Libertärer Zirkus

Ron Paul (c) Bosch Fawstin

Ron Paul, Ikone der Libertären (c) Bosch Fawstin

Der amerikanische Bundesgerichtshof hat nun entschieden, dass Google die Menschen vor Rufmord schützen muss: Die automatische Vervollständigung von Begriffen darf nicht in Persönlichkeitsrechte eingreifen. Beispielsweise darf nicht hinter Joachim Gauck „Krimineller“ oder dergleichen auftauchen. Bei mir ist zum Glück nur „Feuerbringer“ und das zugehörige Magazin mit meinem Namen verbunden – was es auch sein soll.

Einigen Libertären gefällt das gar nicht: Rufmord sollte nämlich legal sein, finden sie. Angeblich widerspreche Rufmord nicht dem „Nicht-Angriffsprinzip“, da keine physische Gewalt ausgeübt werde, wenn man den Ruf einer Person zerstört. Da man der Auffassung dieser Libertären zufolge alles tun dürfen sollte, was anderen nicht unmittelbar physisch schadet, sollte man auch Rufschädigung betreiben dürfen. Ebenso gibt es Libertäre, die für die Straffreiheit von Bestechung argumentieren. Schließlich sei lediglich derjenige, der sich bestechen lässt, ein Vertragsbrecher, nicht der Bestecher.

Walter Block gehört zu den führenden Anarchisten unter den Libertären. In seinem berüchtigten Klassiker „Verteidigung des Unerhörten“ (PDF) verteidigt er neben Rufmord unter anderem Erpressung und den Mann, der in einem vollen Theater „Feuer“ schreit, obwohl kein Feuer ausgebrochen ist.

Im Folgenden argumentiere ich aus objektivistischer Sicht, warum Rufmord, Bestechung, Erpressung und Vortäuschung gemeiner Gefahr auch in einer freien Gesellschaft verboten sein und bleiben sollten. Ebenso informiere ich jeweils über die deutsche Gesetzgebung bezüglich dieser Vergehen.

1. Rufmord

Es gibt vielleicht nichts Widerlicheres oder Bösartigers als Rufmord. Darum müssen wir das Recht auf freie Rede von Rufmördern besonders sorgfältig verteidigen, denn falls es verteidigt werden kann, dann sind die Rechte aller anderen – die weniger Anstößiges äußern – gewiss sicherer. (Walter Block: Defending The Undefendable, S. 47)

Der libertäre amerikanische Schriftsteller Walter Block bedient sich hier des Argumentes der schiefen Ebene. Falls wir die Redefreiheit von irgendwem einschränkten, bestünde die Gefahr, dass wir die Redefreiheit von allen anderen bald auch einschränken.

Block ignoriert, auf welchen Prinzipien die Redefreiheit gründet. Er verteidigt die Redefreiheit, als wäre sie ein selbstverständliches, nicht weiter begründbares Axiom mit absoluter Gültigkeit; ähnlich einem religiösen Gebot. Das ist sie aber nicht. Er missversteht, was die Redefreiheit eigentlich ist und in welchem Kontext sie gilt.

Das in der Einleitung erwähnte Nicht-Angriffsprinzip ist das grundlegende politische Prinzip des Objektivismus – Libertären gilt es als Axiom und es ist der einzige Inhalt ihrer politischen Philosophie. Dem Nicht-Angriffsprinzip zufolge sollte man alles tun dürfen, solange man keine physische Gewalt gegen andere Menschen einsetzt – solange man also nicht mit Gewalt in ihre Rechte eingreift.

Aber was ist physische Gewalt? Physische Gewalt besteht darin, einer Person auf physische Weise und gegen den Willen des Eigentümers einen Wert zu nehmen, auf den sie einen berechtigten Anspruch hat.

Um zu wissen, ob eine Verletzung des Nicht-Angriffsprinzips vorliegt, muss man zunächst wissen, wer eigentlich einen berechtigten Anspruch auf einen Wert hat – wer beispielsweise der Eigentümer eines Unternehmens ist.

Hier setzt der Rufmörder an. Auf Grundlage von falschen Behauptungen bezweifelt er den Anspruch einer anderen Person auf bestimmte Werte. Er behauptet zum Beispiel, jemand habe ein Unternehmen durch Betrug erhalten. Oder er behauptet, der Eigentümer vergifte das Gemüse, das er verkauft. Somit bestreitet er bestimmte Rechte einer anderen Person: Das Recht auf ein Unternehmen. Das Recht auf den Handel mit seinem Eigentum, dem Gemüse.

Ergebnis des Rufmords ist ein schlechterer Ruf des Unternehmers und seines Unternehmens. Daraus folgend: Die Leute kaufen sein Gemüse nicht mehr, sie halten ihn für einen Betrüger. Die Leute behandeln ihn so, als hätte er keinen Anspruch auf bestimmte Werte, auf die er tatsächlich einen Anspruch hat: Spirituelle Werte wie die wohlwollende Behandlung, die er aufgrund seiner Ehrlichkeit verdient, und materielle Werte wie sein Gemüse.

Rufmord gilt im Objektivismus als „indirekte physische Gewalt“. Dies ist eine Handlung, die nicht selbst physische Gewalt darstellt, aber auf physische Gewalt abzielt. In diesem Fall ist die Behauptung, der Unternehmer sei ein Betrüger und sein Gemüse sei vergiftet, nicht selbst ein gewaltsamer Akt, aber die Tatsache, dass in der Folge niemand mehr beim Unternehmer einkauft, ist ein physischer Eingriff in das Eigentum des Unternehmers, das der Rufmörder zu verantworten hat.

Der Rufmörder ist also mit einem Dieb zu vergleichen. Der Dieb stiehlt direkt das Gemüse des Händlers. Der Rufmörder überzeugt andere Menschen ohne legitimen Grund, kein Gemüse mehr beim Händler zu kaufen. Der Verlust des Händlers kommt auf dasselbe hinaus.

Rufmord im deutschen Recht

§§ 186, 187 StGB: In der deutschen Gesetzgebung wird der Rufmord in die beiden Varianten „Üble Nachrede“ (Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe) und „Verleumdung“ (Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe) aufgeteilt.

Üble Nachrede: Man behauptet etwas Schlechtes über eine andere Person, das man nicht beweisen kann, das aber wahr sein könnte.

Verleumdung: Man behauptet etwas Schlechtes über eine andere Person, das nachweisbar falsch ist, was man auch weiß.

Etwas „Schlechtes“ meint hier eine Aussage, die dazu geeignet ist, jemanden verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen. Es geht also nicht um harmlose Behauptungen über eine andere Person, die vielleicht oder definitiv falsch sind. Wenn jemand behauptet, eine andere Person habe ein gelbes T-Shirt zu Hause, ohne es beweisen zu können, so ist das keine üble Nachrede. Wenn man behauptet, eine andere Person komme immer eine Minute früher zu einem Treffen als man selbst, obwohl das nicht stimmt und man es auch weiß, so ist das keine Verleumdung.

"Freiheit" als libertäres Codewort für "Anarchie" (c) Bosch Fawstin

2. Vortäuschung gemeiner Gefahr

Beim folgenden Zitat von Walter Block sollte man im Hinterkopf behalten, dass er es ernst meint:

[…] das Schutzsystem der Regierung gegen Menschen, die „Feuer!“ schreien – ein absolutes Verbot – entspricht einem Eingriff in die Rechte einer der am meisten unterdrückten Minderheiten: Die Sadisten und die Masochisten. Was ist mit dem Recht von Sadisten, die es genießen, „Feuer!“ in einem voll besetzten Theater zu schreien und dann zuzusehen, wie sich die Menge im folgenden irren Ansturm auf die Ausgänge zerreißt? Was ist mit den Masochisten, die den Gedanken genießen, „Feuer!“ zugerufen zu bekommen, wenn sie in einem voll besetzten Theater eingezwängt sind mit demselben irren, aber „aufregenden“ Gedränge zur Tür? (Walter Block: Defending The Undefendable, S. 71)

Ja, was ist mit den „Rechten der Sadisten“? Wie andere Menschen haben Sadisten lediglich Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum. Sie haben kein Recht darauf, in die Rechte anderer Menschen einzugreifen.

Walter Block argumentiert, dass jedes Theater vertraglich regeln könne, dass niemand die Vorstellung stören darf. Man könne etwa im Kleingedruckten einen entsprechenden Hinweis einfügen. In der Tat wird das bei Konzerten in der Regel auch gemacht, im Kino wird vor dem Film darauf hingewiesen, dass man sein Handy ausschalten soll.

Unbegründet „Feuer!“ in einem voll besetzten Theater zu schreien, geht über bloße Belästigung allerdings hinaus. Man initiiert damit einen Einsatz der Feuerwehr und eine Evakuierung des Theaters. Die Evakuierung ist ein Eingriff in die Rechte des Theatereigentümers. Sie schadet seinem Ruf und er wird den Zuschauern das Ticketgeld zurückzahlen müssen. Sie ist ein Eingriff in die Rechte der Zuschauer, die die Vorstellung sehen möchte und dafür bezahlt haben. Der Einsatz der Feuerwehr ist ein Eingriff in die Rechte der Steuerzahler, die nicht bereit sind, für Einsätze der Feuerwehr zu zahlen, die keine Beseitigung von Feuer oder eine Rettungsaktion einschließen, sondern auf Basis falscher Informationen erfolgen.

Davon abgesehen bedeutet „freie Rede“ nicht, dass man überall alles sagen darf. Auf einem privaten Grundstück bestimmt letztlich der Eigentümer, was man sagen darf und was nicht. Muss man wirklich extra darauf hinweisen, dass man in einem Theater nicht sinnlos „Feuer!“ schreien sollte? Oder versteht sich das angesichts der Natur eines Theaters von selbst? Stichwort: Konkludentes Handeln.

Vortäuschung gemeiner Gefahr im deutschen Recht

§145 StGB: Mißbrauch von Notrufen und Beeinträchtigung von Unfallverhütungs- und Nothilfemitteln

(1) Wer absichtlich oder wissentlich

1. Notrufe oder Notzeichen mißbraucht oder

2. vortäuscht, daß wegen eines Unglücksfalles oder wegen gemeiner Gefahr oder Not die Hilfe anderer erforderlich sei,

wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

3. Bestechung

Die Argumentation für eine Straffreiheit für Bestecher fällt da schon etwas facettenreicher aus. Der Ökonom Pierre Lemieux argumentiert in seinem Artikel Verteidigung der Bestechung, dass Bestechung in bestimmten Nationen leider eine ökonomische Notwendigkeit sei. In vielen Drittweltländern weigern sich Bürokraten ohne Bestechungsgelder, Anträge zu gewähren oder sogar, Unternehmern zu ihrem Recht zu verhelfen.

Im Manager Magazin 5/2013 gibt es einen Artikel von Ursula Schwarzer namens „Albtraum Indien“ (S. 93-98). Demnach werden Porsche-Chef Matthias Müller und fünf seiner Vorstandskollegen in Indien wegen „Betrug, Erpressung und Untreue“ gesucht, ohne dass konkrete Vorwürfe erhoben werden. Es sieht danach aus, als hätte sich der indische Importeur Ashish Chordia für die Kündigung eines Vertrages seitens Porsche rächen wollen. Das Unternehmen erstattete Strafanzeige, weil Porsche nicht länger mit Ashish Chordia zusammenarbeiten möchte.

In der Tat lässt sich argumentieren, dass Bestechung Selbstverteidigung sein kann, wenn andernfalls die eigenen Rechte missachtet und Verträge gebrochen würden. In korrupten Staaten mit kriminellen Bürokraten kann man sich das vorstellen. Andererseits könnte man auch argumentieren, dass man mit solchen Staaten und mit Unternehmen darin besser gar nicht erst handeln sollte. Wenn die Bevölkerung sich nicht gegen ihre korrupten Politiker zur Wehr setzt, dann soll ein solches System eben untergehen. Unternehmer sollten lieber auf vertrauenswürdige Vertragspartner setzen.

Weniger überzeugend erscheint die Argumentation des Anarchokapitalisten Murray Rothbard in Die Ethik der Bestechung.

Im Falle von Bestechungen ist daher nichts illegitim am Bestecher, aber viel illegitim am Bestochenen, demjenigen, der Bestechungsgelder annimmt. Rechtlich sollte es ein Eigentumsrecht geben, das die Zahlung von Bestechungsgeldern erlaubt, aber keines, diese Gelder zu akzeptieren.

Ein Bestecher zahle lediglich für einen Preisnachlass, den ihm ein Unternehmen gewährt. Lediglich derjenige, der Bestechungsgelder annimmt, begehe einen Vertragsbruch mit seinem Arbeitgeber, da dieser von ihm erwartet, persönliche Bestechungsgelder nicht in die Kalkulation einfließen zu lassen und stets das beste Angebot laut Marktpreisen zu akzeptieren.

Folgt man dieser Argumentation, dürfte es schwerfallen, diejenigen zu bestrafen, die Auftragsmördern einen Auftrag geben. Nur die Auftragsmörder selbst greifen in die Rechte anderer Menschen ein, indem sie diese ermorden. Ihre Auftraggeber hingegen möchten lediglich einen unliebsamen Mitmenschen loswerden. Der Mörder muss den Auftrag ja nicht annehmen.

Ein Bestecher umgeht den Markt. Er bezahlt eben nicht das Unternehmen, das ein Produkt oder eine Dienstleistung anbietet, sondern einen von dessen Mitarbeitern. Das Geld nimmt der Mitarbeiter für sich persönlich an, ohne es an das Unternehmen weiterzuleiten. Als Gegenleistung bricht er einen Vertrag mit seinem Arbeitgeber. Der Bestecher weiß genau, was der Bestochene tun wird. Er weiß, dass einzig eine Straftat aus seiner Handlung resultieren kann.

Die Bestechung eines Regierungsbeamten innerhalb eines liberalen Rechtsstaats ist noch einmal schwerer wiegend. Hier wird der Hüter unserer Rechte dafür bestochen, in unsere Rechte einzugreifen. Im Gegensatz zum geschäftlichen Verkehr gefährdet Korruption in Staatskreisen das Prinzip des Rechtsstaats als solches.

Bestechung im deutschen Recht

§ 299: Bestechlichkeit und Bestechung im geschäftlichen Verkehr

(1) Wer als Angestellter oder Beauftragter eines geschäftlichen Betriebes im geschäftlichen Verkehr einen Vorteil für sich oder einen Dritten als Gegenleistung dafür fordert, sich versprechen läßt oder annimmt, daß er einen anderen bei dem Bezug von Waren oder gewerblichen Leistungen im Wettbewerb in unlauterer Weise bevorzuge, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer im geschäftlichen Verkehr zu Zwecken des Wettbewerbs einem Angestellten oder Beauftragten eines geschäftlichen Betriebes einen Vorteil für diesen oder einen Dritten als Gegenleistung dafür anbietet, verspricht oder gewährt, daß er ihn oder einen anderen bei dem Bezug von Waren oder gewerblichen Leistungen in unlauterer Weise bevorzuge.

(3) Die Absätze 1 und 2 gelten auch für Handlungen im ausländischen Wettbewerb.

Absatz (3) ist relativ neu und aus oben genannten Gründen umstritten. Übrigens ist diese Neuregelung ein Import aus dem amerikanischen Rechtssystem – die Amerikaner haben als erste Bestechung im ausländischen Wettbewerb verboten.

§ 332: Bestechlichkeit

(1) Ein Amtsträger oder ein für den öffentlichen Dienst besonders Verpflichteter, der einen Vorteil für sich oder einen Dritten als Gegenleistung dafür fordert, sich versprechen läßt oder annimmt, daß er eine Diensthandlung vorgenommen hat oder künftig vornehme und dadurch seine Dienstpflichten verletzt hat oder verletzen würde, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe. Der Versuch ist strafbar.

(2) Ein Richter oder Schiedsrichter, der einen Vorteil für sich oder einen Dritten als Gegenleistung dafür fordert, sich versprechen läßt oder annimmt, daß er eine richterliche Handlung vorgenommen hat oder künftig vornehme und dadurch seine richterlichen Pflichten verletzt hat oder verletzen würde, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren bestraft. In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.

(3) Falls der Täter den Vorteil als Gegenleistung für eine künftige Handlung fordert, sich versprechen läßt oder annimmt, so sind die Absätze 1 und 2 schon dann anzuwenden, wenn er sich dem anderen gegenüber bereit gezeigt hat,

1. bei der Handlung seine Pflichten zu verletzen oder,

2. soweit die Handlung in seinem Ermessen steht, sich bei Ausübung des Ermessens durch den Vorteil beeinflussen zu lassen.

4. Erpressung

Walter Block verteidigt Erpressung in seinem Artikel Verteidigung des Erpressers mit der folgenden Argumentation:

Erpressung ist ein Tauschangebot. Sie ist das Angebot, etwas zu tauschen, normalerweise Stille, für ein anderes Gut, normalerweise Geld. Falls das Tauschangebot angenommen wird, bleibt der Erpresser normalerweise still und der Erpresste zahlt den Preis, auf den man sich geeinigt hat.

Falls das Erpressungsangebot abgelehnt wird, kann er Erpresser sein Recht auf Redefreiheit ausüben und das Geheimnis publizieren. An der Sache ist nichts verwerflich.

Im Folgenden argumentiert Block, dass die Verbreitung von Gerüchten verwerflicher sei als Erpressung, da dem Betroffenen hier nicht die Möglichkeit eingeräumt wird, sich gegen die Verbreitung der Gerüchte zu wehren. Daraufhin behauptet Block, ein Kopfsalat-Boykott, das jüngst vor der Publikation seines Artikels stattfand, sei Erpressung, werde aber öffentlich gelobt. Am Ende verteidigt Block jene, die Homosexuelle erpressen, ihre sexuelle Identität gegen ihren Willen der Öffentlichkeit zu verraten. Dies sei zwar in individuellen Fällen verwerflich, aber Homosexuellen als Gruppe habe man damit einen Gefallen getan, individuelle Homosexuelle zu erpressen. Die Öffentlichkeit sei somit stärker auf die Probleme von Homosexuellen aufmerksam gemacht worden.

Erpressung ist allerdings kein „Tauschangebot“, sondern der Erpresser versucht, mit Gewalt oder der Androhung „eines empfindlichen Übels“ (§253, StGB) eine Person zu etwas zu nötigen. Was die Argumentation Blocks in Richtung Redefreiheit und den Vergleich mit der Gerüchteverbreitung angeht: Wenn eine Person nicht möchte, dass etwas über sie verbreitet wird, und sie sogar bereit ist, Geld dafür zu zahlen, so haben wir es offenbar mit einer Information zu tun, die dieser Person einen schweren Schaden zufügen würde. Entweder ist es die Aufdeckung einer Straftat – zu der man verpflichtet ist – oder es handelt sich um intime, persönliche Informationen, deren Veröffentlichung einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht darstellen würde. Die Verbreitung von Gerüchten kann durchaus Verleumdung oder Üble Nachrede darstellen. In diesem Fall sollte sie entsprechend bestraft werden – statt das Opfer auch noch zu erpressen.

Erpressung im deutschen Recht

§ 253: Erpressung

(1) Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt und dadurch dem Vermögen des Genötigten oder eines anderen Nachteil zufügt, um sich oder einen Dritten zu Unrecht zu bereichern, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Rechtswidrig ist die Tat, wenn die Anwendung der Gewalt oder die Androhung des Übels zu dem angestrebten Zweck als verwerflich anzusehen ist.

(3) Der Versuch ist strafbar.

(4) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter gewerbsmäßig oder als Mitglied einer Bande handelt, die sich zur fortgesetzten Begehung einer Erpressung verbunden hat.

Fazit

Die Ausführungen Walter Blocks und seines Lehrers Murray Rothbard zu diesen Themen halte ich im Gegensatz zum Ökonomienobelpreisträger Friedrich August von Hayek für grotesk und verantwortungslos. Block empfindet offenbar große Freude an der Provokation, doch um verwerfliche Handlungen zu verteidigen, definiert er sie oftmals um oder behandelt schwerwiegende gesellschaftliche Probleme mit einer unangemessenen Leichtfertigkeit.

Libertäre der anarchokapitalistischen Variante bestätigen die Vorurteile gegen den Kapitalismus und verankern sein schlechtes Image noch tiefer. Dass ein Kapitalist für Rufmord, Bestechung, Vortäuschung gemeiner Gefahr argumentieren sollte, und das auch noch mit albernen Argumenten, hat keinen Nutzen.

Hayek schrieb über Blocks Buch (siehe Titelseite):

Die Verteidigung des Unerhörten durchzulesen hat bei mir das Gefühl erweckt, dass ich ein weiteres Mal der Schocktherapie ausgesetzt wurde, die ich vor über fünfzig Jahren empfand, als mich Ludwig von Mises zu einer konsistenten Freimarktsposition konvertierte.

Dies wirft wiederum ein schlechtes Licht auf Hayek, dessen Argumentation für den freien Markt ohnehin von falschen Kompromissen und kollektivistischen Ideen untergraben wird.

In zukünftigen Artikeln werde ich auf andere Positionen von Libertären eingehen, denen Objektivisten widersprechen. Darunter die Idee, das Urheberrecht und das Patentrecht sollten aufgehoben werden – weil Ideen keine materielle Form haben und somit kein Eigentum sein könnten.

Ayn Rand sagte über Libertäre: „Sie sind die vielleicht schlimmste politische Gruppierung unserer Zeit, weil sie dem Kapitalismus den größten Schaden zufügen können, indem sie ihn in Misskredit bringen.“

Das Titelbild dieses Artikels von Bosch Fawstin zeigt den amerikanischen Abgeordneten Ron Paul, ein libertärer Politiker. Er teilt mit Linksanarchisten eine Neigung zur Verharmlosung von Diktaturen. Außerdem:

3 Kommentare zu “Libertärer Zirkus

  1. Andreas sagt:

    Zu Hayek hatte ich kürzlich diesen Beitrag gelesen:

    Mythos Friedrich August von Hayek (13. Mai 2013)
    http://www.misesde.org/?p=5014

    • Ja, die Darstellung von Hayek ist treffend. Der ganze Rest unterminiert leider die vernünftige Kritik an Hayek. Hans-Hermann Hoppe ist wie Rothbard Anarchist („Anarchokapitalist“) und er teilt den paranoid-hysterischen Stil, der so typisch ist für die Zeitschrift eigentümlich frei.

      „Versetzen wir uns deshalb einmal in die Lage der herrschenden egalitären Linken aller Parteien – es gibt keine nichtlinken Parteien. Was würden wir tun, um unsere vorherrschende Position zu sichern oder gar auszubauen angesichts der Tatsache, dass eine totale Uniformität der und in der öffentlichen Meinung unerreichbar ist?“

      Da fragt man sich, ob Hoppe eigentlich klar ist, dass dies genau der marxistischen Theorie entspricht, laut der die herrschende Klasse durch Meinungsuniformität ihre Macht sichern will.

      Ich halte das für einen ziemlichen Unsinn. Meiner Erfahrung nach wissen die Menschen in der Regel einfach nicht so viel. Es besteht die Tendenz, gesellschaftlich verbreitete Ansichten zunächst einmal für richtig zu halten und davon abweichende Ansichten für zweifelhaft bis gefährlich. Mit links oder rechts hat das wenig zu tun, nur bei wenigen Ideologen, die genau wissen, was sie tun.

      Wenn man ernst genommen werden möchte, muss man einfach vernünftig sprechen und nüchtern bis unterhaltsam seine Ideen präsentieren. Hysterisch-aggressives Gekreische schreckt ab.

  2. Thomas Leske sagt:

    Die „Straffreiheit für Bestecher“ erscheint mir recht logisch. Wenn Bestehung verboten ist, dann müsste es auch verboten sein, jemandem die Freundin auszuspannen. Jedenfalls wenn die Freundin ihrem bisherigen Freund Treue versprochen hat.

    Dass der bisherige Freund mich als Nebenbuhler nicht ermorden darf, ist eine ganz andere Baustelle. Ein Mord ist etwas anderes als ein gebrochenes Versprechen.

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