ich allerdings einige Zweifel.

    • derautor sagt:

      Für welche Position argumentieren Sie eigentlich? Und worauf will ich Ihrer Meinung nach perfiderweise hinaus?

    • sba sagt:

      Moinsen!
      Ähm…
      matthias Stein sagt:
      zu 4) wenn es gilt die Menschlichkeit zu bewahren, dann stellt sich diese Frage nicht, bzw. beantwortet sich dadurch, dass jeder das tut, was er zu tun Willens und in der Lage ist.
      Aber was, welches Moment, welche Motive sollen Ihrer Meinung nach diesen Willen bestimmen? (einfach nur „der Wille“ zu sagen schaut leider so aus, als wäre hier ein Einfallstor für Willkür und/oder reinen Zufall, und „[w]enn es darum geht, Menschlichkeit zu bewahren“, kann dies doch nicht zufriedenstellend sein?)

      [i]weil Tiere als Sachen zählen und einen anderen Wert als Menschen haben.
      Vor gar nicht allzu langer Zeit galten Frauen und Menschen mit bestimmten Merkmalen ebenfalls als Sachen. Ich will jetzt nicht dafür stimmen, dies wieder einzuführen, und eben weil ich die „neue“ Geltung des Mensch-Begriffes sehr befürworte, finde ich doch, dass die allgemeine Geltung für sich genommen kaum etwas aussagt und eigentlich viel interessanter ist, ob und warum man ihr Recht gibt?

      • sba sagt:

        PS: Worum geht es bei dieser ganzen Affaire eigentlich? Soweit ich das verstanden habe (man haue mich notfalls), doch wohl eher nicht darum, irgendjemanden gewaltsam an der Ausübung seines Opferheldenmutes zu hindern, sondern darum, dass es moralisch nicht okay ist, solchen Opferheldenmut als verbindlich bei irgendjemandem zu erwarten.
        Sagen Sie „ist ja ohnehin schon so.“ Woraufhin die Rekonstruktion noch etwas weiter zurückgehen muss: Aufgemacht wurde die Debatte nicht anhand der Situation der Retter, sondern fing an bei jenigen, welche gerettet werden sollten und was die tun sollen, wenn nicht alle gerettet werden können? (Der Hintergrund des Slogans „Frauen und Kinder zuerst“.) – Kann und darf man ernsthaft von Menschen erwarten, dass sie in Lebensgefahr einfach gar nichts tun, während sie sich retten könnten? Das Dilemma geht in einer altruistischen Sichtweise so, dass ein Mann, der von seiner Familie gebraucht wird, für die Familie eines anderen sterben soll, woraufhin seine eigene Familie in Not geraten wird. Was soll er tun: Fremde Leben durch Passivität retten, selber sterben und ihm liebe Leben ruinieren etwa?
        Der ganze Witz des Objektivismus liegt darin, die Existenz solcher Dilemmata nicht hinzunehmen, sondern argumentativ aufzuheben.

  2. matthias Stein sagt:

    Ist Ihnen meine Position wirklich so unklar geblieben?
    Natürlich wird kein vernünftiger Mensch einen ihm völlig fremden Menschen zu retten versuchen, wenn er erkennt,dasser dabei sein eigenes Leben verliert.
    Das schließt aber nicht aus, dass Menschen bereit sein können/sollen, Fremden, Anderen genau so zu helfen wie Familienangehörigen (wenn die gerettet sind), ohne irgendwelche „Aufrechnungen“.

    Auf was Sie hinauswollen, erschließt sich mir nicht ganz, weshalb mir Ihre Fragen,die spezielll von uns Männern als Männer Aussagen erwarten, eher hinterhältig als hintersinnig erscheinen.

    Vielleicht ist es auch nur die Methodik, um den Blogg anzuheizen?!
    Ich fand es amüsant und werde weiter „ein Auge“ auf Sie haben 😉 .

    • derautor sagt:

      Hm. Mir ging es eher um die Prinzipien oder die Philosophie, für die Sie argumentieren – aber egal. Freut mich, dass Sie meine Themen interessieren!

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