Rambo, der Missverstandene

„Es ist nicht mein Krieg gewesen! Ihr wolltet es so, ihr habt angefangen!“ Rambo (Sylvester Stallone) sitzt auf dem Boden im verlassenen Polizeihauptquartier und weint. Colonel Samuel Trautmann steht über seinem Zögling und versucht, ihn zum Aufgeben zu bewegen. Schließlich beendet Rambo seinen Kampf gegen faschistische Polizisten und lässt sich verhaften. Die letzte Szene von Rambo: First Blood.

Rambo sei ein „brutaler männlicher Typ; Kraftprotz“, behauptet der Duden. Das Bild des Rambo als rücksichtsloser Actionheld, der Amerikas Feinde gewaltsam mit großen Waffen bekämpft, hat sich in Deutschland durchgesetzt. First Blood war ursprünglich ein Roman von David Morrell, seinerseits Literaturwissenschaftler und Doktor der Philosophie. Die Produktionsfirma der Filmreihe, Warner Brothers, ist mit ihrem Kriegsspielzeug mit dafür verantwortlich, dass das öffentliche Bild von Rambo als martialischer Actionheld nichts mit dem Rambo zu tun hat, den man in den Filmen antrifft. Außerdem wird man es, wie der Blogger Felix Riedel in seiner kulturwissenschaftlichen Abhandlung über die Filmreihe, Rambology – Mit John J. Rambo durch die Dialektik der Aufklärung, schreibt, mit einem „sublimierten oder offenen Antiamerikanismus“ zu tun haben. Die Deutschen identifizieren Rambo mit ihrem Amerika-Feindbild („Cowboy“, „Weltpolizist“), obwohl eine faire Beurteilung der Figur eine solche Interpretation nicht zulässt.

Die Filmfigur ist kein kaltblütiger Killer im patriotischen Auftrag für die USA. Im Gegenteil. Rambo möchte nicht kämpfen. Bereits in Vietnam wollte er nicht kämpfen und wurde vielmehr von der US-Regierung dazu gezwungen. „Es ist nie mein Krieg gewesen!“ Aber auch später, die gesamte Filmreihe über, möchte Rambo nicht kämpfen und versucht, gewalttätige Konflikte zu vermeiden. Im dritten Film, Rambo III, trifft man ihn sogar in einem buddhistischen Kloster an, wo er sich von der Welt abgeschottet hat. In John Rambo lebt er einsam in einer Hütte im Dschungel.

Es sind stets äußere Kräfte, die Rambo zur Gewalt nötigen. Faschistische Kleinstadtpolizisten unter Führung von Sheriff Will Teasle verhaften in First Blood den Kriegshelden Rambo wegen Landstreicherei und misshandeln ihn. Er flieht in die Wälder und verteidigt sich gegen die Polizisten, die ihn ermorden wollen. Zu Teasle sagt Rambo in einer Szene: „Geh nicht weiter. Hör auf oder du hast einen Krieg, den du nie begreifen wirst! Lass uns aufhören. Lass es sein!“ Rambo hätte die Polizisten töten können, das hat er aber nicht. Er möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden und verteidigt sich, wenn es nötig ist. Im zweiten Teil rettet er amerikanische Kriegsgefangene aus den Händen der Vietkong, im dritten Film kämpft er gegen die sowjetischen Massenmörder in Afghanistan, um seinen Freund Trautman zu retten – wenn auch ausgerechnet an der Seite der Mudschahiddin, Bin Ladens einstiger Terrorgruppe. In John Rambo schließlich zieht Rambo in den Krieg gegen die burmesische Militärjunta, um christliche Missionare vor ihnen zu schützen.

Rambo ist gewiss keine pazifistische Filmreihe. Aber sie befürwortet auch keineswegs Gewalt als Konfliktlösung – sondern vielmehr als letzten Ausweg, als letztes Mittel, um sein eigenes Leben und das von anderen Menschen zu verteidigen. Im vollen Kontext der Filme ist die Gewaltanwendung von John Rambo legitim. Es sei denn, man bezweifelt, dass der Mensch ein Recht auf Leben hat. Und somit ein Recht, sich notfalls mit Gewalt gegen jene zu verteidigen, die mit der Gewalt anfangen. Das Recht auf Leben ist eine wertvolle Lektion.

Die Rambo-Trilogie gibt es nach der Aufhebung der Indizierung von Teil zwei und drei in der „The Ultimate Edition“ auf Blu-ray. „John Rambo“ ist separat erhältlich.