Microsoft: 561 Millionen Euro Strafe – für gutes Wirtschaften

Microsoft muss 561 Millionen Euro Strafe an die Europäische Union zahlen. Das „Verbrechen“ des amerikanischen Konzerns: Er brach eine „Vereinbarung“ mit den europäischen Regulatoren, laut der Microsoft nicht nur alternative Browser auf Windows 7 ermöglichen sollte – sondern sie regulär im Startbildschirm den Nutzern anzubieten hatte.

Microsoft sollte die Alternativ-Browser Firefox, Opera, Chrome und Safari seinen eigenen Kunden bis 2014 in Windows 7 als Angebote nahelegen. Das tat der Konzern auch, doch mit dem Sicherheitsupdate 1 von Windows 7 wurde die unfreiwillige Werbung für die Konkurrenz wieder beendet, laut Microsoft aufgrund eines Softwarefehlers. Laut dem Wall Street Journal war Microsoft der erste Konzern, der eine „Vereinbarung“ mit der EU brach.

Diese Zwangs-„Vereinbarung“ entspricht der Forderung, dass Burger King seine Kunden im eigenen Restaurant laut Gesetz auch auf die Angebote von McDonald’s und Pizza Hut aufmerksam zu machen habe. Oder, dass Deichmann beim Schuhe verkaufen die eigenen Kunden auch auf die Schuhe von Salamander hinweisen müsste.

Eine weitere eindringliche Darlegung, wie das Kartellrecht gezielt erfolgreiche, klug wirtschaftende Unternehmen bestraft – dafür, dass sie gut wirtschaften. Das ist so, als hätte ich im Sportunterricht eine Strafe von 50 Euro dafür zahlen müssen, als ich einen persönlichen Rekord im 100-Meter-Schwimmen aufstellte.

Schon erstaunlich, wie der blanke Hass auf das Gute, weil es das Gute ist, zur Kriminalisierung von völlig normalen und normalerweise zulässigen Geschäftspraktiken führen kann. Toleriert von der Mehrheit der europäischen Bürger, gutgeheißen und sogar als zu sanft beurteilt von PC-Profis wie der Chip-Redaktion.

Um das noch einmal klarzustellen: Niemand wurde von Microsoft gezwungen, nur den eigenen Browser, den Internet Explorer, zu verwenden. Selbst das wäre ethisch völlig in Ordnung gewesen, schließlich darf man im Burger King auch keine Chicken Mc’Nuggets verzehren. Microsoft weigerte sich lediglich (und vielleicht nicht einmal das, wenn es nur ein Fehler war), explizit Werbung für die Konkurrenz zu machen. Wie es absolut jeder Unternehmer tun würde. Nur ein Wahnsinniger macht kostenfrei Werbung für die Konkurrenz auf dem eigenen Produkt!

Niemand ist gezwungen, Windows zu nutzen. In der Tat nutzen auch immer weniger Menschen Windows, sondern steigen auf Android um. Aber wenn man Windows nutzt, dann muss man auch nach den Regeln des Anbieters spielen.

Nun blockiert Microsoft offenbar andere Browser auf ARM-Geräten, davon ist Windows RT betroffen. Der Mozilla-Justiziar Harvey Anderson beschwerte sich, dies schade dem Wettbewerb. „Wir rufen Microsoft auf, sich an seine eigenen, seit Jahren geltenden Prinzipien zu halten und Browser von Drittherstellern zuzulassen.“

Es schadet also dem Wettbewerb, wenn ich den Leuten verbiete, in meinem Restaurant die Speisen anderer Restaurants zu verzehren, in meinem Schuhladen die Schuhe anderer Schuhgeschäfte anzuprobieren, im Disney-Shop Merchandising von Dreamworks anzubieten. Es schadet der Konkurrenz, wenn ich sie nicht aktiv unterstütze.

Die ticken doch nicht mehr richtig!

5 Kommentare zu “Microsoft: 561 Millionen Euro Strafe – für gutes Wirtschaften

  1. Torsten Werner sagt:

    Auf der anderen Seite muss man feststellen, dass nahezu alle IT-relevanten Ausschreibungen und freihändigen Vergaben der öffentlichen Hand immer wieder Microsoftprodukte allein berücksichtigen, so dass Alternativen zumindest behindert werden. Die Strafzahlung bzw. der vorhergegangene Deal waren eher ein Kuhhandel von Verwaltung und Microsoft um zu vermeiden, dass man produktneutral einkaufen muss. Ich habe wenig Mitleid für solchen Microsoftigen Cronykapitalismus.

    • sba sagt:

      ähm…dass eine Ausschreibung richtig läuft, ist aber schon Sache des Ausschreibenden, oder?

      • Torsten Werner sagt:

        Ich verstehe die Frage nicht. Meine Aussage war, dass die öffentliche Verwaltung sehr gern mit Microsoft kuschelt. Da aber es doch ein paar Firmen gibt, die das nicht völlig kalt lässt, musste Microsoft mal fürs Kuscheln ‚Strafe‘ zahlen bzw. zunächst Werbung für die Konkurrenz machen. Richtig wäre gewesen, das Kuscheln mit nur einem Partner zu beenden und anderen eine Chance zu geben.

  2. Martin sagt:

    Diese Vereinbarung zwischen Microsoft und der EU ist heute mehr als überflüssig und war meiner Meinung nach schon zum Zeitpunkt ihres Zustandekommens im Jahr 2010.

    Die EU beruft sich hier ja auf das de-facto Monopol des Internet Explorers. Tatsächlich hatte der IE in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts eine Monopolstellung inne. Das hatte durchaus Nachteile: Der Internet Explorer verhielt sich bei der Darstellung von HTML-Seiten nicht ganz standardkonform, und die Software-Monokultur erleichterte die Ausbreitung von Computerviren. Weiters wurde der IE jahrelang nicht weiterentwickelt, weil Microsoft offenbar glaubte, sie können nach Erringung der Marktführerschaft eine ruhige Kugel schieben.

    Allerdings reagierte der Markt auf diese Missstände. Der Mozilla Firefox wurde beliebter und konnte nach und nach dem Internet Explorer Marktanteile abringen. Im Jahr 2010, als dieses Abkommen für die Browserwerbung in Kraft trat, war der Internet Explorer zwar noch Marktführer, aber die Konkurrenten waren schon längst im Aufholen. Heute gibt es wieder eine Vielfalt von Internetbrowsern. Kritiker warnen heute eher vor einer Monopolstellung von Google, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

    Fazit: Das Problem einer Marktverzerrung, das die EU-Wettbewerbshüter lösen wollten, hat eigentlich eh der Markt von selbst gelöst.

  3. Martin sagt:

    Jetzt kommt die Retourkutsche: Die „FairSearch.org Coalition“, eine Gemeinschaft nahmhafter Elektronik- und Softwareproduzenten, bei der auch Microsoft dabei ist, hat Google wegen Wettbewerbsfeindlichkeit im Mobilsektor vor der EU geklagt. Nachzulesen hier: http://www.fairsearch.org/mobile/fairsearch-announces-complaint-in-eu-on-googles-anti-competitive-mobile-strategy/

    Am Lustigsten finde ich diese Passage:
    „Google’s predatory distribution of Android at below-cost makes it difficult for other providers of operating systems to recoup investments in competing with Google’s dominant mobile platform, the complaint says.“

    Diese Vorwürfe wirken irgendwie lächerlich. Die Strategie lautet wohl: Verklag die Konkurrenz, bevor sie dich (wieder) verklagen. So werden die unausgegorenen Markteingriffe der EU Ad Absurdum geführt.

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