Die Ideologie der Zerstörung

„Dem sozialistischen Denken stellt sich die Überführung der Gesellschaftsverfassung in den Sozialismus als ein Übergang von irrationeller zu rationeller Wirtschaft dar. Die Anarchie der Produktion wird durch planmäßige Leitung der gesamten Wirtschaft abgelöst; die Gesellschaft, die man sich als Fleischwerdung der Vernunft denkt, tritt an die Stelle, die bisher von den unvernünftigen und nur auf den eigenen, dem allgemeinen entgegenstehenden Vorteil bedachten Individuen eingenommen wurde. Die ungerechte Verteilung der Güter macht einer gerechten Platz. Not und Elend verschwinden, Wohlstand für alle erblüht. Vor uns liegt ein seliges Paradies, und die Erkenntnis der Gesetze der geschichtlichen Entwicklung gibt uns die Gewißheit, daß wir oder doch unsere Nachfahren dorthin gelangen müssen. Denn alle Wege der Geschichte führen in jenes gelobte Land, und alles Geschehen der Vergangenheit war nur Vorstufe zum Heil, das dort verbeißen ist.

So sehen unsere Zeitgenossen den Sozialismus und glauben an ihn. Man ist im Irrtum, wenn man meint, daß die Herrschaft der sozialistischen Ideologie auf die Anhänger derjenigen Parteien beschränkt ist, die sich selbst als sozialistische oder – was in den meisten Fällen dasselbe heißen soll – als soziale bezeichnen. Auch alle anderen politischen Parteien der Gegenwart sind von den leitenden Ideen des Sozialismus durchtränkt. Und selbst die wenigen entschiedenen Gegner des Sozialismus stehen im Banne seiner Gedankenwelt. Auch sie sind überzeugt davon, daß die sozialistische Wirtschaftsweise rationeller sei als die kapitalistische, daß sie eine gerechtere Verteilung der Einkommen verbürge, und daß die geschichtliche Entwicklung mit Notwendigkeit zu ihr hintreibe. Wenn sie sich gegen den Sozialismus wenden, so tun sie es im Bewußtsein dessen, daß sie in Verteidigung von Sonderinteressen eine vom wirtschaftlichen Standpunkte richtige und ethisch allein zu billigende Entwicklung bekämpfen, und sind innerlich von der Aussichtslosigkeit ihres Widerstandes überzeugt.

Und doch ist die Ideologie des Sozialismus nichts anderes als die großartige Rationalisierung kleinlichen Ressentiments. Keine seiner Theorien kann vor der Kritik auch nur im geringsten bestehen, alle seine Deduktionen sind hohl und nichtssagend. Seine Auffassung der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist schon längst als durchaus unhaltbar erkannt worden; sein Entwurf einer künftigen Gesellschaftsordnung erweist sich als innerlich widerspruchsvoll und darum undurchführbar. Der Sozialismus würde nicht nur die Wirtschaft nicht rationeller machen, er würde alles Wirtschaften überhaupt aufheben. Daß er Gerechtigkeit bringen könnte, ist nichts als eine willkürliche Behauptung, deren Herkunft aus dem Ressentiment und aus falscher Deutung der Vorgänge innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft gezeigt werden konnte. Und daß die Geschichte uns keinen anderen Weg gelassen hätte als den zum Sozialismus, erweist sich als eine Weissagung, die sich von den chiliastischen Träumen altchristlicher Sektierer nur durch den Anspruch unterscheidet, den sie auf die Bezeichnung „Wissenschaft“ erhebt.

Der Sozialismus ist in Wahrheit nicht das, was er zu sein vorgibt. Er ist nicht Wegbereiter einer besseren Zukunft, sondern Zertrümmerer dessen, was Jahrtausende der Kultur geschaffen haben. Sein Element ist die Zerstörung; er baut nicht auf, er reißt nieder. Nach dem Erfolg seines Wirkens müßte man ihm den Namen Destruktionismus geben. Denn sein Wesen ist die Zerstörung. Er bringt nichts hervor, er zehrt nur auf, was die auf dem Sondereigentum an den Produktionsmitteln beruhende Gesellschaftsordnung geschaffen hat. Da es eine sozialistische Gesellschaftsordnung nicht geben kann, es wäre denn als ein Stück Sozialismus inmitten einer im übrigen auf dem Sondereigentum beruhenden Wirtschaftsverfassung, muß jeder Schritt, der zum Sozialismus hinführen soll, sich in Zerstörung des Bestehenden erschöpfen.

[…]

Die Eigenart und geschichtliche Bedeutung von Marx liegen ausschließlich auf dem Gebiete der politischen Technik. Er erkennt die ungeheuere Macht, die in der modernen Gesellschaft zu erringen ist, wenn es gelingt die großen Massen der in den Fabriken zusammengedrängten Arbeiter zu einem politischen Faktor zu machen, und sucht und findet die Schlagwörter, die diese Haufen zu einheitlichem Vorgehen zu verbinden imstande sind. Er gibt die Losung aus, die diese Leute, denen politische Interessen ferne lagen, zum Ansturm gegen das Sondereigentum aufpeitscht. Er verkündet eine Heilslehre, die ihr Ressentiment rationalisiert und das Toben ihrer niedrigen Neid- und Racheinstinkte zur Erfüllung einer weltgeschichtlichen Sendung verklärt. Er stählt ihr Selbstbewußtsein, indem er sie zu Trägern der Zukunft des Menschengeschlechts stempelt. Man hat die schnelle Ausbreitung des Sozialismus oft mit der des Christentums verglichen. Zutreffender wäre vielleicht der Vergleich mit dem Islam, der die Wüstensöhne zur Niedersäblung alter Kulturen führte, indem er ihre Zerstörungswut mit einer ethischen Ideologie umkleidete und ihren Mut durch starren Fatalismus unbeugsam machte.“

Ludwig von Mises: Der Destruktionismus. Aus: Die Gemeinwirtschaft, S. 446-50.

Diese Sprachgewalt! Und im Gegensatz zu Nietzsche hatte von Mises auch noch etwas Vernünftiges zu sagen.

Ein Kommentar zu “Die Ideologie der Zerstörung

  1. Wafthrudnir sagt:

    Schön, einmal ein Österreicher statt A. Rand!
    Übrigens, einen Bezahlartikel, der die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Österreichern und Objektivisten näher ausführt, würde ich sofort erwerben.

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