Die objektivistische Ethik im Kohlberg-Schema

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Der Psychologe Lawrence Kohlberg stellte aufgrund von empirischen Untersuchungen ein Modell für die Moralentwicklung des Menschen auf. Demnach durchläuft der Mensch in seiner moralischen Entwicklung bis zu sechs Stufen. Hier sind sie:

Präkonventionelle Ebene

Diese Ebene entspricht dem Niveau der meisten Kinder bis zum neunten Lebensjahr, einiger Jugendlicher und vieler jugendlicher und erwachsener Straftäter. Auf dieser Ebene erlebt das Kind zum ersten Mal, dass es auch andere Sichtweisen neben der eigenen geben kann, die Autoritätspersonen sind jedoch weiterhin die Vorbilder.

1. Stufe – Die Orientierung an Strafe und Gehorsam: In der ersten Stufe orientieren sich diese nicht an moralischen Ansprüchen, sondern im Wesentlichen an wahrgenommenen Machtpotenzialen. Die von Autoritäten gesetzten Regeln werden befolgt, um Strafe zu vermeiden.

2. Stufe – Die instrumentell-relativistische Orientierung: In der zweiten Stufe erkennen Kinder die Gegenseitigkeit menschlichen Verhaltens. Rechthandeln besteht darin, die eigenen Bedürfnisse und gelegentlich die von anderen als Mittel (instrumentell) zu befriedigen. Menschliche Beziehungen werden vergleichbar mit der Austauschbeziehung des Marktes verstanden. Sie orientieren ihr Verhalten an dieser Gegenseitigkeit, reagieren also kooperativ auf kooperatives Verhalten, und üben Rache für ihnen zugefügtes Leid (tit for tat/do ut des – „ich gebe, damit du gibst“; „Wie du mir so ich dir“).

Konventionelle Ebene

Dieser Ebene sind der Großteil der Jugendlichen und Erwachsenen zuzuordnen.

3. Stufe – Die interpersonale Konkordanz- oder „good boy/nice girl“-Orientierung: Moralische Erwartungen Anderer werden erkannt. Den Erwartungen der Bezugspersonen und Autoritäten möchte der Proband entsprechen (good boy/nice girl), nicht nur aus Angst vor Strafe. Wird er den Erwartungen nicht gerecht, empfindet er auch Schuldgefühle. Korrespondierend dazu richtet er ebenfalls moralische Erwartungen an das Verhalten anderer. Es wird darüber hinaus häufig aufgrund der zugehörigen Intention argumentiert („Er hat es doch gut gemeint“).

4. Stufe – Die Orientierung an Gesetz und Ordnung: Über die dritte Stufe hinaus erkennt der Proband die Bedeutung moralischer Normen für das Funktionieren der Gesellschaft. Auch die nicht von Bezugspersonen an das Kind gerichteten Erwartungen werden erkannt (allgemeine moralische Regeln der Gesellschaft) und befolgt, da sie für das Aufrechterhalten der sozialen Ordnung erforderlich sind (law and order).

Zwischen- bzw. Übergangsstufe

4 1/2. Stufe: Bei der Auswertung einer Längsschnittstudie wurde festgestellt, dass High-School-Absolventen wieder moralische Urteile entsprechend der Stufe 2 fällten. Daraufhin wurde die Zwischenstufe nachträglich in die Theorie integriert.

In der Übergangszeit zum Erwachsenwerden befinden sich Jugendliche typischerweise in einer Übergangsphase. Um sich vom konventionellen Niveau des Moralbewusstseins zu lösen, ist es wichtig, moralische Normen zu hinterfragen und nicht blind Autoritäten zu folgen. In der Übergangsphase gelingt es dem Menschen noch nicht, die Begründung von Normen auf ein neues, intersubjektives Fundament zu stellen, er ist moralisch orientierungslos. Menschen dieser Stufe verhalten sich nach ihren persönlichen Ansichten und Emotionen. Ihre Moral ist eher willkürlich, Begriffe wie „moralisch richtig“ oder „Pflicht“ halten sie für relativ. Im günstigen Fall gelingt ihnen die Entwicklung zur 5. Stufe des Moralbewusstseins, es kann aber auch sein, dass sie in der Übergangsstufe verbleiben oder zur 4. Stufe zurückfallen. Die Zwischenstufe wird als postkonventionell angesehen, obwohl moralische Urteile auf dieser Stufe noch nicht prinzipiengesteuert sind.

Postkonventionelle Ebene

Nur eine Minderheit von Erwachsenen erreicht diese Ebene, meistens erst nach dem 20. Lebensjahr.

5. Stufe – Die legalistische Orientierung am Sozialvertrag: Moralische Normen werden jetzt hinterfragt und nur noch als verbindlich angesehen, wenn sie gut begründet sind. In der fünften Stufe orientiert sich der Mensch an der Idee eines Gesellschaftsvertrags. Aus Gedanken der Gerechtigkeit oder der Nützlichkeit für alle werden bestimmte Normen akzeptiert. Nur etwa ein Viertel aller Menschen erreicht diese Stufe.

6. Stufe – Die Orientierung am universalen ethischen Prinzip: Die sechste Stufe wird schließlich nur noch von weniger als 5 % der Menschen erreicht. Hierbei wird die noch diffuse Begründung von Normen der fünften Stufe verlassen. Die Moralbegründung orientiert sich jetzt am Prinzip der zwischenmenschlichen Achtung, dem Vernunftstandpunkt der Moral. Das richtige Handeln wird mit selbstgewählten ethischen Prinzipien, die sich auf Universalität und Widerspruchslosigkeit berufen, in Einklang gebracht, wobei es sich also nicht mehr um konkrete moralische Regeln, sondern um abstrakte Prinzipien handelt (kategorischer Imperativ). Konflikte sollen argumentativ unter (zumindest gedanklicher) Einbeziehung aller Beteiligten gelöst werden. Diese Stufe ähnelt der Normbegründungsform der Diskursethik.

Aus Wikipedia.

Wie passt der Objektivismus dort hinein?

Die objektivistische Ethik beruht zunächst auf dem aufgeklärten Eigeninteresse. Es geht darum, was sowohl auf kurze, als auch auf lange Sicht im eigenen Interesse ist. Man könnte argumentieren, dass sie bis hierhin die erste Stufe nicht verlässt. Wofür werde ich auf lange Sicht eher bestraft und wofür belohnt? Allerdings bleibt die objektivistische Ethik dort nicht stehen. Sie leitet aus dem aufgeklärten Eigeninteresse des Menschen als Menschen universelle ethische Prinzipien ab. Darum gilt die objektivistische Ethik als neoaristotelische Tugendethik. Man orientiert sich an Prinzipien, an denen sich jeder Mensch orientieren sollte, weil dies im eigenen, aufgeklärten Eigeninteresse jedes Menschen ist.

Möglicherweise handelt es sich bei der Bezeichnung der objektivistischen Ethik als „aufgeklärtes Eigeninteresse“ um eine irreführende Bezeichnung. Damit ist keine pragmatische Variante des Eigeninteresses gemeint. Man überlegt sich also gerade nicht in jeder Situation aufs Neue, was denn nun im eigenen Interesse ist. Ein solcher Mensch wäre der Handlungsunfähigkeit nahe, weil die zillionen Faktoren, die er bei jeder Entscheidung einbeziehen müsste, überhaupt nicht überblicken kann. Darum leitet der Objektivismus aus Beobachtungen des Menschen und der Natur der Dinge allgemeine Gesetzmäßigkeiten ab – im Grunde wie die Naturwissenschaften mit ihren Naturgesetzen – und entwirft auf dieser Grundlage allgemeingültige Richtlinien, die in jeder Situation gültig sind.

Dazu gehören Prinzipien und Tugenden. „Lüge nicht, um dadurch einen Vorteil zu erzielen“ ist ein Prinzip. Ehrlichkeit ist die zugehörige Tugend. Man ist ehrlich, wenn man nicht lügt, um dadurch einen Vorteil zu erzielen. Man ist tugendhaft, wenn man rationalen Prinzipien folgt. Im Gegensatz zu moralischen Geboten (4. Stufe im Kohlberg-Schema) hat dieses Prinzip den Vorteil, dass es widerspruchsfrei gebraucht werden kann. „Du sollst nicht lügen“ (Stufe 4) bedeutet, dass man auch dann nicht lügen darf, wenn ein Dieb fragt, ob man noch etwas in der Tasche hat, was er klauen kann, bevor er wegläuft, oder wenn die Nazis anklopfen, um nach den Juden auf dem Dachboden zu fragen. Laut der objektivistischen Tugend der Ehrlichkeit darf man in solchen Ausnahmefällen lügen – denn man erzielt keinen Vorteil dadurch und man vermeidet einen Nachteil.

Die objektivistische Ethik befindet sich, wenn sie vollkommen verdaut ist, auf der sechsten Stufe des Kohlberg-Schemas. Aus objektivistischer Sicht – um nicht zu sagen, aus philosophischer Sicht generell – ist das Kohlberg-Schema allerdings problematisch. Die fünfte Stufe gehört in der objektivistischen Hierarchie beispielsweise gar nicht zur Ethik, sondern zur Politik – einem anderen Teilgebiet der Philosophie. Ferner unterliegt das Kohlberg-Schema bei aller vermeintlichen Empirie einer normativen Wertung. Die höchste Stufe ist für Kohlberg der Altruismus und die niedrigste Stufe ist der Egoismus. Der Objektivismus sieht es umgekehrt. Der Altruismus ist die Moral von Naturvölkern, von kollektivistischen Religionen und sozialistischen Systemen. Der Egoismus – richtig verstanden – ist die Ethik der Aufklärung und der modernen Zivilisation. Und wie man gesehen hat, bleibt ein aufgeklärter Egoismus nicht auf Kohlbergs erster Stufe stehen, sondern erreicht seine höchste Stufe.

Was sagst du nun, Kohlberg?

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Kohlberg, nicht Colbert!

85% der Menschen erreichen Kohlberg zufolge nur die vierte Stufe. In meiner ethischen Hierarchie erreicht er auch nicht unbedingt die höchste Stufe.

Literatur

Objektivistische Ethik

Ein Kommentar zu “Die objektivistische Ethik im Kohlberg-Schema

  1. Störk sagt:

    „Rechthandeln besteht darin, die eigenen Bedürfnisse und gelegentlich die von anderen als Mittel (instrumentell) zu befriedigen.“

    Stufe 2 entspricht im wesentlichen bereits dem „aufgeklärten Egoismus“, daher wundert es auch nicht, „dass High-School-Absolventen wieder moralische Urteile entsprechend der Stufe 2 fällten.“ wenn sie „Stufe 4½“ erreichen… die „Orientierung an den Erwartungen“ anderer, seien es direkte Bezugspersonen oder „die Gesellschaft“, sind ja immer nur ein Zeichen von Unsicherheit, die jemand mit einer gefestigten Persönlichkeit nicht (mehr) nötig haben sollte.

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