Verteidigung der Telekom

Deutsche Telekom Logo (Quelle: Deutsche Telekom)Nachdem ich die Geschäftsmethoden von Microsoft und Amazon verteidigte, ist nun die Telekom ins Kreuzfeuer der Kritik geraten – und die werde ich ebenfalls verteidigen. Wie bei den anderen Fällen ist die Rechtfertigung für die Empörung wenig bis gar nicht identifizierbar und die Ignoranz für ökonomische Zusammenhänge in der Bevölkerung nimmt sogar im Vergleich zu den Fällen Amazon und Microsoft neue Dimensionen an.

[cleeng_content id=“692732636″ description=“Die Telekom möchte ihr DSL für Vielsurfer drosseln. Politiker haben kein Recht, es zu verhindern.“ price=“0.69″ t=“article“]

Zunächst einmal hat jeder Bürger das Recht, seinen Anbieter, ob von Betriebssystemen, Online-Warenhäusern oder von Telekommunikation, frei zu wählen. Wenn jemandem Windows nicht gefällt, kann er auch MacOS, Android oder Linux verwenden. Mag jemand Amazon nicht, kann er bei Ebay oder bei Tante Emma einkaufen. Wenn jemand die Telekom nicht mag, hat er die Wahl zwischen unendlich vielen anderen Mobilfunk- und Internetanbietern.

Falls ein Kunde also zu den drei Prozent der Telekom-Internetnutzer gehört, die von der geplanten Drosselung von DSL bei Hardcore-Surfern betroffen ist, kann er seinen Vertrag kündigen und anderswo hingehen. Niemand ist gezwungen, da mitzumachen. Wenn er kein Problem damit hat oder nicht betroffen ist, kann er auch bei der Telekom bleiben. Hurra, freier Markt. Zudem ist die Telekom weder der erste noch der einzige Internet-Provider, der mit DSL-Volumenbegrenzungen arbeitet, siehe SPIEGEL.

Darf sich ein Kunde, der von der Neuregelung betroffen ist, darüber aufregen? Klar, man darf sich über alles aufregen.

Politiker wollen Telekom kontrollieren

Das bloße Aufregen von betroffenen Kunden ist es jedoch nicht, jedenfalls nicht nur, was gerade stattfindet. Vielmehr möchten deutsche Politiker verschiedener Parteien in den Markt eingreifen (= in die Rechte der Menschen eingreifen) und der Telekom verbieten, mehr von Extrem-Downloadern zu verlangen.

Das ist reiner, prinzipienloser Populismus. Dass neben CDU und SPD auch die FDP da mitmacht, mag einen weiteren Hinweis darauf geben, warum ich nicht länger wählen gehe. Ich möchte nicht von Gegnern der freien Welt regiert werden, die die Rechte der Bürger bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Füßen treten, um an Wählerstimmen zu kommen.

Wenigstens die EU hält sich heraus. Die EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes sagte der Bild, es sei normal, wenn ein Unternehmen höhere Preise für höhere Datenmengen durchsetzen wolle. „Die EU wird deswegen nicht eingreifen.“ Sehr vorbildlich. Dass sie überhaupt eingreifen könnte, ist schlimm genug.

Die deutsche Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sieht das laut Bild anders: „Sollte sich herausstellen, dass die Telekom ihre marktbeherrschende Stellung ausnutzt, muss das Kartellamt einschreiten.“

Und warum, wenn ich fragen darf? Warum sollte man es nicht einfach den Kunden der Telekom überlassen, sich gegebenenfalls einen anderen Anbieter auszusuchen, wenn sie mit der Preiserhöhung für Vielsurfer nicht einverstanden sind? Nichts hält sie davon ab. Ja, warum gibt es überhaupt ein Kartellamt?

Auch Lars Klingbeil, der netzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sieht „gesetzgeberischen Handlungsbedarf zur Sicherung der Netzneutralität“ angesichts der Preiserhöhung der Telekom fürs Vielsurfen. Das Cnetz, ein Verein für Netzpolitik der Union, sieht es ebenso.

Willkür am Stiel: „Netzneutralität“

Netzneutralität“ ist ein Kampfbegriff, der in dieser Debatte beständig gebraucht wird. Demnach sollen alle Datenpakete unabhängig von ihrem Inhalt gleich schnell von den Providern verschickt werden. Die angeblichen Vorteile sind bei Wikipedia nachzulesen:

So werden Unternehmen an wettbewerbsverzerrenden Maßnahmen gehindert, die eine Monopolbildung fördern würden. Außerdem wird durch derartige Netzneutralität die Verschlüsselung von privaten Daten möglich, da ihre Übertragung nicht benachteiligt wird. Ohne derartige Netzneutralität könnten Anbieter verschlüsselte Daten als weniger beförderungsdringlich ansehen.

Warum sollte ein Provider verschlüsselte Daten langsamer verschicken wollen, sie als „weniger beförderungsdringlich ansehen“? Verschlüsselte Daten sind in der Regel kurze Passwörter und Dokumente, die so gut wie keinen Speicherplatz einnehmen. Nun könnte ein Provider seinen eigenen Videostreamservice bevorzugt behandeln und die Konkurrenz langsamer laufen lassen. Soll er doch! Wenn sich die Kunden das gefallen lassen, gibts kein Problem. Wenn nicht, gehen sie woanders hin. Warum sollte der Staat so etwas unterbinden dürfen? Werden hier irgendwelche Rechte verletzt oder Verträge gebrochen? Nein!

Davon abgesehen, dass das bloße Konzept der Netzneutralität eine Absurdität ist, verstößt die Telekom nicht einmal dagegen. Wie der Vorstandsvorsitzende der Telekom, René Obermann, in seiner Replik auf Philipp Rösler von der FDP schreibt:

Die in Ihrem Schreiben implizit erhobenen Vorwürfe, es könnte zu Verstößen gegen die Netzneutralität und Wettbewerbsvorschriften kommen, sind nicht zutreffend. Die Internetdienste der Telekom, wie Videoload.de, Telekom-Cloud und andere, werden ebenso in das individuell verfügbare Volumen eingerechnet wie die Dienste von Wettbewerbern, wie beispielsweise Google oder Amazon.

Klassenkampf – jetzt online

Auf stern.de spricht sich Christoph Fröhlich in einem Kommentar gegen das „Zwei-Klassen-Netz“ aus:

Die Politik hat das Thema lang genug im Schneckentempo vor sich hergeschoben. Nun ist es Zeit, Gas zu geben: Damit das Internet für alle High-Speed bleibt.

Warum sollte das Internet für alle „High-Speed“ bleiben? Normalerweise muss man dafür bezahlen, wenn man etwas haben möchte. Wenn jemand lieber Ferrari als VW fährt, muss er eben den entsprechenden Aufpreis zahlen. Warum nicht, wenn es um das Internet geht? Beim Internet schalten die Leute sowieso ihr Gehirn ab. Da muss es alles umsonst geben. Nicht mehr die Kunden, sondern nur noch die Anbieter sollen zahlen. Der Kunde degradiert sich selbst zum Parasiten.

„Zwei-Klassen-Netz“ ist nicht zufällig marxistische Terminologie. Dahinter steckt die Idee, jeder habe gleichermaßen ein Recht auf alle Angebote – egal, ob er bereit ist, dafür zu zahlen. Weil alle Menschen „gleich“ sind. Es gibt aber keine Klassen. Es gibt Menschen, die für das bezahlen, was sie nutzen, und es gibt Diebe.

Selbstredend gibt es eine Petition gegen die DSL-Drosselung der Telekom vom 18-jährigen Malte Götz („Klassengesellschaft“, „Netzneutralität“, etc.). Das Alter entschuldigt ihn. Wie jedoch lautet die Entschuldigung der über 94000 Unterzeichner?

Der Zirkus der Interessensgruppierungen

Der deutsche Routerhersteller Viprinet widerspricht der Argumentation der Telekom, die wie folgt lautet: „Immer höhere Bandbreiten lassen sich aber nicht mit immer niedrigeren Preisen finanzieren.“ Viprinet-Geschäftsführer Simon Kissel stellt vielmehr fest: „In Deutschland gibt es gigantische Backbone-Überkapazitäten.“ Dass es Viprinet vielleicht, möglicherweise um etwas anderes gehen könnte, wird im übrigen Artikel von golem.de deutlich. Nämlich um den „Routerzwang“. Bestimmte Internetprovider zwingen ihre Kunden, nur den Router der eigenen Firma (und nicht den von Viprinet) zu verwenden, wenn sie mit diesem Provider ins Internet wollen.

„Das ist ein Horrorszenario für die Verbraucher, wie auch für die gesamte Branche der Modem- und Routerhersteller in Deutschland“, sagte Kissel und ergänzt, dass die Telekom stark auf Geräte aus China setzen würde (anstelle auf die Geräte von Viprinet). Und dieser China-Schrott taugt ja nichts. Also bitte: Wer darauf hineinfällt, ist nicht mehr zu retten.

Schließlich finde ich die Argumentation der Telekom vollkommen gerechtfertigt, laut der die 3% der Nutzer, die 30% des Traffics zu verantworten haben, auch mehr dafür bezahlen sollten. Aktuell subventionieren nämlich 97% der Nutzer die 3% der Hardcore-Downloader. Telekom-Sprecher Philipp Blank im Deutschlandradio:

Auch ein Restaurantbesitzer wird sein ‚All you can eat‘-Angebot überdenken müssen, wenn einige Kunden daraus ‚You can eat it all‘ machen. Fakt bei uns ist: Drei Prozent der Kunden verursachen mehr als 30 Prozent des Datenvolumens. Das bedeutet für die Kunden: Lieschen Müller subventioniert bisher den Heavy User.“

Verrückte Welt.

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11 Kommentare zu “Verteidigung der Telekom

  1. Andreas Dietz sagt:

    Bloß gut, dass ich mir letzte Woche ein PayPal-Konto eingerichtet habe. So konnte ich diesen Artikel sofort lesen. Hat sich auch gelohnt!

    Über Röslers Vorstellungen zu diesem Thema hatte mir auch schon Gedanken gemacht. Bisher bin ich zu keiner vernünftigen Erklärung gelangt.

  2. Milfweed sagt:

    Seien wir doch mal ehrlich, fast 70 % der Nutzer „subventionieren“ die Piraten!
    Ich habe mit der IT Branche zu tun und ich halte die Leute für prinzipienlos. Da wird gefeixt über EU Anti-Trust Terror gegen Microsoft, sich kostenloses Internet gewünscht, aber bitte ohne staatliche Einmischung in den Datenverkehr usw. usf..

    Kürzlich erschienene Artikel und die Kommentare ernten bei mir nur noch ein Facepalm:

    http://www.theverge.com/2013/4/12/4216054/apple-pulls-appgratis-french-minister-pushes-eu-for-tighter-regulation

    http://www.theverge.com/2013/3/6/4069126/eu-fines-microsoft-for-windows-7-sp1-browser-ballot

    http://kotaku.com/activisions-boss-got-an-800-raise-and-a-watchdog-doe-483773785

    Man könnte denken, dass die junge IT Branche unternehmerfreundlich ist, aber die neue EU Beratergruppe, zusammengesetzt aus erfolgreichen Gründern, sammelt Vorschläge, wie man mehr Web Startups fördern kann. Als Hindernisse werden lediglich unterschiedliche Gesetzgebung und Sprachen genannt. Zu hohe Steuern befinden sich nicht darunter.

  3. Flo sagt:

    Ich kann es nachvollziehen, finde es dennoch schade, da ich als Schüler lieber darauf verzichte. Ich hoffe nur, dass es immer noch genug informative Gratisbeiträge geben wird!

    • Ja, die werden sich mehr oder minder abwechseln. Vielleicht packe ich die Bezahlbeiträge auch mal in ein Buch, aber gratis kann ich sie nicht anbieten. Ich bin auch jung und brauche das Geld.

  4. Ken sagt:

    Bei deiner nachvollziehbaren Verteidigung ist sicherlich zu berücksichtigen, dass die Dt. Telekom, Microsoft und ebenso Amazon Branchenriesen innerhalb eines stark interventionistischen Systems sind. D.h., es lässt sich mitunter nicht genau sagen, ob ihr Markteinfluss ihrer Wettbewerbsfähigkeit geschuldet ist, oder den Hürden, die der Staat potenziellen neuen Wettbewerbern in den Weg stellt.

    In interventionistischen Systemen profitieren Marktriesen einerseits von ihrer marktbeherrschenden Position in einem eingeschränkten Markt, andererseits sind sie ab und an selbst Opfer von staatlicher Willkür (etwa durch das Kartellamt). Auf lange Sicht ist ihr Vorteil jedoch üblicherweise größer als der Nachteil.

    Im Falle der Telekom haben wir es jedenfalls mit einem Unternehmen zu tun, das ehemals aus der staatsmonopolistischen Bundespost hervorging. De facto hält immer noch der Staat knapp ein Drittel der Anteile am Unternehmen. Da liegt schon eine gewisse Ironie darin, dass es sich einerseits um ein teils staatliches Unternehmen handelt, andererseits dieses Unternehmen von der Regierung bedroht wird.

    • Milfweed sagt:

      Man sollte diesen Unternehmen dennoch soviel Wahlmöglichkeiten lassen wie nur möglich, da sonst eine Interventionsspirale losgekettet wird.

      Und weiterhin für mehr Trennung von Staat und Wirtschaft werben.

  5. Bjoern sagt:

    Ein paar Beiträge zuvor habe ich die auf Spenden basierende Freischaltung für alle kritisiert und schon muss ich für exklusive Inhalte zahlen. Herrlich 😉

    Jetzt würde ich mich noch sehr freuen, wenn sich die zahlpflichtigen Inhalte wirklich abgrenzen.

    • Stimmt, ich habe dann doch auf dich gehört. Was meinst du mit abgrenzen? Gedacht ist es so: Die Bezahl-Inhalte sind umfangreicher und die Recherche aufwändiger, die Zeit, die ich dafür brauche, schlicht länger. Je mehr der Zugriff kostet, desto aufwändiger der Beitrag für mich. Oder meinst du eine formelle Abgrenzung, eine eigene Seite dafür, eine spezielle Gestaltung, etc.?

      • Bjoern sagt:

        Mhm, schwierig.

        Zunächst muss ich gestehen, dass mir kein besonderer qualitativer Unterschied von diesem zu anderen Artikeln aufgefallen ist. Ich denke es ist schwer den journalistischen Mehraufwand zu verdeutlichen.

        Ich schreibe dass, weil ich befürchte dass bei der „bessere Artikel sind zahlpflichtig“ Politik schnell Verdruss aufkommen könnte. Wenn ich einen freien Artikel lese der mir subjektiv hochwertiger vorkommt als einer für den ich bezahlt habe, kann sich das negativ auf meine Zahlungsbereitschaft auswirken.
        Der andere Post meinerseits, indem ich zu zahlungspflichtigen Inhalten aufgefordert habe geschah aus der Motivation heraus, dass ich nicht dafür zahlen wollte, dass andere die nicht zahlen Zugang zum selben Inhalt bekommen.

        Aber zurück zur Abgrenzung:

        Ich persönlich würde mich über einen besonderen Bereich freuen. Eine gestalterische Differenzierung wäre auch wünschenswert. Wenn Steve Jobs mit Design von Technik erfolgreich war, dann hilft Design auch beim Verkauf schriftstellerischer Arbeit. Ich muss dabei gerade an den Künstler Bryan Larsen (http://wordpress.bryanlarsen.com/) denken. Würde excellent zu deinem Blog passen.
        Apropos Design, so richtig viele Leser finden vermutlich nicht von der Hauptseite auf die Vorträge Seite oder den Shop. Die Links fallen nicht ins Auge.

        Auf jeden Fall möchte ich als Kunde >sichtbarsubjektiv< mehr erhält. Vermutlich genau der Grund, warum Design und Image so wichtig sind).

        • Na ja, der Artikel ist um einiges länger als der durchschnittliche Beitrag. Und man wird umfassend über alle relevanten Aspekte des Themas informiert, auch wenn man nicht meiner Meinung ist. Es gibt zudem Abstufungen bei den Kosten: Dieser kostet nur 69 Cent, der neue über die Privatisierung der Umwelt kostet 99 Cent. Dafür bietet er dann noch einmal mehr. Bilder bekommen nun alle kostenpflichtigen Beiträge und die gratis Beiträge keine mehr.

          Das mit dem Design ist nicht so einfach. Bryan Larsen hat es leichter als bildender Künstler, aber ich bin vor allem ein Text-Mensch und dafür ist das Theme seiner Seite nicht geeignet. Bei Blogs und Nachrichtenmagazinen muss der neueste Artikel populär zu sehen sein – der Leser sollte nicht erst aus verschiedenen Kategorien wählen müssen.

          Das Hauptproblem sind die Beschränkungen, die das Quintus-Theme (das Grunddesign) des Blogs hervorruft. Ich habe nur die Spalte oben mit den Kategorien und eine Spalte rechts. Vielleicht könnte ich rechts auch noch mal auf die Kategorien extra hinweisen. Du hast tatsächlich recht, dass nur wenige Leser zu den anderen Seitens des Blogs finden. Oder natürlich ich nehme mir ein anderes Theme, allerdings ist gerade dieses stark mit meiner „Marke“ assoziiert.

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