Gibt es die reine Wissenschaft?

Philosophy of Science„Die Idee der Wertneutralität wird in den Wissenschaften häufig zumindest implizit in Anspruch genommen, da unterstellt wird, dass für die Akzeptanz oder Ablehnung einer Theorie alleine die Fakten und nicht Werte der Wissenschaftler ausschlaggebend sind. Historisch entscheidend für diese Annahme ist der britische Empirismus und insbesondere David Humes Formulierung des Sein-Sollen-Fehlschlusses.[1] Hume argumentierte, dass es prinzipiell nicht möglich sei, von Faktenbeschreibungen auf Werturteile zu schließen. Auch heute noch wird diese These häufig mit dem Verweis auf die prinzipielle Verschiedenheit von Fakten- und Werturteilen vertreten. Allerdings ermöglicht eine solche Unterscheidung auch den umgekehrten Schluss, dass man nie von einem Wert- auf ein Faktenurteil schließen könne.

Die bekannteste Formulierung einer derartigen These findet sich bei Max Weber, der auch die potentielle Wertfreiheit der Sozialwissenschaften verteidigte.[2] Wissenschaftliche Theorien hätten das Ziel, Fakten in der Welt zu beschreiben und für dieses Ziel seien Werturteile unerheblich. Anders formuliert: Für die Beantwortung der Frage „Was ist in der Welt der Fall?“ sei eine Beantwortung der Frage „Was sollte in der Welt der Fall sein?“ irrelevant.“

(Wikipedia, Wertfreiheit)

Da Ayn Rands objektivistische Philosophie die Sein-Sollen-Dichotomie leugnet, kann man sich fragen, was sie zur Wertneutralität der Wissenschaft zu sagen hat. Es gibt verschiedene Interpretationen, was die Wertfreiheit der Wissenschaften eigentlich bedeuten soll. Eine Idee lautet, dass reine Empirie wertneutral sei. Fakten sind Fakten. Egal, wie man sie bewertet. Und die Empirie befasst sich jeweils mit der reinen Erhebung von Fakten in einer Spezialwissenschaft.

Da sich aber auch Philosophie mit Fakten befasst (bzw. befassen sollte) und somit die Tatsachen der Alltagsbeobachtung und daraus abgeleitete Schlüsse die Grundlage der Spezialwissenschaften bilden, ebenso wie die Epistemologie die wissenschaftliche Methode bestimmt, ist eine philosophiefreie, reine „Zahlenwissenschaft“ undenkbar. Wer Steine erforscht, muss zunächst wissen, was Steine sind, also welche Natur sie haben (unbelebte Natur, keine Initiierung eigener Aktivität, Umwelteinflüssen ausgeliefert) und auch, was seine Forschung bedeutet. Beschreibt sie die Realität oder nur unsere Vorstellung von Steinen? Wer Menschen erforscht, muss ebenso zunächst eine allgemeine Vorstellung davon haben, was ein Mensch ist. Diese Vorstellung ist ebenfalls von Fakten abgeleitet, aber von den eigenen Sinnesdaten und nicht von den isolierten Beobachtungen einer Spezialwissenschaft.

Was bringt es, den Menschen zu beschreiben, wenn man kein Menschenbild (= Metaphysik) voraussetzt? Welchen Nutzen hat es, wenn man feststellt, dass immer mehr Menschen in die Städte ziehen, wenn man nicht weiß, was Menschen sind und demnach nicht die blasseste Vorstellung haben kann, warum diese Entitäten nur in die Städte ziehen könnten? Werden sie vom Wind dorthin geweht? Nein, denn Menschen erzeugen selbst Handlungen durch eine freie Willensentscheidung. Doch halt! Das ist bereits Metaphysik, also Philosophie. Ohne Kenntnis der menschlichen Natur könnte ein Soziologe ebenso der Meinung sein, Menschen würden in die Städte geweht werden. Er kennt aus der Einzeluntersuchung seiner Spezialwissenschaft schließlich nur die Fakten: Mehr Menschen in Städten.

In den Wirtschaftswissenschaften wird das Problem besonders deutlich. Rein empirisch kann ich feststellen, dass die Staatsverschuldung Deutschlands im Jahre 2012 81,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (Wert aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft erwirtschaftet werden) betrug. Unsere Verschuldung ist also fast so hoch wie unsere Produktivität. Wir müssen fast so viele Werte zurückgeben, wie wir hervorbringen. Während Objektivisten und Austrians (Vertreter der Österreichischen Schule) dies für ein gravierendes Problem halten, weil Steuern steigen, das Geld immer weniger wert ist und sich Sparen und Investieren kaum noch lohnen, die für das Wirtschaftswachstum grundlegend sind, so sagen die Keynsianer: „Na und? Auf lange Sicht sind wir alle tot. Schulden (deficit spending) sind gut, weil man damit die Nachfrage fördern kann und Schulden sind kein Problem, denn die kann man durch Inflation bezahlen. Es ist schlecht, wenn die Leute sparen, denn das führt zu weniger Konsum und somit zu einer Rezession. Also ist es ganz recht, dass wir so viele Schulden angehäuft haben und am besten, wir häufen noch ein bisschen mehr an. Staaten können sowieso nicht Pleite gehen.“

Die Fakten sind diesselben. Ein reiner Empiriker kann überhaupt nichts mit diesen Fakten anfangen, weil er nicht in der Lage ist, sie richtig einzuordnen und zu bewerten.

Ein anderes Beispiel: Es gibt zunehmend viele Menschen, die nicht mehr der Meinung sind, dass Wirtschaftswachstum etwas Gutes ist. Angeblich zerstört Wirtschaftswachstum die Erde. Bekommen sie ihren Willen, würden unsere Schulden über das BIP hinaus anwachsen. Wir müssten dann mehr zurückgeben, als wir hervorbringen, bis wir nichts mehr haben. Was Objektivisten für eine schreckliche Vorstellung halten, gefällt den Ökologen ausgenommen gut. Denn wenn wir eine Weile lang mehr zurückgegeben haben, als wir hervorbringen, dann ist am Ende keine Zivilisation mehr übrig. Und was bleibt, ist der Urmensch im Urwald. Und schon sind wir zurück zur Natur gereist. Aus demselben Faktum werden unterschiedliche Schlüsse gezogen, je nach der Philosophie.

Eine theoriefreie Ökonomik könnte nichts anderes, als mit Zahlen um sich werfen. Sie könnte die Frage nach Kausalität oder Korrelation nicht länger beantworten, denn die Methode, diese zu beantworten, ist eine philosophische. Mit anderen Worten könnte eine theoriefreie Ökonomik feststellen, dass an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit unter der Bedingung der Einführung eines Mindestlohns weniger Jobs vorhanden sind als vor der Einführung des Mindestlohns. Sie könnte überhaupt nichts daraus schlussfolgern, sie könnte auch nicht aufzeigen, ob der Mindestlohn irgendetwas mit dem Jobverlust zu tun hat, denn keine Wissenschaft der Welt hat die Myriaden Faktoren im Auge, die eine Rolle spielen könnten, wenn man nichts weiß über den Menschen. Außerdem: Vielleicht ist der Mensch das Lebewesen, das von der Luft lebt und das Arbeit für unnötige Anstrengung hält. Dann ist ein Mindestlohn eine großartige Idee, weil dann weniger Menschen arbeiten müssen.

Es gibt keine Wissenschaft ohne Philosophie.

4 Kommentare zu “Gibt es die reine Wissenschaft?

  1. Stefan sagt:

    Ich musste gerade an „Per Anhalter durch die Galaxis“ und den Tod des Wals denken. Hätte dieser länger als ein paar Sekunden zu leben gehabt, wäre er sicherlich irgendwann dazu übergegangen den Luftdruck etc. zu untersuchen, mit anderen Worten, Wissenschaft zu betreiben. Aber wenn man die Ideengeschichte von den Wissenschaften zurück zum Ursprung verfolgt, steht am Anfang immer das Denken. Philosophie kommt ohne Umwege direkt aus unserer Existenz als Menschen zustande. Wer nachweisen will wie hoch die Gravitationskraft gewisser Planeten ist, muss damit anfangen den Dingen Namen zu geben. Ich gebe dir also (wieder mal) recht. Die Philosophie ist die grundlegendste aller Wissenschaften und deren Grundlage.

  2. philosopherofanniversary sagt:

    Grundlegend für das Wertfreiheitspostulat ist die strikte Trennung von Fakten und Werten, wie du schon beschrieben hast. Aber hinzu kommt, dass wir Menschen oftmals von unseren Vorurteilen geleitet werden. Wir gehen davon aus, dass unsere Ansichten die einzige Weltsicht sind, was aber nicht stimmt, da jeder eine andere Weltsicht hat. Daraus müssen wir also davon ausgehen, dass zuerst mal jeder, selbst man selber falsch liegt. Das einzige, was entscheidend sind, sind objektive Fakten und keine Meinungen(Ein Punkt den ich beim Objektivismus Randscher Prägung irgendwie vermisse). Wir interpretieren oft in die objektive Realität unsere eigenen Vorurteile hinein, auch wenn wir es nicht immer bewusst tun. Aber da es im Objektivismus keine unbewussten Handlungen gibt. Wir wissen über alle unsere Handlungen schon bescheid, weil wir aus freiem Willen tun, was wir tun. Ich muss dir aber recht geben, was den Zusammenhang zwischen Menschenbild und Ökonomie angeht. Nur wenn man weiß, wie der Mensch konzipiert ist, kann man eine Ökonomie betreiben. Der Mensch ist ein mit Willensfreiheit ausgestattetes Wesen, und das einzige, was diesem freien Willen die beste Möglichkeit zur Entfaltung bringt sind die 4 Freiheiten des Marktes(Verträge, Handel, Gewerbe, Wettbewerb) und die Unverletzlichkeit des Privateigentums sowie die freie Verfügbarkeit über das Eigentum und sein Leben als auch die freiwillige Übertragung dieser Verfügbarkeit(des Eigentums an materiellen Gütern, nicht auf Leben oder geistigem Eigentum) auf dritte, entweder zeitlich begrenzt oder ohne Zeit. Also ein Laissez-Fairre-Kapitalismus, der aber den freien Handel über dem Gewinnstreben stellt. PS: Dass die Philosophie die erste Wissenschaft ist, kommt von Aristoteles, der einige Aspekte des Randschen Objektivismus vorwegnimmt.

    • Es gibt schon unbewusste Handlungen. Der Objektivismus fordert die Menschen zum Fokussieren ihres Bewusstseins auf, aber das heißt nicht, dass sie das immer machen. In Bezug auf Handlungen wie Radfahren, Schwimmen, Atmen, die man irgendwann unbewusst ausführt, muss man sich auch nicht darauf konzentrieren, sondern kann sich mit etwas anderem befassen.

  3. Skeptiker sagt:

    Ich hoffe, meine Kritik wird als Anregung, nicht als Störung empfunden:

    Wer Steine erforscht, muss zunächst wissen, was Steine sind, also welche Natur sie haben[…]

    Über die Natur der Steine wurde viel philosophiert. Die Geologie begann meines Wissens aber erst richtig als Wissenschaft, als man zuverlässige Methoden suchte, um Kohlevorkommen auszumachen (überspitzt formuliert natürlich, die beteiligten Wissenschaftler waren ernsthaft interessiert an ihrem Gebiet).

    (unbelebte Natur, keine Initiierung eigener Aktivität, Umwelteinflüssen ausgeliefert) und auch, was seine Forschung bedeutet.

    Kann man Steine nicht auch unter der Annahme erforschen, dass sie die Neigung haben, ihrer Natur nach nach unten zu fallen?
    Die Annahme hat sich wohl durch die Theorie der Schwerkraft als falsch erwiesen, aber sie wurde von eingen ernsthaft vertreten.

    Was das Menschenbild angeht: Ich stimme zu, dass jede Wissenschaft natürlich von bestimmten theoretischen Annahmen ausgeht. Beispielsweise darüber, wie eine korrekte Messung funktioniert.
    Ein Behaviorist geht aber beispielsweise ganz anders vor als ein Objektivist.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.