Generation Klartext

In ihrem FAZ-Artikel Wir wollen lieber nicht – oder vielleicht doch? (Danke an Andreas Dietz für den Hinweis) schreibt Eva Berendsen über die mangelnde Entschlussfähigkeit meiner Generation. Es geht um die postmoderne Beliebigkeit, die Unfähigkeit, klare Positionen zu beziehen, zu urteilen, die Ablehnung einer objektiven Realität als solche. Die Auffassung, stets „auf der einen Seite“ und „auf der anderen Seite“ sagen zu müssen, ohne zu einer eindeutigen Synthese zu kommen, um intellektuell ernstgenommen zu werden. Auch, weil man selbst gar nicht weiß, was man denkt. Weil man, wie ich ergänzen würde, nicht einmal weiß, wie man denkt.

Zunächst macht sich Berendsen über die Postmoderne lustig, etwa darüber, dass der postmoderne Philosoph Michael Foucault der Auffassung war, es sei nicht sicher, dass es Dinosaurier gegeben habe – nur, dass wir über sie sprechen. Doch insgesamt scheint sie selbst zur Generation der Vielleichtsager zu gehören, denn sie schreibt: „Postmoderne hat etwas Befreiendes und Ermächtigendes“ und später im Fazit: „Es gibt durchaus Disziplinen, die noch Wahrheit kennen. Aber vielleicht ist genau das ihr Problem.“

Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht haben sich die Geisteswissenschaften nur noch nicht darauf einigen können, die marxistischen Denkmuster und die postmoderne Auflösung der objektiven Wahrheit (resultierend aus der Weigerung vieler Geisteswissenschaftler, anzuerkennen, dass der Kommunismus gescheitert ist) hinter sich zu lassen und eine Epistemologie und Methodik auf Grundlage der objektiven Realität zu entwickeln – eine aufgeklärte Geisteswissenschaft.

Nun gehören Wischiwaschi und Vielleichtsagerei nicht zu meinen größten Problemen. Von daher beantworte ich einfach mal die Fragen, auf die andere laut diesem Artikel keine klare Antwort finden und kommentiere Aussagen aus dem Artikel:

1. Ist der Neoliberalismus gut oder schlecht aus der Geschlechterperspektive?

Der „Neoliberalismus“ ist selbst eine undefinierte Wischiwaschi-Position. Sagen Sie mir, was Sie unter „Neoliberalismus“ verstehen und ich sage Ihnen, was ich davon halte!

Der Laissez-faire-Kapitalismus (der hier vermutlich gemeint ist) ist jedenfalls „gut“ aus der Geschlechterperspektive, da Frauen und Männer im reinen, unbefleckten Kapitalismus gleichermaßen das Recht haben, ihr Leben selbst und frei zu bestimmen und in jeder Branche, in jedem Beruf produktiv tätig zu sein, ohne dass sie irgendwelche Staatsbürokraten davon abhalten oder eine Frau bevorzugen, nur weil sie eine Frau ist. Eine Mutterzeit oder Vaterzeit kann jeder gegebenenfalls frei selbst organisieren. Alles andere bedeutet den staatlichen Eingriff in Menschenrechte, eine Übervorteilung mancher Individuen oder Interessensgruppen zum Nachteil anderer.

Die (fiktive?) Studentin lobte, dass im „Neoliberalismus“ auch Frauen Managerinnen werden können, was besser sei als im „Patriarchat“. Hier ihr Einwand: „Andererseits handelt es sich um ein zutiefst unsoziales Eliten-Projekt. Wer keine schlecht bezahlte Migrantin anstellen kann, die den Haushalt schmeißt und die Kinder aufzieht, hat Pech gehabt.“

Kapitalismus bedeutet Freiheit. Freiheit ist kein „unsoziales Elitenprojekt“, sondern universelles Menschenrecht. Freiheit bedeutet auch die Verantwortung, sein eigenes Leben zu organisieren. Wer sich keine Kinder leisten kann, soll keine zeugen. Es gibt kein Recht auf Kinder. Gerade bei diesem Beispiel stellt sich die Frage, welche Managerin (!) sich eigentlich keine Haushaltshilfe leisten kann?

2. Was ist so „neu“ an den Neuen Kriegen?

Dass sie „asymmetrisch“ geführt und nicht zwischen zwei Armeen im Schützengraben ausgetragen werden. Die sogenannten „Neuen Kriege“ werden innerstaatlich aufgrund von ethnisch-religiösen Konflikten geführt, aber auch in Form des internationalen Terrorismus über Staatengrenzen hinweg ausgetragen. Oft wird in dem Kontext eine „Privatisierung“ von Kriegen angesprochen, da private Söldnerunternehmen von den Konfliktparteien beauftragt werden. Grundlegend neu sind die „Neuen Kriege“ nicht, da es auch früher schon Stammeskriege und Terrorismus und Söldner gegeben hat. Nur ihr verstärktes Auftreten und die Reduktion von zwischenstaatlichen Kriegen hat zum Begriff der „Neuen Kriege“ geführt.

Die Vertreter dieser Theorie befürworten in der Regel militärisches Eingreifen in Konfliktregionen, entweder aus Sicherheitsinteressen oder aus humanitären Motivationen.

3. Die Jungen machen Car-Sharing, statt sich ein Auto zu kaufen, sie leben polyamourös, als sich für immer mit dem einen Menschen zu vereinen.

Ich mache kein Car-Sharing und ich „vereine“ mich nur mit dem einen Menschen, wenn er sich denn einmal finden lassen würde.

4. Der Slogan „Don’t be a maybe“, der derzeit an jeder Plakatwand hängt, adressiert den bärtigen Hipster-Typen, der lieber „eventuell“ als „ja“ zu einer Zigarette sagt, als postmodernen Marlboro-Man.

Ich bin kein „maybe“ – Ich rauche nicht.

5. Die einen konnten Kapitalismus richtig gut finden, weil es noch keine Finanzkrise gab.

Ich finde den Kapitalismus richtig gut und die Finanzkrise ist Resultat staatlicher Interventionen in den Markt.

6. Schwarz oder weiß, das Schema geht heute selbst für diejenigen nicht mehr auf, die sich (Achtung!): entscheiden, keine Tiere mehr zu essen.

Ich esse Tiere. Tiere haben keine Rechte.

7. Jüngst hat man sich über indische Frauen gefreut, die entschieden gegen Sexismus protestierten, musste sich aber flink wieder distanzieren, weil sie forderten, die Vergewaltiger von Delhi sollten hingerichtet werden.

Es gibt keinen moralischen Grund, der gegen die Hinrichtung der Vergewaltiger von Delhi spricht. Es lässt sich vernünftig darüber streiten, ob es einen politischen Grund gibt (ob die Todesstrafe legitim sein kann). Ich bin ein Gegner der Todesstrafe, aber ich würde den Vergewaltigern auch nicht nachweinen.

8. Können wir unsere Menschenrechtsprinzipien einfach so auf nicht-westliche Länder anwenden?

Die liberalen Menschenrechtsprinzipien kann man auf nicht-westliche Länder anwenden, da Menschenrechte von der grundlegenden menschlichen Natur ausgehen und von der Frage, welche Bedigungen erfüllt sein müssen, damit der Mensch als solcher überleben kann. Demnach muss jeder Staat seinen Bürgern die Rechte auf Leben, Freiheit, Eigentum und daraus abgeleitete Rechte (oder nur Leben und daraus abgeleitete Rechte) garantieren. Wer gegen Menschenrechte verstößt, verliert nach Umfang und Art des Verstoßes selbst Menschenrechte. Darum ist Freiheitsentzug bei Schwerverbrechern legitim.

9. Oder mit Melvilles Bartleby „Ich möchte lieber nicht“, wenn uns etwas weniger passt.

Das Interessante an Herman Melvilles Kurzgeschichte „Bartleby The Scrivener“ ist ja gerade, dass Bartleby zwar sagt „Ich möchte lieber nicht“, er aber konsequent die Arbeit einstellt. Er sitzt jeden Tag auf seinem Platz und sagt „Ich möchte lieber nicht“ – und verweigert jede Tätigkeit oder Erklärung für sein Verhalten. Wischiwaschi ist das kaum.

10. Längst ist alles grau bis anthrazit wie der Pullover eines guten Intellektuellen aus den Achtzigern

Schwarz ist meine Farbe.

11. Wissen ist ein soziales Konstrukt

Wissen ist die gedankliche Erfassung von Tatsachen der Realität, die entweder durch Sinneswahrnehmung oder durch einen rationalen Denkprozess, der auf Sinneswahrnehmung beruht, gründet.

12. Nehmen wir Richard Rorty, der sich nicht darauf festlegen wollte, dass es Dinosaurier gegeben hat

Es hat Dinosaurier gegeben.

13. Postmoderne ist ein Projekt der Anerkennung von Pluralität.

Postmoderne ist ein Projekt der Anerkennung von Schwachsinn, der Negierung der Möglichkeit, objektives Wissen zu erlangen, damit erbärmliche Linksintellektuelle nicht die objektive Tatsache anerkennen müssen, dass ihre Lieblingsutopie, der Kommunismus, 100 Millionen Tote auf dem Gewissen hat.

14. Gut, dass wir uns nicht auch noch über den einen methodischen Zugang unserer Doktorarbeit Gedanken machen müssen.

Plagiate (die hier gemeint sind) sind inakzeptabel. Wer einen akademischen Titel zugesprochen bekommt, ohne ihn sich verdient zu haben, sollte ihn wieder verlieren. Plagiate sind eine versuchte Fälschung der Realität.

The End.