Die Zelebrierung des Ausblendens

Und die Kommentarspalten sind wieder voll mit Leuten, die eine islamistische Motivation der Täter von Boston bezweifeln, dem amerikanischen Waffenrecht die Schuld geben (eine „Kultur der Gewalt“), Rechten die Schuld geben (weil die von den Rechten unterdrückten, vereinsamten Studenten sich wehren mussten), die bezweifeln, dass die Terroristen wussten, dass Bomben in ihren Rucksäcken sind (so auf Facebook vernommen – kein Witz!) und so weiter. Ich nutze diesen Beitrag für einen kurzen Appell an den gesunden Menschenverstand.

1. Die Realität ist real

Je weniger terroristische Anschläge es gibt, desto besser. Wenn es welche gibt, sollte man diese Tatsache anerkennen. Wenn Anschläge besonders häufig von einer ideologischen Gruppierung ausgehen (Islamisten) und nur selten von einer anderen (Rechtsradikalen), so sollte man auch dies als Tatsache anerkennen. Tatsachen anzuerkennen bedeutet nicht, dass man sich über diese Tatsachen freut. Es bedeutet einfach nur, dass man die Wahrheit anerkennt.

2. Der Kontext ist entscheidend

Ich habe mich konkret darüber gefreut, dass ich mit meiner Einschätzung über das wahrscheinlichste Täterprofil Recht hatte. Andere Kommentatoren, die Vertreter der Tea Party verdächtigten, hätten sich darüber gefreut, wenn sich gezeigt hätte, dass in der Tat Vertreter der Tea Party für den Bostoner Anschlag verantwortlich waren. Weder sie noch ich freuen sich darum über den Anschlag – sondern eben nur über die Bestätigung der Effizienz des eigenen Verstandes.

Ebenso bedeutet dies nicht, dass einem die Opfer egal wären. Die Trauer oder in meinem Fall die Wut über den Anschlag mag das gute Gefühl, dass man Recht hatte, durchaus überwiegen. Es ist ganz natürlich, dass sich ein Mensch über eigene Leistungen freut. Wer sich nicht über eigene Leistungen freut, hat psychische Probleme. Einem Menschen vorzuwerfen, dass er sich über eigene Leistungen freut, ist ein Angriff auf sein Selbstwertgefühl, das er zum Überleben benötigt.

Im vollen Kontext betrachtet gibt es nicht nur die Freude, dass man richtig lag, sondern auch die Wut und die Trauer über den Anschlag. Darum kann man nicht legitimerweise behaupten, ich würde mich über den Anschlag freuen. Ich freue mich über das Funktionieren meiner analytischen Fähigkeiten, den Anschlag finde ich schrecklich. Aussagen ohne Kontext sind sinnlos.

3. Ziel ist das menschliche Überleben

Warum sollten wir die Realität anerkennen? Um zu überleben. Wenn wir die Tatsache leugnen, dass es islamistische Gruppen gibt, die den Westen als ihren Feind ansehen, so können wir auch nichts gegen den Angriff auf uns unternehmen. Wenn wir uns selbst dafür verantwortlich machen, dass uns religiöse Spinner umbringen wollen, dann haben wir es nicht verdient, zu überleben.

4. Persönliche Angriffe sind keine Argumente

Ob ich einsam oder gesellig, fröhlich oder traurig, vernünftig oder verrückt bin, ist für die Beurteilung meiner deskriptiven Aussagen bedeutunglos. Entweder meine Aussagen sind wahr oder sie sind es nicht. Ich könnte ein sprechendes Kamel sein, ein fliegender Frosch, ein tanzendes Einhorn: Entweder ich liege richtig oder ich liege falsch. Ad Hominems mögen die einzige Argumentationsmethode von Realitätsleugnern sein, valide sind sie nicht.

 5. Persönliche Motivationen sind nicht durch Fantasieren ergründbar

Angeblich profitieren „Leute wie ich“ – wer auch immer das sein mag – von islamistischen Anschlägen. Das ändert zunächst nichts an der realen Existenz islamistischer Anschläge. Behauptet man so etwas, sollte man ferner begründen, inwiefern ich von Anschlägen profitieren sollte. Ich bin kein Mitglied irgendeiner Partei, ich habe keine politischen Forderungen gestellt. Ich habe weder gesagt, dass wir schärfere Gesetze bräuchten, noch, dass wir weniger scharfe Gesetze bräuchten. Ich sagte nichts über die Einwanderungspolitik. Ich sagte nichts über Muslime allgemein. Ich sagte nur eines: Wir müssen die Realität als solches akzeptieren. Danach können wir uns überlegen, wie wir vernünftig damit umgehen können. Ende der Durchsage.

Der Vollständigkeit halber hier zwei Screenshots, wie die – öffentliche – Facebook-Diskussion zu meinem Beitrag „Es waren radikale Muslime!“ ausgegangen ist. Mit Beleidigung und Nazikeule:

Beleidigung Iron Mike 2

Beleidigung Iron Mike

Und die Leute „liken“ derartige Schwachsinnskommentare schon die ganze Zeit über.

Um die Frage von Lukas zu beantworten: Mal angenommen, ich hätte jahrelang – ähnlich wie in dem Buch/Film Der Stellvertreter – versucht, die Weltöffentlichkeit auf den Holocaust aufmerksam zu machen. Ich hätte allen möglichen Journalisten geschrieben, Politiker besucht, Reden gehalten, doch niemand wollte mir glauben, dass Juden von den Nazis systematisch vernichtet werden. Erst 1945 wird die Beweislast durch die Veröffentlichungen der Alliierten so erdrückend, dass sich kein Realitätsleugner mehr ungeschoren abwenden kann. Meine „wilden Behauptungen“, mein „paranoides Geschwätz“ würden endlich offiziell bestätigt. Wäre ich dann darüber froh, dass auch andere anerkennen mussten, was ich schon lange wusste?

Natürlich!

Ein Kommentar zu “Die Zelebrierung des Ausblendens

  1. Tom sagt:

    Man sollte immer erst abwarten was jetzt die genaue Motivation der Attentäter ist. Aber dennoch halte ich es legitim hier auf einen islamistischen Hintergrund zu spekulieren. Die meisten Attentate der letzten Jahre erfolgten vor diesem Hintergrund.

    Allerdings sollte klar sein dass es sich bei den Attentätern um Verbrecher handelt. Das sind keine armen Opfer sondern Mörder, egal vor welchem ideologischen Hintergrund sie gehandelt haben.

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