Gefühle bewusst verändern

Eine Kritik meiner Einführung in den Objektivismus war für mich besonders schwer nachzuvollziehen. Ich argumentierte, dass man sich die Gründe für seine Gefühle bewusst machen und die eigenen Gefühle durch einen Reflektionsprozess auch verändern kann. Als Beispiel nannte ich eine Frau, die in einen Mann verliebt ist, der sie misshandelt.

Die Kritik lautete, dass gerade dies ein Beispiel dafür sei, dass die bewusste Kontrolle und Veränderung der eigenen Gefühle „unmöglich“ wäre. Ich frage noch einmal nach, ob die betroffenen Zuhörer wirklich „unmöglich“ meinten, aber so sieht es wohl aus. Nun kann ich durchaus verstehen, und so zeigt ja auch die Erfahrung und die psychologische Analyse derartiger Fälle, dass es sehr schwierig für eine Frau sein kann, sich von einem psychopathischen Mann zu trennen, in den sie verliebt ist. Doch wenn man sagt, dies sei „unmöglich“, so hat dies schwerwiegende Implikationen.

Es wäre im Grunde zwecklos, dieser Frau zu helfen. Sie hätte gar keine Wahl, ob sie mit ihrem misshandelnden Mann zusammen sein möchte oder nicht. Sie wäre wie Industrieklebstoff an ihm verhaftet. Jegliche Therapie, psychologische Beratung, polizeiliche Intervention könnte man sich ersparen. Die Frau begrüßt schließlich ihr Unglück, empfängt es mit offenen Armen. Essenziell wäre es insofern richtig, da alternativlos, dass sie irgendwann von ihrem Mann erschlagen wird – wie Nancy aus Charles Dickens‘ Oliver Twist.

Der alternative Ansatz bestünde darin, die Frau und den Mann gewaltsam zu trennen. Der Staat müsste sie auseinanderreißen und sie mit polizeilicher Gewalt davon abhalten, sich nahezukommen, auch wenn sie das möchten. Man erinnere sich daran, was ich über den Zusammenhang zwischen Determinismus und Diktatur sagte.

Ich verstehe es alleine schon aus introspektiver Sicht nicht, wie jemand so etwas glauben kann. Ich hatte schon starke emotionale Bindungen, die ich mittels Vernunft auflösen könnte, ohne auch nur nostalgisch zurückzublicken. Man muss die eigenen Gefühle auf ihre Ursachen und ihre Berechtigung hinterfragen. Mit den eigenen Ideen verändern sich die eigenen Gefühle. Und so findet man es irgendwann infantil oder irrational, in jemanden verliebt gewesen zu sein oder jemanden gehasst zu haben.

In meinen linken Tagen empfand ich ein starkes Entfremdungsgefühl gegenüber der Gesellschaft, in der ich lebte. Ungerechtigkeit, Irrationalität und Bösartigkeit umgaben mich überall. Allerdings litt ich damals schon am „Data-Phänomen“ der überbordenden Rationalität (Vernunft gilt offenbar inzwischen als abnormal) und investierte viel Energie, um die Gefühle auf ihre Berechtigung zu überprüfen. Jetzt empfinde ich vollkommen anders.

Warum sollten das andere Menschen nicht auch können? Es ist doch wohl nur ein Mangel an Überzeugung von den Kräften des eigenen Verstandes, der den Menschen die Motivation dazu nimmt, ihre Gefühle zu analysieren und sie gegebenenfalls zu ändern. Wer immer nur eingeredet bekommt, er wäre ein passiver Zellhaufen, eine biologische Masse, die von Umwelt- und Genfaktoren geformt wird, der glaubt wohl auch nicht, sich selbst und sein Leben verändern und verbessern zu können. Kann er trotzdem.

Ein Kommentar zu “Gefühle bewusst verändern

  1. Tom sagt:

    Natürlich handelt der Mensch auch auf Basis von Gefühlen, die ja im Zuge der Evolution mit einer gewissen Notwendigkeit entstanden sind. Die meisten Gefühle haben eine gewisse evolutionäre Sinnhaftigkeit ob dies nun Angst oder Liebe ist.
    Aber ich stimme dir zu der Mensch hat immer die Möglichkeit sein Handeln rational zu reflexieren und versuchen es zu ändern. Ansonsten gäbe es auch keine Möglichkeit für z.b. die Psychotherapie das Handeln oder das Denken des Menschen zu verändern.

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