Hochfrequenz-Verbote

Mit der "Regulierung" des Hochfrequenz-Börsenhandels ist Deutschland seinen EU-Nachbarn einen Schritt voraus. Das "Gesetz zur Vermeidung von Gefahren und Missbräuchen im Hochfrequenzhandel" (welch orwell'scher Name!) wurde vom Bundesrat abgesegnet. Wir sind innovativer in der Ausbremsung von Innovationen als andere! Darum ist Deutschland ein echter Innovationsstandort.

Der Grund für den Markteingriff ist wieder einmal derselbe Grund wie für einfach jeden Markteingriff: Menschen, die weniger gut sind im Handeln, möchten sich mittels gesetzlichen Zwanges einen Vorteil verschaffen gegenüber jenen, die besser sind als sie selbst.

Im Falle der Hochfrequenz-Regulierung tritt dieses Motiv ungewöhnlich offen ans Licht – nicht, dass es das Gewissen von irgendwem plagen würde. Die Computer mit entsprechenden Programmen für Hochfrequenz-Handel hat (noch) nicht jeder Börsenspekulant, sondern nur einige wohlhabende Investment-Unternehmen. Als die Postkutsche neu war, konnten auch nur wenige Reisende diese Erfindung für sich nutzen. Der Rest musste laufen oder selbst reiten. In der Tat: Als das Rad neu war, war es zunächst wenigen Innovatoren und ihren Förderern vorbehalten – in diesem Fall wohl in Form eines Stammes, der sich "unfaire Marktvorteile" gegenüber anderen Stämmen durch seine rücksichtslos-egoistische Innovationskraft sicherte.

Erfindungen gehen – muss man als Kapitalismuskritiker wissen! – auf "Kosten der Allgemeinheit".

Chefhändler Oliver Roth vom Handelshaus Close Brother Seydler [sieht hier] das Problem: "Im Grunde genommen ist es so, dass zunächst einmal ein zeitlicher Vorsprung genutzt wird, der durch Hochleistungsrechner und Hochleistungsleitungen, direkt zur Börse, letztendlich generiert wird. Das heißt, man hat einen zeitlichen und einen qualitativen Vorsprung gegenüber der Allgemeinheit."

Die Allgemeinheit mal wieder. Die arme, stets von Interessensgruppen zu ihren eigenen Zwecken missbrauchte und sich sehr häufig missbrauchen-lassende Allgemeinheit. Zwar war es bislang so, dass praktisch jede Erfindung sehr schnell – und je freier der Markt, desto schneller – einer immer breiteren Allgemeinheit zur Verfügung stand, aber egal: Hauptsache wir bremsen den Fortschritt, damit wir keinen Minderwertigkeitskomplex entwickeln.

Der Hochfrequenzhandel sei nur etwas für Wenige, die damit das große Geld machen können, schimpft Börsenhändler Dirk Müller. Der Wirtschaft, für die die Börse ja eigentlich da sei, nutze das nichts: "Das hat mit dem eigentlichen Auftrag der Börse überhaupt nichts mehr zu tun. Das ist reines Kasino. Und es hat sogar schädliche Auswirkungen massiver Art auf die reale Wirtschaft."

Das Börsen-Proletariat wird von der geldgeilen Bourgoisie gnadenlos abgehängt. Das nutzt "der Wirtschaft" (= Börsenhändler Dirk Müller) gar nichts. Das nutzt nur diesen Speed-Händlern etwas mit ihren "Computerprogrammen" und diesem neumodischen Kram. Der "Auftrag der Börse" (!?) wird schlicht mit Füßen getreten von jenen allzu reichen Börsenhändlern, denen es im Gegensatz zu den anständigen, aufs Allgemeinwohl bedachten Spekulanten nur darum geht, Geld zu verdienen. Die braven, kleinen Wertpapierhändler, die vielleicht nur mit Millionen statt mit Milliarden handeln – aber deren Herz an rechter Stelle schlägt! – gehen da leer aus. So ist das an der Börse, ein ewiges Fressen und Gefressen werden.

Ja, leckt mich doch am A.!

Die ausgewogen-objektiv linke Tagesschau erfüllt im Gegensatz zu den gierigen Finanzjuden ihren Auftrag für die Allgemeinheit und erzählt sogleich die Geschichte von den dümmlichen Dagobert Ducks, die versehentlich den eigenen Kurswert ruinierten:

Dass der Handel nicht völlig ungefährlich ist, hat jüngst eine Börsenplattform selbst erfahren müssen. Die US-Handelsplattform BATS wollte sich selbst an die Börse bringen – und scheiterte. Es war, ganz simpel, ein Softwarefehler. Die Aktie stürzte gleich am ersten Tag ab. Am Ende des Tages war sie weniger als einen Penny wert.

Ach ja, Gerechtigkeit. Das haben sie jetzt davon. In der Tat: Auf genau diese Weise reguliert sich der Markt selbst. Wer beim neumodischen Highspeed-Handel teilnimmt, bevor die Software ausgereift ist, der zahlt den Preis. So muss es sein. Wozu brauchen wir jetzt noch einmal den Staat?

Gibt es eigentlich auch jemanden, der ein Problem mit dieser neuesten Marktintervention zugunsten der "schwächsten" (faulsten, unfähigsten, unverschämtesten) Marktteilnehmer hat? Doch, immerhin einen:

Entsprechend ungehalten reagiert die FIA EPTA, ein Dachverband europäischer Wertpapierhändler, auf das Straßburger Votum. Von "populistischer Rhetorik und anekdotischer Beweisführung" sei es geleitet. […] Eine strenge HFT-Reglementierung würde dazu führen, dass Spreads zunähmen, Finanzinvestoren hohe Reibungsverluste in Kauf nehmen müssten und Unternehmen der Realwirtschaft wegen des erschwerten Zugangs zu Kapitalmärkten höhere Finanzierungskosten zu tragen hätten

Im Grunde ist es ganz einfach: Man verlangsamt Innovationen, die den Handel beschleunigen – und dies führt zu höheren Kosten und geringerer Wettbewerbsfähigkeit. Ein echter No-Brainer. Aber um das Gemeinwohl geht es den Interessensgruppen am Ende vielleicht doch nicht, denn dem Allgemeinwohl dienlich sind tatsächlich die geringeren Kosten für Unternehmen der Realwirtschaft (und der Finanzwirtschaft ebenso), die aus dem Hochfrequenz-Handel resultieren. Das liegt daran, dass der freie Handel dem Allgemeinwohl dient. Und wer dies bezweifelt, kocht in der Regel sein ganz eigenes Süppchen – mit Zutaten, die ihm der Steuerzahler, der sich mal wieder für dumm verkaufen lässt, zur Verfügung stellt.

Es ist doch immer wieder lustig.

Yaron Brook, Präsident des Ayn Rand Institute, siehts ähnlich:

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=aoaitCP7p3U[/tube]

2 Kommentare zu “Hochfrequenz-Verbote

  1. Andreas D. sagt:

    Die Forderung nach strengen Tempolimits auf Autobahnen wird wohl teilweise der gleichen Motivation entspringen. 

  2. JFA sagt:

    "Wir sind innovativer in der Ausbremsung von Innovationen als andere!" – "Menschen, die weniger gut sind im Handeln, möchten sich mittels gesetzlichen Zwanges einen Vorteil verschaffen gegenüber jenen, die besser sind als sie selbst."
    Also ehrlich, wenn es ein volatiles, völlig unübersichtliches Handeln gibt, dann an der Börse. Die Schwankungen dort kann _niemand_ auch nicht der Schlaueste vorhersehen. Dass mal jemand aus der Kurve getragen wird, wie ein Nick Leeson, ist nicht dadurch bedingt, dass der generell blöder war, als die anderen, er hat nur in der verkehrten Sekunde einen fatalen Fehler gemacht, den er dann, genial wie auch er sich wähnte, versuchte auszubügeln.
    Aus der Sekundenbruchteil-Frequenz von Handelsvorgängen auf eine niedrigere Frequenz zu bremsen, wird keinem echten Unternehmer seine Möglichkeiten nehmen, kein bissschen. Da kommen nur die Schaumschläger, die absolut keine Werte schaffen, sondern bloß zocken, nicht mehr zu ihrem Recht. Ist das schlimm? Die haben vorher keine fairen Werte geschaffen, z.B. mit Spekulation auf 0,05% Kursschwankung des Yen in 30 Min oder 4 Stunden, das hat bloß die Asienkrise hervorgerufen. Die Tobinsteuer, 0,05% auf jeden Handelsvorgang, bremst nur das kranke Fieberzittern, nicht die reale Wirtschaft. Daran ist nicht Illiberales, da wird nur dem Spielbank-Wahn eine Grenze gesetzt.
    Das müsste man nicht machen, wenn die Zocker in den Investmentbanken auch zu 100% für ihren Scheiß haften würden, auch wenn sie dran verreckten. Das wäre dann faire Spielsucht: Wenn Du Deinen Lebensunterhalt, der reichlich gesichert war, verzockst, dann kriegst Du nicht mal Hartz IV, dann darfst du betteln oder verhungern. Aber so ist es ja nicht. Die zocken, stecken die Gewinne ein, und wenn's Verluste gibt, sollen alle zahlen. Dann ist doch eine Bremse für die riskanten Geschäfte gut – die tut nur dem Zockerteil der Finanzgeschäfte Abbruch. Da, wo Banken überhaupt irgendeinen fairen Wert erzeugen, beim Spar- und Kreditgeschäft, da wird man nichts Nachteiliges merken. Das Geschäft können wir notfalls vielleicht retten. Die Investment-Banken sollen gern verrecken, wenn sie sich auf zu dünnes Eis begeben.

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