Diskriminierungsfreier Schwachsinn

„Wer Verbrauchern den Saft fürs Surfen dann übers Kleingedruckte derartig abdreht, lässt sie auf der Datenautobahn auf der Standspur stranden und nimmt ihnen damit die Möglichkeit zum diskriminierungsfreien Zugang zu allen Diensten.“ So der nordrhein-westfälische Verbraucherzentralenvorstand Klaus Müller über die geplante Drosselung für Vielsurfer der Telekom.

Diesem Zitat antworte ich mit einem anderen Zitat: „Die unwidersprochenen Absurditäten von heute sind die akzeptierten Slogans von morgen.“ (Ayn Rand)

Der Absurdität namens „Netzneutralität“ oder „diskriminierungsfreier Zugang zu allen Diensten“ sei hiermit widersprochen. Es ist so, als hätte jemand – vielleicht nicht einmal bewusst – irgendwelche Begriffe („Neutralität“, „Diskriminierungsfrei“) aus aktuellen Ethikdebatten herausgenommen und sie beliebig auf das Internet übertragen.

„Diskriminierungsfreier Zugang“. So wurden in der Vergangenheit beispielsweise Rampen für Behinderte im Rollstuhl bezeichnet, damit sie auch im Aldi herumfahren konnten. Aber was ist ein „diskriminierungsfreier Zugang“ zum Internet? Wer Augen und ein wenig Geld hat, kann sich heute Zugang zum Internet besorgen und darin herumsurfen. Bedeutet der „diskriminierungsfreie Zugang“ zum Internet, dass auch Menschen ohne Augen oder Geld Zugang zum Internet erhalten sollten? Wie? Wieso?

„Diskriminierungsfrei“ bedeutet „unterschiedlos“. Ein diskriminierungsfreier Zugang zum Internet ist ein unterschiedsloser Zugang zum Internet. Aber was genau wird denn nicht unterschieden? Und warum?

Soll nicht mehr zwischen Menschen unterschieden werden, die für ihren Internetzugang zu zahlen bereit sind und jenen, die nicht dazu bereit sind? Sollen beide gleichermaßen schnellen, diskriminierungsfreien Zugang zu allen Internetinhalten bekommen? Und warum entscheidet das auf einmal der Staat und nicht die privaten Anbieter und ihre Kunden – die ja nicht mitmachen müssen?

Oder ist gemeint, dass zwischen den online abrufbaren Diensten nicht unterschieden werden soll? Dies scheint gemeint zu sein, wenn man das Zitat aus dem Kontext herausgenommen liest. Andererseits ist es im vollen Kontext scheinbar nicht gemeint, denn es geht in der schriftlichen Abmahnung der nordrhein-westfälischen Verbraucherzentrale an die Telekom gar nicht um die Inhalte, die Dienste, sondern um die Drosselung der Geschwindigkeit des Internetzugriffs für Vielsurfer – unabhängig von spezifischen Diensten. „Die verbleibende Übertragungsrate von 384 KBit/s macht eine zeitgemäße Nutzung des Internets unmöglich“, so die Verbraucherzentrale NRW.

Die Telekom hat nun bis zum 16. Mai 2013 Zeit, sich bereit zu erklären, die Drosselungsklausel aus ihren Verträgen zu streichen. Andernfalls will die Verbraucherzentrale vor Gericht ziehen.

Das ist alles vollkommen willkürlich. Irgendjemand spinnt sich ein ethisches Konzept zusammen, die „Netzneutralität“, und nur, weil er sich das zusammenspinnt, wird es auf einmal so behandelt, als sei es eine legitime Grundlage objektiver Rechtssprechung.

Dann spinne ich mir auch mal was zusammen. Ich fordere den diskriminierungsfreien Zugriff auf alle Mercedes-Modelle. Ob ich bereit bin, dafür zu zahlen, darf wegen des Neutralitätsgebots keine Rolle spielen. Ich sehe nicht ein, für schnellere Mercedes-Modelle mehr zu bezahlen als für langsamere. Wegen der Mercedesneutralität, laut der ich für eine gleichbleibende Gegenleistung Zugriff auf alle Mercedes-Autos haben darf.

Ich fordere den diskriminierungsfreien Zugriff auf Flugzeugsitze, auch für Menschen, die so fettleibig sind, dass sie zwei Sitze benötigen. Wenn sie nicht für zwei Sitze bezahlen möchten und der Fluggesellschaft die Einkünfte für einen Fluggast deswegen entfallen – egal, denn aufgrund der Flugzeugsitzneutralität müssen auch Mehrfachsitzer ohne Einbezug ihrer Identität als Mehrfachsitzer Zugriff auf alle Plätze erhalten, die sie benötigen. Andernfalls wird die Fluggesellschaft vom Staat verklagt. (Ich weiß nicht genau, wie das aktuell gehandhabt wird, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es tatsächlich bereits so ist).

Aber gut. Sagen wir einmal, die Kritiker haben insofern Recht, als die Drosselung für DSL-Vielsurfer seitens der Telekom irgendwie unangemessen ist. Mag ja sein. Nur herrscht praktischerweise Vertragsfreiheit in Deutschland und es gibt seit der Privatisierung der Telekom und des Telefon- und Internetnetzes eine Vielzahl von Internetanbietern. Warum also schreien die Leute nach dem Staat, anstatt einfach ihren Anbieter zu wechseln? Die Telekom gehört zu den qualitativ sehr guten, aber auch tendenziell entsprechend kostspieligen Anbietern. Wer hält irgendwen davon ab, woanders hinzugehen, wenn er sich das nicht länger leisten kann oder möchte?

Den Anbieter zu wechseln wäre doch weitaus weniger problematisch, als der Telekom mit neu erfundenen ethischen Maßstäben ihr Recht streitig zu machen, alles anzubieten, von dem sie glaubt, dass genügend Kunden es haben möchten.

Siehe auch meine umfassende Verteidigung der Telekom

Ein Kommentar zu “Diskriminierungsfreier Schwachsinn

  1. DeeTee sagt:

    Ich stimme Dir prinzipiell völlig zu – und das als „Vielsurfer“ bei der Telekom, der demnächst wohl betroffen sein wird (mein traffic liegt z.Zt monatlich jenseits von 1 TB). Eine Leistung muss bezahlt werden, wer mehr Leistung benötigt sollte mehr dafür zahlen.
    Ich gebe nur zu bedenken, dass viele (wie ich) zur Telekom gewechselt haben, weil sie schnellere und störungsfreiere Zugänge bietet als die Konkurrenz (zumindest in meiner Region). Dafür war man ja bereits bereit, mehr zu zahlen. Nun will aber gerage der teuerste Anbieter drosseln, und natürlich steht es jedem dann frei, zu wechseln.
    Meiner Meinung nach sollte aber auch der Begriff „Flatrate“ dann nicht mehr verwendet werden: er wurde seit den Anfängen des Internets mit „einmal Pauschalbetrag zahlen, unbegrenzt downloaden“ übersetzt und auch so beworben. Natürlich ist es eine Mischkalkulation, und es gibt wohl bei jedem User Wochen oder Monate, in denen er kaum oder gar nicht das Internet nutzt; bei mir ist das z.B. immer bei Sonnenschein der Fall. Da ich dann auch nichts „erstattet“ bekomme, empfinde ich die einseitige Vorteilsnahme als unfair – das zur Zeit diskutierte Modell sieht ja vor, bei Mehrverbrauch gedrosselt zu werden oder Geld nachzuschießen, um wieder „Fullspeed“ zu bekommen für den Rest des Monats.

    Letztlich wäre es am gerechtesten, einen Betrag für die tatsächliche „verbrauchte“ Leistung zu zahlen, d.h. pro GB abzurechnen.
    Verbrauche ich mehr, zahle ich mehr.
    ABER AUCH: verbrauche ich weniger, zahle ich weniger.

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