Häufige Argumente gegen den Kapitalismus, die keine sind

Der Kapitalismus als ökonomisch-politisches System wird eigentlich nur selten angegriffen. Vielmehr richtet sich der Volkszorn gegen die Umtriebe einzelner Unternehmen. Man wütet auch gegen Politiker, die Unternehmen subventionieren und den Armen die Sozialhilfe kürzen. Man wütet gegen Unternehmen und Politik, wenn Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Oder, wenn der Staat mit Steuergeldern Banken rettet, die sich verantwortungslos verhielten.

Das alles hat mit dem Kapitalismus nichts zu tun.

Kapitalismus ist ein politisch-ökonomisches System, in dem der Staat die Rechte seiner Bürger auf Leben, Freiheit und Eigentum schützt und wo sich das Eigentum an Produktionsmitteln in privater Hand befindet.

1. Vorwurf: Der japanische Atomwerksbetreiber Tepco handelte verantwortungslos (oder Coca Cola, Microsoft, etc.)

Das mag so sein oder auch nicht. Auf jeden Fall ist es kein Argument gegen die freie Marktwirtschaft, sondern gegen ein bestimmtes, konkretes Privatunternehmen und meistens nicht einmal das, sondern ein Argument gegen eine bestimmte unmoralische oder kriminelle Handlung eines bestimmten Privatunternehmes. Gibt es so etwas? Klar doch! Nur kann man für das Fehlverhalten eines Unternehmens nicht „die Marktwirtschaft“ oder „den Kapitalismus“ verantwortlich machen – ebenso, wie ich nicht „den Staat“ als solches für die nordkoreanischen Konzentrationslager verantwortlich machen kann.

In der Tat wird ein solcher Fehlschluss von Libertären der anarchokapitalistischen Tradition gerne als Argument angeführt: Irgendein Staat begeht Verbrechen, also ist das Konzept „Staat“ als solches zu verurteilen. Der Staat ist der Feind, weil es schlechte Staaten wie Nordkorea gebe oder weil unser Staat bestimmte Fehler macht. Ein absurdes Argument – ebenso wie der Fehlschluss von den Fehlern eines bestimmten Privatunternehmens auf ein ganzes Wirtschaftssystem, in dem die Produktionsmittel bei Privateigentümern liegen.

2. Vorwurf: Die Verluste werden sozialisiert (siehe z.B. Bankenrettung)

Kapitalisten sind gegen die Sozialisierung von Verlusten. Der Verursacher trägt die Schäden und wer Verluste macht, trägt die Verluste. Wer sozialisiert denn die Verluste, wenn nicht der Staat, indem er in den Markt eingreift? Kapitalisten sind gegen Marktinterventionen des Staates. Egal für wen, wann oder warum. Wir sind prinzipiell gegen alle staatlichen Interventionen in den Markt.

3. Vorwurf: Der Staat subventioniert Unternehmen, die dann ins Ausland abwandern

Der Staat sollte keine Unternehmen subventionieren. Der Staat sollte nichts und niemanden subentionieren. Und Kapitalisten sind die letzten, die das fordern würden. (Einzelne Unternehmer fordern es natürlich, weil man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Dies sind keine konsistenten Verteidiger des Kapitalismus).

4. Vorwurf: Der Staat muss die Endlagerung von nuklearen Brennstäben bezahlen, die Atomwerksbetreiber machen den Gewinn!

Das stimmt nicht.

Der Staat ist an der Organisation beteiligt, aber die Atomwerksbetreiber zahlen und planen für die Entsorgung. Der Steuerzahler muss vor allem für eines aufkommen: Die gewaltigen Polizeieinsätze aufgrund der Demonstrationen gegen Castortransporte. Die Polizei gibt beim Castortransport Geleitschutz und das gehört auch zu ihren Aufgaben: Der Schutz von privaten Unternehmern und ihrem Eigentum vor Menschen, die sie behindern und die ihr Eigentum beschädigen. Wenn ich jedes Jahr aus Tradition zum Bratwurstessen nach Nürnberg fahre und jedes Mal versucht ein wütender Mob, mein Auto umzuwerfen, weil er Bratwurstessen für Tierquälerei hält, so muss mich die Polizei ebenso beschützen.

„Entsprechend dem Verursacherprinzip sind die Erzeuger beziehungsweise Ablieferer radioaktiver Abfälle, zum Beispiel Kernkraftbetreiber, gesetzlich verpflichtet, die gegenwärtigen und zukünftigen Kosten für die Endlagerung (Errichtungs- und Betriebskosten) einschließlich der Kosten der späteren Stilllegung der Endlager zu tragen.“ (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit)

Atomgesetz, §9a

(1) Wer Anlagen, in denen mit Kernbrennstoffen umgegangen wird, errichtet, betreibt, sonst innehat, wesentlich verändert, stillegt oder beseitigt, außerhalb solcher Anlagen mit radioaktiven Stoffen umgeht oder Anlagen zur Erzeugung ionisierender Strahlen betreibt, hat dafür zu sorgen, daß anfallende radioaktive Reststoffe sowie ausgebaute oder abgebaute radioaktive Anlagenteile den in § 1 Nr. 2 bis 4 bezeichneten Zwecken entsprechend schadlos verwertet werden oder als radioaktive Abfälle geordnet beseitigt werden (direkte Endlagerung).

(3) Die Länder haben Landessammelstellen für die Zwischenlagerung der in ihrem Gebiet angefallenen radioaktiven Abfälle, der Bund hat Anlagen zur Sicherstellung und zur Endlagerung radioaktiver Abfälle einzurichten.

Gut, der Atomausstieg ist beschlossen. Das ändert nichts an den Tatsachen, dass die ganze Aufregung und der Ausstieg auf falschen Informationen über Atomenergie beruhten, die ihre Gegner verbreiteten.

Mein aktuelles Buch, in dem ich die freie Gesellschaft verteidige:

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4 Kommentare zu “Häufige Argumente gegen den Kapitalismus, die keine sind

  1. Ruediger sagt:

    Hm, hier muss der advocatus diaboli sein hässliches Haupt erheben.

    Das Argument, „das ist alles gar nicht der wahre, schöne und gute Kapitalismus, was wir hier sehen“, ist bedenklich. Mit umgekehrten Vorzeichen kenne ich das von Kommunisten, wenn man sie auf irgendeinen der zahlreichen „realsozialistischen“ Umsetzungsversuche ihrer Ideen hinweist.

    Das Argument ist fadenscheinig, solange man nicht überzeugend nachweisen kann, dass es sich nicht um dem favorisierten System inhärente Mängel, sondern nur um zufällige Abweichungen oder Unregelmässigkeiten handelt.

    Den Hinweis, die reale Gesellschaft sei halt vergiftet mit dem jeweils feindlichen System, kenne ich ebenfalls von Kommunisten: Alle Schwächen oder Schwierigkeiten der realsozialistischen Länder kamen stets daher, dass die Menschen „im Kopf eben noch bürgerlich“ gewesen seien, im Denken korrumpiert vom System des Feindes.

    Ich denke, die beste Argumentation wäre hier: Menschen machen Fehler, sind – auch, aber nicht nur! – lasterhaft, machtgierig und böse. Nehmen wir das einfach als gegeben hin. Ein Gesellschaftssystem ist umso besser, je geringer der Schaden wird, den Menschen mit diesen ihren Fehlern anrichten können. So kommen wir auf den Kapitalismus.

    • Xazas sagt:

      Ich denke einer der entscheidenden Unterschiede zwischen den „Systemen“ ist, dass der Kapitalismus eigentlich gar kein System ist. Er ist vielmehr die Abwesenheit jeglicher systemischer Steuerung.
      Das ist auch die Lösung des Lobbyismusproblems der Demokratie. Das Verfassungsmäßige weitgehende Verbot von wirtschafts- und geldpolitischer Steuerung.

      • derautor sagt:

        Ich würde nicht sagen, dass es gar keine Steuerung gibt. Es gibt weiterhin einen liberalen Rechtsstaat, Parlamente, Polizei, Militär und viele demokratische Einrichtungen. Es gibt nur keine Eingriffe in die Wirtschaft (und eine Trennung von Kirche und Staat ebenso).

    • derautor sagt:

      Das sage ich eigentlich nicht. Klar kann man auch den Kapitalismus als System kritisieren. Wird normalerweise aber nicht gemacht. Eben: Man müsste nachweisen, dass die Probleme systeminhärent sind.

      Dass wir nicht in einem rein kapitalistischen Land leben, stimmt ja nun offensichtlich. Sonst würde der Staat ja nicht in die Wirtschaft eingreifen. Ist jedes Problem in unserer Gesellschaft darauf zurückzuführen – mit Sicherheit nicht. Einige schon, andere nicht.

      Der Kapitalismus erfordert individuelle Verantwortung, eine fortgeschrittene kulturelle Entwicklung, allgemein anerkannte ethische Grundsätze. Genau das ist der Grund, warum Objektivisten politische Schnellschüsse in libertärer Richtung ablehnen. Der Objektivismus ist eine zusammenhängende Philosophie und muss als solche vermittelt werden. Einfach nur Kapitalismus könnte auch negative Auswirkungen haben.

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