Feiertage privatisieren!

Im folgenden Gastbeitrag argumentiert Andreas Dietz von der FDP (Kreisverband Nienburg-Weser) für die Privatisierung von Feiertagen. Ich stimme seinen Ausführungen uneingeschränkt zu:

Frechheit

Muslime fordern Feiertage

Die jüngste Forderung des Zentralrats der Muslime nach zwei neuen religiösen Feiertagen (FAZ.net, 28.03.2013) fällt in die christliche Osterzeit. Und sie provoziert erwartungsgemäß die üblichen Reflexe. So meint beispielsweise Daniel Deckers auf FAZ.net in diesem Kommentar:

“Eines muss man dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland lassen: Seine Forderung, zwei islamische Festtage in den Rang nichtgesetzlicher Feiertage zu erheben, trifft den Geist der Zeit. Denn jede Form formaler Gleichbehandlung von nach Herkunft und Inhalt Ungleichem ist politisch korrekter als die nach Herkunft und Inhalt gut begründete Ungleichbehandlung von formal Gleichem.” (FAZ.net, 30.03.2013)

Das ist schön formuliert, aber es ist Unsinn. Die formale Gleichbehandlung von Ungleichem ist nämlich nicht nur Anliegen politischer Korrektheit, in deren Namen tatsächlich viele Albernheiten gerechtfertigt werden. Die Gleichheit vor dem Gesetz, also die Nichtdiskriminierung durch den Staat, ist essentieller Bestandteil unserer freiheitlichen Grundordnung. Die Ungleichbehandlung mag Gewohnheit sein, legitim ist sie deswegen aber nicht.

Gegenwärtig genießt die größte Religionsgemeinschaft in Deutschland zahlreiche Privilegien, die noch auf eine Zeit zurückgehen, in der tatsächlich nahezu alle Bürger Christen waren. Virulent wurde das Thema erst mit der Pluralisierung der Weltanschauungen. Heute sind nur noch 58 Prozent der Bürger konfessionell an eine der beiden Großkirchen gebunden – Tendenz abnehmend. Rund 38 Prozent sind formal konfessionslos (fowid, Hochrechung 2011) – Tendenz steigend. Differenzierter, aber in der Gesamtschau nicht wesentlich anders, ist das Bild beim tatsächlichen Gottesglauben (fowid, ALLBUS-Studie 2002).

In unserer Gesellschaft leben auch Muslime, Buddhisten, Juden, Hindus und zahlreiche andere religiöse und weltanschauliche Minderheiten. Deshalb lässt sich die tradierte Praxis immer schwerer rechtfertigen. Und es stellt sich immer dringender die Frage nach einer angemessenen Lösung. Prinzipiell ließe sich das Gebot der Gleichbehandlung durch den Staat auf zwei Wegen umsetzen:

(1) Durch die Gleichbehandlung aller im Privileg.

Die Gleichbehandlung aller im Privileg würde bedeuten, jeder Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft gesetzliche Feiertage zuzugestehen. Alle Bürger, ob sie es guthießen oder nicht, hätten also nicht nur zu Weihnachten, Ostern und den übrigen christlichen Anlässen frei, sondern zum Beispiel auch in der Zeit des islamischen Opferfestes, zum jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur und zum Charles-Darwin-Gedenktag der Humanisten, den vor einigen Jahren die Giordano-Bruno-Stiftung lanciert hatte.

Und mit welchem Recht würde man Mormonen, Zeugen Jehovas und Scientologen einen gesetzlichen Feiertag verweigern? Die Gleichbehandlung aller zieht aber auch Freiheitseinschränkungen für alle nach sich. Zu zahlreichen, individuell nicht vertretenen Anlässen, dürften wir nicht mehr produktiv tätig sein, keinen Handel treiben und generell unseren Alltag nicht mehr so gestalten, wie es uns behagt. Für viele Bürger gilt das heute schon. Bald beträfe es auch die Christen.

(2) Durch die Abschaffung bestehender Privilegien.

Die Abschaffung bestehender Privilegien hieße hingegen, dass christliche Feiertage nicht mehr gesetzlich anerkannt würden. Sie hätten dann den gleichen Rang wie Ramadan, Loi Krathong (thailändisch-buddhistisch) oder Holi (ein Hindu-Festival). Auch der 1. Mai, eine sozialistische Tradition, würde als Ausdruck einer weltanschaulichen Minderheit keine Feier- und Gedenkverpflichtung mehr für alle nach sich ziehen, jedenfalls keinen Zwangsurlaubstag. Selbst das Neujahrsfest würde wackeln, denn viele asiatische Zuwanderer pflegen ihr Neujahr nach einem anderen Kalender zu feiern als Europäer es für gewöhnlich tun.

Was vielleicht bedrohlich klingt, wäre nichts anderes als eine Privatisierung der Feiertage. Diese Lösung ist die fairste und liberalste, weil sie jeden Bürger als Individuum ernst nimmt und nicht kollektiv für Begehrlichkeiten anderer vereinnahmt. Mehr Arbeitstage – um einem erwarteten Einwand zu begegnen – würde die Privatisierung der Feiertage jedenfalls nicht nach sich ziehen, denn:

“Eine Privatisierung der Feiertage würde schließlich den Sinn bestehender Verträge nicht berühren. Was an verordneten Urlaubstagen – und nichts weiter sind staatliche Feiertage – entfällt, das ist dann eben freier Urlaub, den jeder auf die Tage legen kann, die ihm wichtig erscheinen. Bei neuen Verträgen kann der einzelne aushandeln, was ihm frommt.” (Blog der Freisinnigen Zeitung, 01.05.2012, via Arprin, 30.03.2013)

Auch weiterhin könnten Menschen, die Spaß daran haben, am 1. Mai rote Fahnen schwenken. Andere könnten stattdessen zur Arbeit gehen. Christen würden wohl ihre Urlaubstage weiterhin auf Ostern und Weihnachten legen. Atheisten stünde es frei, das ebenfalls zu tun – oder stattdessen Liegengebliebenes in der Firma zu ordnen. Muslime könnten einen Urlaubstag im Ramadan nehmen und Vietnamesen stünde es frei, zu ihrem eigenen Neujahrsfest frei zu nehmen und nicht zu unserem.

Je differenzierter eine Gesellschaft wird, um so mehr werden Festlegungen, die alle umfassen, als Freiheitseinschränkung empfunden. Liberale sollten sich dazu mal ernsthaft Gedanken machen.

Ich wünsche allen Christen ein schönes Osterfest!

Andreas Dietz, FDP Nienburg-Weser

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Politik.

5 Kommentare zu “Feiertage privatisieren!

  1. sba sagt:

    Danke für den Beitrag. An vielen Bereichen gehen die Feiertage ja ohnehin´vorbei: Öffentlicher Verkehr, Medizin-, Polizei- und Militärwesen, Landwirtschaft, Energiegewinnung, oft auch Gastronomie sind ja in irgendeiner Form immer präsent. Ganz abgesehen davon, dass das religiöse Personal auch nicht "frei" bekommt. Spräche auch in einer weniger differenzierten Gesellschaft dafür, das bestehende Recht der Wirklichkeit anzupassen — Lieber ein freier Tag, wenn es einem wichtig ist, als ein Feiertagszuschlag.

    Und natürlich: EBenfalls Frohe Ostern!

    • Die Differenzierung von Spam und normalen Kommentaren funktioniert noch nicht richtig, weil die Sicherheitsmaßnahmen hier erheblich erhöht wurden. Sorry. Und gleichfalls frohe Ostern!

      • Andreas D. sagt:

        Du moderierst jetzt stärker. Das hatte ich mir schon gedacht, als du Zhuangzi hast warten lassen.  🙂

  2. JFA sagt:

    Ja, das deckt sich mit den Gedanken, die ich mir auch schon gemacht habe, u.a. angeregt durch so nette Kommentare von Frommen, dass die Atheisten doch an einem kirchlichen Feiertag schon arbeiten könnten. Die denken natürlich an einen _zusätzlichen_ freien Tag. Den Zahn ziehe ich dann gewöhnlich: Gern arbeite ich am Sonntag oder am Ostermontag oder Karfreitag – wenn ich dafür je einen anderen Tag frei nehmen kann.    🙂 

  3. Feiertage privatisieren! | Lackbaumgarten sagt:

    […] (zuerst am 31. März 2013 veröffentlicht beim FDP-Kreisverband Nienburg/Weser und als Gastbeitrag im Feuerbringer-Magazin) […]

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.