Face to Face: Laissez-faire gegen Soziale Marktwirtschaft

Walter Eucken (1891-1950) gehörte zu den Begründern des Ordoliberalismus und der Freiburger Schule. Diese war eine Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft

Walter Eucken (1891-1950) gehörte zu den Begründern des Ordoliberalismus und der Freiburger Schule. Diese war eine Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft.

Die moderne Gesellschaft ist anonym und darum muss der Staat das Geld umverteilen. Findet der deutsche Sozialwissenschaftler Nils Goldschmidt. Somit wären wir bei „Warum der Staat in die Wirtschaft eingreifen muss, Teil 500 000 001“ angekommen.

Mal sehen, was man aus Sicht der objektivistischen Philosophie und des Laissez-faire-Kapitalismus gegen Goldschmidt und seinen sozial-marktwirtschaftlichen Ordoliberalismus anführen kann…

Der Ordoliberale Nils Goldschmidt verfasste den Essay: „Spielregeln der Gerechtigkeit oder warum gerechte Strukturen wichtig sind. Die ordnungsökonomische Sicht„, der mir seit einigen Wochen Kopfschmerzen bereitet. Es besteht kein Mangel an Sendungsbewusstsein seitens Goldschmidt, wenn man bedenkt, dass er kein einziges mögliches Gegenargument gegen seine Position anspricht und willkürliche Behauptungen als unanfechtbare Tatsachen darstellt. Nur, weil sie in unserer Gesellschaft weitgehend Konsens sind, als würde sie das relevant machen, wenn es um die Wahrheit geht.

Goldschmidt argumentiert, dass moderne Gesellschaften keine Gemeinschaften mehr seien. Er zeigt, dass die Marktwirtschaft dennoch großartig funktioniert: Ein Bäcker muss mich nicht persönlich kennen, um mir gute Brötchen zu verkaufen. Er muss nur an sein Eigeninteresse denken: Das Geld, das er für die Brötchen bekommt. Super, also wo ist jetzt das Problem? Keine Ahnung; aber auf jeden Fall fordert Goldschmidt am Ende des Essays ein Grundeinkommen und kostenlose Krippenplätze.

Mensch = Kollektivist

Angeblich kein Mensch: Robinson Crusoe

Angeblich kein Mensch: Robinson Crusoe

Da wir einander in einer modernen Gesellschaft nicht mehr von Angesicht zu Angesicht („face to face“) sehen, müsse das politische System die Strukturen festlegen, innerhalb derer wir handeln. Die Definition von Mensch laute schließlich, „ein Mitglied der Gesellschaft“ (S. 67) zu sein, was Robinson Crusoe schon mal disqualifiziert. Moral bedeute aus anthropologischer Sicht, „die Interessen des anderen zu den eigenen zu machen“ (ebenda), warum auch immer.

Moral entwickle sich mit der Sozialisation und Enkulturation. Allerdings sei ihre Reichweite auf kleine Gemeinschaften begrenzt und erfasse keine „unbekannten Dritten“ (ebd.). Wieso nicht? Angeblich, weil wir so evolviert seien. Zugleich sind wir nicht auf die natürliche Evolution begrenzt, sondern ein Kulturwesen, das Moral selbst lernt. Nur: Wenn wir Moral selbst lernen, warum sollten wir dann nur lernen können, dass wir uns ausschließlich gegenüber Menschen moralisch verhalten sollen, die wir persönlich kennen? Und warum waren Moral und Altruismus noch einmal dasselbe?

Moral = Altruismus

Was, wenn ich dir sagen würde, dass die Gesellschaft keine Person ist? (Quelle: Objectivism for Deep Thinkers)

„Was, wenn ich dir sagen würde, dass die Gesellschaft keine Person ist?“ (Quelle: Objectivism for Deep Thinkers)

Moral tauge „nicht als Regulator für eine moderne Gesellschaft“ (ebd.). Weil das so ist, bräuchten wir Gerechtigkeit als Maßstab für gesellschaftliche Strukturen (vgl. S. 68). Gerechtigkeit ist nämlich für Goldschmidt keine Tugend innerhalb der persönlichen Ethik (wie im Objektivismus), sondern etwas anderes als Ethik. So geht es nicht darum, dass ein Individuum gerecht ist, sondern eine Gesellschaft soll gerecht sein. Und gerecht heißt nicht gerecht im vernünftigen Sinne (jeder soll das erhalten, was er verdient), sondern gerecht im Sinne von „sozialer Gerechtigkeit“.

Weil es „plausibel“ (S. 71) erscheine (für wen? Für mich nicht), sollen wir uns darauf einigen – oder bereits einig sein – dass sich eine gerechte Gesellschaft durch Inklusion auszeichne: Allen Mitgliedern einer Gesellschaft soll die Möglichkeit gegeben werden, „vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein und ein dem Standard der Gesellschaft angemessenes Leben zu führen. Hierzu gehört ganz rudimentär die Befreiung von existenzieller Not sowie die Möglichkeit zu Bildung und Selbstbestimmung.“ (S. 72).

Hierzu soll die Realität durch politische Maßnahmen angepasst werden, was jedoch unmöglich ist. Beispielsweise wird ein geistig Behinderter oder dementer Alter einfach nicht auf dieselbe Weise wie andere Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, weil er nun einmal eine schwere Krankheit an, die ihm dies nicht ermöglicht. Egal, was die Politik dazu zu sagen hat.

Goldschmidt profitiert davon, dass er einfach den gesellschaftlichen Konsens wiederholt und insofern ist die kritische Distanz zu seiner Argumentation bei den meisten Menschen nicht sonderlich ausgeprägt. Es klingt eben „vernünftig“, was er schreibt, weil man es so oft hört. In einer Gesellschaft, in der jedes zweite Neugeborene von einer Brücke geworfen wird, könnte ein Intellektueller mit beliebigen Argumenten die Tötung jedes zweiten Neugeborenen verteidigen und es würde niemandem auffallen, egal, was für ein Schwachsinn es ist.

Das Recht auf Vererben

Franciso D'Anconia (links) aus Ayn Rands "Atlas Shrugged" verschleudert sein Geld als reicher Playboy (Behind the Scenes Foto von der Offiziellen Website des Films)

Francisco D’Anconia (links) aus Ayn Rands „Atlas Shrugged“ verschleudert sein Geld als reicher Playboy (Behind the Scenes Foto von der Offiziellen Website des zweiten Films)

Angeblich gehöre eine sogenannte „Startgerechtigkeit“ zur Leistungsgerechtigkeit (die vernünftige Gerechtigkeit). Demnach sollen Bildung und Vermögen anfänglich für jeden am besten gleich sein. Geboren werden ist ja noch keine Leistung. Damit wird die Leistungsgerechtigkeit für die Eltern allerdings ausgehebelt. Denn egal, wie viel sie arbeiten und sich bilden, um ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen, am Ende würde der Staat dafür sorgen, dass die liebe Mühe umsonst war. Es wäre schließlich ungerecht, wenn die Eltern die Möglichkeit bekämen, ihre Kinder besser zu bilden und ihnen mehr zu vererben als andere Eltern es mit ihren Kindern tun. Wenn schon kein Erwachsenenkommunismus, dann wenigstens einer für die Kinder.

Das Geld, das sich Eltern auf anständige, legale Weise erarbeiten, ist ihr Geld. Sie können damit tun, was sie möchten. Inklusive, es an ihre Kinder zu vererben. Das Recht auf Eigentum gehört zur Leistungsgerechtigkeit. Das Geld den Eltern zu nehmen, um einer „höheren“ Gerechtigkeit zu dienen, ist Raub. Ein Kind sollte keinen Anspruch auf ein Erbe haben (es sei denn, es kann noch nicht für sich selbst sorgen), aber die Eltern sollten das Recht haben, ihr Geld zu vererben.

Tatsächlich kann ein Kind reicher Eltern seinen „Startvorteil“ für Partys und Drogen hinaus werfen, während ein Kind armer Eltern sich in einer freien Gesellschaft bis zum Unternehmenschef oder Bundeskanzler hocharbeiten kann. Irgendwann ist das Startvorteils-Kind arm und das ungerecht benachteiligte Kind reich. Das geschieht in der Regel nicht, aber es ist in einer freien Gesellschaft möglich. Man muss nur die richtigen Entscheidungen treffen.

Die Armen und Kranken dieser Welt

Ich liebe dich zu Tode: Pathologischer Altruismus (peoplescube.com)

Ich liebe dich zu Tode: Pathologischer Altruismus (peoplescube.com)

Wenn man nichts Vernünftiges über Moral zu sagen hat, dann sollte man sich einfach für die Armen, für die Kranken und für die Kinder aussprechen. Gutmenschengesetz Nummer 1.

Kinder, Alte und Kranke können oft nur schwierig oder gar nicht ein regelmäßiges Einkommen erzielen, mit dem sie „inkludiert“ seien. Darum soll der Staat für sie sorgen. Soziale Ansprüche alias Wohlfahrtsrechte seien „eine Errungenschaft der Moderne“ (S. 74), schreibt Goldschmidt. Also brauchen wir ein Grundeinkommen. Zusätzlich sollen sich die Unternehmer sozial engagieren (Corporate Citizenship) und die Konsumenten als „moralische Konsumenten“ ebenfalls.

Ein eigenes Beispiel: C&A möchte angeblich zu 100% auf Biobaumwolle umsteigen. Ökonomisch betrachtet ist diese Entscheidung irrsinnig, weil keine angemessene Nachfrage für die teureren Kleidungsstücke aus  Biobaumwolle besteht. Damit macht sich das Unternehmen selbst kaputt und Arbeitsplätze gehen verloren. Ein zahlungsunfähiges Unternehmen kann sich nicht mehr sozial engagieren. Ein Unternehmen sorgt, sofern es ökonomisch leistungsfähig bleibt, durch seine bloße Tätigkeit als Unternehmen für den Lebensunterhalt seiner Mitarbeiter. Auch ohne zusätzliches Engagement sind Unternehmen bereits dadurch sozial, dass sie existieren.

Vernunft gegen blanke Willkür

Ayn Rand statt Unsinn

Ayn Rand versus Unsinn

Goldschmidts Ethik ist unsystematisch, prinzipienlos und beliebig. Wir werden wohl nie erfahren, warum ein Grundeinkommen und kostenlose Krippenplätze moralisch geboten sein sollen. Am Ende liegt der Fehler an Goldschmidts Akzeptanz des Altruismus als Ethik und des Kollektivismus als Menschenbild: Der Mensch sei nur Mensch als Teil der Gesellschaft. Und Moral bedeute, die Interessen anderer Menschen zu den eigenen zu machen.

Der Mensch zeichnet sich allerdings nicht dadurch aus, dass er ein Herdentier ist, sondern sein besonderes Merkmal ist sein Verstand. Wir können die Welt begrifflich erfassen und sie für unsere Zwecke formen, indem wir Werte erzeugen. Wir verstehen, wie die Natur funktioniert, wir erkunden und formulieren Naturgesetze. Auf deren Grundlage machen wir die Natur für uns nutzbar und wandeln sie in Werte um, die unserem Leben dienen. Denken ist ein individueller Vorgang, der auf einer freien Willensentscheidung beruht – einer Entscheidung, die jeder treffen kann.

Andere Menschen sind nur darum ethisch relevant, weil sie für uns persönlich Werte darstellen. Andere Menschen sind uns etwas wert, sie sind wertvoll für unser eigenes Leben. Das sind sie aber nur, soweit wir uns nicht für sie aufopfern, also soweit wir nicht das, was uns mehr wert ist, für das aufgeben, was uns weniger wert ist. Beispielsweise könnte uns ein iPod sehr wohl wichtiger sein, als einem hungernden Kind in Afrika ein weiteres Lebensjahr zu bescheren. Wenn es das nicht ist, so hat natürlich jeder das Recht, sein Geld dem hungernden Kind zu spenden. Oder man spendet dem Kind einen Teil und gibt den Rest für den iPod aus. (Wobei diese ganze Spenden-Sache die Armut in Afrika nicht beenden wird – sondern nur die Einführung einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung könnte das).

Die Grundlage der Ethik bleibt aber auf jeden Fall das eigene Leben. Nichts hat einen Wert unabhängig vom individuellen Menschen. Auch ein Armer, Kranker, Alter ist für sich selbst etwas wert und für jene, deren Leben er bereichert. Der Grund, warum wir auch Menschen, die wir nicht kennen, ethisch behandeln, ist jener, dass wir persönlich davon profitieren. Wenn ein Bäcker einem Fremden Brötchen verkauft, dann profitiert er von dessen Geld – egal, ob er ihn kennt. Wenn ich für eine Wohltätigkeitsorganisation spende, auch wenn ich die Empfänger nicht kenne (und dies tun sehr wohl viele Menschen, in den USA viele mehr als hier!), so tue ich das, weil ich nicht von einem Obdachlosen auf einen Leprakranken stolpern möchte und weil ich mir wünsche, von glücklichen Menschen umgeben zu sein. Das wünsche ich mir aber nicht bis zur Selbstaufgabe.

Wir müssen andere Menschen nicht „Face to Face“ kennen, um sie ethisch zu behandeln. Wir müssen nur eines verstehen: Ethisch ist das, was unserem eigenen Leben förderlich ist und auch andere Menschen ethisch zu behandeln, ist unserem eigenen Leben förderlich.

Der eigene Verstand, das menschliche Überlebensinstrument, funktioniert nur ohne Zwang. Man kann nicht zum Denken gezwungen werden. Man denkt, weil man davon profitiert. Individuelle Rechte schützen den Menschen vor jenen, die ihm ein funktionierendes Überlebensinstrument streitig machen wollen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen und kostenlose Krippenplätze erfordern, dass Menschen, die nicht davon profitieren und die das nicht wollen, vom Staat beraubt werden müssen, um für diese Dinge aufzukommen, die für sie keinen Wert haben. Darum sind Grundeinkommen und kostenlose Krippenplätze unmoralisch. Egal, was die Politik dazu sagt. Egal, was Anthropologen dazu sagen. Egal, was Ordoliberale dazu sagen.

Siehe auch: Die objektivistische Ethik

Goldschmidt, Nils: Spielregeln der Gerechtigkeit oder warum gerechte Strukturen wichtig sind. Die ordnungsökonomische Sicht (Roman Herzog Institut)

Und: Einführung in den Objektivismus

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=ig9eOzbhW-c[/tube]