Philosophische Landstreicherei

Zhuangzi träumt von einem Schmetterling

Ich fragte jüngst den Ethiklehrer Andreas Dietz, der bei einigen Gelegenheiten Materialien von mir für seinen Unterricht verwendet, ob er als Co-Autor im Feuerbringer-Magazin mitschreiben möchte. Da er mit der objektivistischen Philosophie noch nicht so vertraut ist und sich nicht darauf festlegen möchte, hat er dies abgelehnt, aber gelegentliche Gastbeiträge angeboten.

Die Form seiner Ablehnung ist dabei ganz interessant – eine märchenhafte, philosophische Geschichte – und er bot an, daraus gleich einen Gastbeitrag zu machen. Andreas Dietz beschreibt darin seinen philosophischen Lebensweg und auch meinen Einfluss auf diesen (ich schlüpfe in die Rolle von meinem Maskottchen Prometheus). Wie aus der Geschichte hervorgeht, kennen wir uns schon seit den Zeiten, als wir noch für die Giordano Bruno Stiftung aktiv waren. Zhuangzi (365 v. Chr.; † 290 v. Chr.), eine Figur in der Geschichte, war ein chinesischer Philosoph und gehört zu den beiden Urhebern des Daoismus.

Philosophische Landstreicherei

Liebe Leser, ich möchte Ihnen mit diesem Beitrag eine kleine Geschichte erzählen, an deren Ende Ihnen klar sein wird, warum ich das tue.

Also ich saß gestern Abend zusammen mit Zhuangzi bei mir zu Hause im Wohnzimmer. Wir tranken etwas Tee und plauderten über Brunnenfrösche, Fragen der spontanen Ordnung und zehntausend andere Dinge, als es an der Tür klingelte. Ich ließ den alten Meister kurz allein zurück. Der verzweifelte ohnehin gerade an der Frage, ob er wirklich Zhuangzi sei oder nicht vielmehr ein Schmetterling, der nur träumte, er wäre Zhuangzi. Mein Gast ist gelegentlich etwas seltsam, müssen Sie wissen.

Der Fremde an der Tür trug eine brennende Fackel. Er war eine ungewöhnliche Erscheinung. Ich bin schon vielen Leuten begegnet, die ungewöhnlich sind, und auch einigen, die wirklich sehr, sehr ungewöhnlich sind. Aber dieser Fremde hatte etwas an sich, das es so wohl kein zweites Mal gibt. Und es war nicht nur die Fackel, die er trug. Der Mann wirkte, als hätte er sich gegen die Götter erhoben und den Sieg davon getragen. Und in der Tat. Er sagte, mit den Göttern sei er jetzt soweit fertig, und fragte mich, ob ich ihn begleiten könnte. Er wollte noch etwas Licht ins Dunkel bringen und brauchte dabei offenbar meine Hilfe.

Das Anliegen kommt mir zur Zeit etwas ungelegen. Vor kurzem erst hatte sich der alte Chinese bei mir einquartiert und wir hatten gerade sehr viel Spaß dabei, über Konfuzius und seine Staatsgläubigkeit zu lästern. Am Tag davor erst erwogen wir eine Strategie, die wir “die Verpuffung der Bürokratie durch sich selbst” nennen wollen. Wir überlegten, den Konfuzianern, den alten wie auch den modernen, solange mit den eigenen Mitteln zu Leibe zu rücken, bis ihnen die Absurdität ihrer Ansinnen ganz von selbst so ins Gesicht springt.

Die Sache mit der Absurdität ist eigentlich die Idee eines Franzosen. Camus hieß er und er war sehr ungewöhnlich. Ich bin ihm vor einigen Jahren auf einer Wanderung begegnet und hatte ihm geholfen, einen großen Felsbrocken auf einen Gipfel zu rollen. Er war geradezu vernarrt in seinen Fels und hatte seine helle Freude daran, ihn wieder den Berg herunter rollen zu sehen. Er meinte, der Kampf gegen Gipfel würde ein Menschenherz erfüllen. Sehr produktiv erschien mir aber nicht, was er da tat. Und nach dem dritten Mal war mir dann auch langweilig. Das alles erinnerte mich an ein buddhistisches Kloster, wo die Mönche jeden Tag den Hof kehrten, ohne dass er verschmutzt war. Sie saßen auch oft auf dem Boden und schnauften die Luft ein und aus – was ich ebenfalls als ungewöhnlich empfand.

Womit man ein Menschenherz ausfüllen kann, darüber haben die Leute, denen ich begegnet war, sehr unterschiedliche Ansichten. Und, wie gesagt, ich bin sehr vielen dieser Leute begegnet. Das ist die Folge, wenn man sehr viel umherstreift. Eines Tages traf ich in der Nähe eines kleines Sees einen Waldspaziergänger beim Heidelbeerpflücken. Der Mann war etwas wortkarg, aber er sagte, sein Name sei Henry Thoreau und er hätte sich am See eine kleine Hütte gebaut um unabhängig und frei zu sein. Er hat dort Bohnen angebaut und sie auf dem Markt verkauft. Das reichte ihm auch für sein bescheidenes Leben. Er meinte, wenn Menschen zu ihm kämen um ihm Gutes zu tun, würde er wie vor einem Sandsturm Reißaus nehmen.

Henry bestand darauf, dass der Staat das Individuum als die größere und unabhängige Macht anerkennen muss, von der all seine Macht und Gewalt sich ableitet. Einmal hatte er sogar die Zahlung der Kopfsteuer verweigert und saß deswegen eine Nacht im Gefängnis. Dummerweise, wie er sagte, wäre dann ein Freund gekommen, um ihn mit Zahlung der Steuer freizukaufen. Ich war mit Henry noch eine ziemlich lange Zeit im Wald spazieren gegangen, bis wir uns eines Tages verabschiedeten, denn der Winter brach herein. Viel geredet hatten wir nicht, aber Henrys Verständnis von Freiheit und vor allem seine gelebte Freiheit haben tiefe Spuren hinterlassen.

Sein Name begegnete mir später wieder bei einem kauzigen kleinen Inder, einem äußerst ungewöhnlichen Mann, der eine Schrift von Henry gelesen hatte und mit diesem Rüstzeug die Fremdherrschaft in seinem Land abschütteln wollte. Der Inder, er hieß Mohandas Gandhi, hatte wirklich hehre Absichten, aber im kleinen Rahmen leider selbst autokratische Züge. Mein Aufenthalt bei ihm sagte mir auch wegen der streng vegetarischen Kost nicht lange zu. Und er betonte stets, dass man sich gegen Gewalt nicht mit Gewalt zur Wehr setzen dürfe. Eine solch rigorose Friedfertigkeit hatte mich nicht überzeugt. Seine Standhaftigkeit, seine Einfachheit und die freiheitliche Gesinnung haben mich aber beeindruckt.

Etwas später, bei einer geselligen Runde in Epikurs Garten, sprachen wir erneut über Einfachheit und Freiheit. Wir – das waren der Gastgeber Epikur, der Römer Seneca, der sich trotz seiner Mitgliedschaft in einer konkurrierenden Philosophenschule auf die Debatte eingelassen hatte, ich sowie einige andere, darunter auch ein paar Frauen und Sklaven. Epikur war hier seinen gesellschaftlichen Umständen um Jahrhunderte voraus. Vielleicht erklärt sich dadurch auch die unwürdige Verleumdung seiner Person und die Entstellung seiner Lehre. Als lüsternes Schwein haben sie Epikur bezeichnet, was natürlich Unsinn ist. Ich fand, ehrlich gesagt, seine Angewohnheit, vor jedem Glas Wein die zu erwartende Lust und Unlust penibel gegeneinander abzuwägen, sogar etwas nervig.

Was die Christen angeht und die anderen Moralapostel, so haben wir später etwas Dampf abgelassen. Ich geriet bei meinen Streifzügen in einen spontanen Flashmob, der allerdings mehrere Jahre anhielt und von einigen Herren angeführt wurde, die sich auf ihr Handwerk sehr gut verstanden: Richard Dawkins war einer von ihnen. Michael Schmidt-Salomon hieß ein anderer. Wir haben nicht Gotteshäuser mit Eiern sondern die Gläubigen mit wissenschaftlichen Argumenten beworfen. Dabei trafen wir auch einige Passanten, die es aber verdient hatten und deren Namen später bekannt wurden, unter ihnen Samuel Hahnemann und Rudolf Steiner. Sie hatten sich fürchterlich darüber aufgeregt. Der Mob hat sich mittlerweile stark gelichtet und die Prioritäten der ehemaligen Teilnehmer haben sich teilweise etwas verschoben.

Und während ich mich an diese Geschichten erinnerte, schien mir der Fremde an meiner Tür plötzlich bekannt vorzukommen. Er war es, der damals mit die größten Treffer landete. Und er muss es auch gewesen sein, der zuletzt vor ein paar Monaten eine kleine Holzbrücke im Wald eingerissen hatte, was meinen Streifzügen eine andere Richtung gab. Ich meine ihn noch flüchtig gesehen zu haben. Jene Brücke wollte ich gerade auf dem Weg zu einem Engländer überqueren, der mich – da er ebenfalls Epikur sehr gut kannte – eingeladen hatte, um mir seine Weiterentwicklung von dessen Lehre schmackhaft zu machen. Der Engländer, John Stuart Mill, gab vor Anhänger der Freiheit zu sein. Wie ich kurz darauf aber erfuhr, pflegte er stattdessen einen Kollektivismus besonders perfider Prägung. Sehr heimtückisch, man muss schon aufpassen!

Hätte der Besucher an meiner Tür die Brücke nicht eingerissen, hätte ich nicht notgedrungen den Weg gewählt, der mich schließlich zu einem sehr klassisch anmutenden Schulgebäude geführt hat. Zwei Professoren, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, richteten gerade eine Tagung über die effiziente Allokation von Ressourcen auf freien Märkten aus. Zugegen war auch eine Dame, die mir auf den ersten Blick nicht sehr sympathisch erschien, aber ihren Standpunkt prägnant und eindringlich darzulegen wusste. Auf ihrem Namensschild stand “Ayn Rand”. Ihre Schriften habe ich bis heute noch nicht gelesen. Mir ist jetzt aber klar, dass sie für den Mann mit der Fackel von großer Bedeutung sein müssen, denn er saß während der gesamten Tagung neben der Dame und machte sich Notizen.

Nun, jedenfalls kam genau dieser Mann gestern Abend zu meinem Haus und klingelte an der Tür. Und er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zusammen etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Schließlich hätten wir ja auch schon gemeinsam Argumente auf die Gläubigen geworfen. Das mit dem Licht könnte mir schon gut gefallen, dachte ich mir spontan. Aber es gibt wirklich sehr viel Dunkelheit allerorts und die ganze Lichtbringerei ist am Ende möglicherweise sehr zeitaufwendig. Den Mann zu begleiten, hieße außerdem seinem Weg zu folgen. Ich werde mal Zhuangzi, den alten Spaßvogel, fragen, was er über Wege zu sagen weiß.

Aber vielleicht kann ich dem Mann mit der Fackel gelegentlich etwas behilflich sein.


Andreas Dietz
http://lackbaumgarten.de

4 Kommentare zu “Philosophische Landstreicherei

  1. Andreas Dietz sagt:

    Genau genommen, war ich bei der Giordano-Bruno-Stiftung nur eine Zeit lang Förderkreismitglied, eher passiv. Mein Bild umfasst eigentlich die ganze säkulare Szene, jenes blaue Forum der „Erleuchteten“, wo wir so viel Spaß hatten (Achtung Ironie!), und den Pressedienst eingeschlossen, für den ich eine Handvoll Beiträge geschrieben hatte.

    „Der Streik“ liegt quasi fast schon im Warenkorb bei Amazon.

  2. Philosophische Landstreicherei | Lackbaumgarten sagt:

    […] (diese kleine Geschichte natürlich ebenfalls im Feuerbringer-Magazin) […]

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