Soziale Gerechtigkeit ist keine Gerechtigkeit

Eigentlich sollte dieser Beitrag „Der Schleier des Schwachsinns“ heißen, aber der Originaltitel „Der Schleier des Nichtwissens“, den der Philosoph John Rawls seiner Kopfgeburt gab, trifft die Sache im Grunde gut. John Rawls weiß nämlich nichts über den Menschen – sonst würde er das beinahe identitätslose, widersprüchliche Etwas, das er erschuf, nicht „Mensch“ nennen. Leider weiß kaum jemand, was der „Schleier des Nichtwissens“ ist, also benenne ich die politische Konsequenz dieses Gedankenexperiments: Die Idee der „sozialen Gerechtigkeit“ in ihrer modernen Variante.

Es geht um ein Gedankenexperiment vom Ahnherrn des Egalitarismus, dem amerikanischen Denker John Rawls, der einen großen Einfluss auf die politische Philosophie unserer Zeit hatte. Daran wurde ich erinnert, als Rawls Schleier als Gegenargument gegen den Kapitalismus bei meiner Einführung in den Objektivismus angeführt wurde (übrigens: Der Filmer ist noch mit der Videobearbeitung beschäftigt, aber ich werde das Video öffentlich verfügbar machen, sobald ich kann).

Das Gedankenexperiment lautet wie folgt: Sie haben die Aufgabe, eine Gesellschaft zu entwerfen. Sie wissen nicht, wer und in welcher Position Sie in dieser Gesellschaft sein werden. Wie würden Sie vorgehen? Laut Rawls sind wir in diesem „Urzustand“ alle genau gleich und würden darum eine „gerechte“ Gesellschaft entwerfen. Dafür müssten Sie lediglich alle menschlichen Eigenschaften wegdenken, die uns „ungleich“ machen – also alle menschlichen Eigenschaften.

Rawls nennt konkret:

a) geistige, physische und soziale Eigenschaften wie Hautfarbe, Rasse, Geschlecht, Religionszugehörigkeit

b) Stellung innerhalb der Gesellschaft, sozialer Status

c) materieller Besitz

d) geistige und physische Fähigkeiten wie Intelligenz, Kraft

e) besondere psychologische Neigungen wie Risikofreude, Optimismus

f) Vorstellung vom Guten, Details des eigenen Lebensentwurfs

g) Einrichtung der Gesellschaft etwa ökonomischer und politischer Art

h) Niveau der Gesellschaft zum Beispiel hinsichtlich Zivilisationsfortschritt und Kultur

i) Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation

Die Lebensform (?), die hier beschrieben wird, soll ferner folgende Eigenschaften beziehungsweise Nicht-Eigenschaften aufweisen:

a) Selbstunkenntnis: Die Gesellschaftsmitglieder verfügen über keinerlei Kenntnis über ihr eigenes Einkommen, ihr Vermögen, ihren gesellschaftlichen Status. Sie kennen nicht ihre Vorlieben und Abneigungen, Triebe und Bedürfnisse, genauso wenig wie ihre besonderen körperlichen und geistigen Fähigkeiten und Fertigkeiten.

b) Allgemeines Wissen: Sie verfügen aber über allgemeines Wissen. Sie kennen wirtschaftliche Zusammenhänge und haben grundlegende psychologische und soziologische Kenntnisse.

c) Keine Wahrscheinlichkeiten: Es ist bekannt, dass die Mitglieder der Gesellschaft unterschiedlich begabt sind, unterschiedliche Rollen spielen und verschiedene Rangstufen einnehmen. Die an der Entscheidung Beteiligten haben aber kein Wissen über die konkrete Verteilung dieser Merkmale, so dass sie auch keine sinnvollen Überlegungen anhand von Wahrscheinlichkeiten anstellen können.

d) Rationalität: Alle Mitglieder respektieren sich gegenseitig. Sie treffen ihre Entscheidungen aufgrund rationaler Überlegungen und lassen sich nicht von irrationalen Überlegungen leiten.

e) Keine aufeinander gerichteten Interessen: Sie interessieren sich nicht füreinander, so dass sie sich weder von Liebe noch von Hass in ihren Entscheidungen leiten lassen. Des Weiteren sind sie nicht darauf aus, sich gegenseitig auszunutzen.

f) Kein Neid: Auch Neid akzeptiert Rawls nicht als entscheidungsrelevantes, subjektives Gefühl.

Angenommen, Sie wären eine sprechende Banane…

Für dieses intelligente Etwas ohne geistige und physische Eigenschaften, aber mit einem Einführungskurs in Wirtschaft, Psychologie und Soziologie hinter sich – ich nenne es das „Schmus“ – hat sich Rawls nun die perfekte Gesellschaft überlegt. Wie würde eine optimale Gesellschaft für die Schmus aussehen?

1. Ausgleich „natürlicher Ungleichheiten“

„Wer von der Natur begünstigt ist, sei es, wer es wolle, der darf sich der Früchte nur so weit erfreuen, wie das auch die Lage der Benachteiligten verbessert. Die von der Natur Bevorzugten dürfen keine Vorteile haben, bloß weil sie begabter sind, sondern nur zur Deckung der Kosten ihrer Ausbildung und zu solcher Verwendung ihrer Gaben, daß auch den weniger Begünstigten geholfen wird. Niemand hat seine besseren natürlichen Fähigkeiten oder einen besseren Startplatz in der Gesellschaft verdient.“ (TG 2.17, 122)

2. Generationengerechtigkeit

Nun hat Rawls ein Problem. Seine Schmus würden als Zeitgenossen in die perfekte Gesellschaft eintreten. Das bedeutet, sie bräuchten keinen „Generationenvertrag“ abzuschließen und folgende oder vergangene Generationen zu beachten. Rawls hätte aber gerne einen solchen Generationenvertrag, warum auch immer. Also führt er zwei weitere Bedingungen ein, um zu einem „brauchbaren Ergebnis“ (TG 2.44, 323) zu gelangen (um zu dem Ergebnis zu gelangen, das er gerne hätte):

a) Die Beteiligten des Urzustandes sind Vertreter von Nachkommenlinien, denen zumindest ihre näheren Nachkommen nicht gleichgültig sind.

b) Der beschlossene Spargrundsatz muss so beschaffen sein, dass sie sich wünschen könnten, alle früheren Generationen möchten ihn befolgt haben.

Aus diesem Grunde sollten wir nun keine Rohstoffe verbrauchen, welche die zukünftigen Generationen noch gebrauchen könnten.

Der Wahnsinn hat einen Namen

Rawls Ideengebäude ist ein typisch rationalistisches Gedankenkonstrukt, aber nicht einmal eines der besten (logisch konsistentesten) dieser Variante, ganz ohne die schönen Monaden von Leibniz darin. Es beschreibt nicht die Realität und keine realen Menschen, sondern eine Fantasywelt, Rawls persönliches Mittelerde, in dem monströse, unbegreifliche Kreaturen mit widersprüchlichen Eigenschaften, die Schmus, leben. Für die Schmus erschuf Rawls eine utopische Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die er auf reale Menschen überträgt und die von Sozialdemokraten verwirklicht werden soll.

Anarchy, State and Utopia (gibts auch auf Deutsch) von Robert Nozick war die Antwort auf Rawls. Darin fragt Nozick: „Fragen sich die Leute im Urzustand überhaupt, ob sie das Recht haben, über die Verteilung von allem und jedem zu entscheiden?“

Laut Nozick haben sie dieses Recht nicht. Jeder Mensch gehört sich selbst. Er erwirbt Eigentum durch eine produktive Umwandlung der Natur in etwas, das für den Menschen von Wert ist (wie John Locke argumentierte). Der Staat soll nur die Rechte seiner Bürger vor Eingriffen durch Aggressoren schützen. Wir haben uns den Minimalstaat laut Nozick als Utopie vorzustellen.

Das entspricht genau der objektivistischen Politikphilosophie, wobei Nozick allerdings nicht begründen konnte, warum Menschen Selbstzweck und kein Mittel zum Zwecke anderer sind – im Gegensatz zu Ayn Rand. Sie erklärte, warum das Leben metaphysisch ein Selbstzweck ist und jeder Mensch es als höchsten Wert anstreben sollte. Abgesehen von der tiefergehenden Begründung in der objektivistischen Philosophie sind Nozick und Rand aber politisch so gut wie identisch.

Ayn Rand selbst schrieb über John Rawls „Theorie der Gerechtigkeit“:

„Die neue „Theorie der Gerechtigkeit“ verlangt, dass Menschen der natürlichen „Ungerechtigkeit“ entgegenwirken, indem sie die obszönste, größtmögliche Ungerechtigkeit zwischen den Menschen durchsetzen: Jenen, „die von der Natur bevorzugt wurden“ (also die Talentierten, die Intelligenten, die Kreativen) das Recht auf die Belohnung für das, was sie produzierten (also ihr Recht auf Leben) abzusprechen – und den Inkompetenten, den Dämlichen, den Faulen ein Recht auf aufwandslosen Genuss der Belohnung für das zuzusprechen, was sie nicht produzieren konnten, sich nicht vorstellen konnten und von dem sie nicht wussten, was sie damit anfangen sollen.

[Die Egalitaristen glauben,] ein Mensch verdient nichts als Mensch nach seiner Geburt, weil er aufgrund von „unverdienten“ Eigenschaften handelt. Implikation: Etwas verdienen bedeutet, dass man seine persönlichen Eigenschaften wählen und verdienen muss, bevor man existiert.

Nehmen wir an, ein Arzt wird gerufen, um einen Mann mit einem gebrochenen Bein zu helfen. Anstatt es zu richten, fährt er damit fort, die Beine von zehn weiteren Männern zu brechen, während er erklärt, dies würde dazu führen, dass sich der Patient besser fühlt; wenn all diese Männer zu lebenslangen Krüppeln werden, spricht sich der Arzt für die Durchsetzung eines Gesetzes aus, das jeden dazu zwingt, auf Krücken zu laufen – damit sich die Krüppel besser fühlen und um die „Ungerechtigkeit“ der Natur auszugleichen.

Wenn dies unaussprechlich ist, wie eignet es sich dann eine Aura der Moralität an – oder selbst den Vorzug eines moralischen Zweifels – wenn es in Hinblick auf den menschlichen Geist praktiziert wird?“

Literatur

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4 Kommentare zu “Soziale Gerechtigkeit ist keine Gerechtigkeit

  1. Elmo Schwartz sagt:

    Zu den subjektiven Umständen gehört, dass die Individuen Lebenspläne haben, die unterschiedliche Ziele und Zwecke beinhalten. Dabei ist vor allem entscheidend, dass die unterschiedlichen Lebenspläne zur Folge haben, dass es konkurrierende Ansprüche auf die natürlichen und sozialen Ressourcen gibt.

  2. politbuerokrat sagt:

    Rawls „Schleier des Nichtwissens“ kennt man leider hauptsächlich aus der Verteilungspolitik, aber man kann das auch allgemeiner als Variante des Kategorischen Imperativs betrachten, die explizit von allen Eigenschaften abstrahieren soll, für die man sozusagen nichts kann. Dann ist das nicht mehr ganz so dumm.
    Das Konzept ist in der Verteilungspolitik unnütz, weil die Bewertung von „Gesellschaften“ letztlich auf Risikobewertungen verschoben wird. Man kann sich das ganze Vorstellen als eine Menge von Lotterieregeln unter den „Schmus“, welcher Mensch sie jeweils werden. Alle Schmus müssen sich dabei auf eine Regel einigen.
    Nimmt man an, daß die Schmus alle vollständig risikoavers in Bezug auf ihr Überleben sind, aber risikoliebend in Bezug auf ihr sonstiges materielles Wohlergehen (eben solange sie nicht verhungern müssen), dann sähe das Ergebnis der besten „Gesellschaft“ überhaupt nicht mehr so sozialistisch aus. Im Punkt „Ausgleich natürlicher Ungleichheiten” will Rawls aber auch noch komplette Risikoaversion aller hinsichtlich materiellen Wohlstand. Am Ende kann man also immer das rauskommen lassen, was einem gerade gefällt, da stimme ich Dir zu.

    (Übrigens Danke, daß Du meiner längst vergessenen Bitte nachgekommen bist.

  3. Martin sagt:

    Vielleicht übersehe ich etwas,das ist noch nicht richtig durchdacht, geschweige denn ausformuliert, aber macht Rawls nicht einen ganz simplen logischen Fehler ?

    Seiner Auffassung nach resultiert -wenn ich das richtig verstanden habe- die Ungerechtigkeit aus verschiedenen Veranlagungen, bzw. das die Leute diese nutzen.
    Weiterhin sind die Veranlagungen „unverdient“. D.h. wer welche Veranlagungen hat, ist eigentlich Folge eines (oder vieler) Zufallsereignisse.

    Nun sind Zufälle und ihre Folgen aber grade weder gerecht noch ungerecht. Wären sie das, wäre es kein Zufall mehr, da das Ereignis bzw. die Folgen bestimmten Richtlinien folgen müssten.

    Wenn jemand aus heiterem Himmel von einem Meteor getroffen wird, dann ist das eben weder gerecht, noch ungerecht.
    Das wir teilweise anders denken (Massenmörder wird getroffen=gerecht, Baby wird getroffen=ungerecht) ist einfach ein Denkfehler und liegt daran, das wir einen Sinn suchen und hineininterpretieren und als „strafende Hand Gottes“ oder dergleichen sehen.

    Wenn wir Rawls also ernst nehmen und die Eigenschaften etc. zufällig sind, dann greift seine ganze Folgeargumentation nicht. Denn Zufälle und ihre Folgen kann man weder im positiven, noch im negativen Sinne, „verdienen“.
    Man muß es daher auch nicht und es gibt auch keine auszugleichende Ungerechtigkeit.

    Und da Zufälle eben unverursacht und eben nicht gerecht oder ungerecht sind, erhöht es die Gerechtigkeit nicht, wenn man sie „ausgleicht“. Es vermindert sie.
    Nehmen wir an, jemandes Haus würde in Brand geraten und mir würde nun eine relevante Summe Geldes weggenommen, damit er sich ein neues kaufen kann.

    Das wäre gerecht, wenn ich einen Anteil Schuld daran hätte, das das Haus abgebrannt ist. Es gäbe sozusagen ein Gerechtigkeitsdefizit zu meinen Lasten, das ich ausgleichen müsste.

    Es wäre ungerecht, wenn er sein Haus durch eigene Schuld abgefackelt hätte. Es gibt kein Gerechtigkeitsdefizit, da sein Verlust die Folge seiner Handlung ist.

    Es wäre ebenfalls ungerecht, wenn sein Haus von einem Meteor getroffen wurde. Denn dieses Ereignis und seine Folgen ist von Natur aus weder gerecht noch ungerecht. Es gibt kein Gerechtigkeitsdefizit,da es keine gerechte oder ungerechte Tat gab.
    Es gibt also keine Ungerechtigkeit, die ausgeglichen werden müsste. D.h. mir Geld wegzunehmen, würde ein Gerechtigkeitsdefizit hervorrufen.

    Ebenso, wie Rawls „Gleichmacherei“ bzgl. der Veranlagungen bzw. deren Folgen das würde. Die Veranlagungen bedeuten, eben GRADE weil sie unverdient, bzw. von den Betreffenden unverursacht sind, kein Gerechtigkeitsdefizit,ein „Ausgleich“ würde also ein solches erst schaffen.

    Hab ich irgendwo einen Denkfehler oder kommt das hin?

    • Das stimmt durchaus. Rawls ahnt vielleicht, dass seine Kern-Argumentation Unsinn ist und entwickelt darum ein riesiges Fantasiegebilde, um sie zu rechtfertigen.

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