Wie würde wissenschaftliche Gender Studies aussehen?

Postmodernismus: „Du hast vielleicht zwei akademische Abschlüsse, aber ich habe mal einen Artikel auf Wikipedia gelesen“

Zwar sind die Gender Studies – wie alle anderen relativistischen „Studies“-Fächer – nicht wissenschaftlich fundiert, sondern sie beruhen auf marxistisch-postmodernen Ideen, aber Gender Studies könnte theoretisch wissenschaftlich sein. Eine Wissenschaft für die Untersuchung der menschlichen Geschlechter. Warum nicht? Schließlich existieren die menschlichen Geschlechter, auch wenn die Gender Studies Fraktion das bizarrerweise anders sieht, also kann man sie auch untersuchen. Das Problem, dass der eigene Forschungsgegenstand angeblich oder wirklich nicht existiert, teilen die Gender Studies übrigens mit der Theologie. Das hält beide Fächer nicht davon ab, an Universitäten fest etabliert zu sein. Es sei denn, man versteht die Theologie als die Wissenschaft der historischen und soziologischen Glaubenspraxis. Dann wäre die Theologie im Vorteil.

Wissenschaftliche Gender Studies hätten das Ziel, ohne ideologische Scheuklappen die Natur und Kultur der menschlichen Geschlechter zu erforschen. Biologische, psychologische, historische und soziologische Erkenntnisse würden gleichermaßen akzeptiert werden. Grundlage wäre dieselbe rationale Epistemologie und Metaphysik, die jeder Wissenschaft zugrundeliegt, beziehungsweise dieser zugrundeliegen sollte: Es gibt eine objektive Realität und wir können sie mit unserer Vernunft erkennen. Wer nicht davon ausgeht, betreibt etwas anderes als Wissenschaft, sehr wahrscheinlich die Verschwendung von Steuergeldern.

Man muss bei einer wissenschaftlichen Gender Studies davon ausgehen dürfen, dass sich chauvinistische Wissenschaftler ebenso zu dem Fach hingezogen fühlen würden wie Feministen. Es gäbe keine als Wissenschaft getarnte Streitschrift gegen die Kritiker des Fachgebietes, in der sie als „maskulinistische bzw. antifeministische Autor_innen“ (= Klassenfeind, S. 7) bezeichnet werden. Denn „maskulinische“ und „antifeministische“ Wissenschaftler würden ebenso im Bereich der Gender Studies forschen wie Feministen. Tatsächlich sind es heute praktisch nur politische Aktivisten der radikalfeministischen Variante, die Gender Studies betreiben. Man vergleiche dies mit anderen Geisteswissenschaften wie den Literaturwissenschaften oder der Philosophie, wo es auch konservative, religiöse, liberale Forscher gibt, die es trotz ihrer Weltanschauung auf die Reihe kriegen, objektiv zu forschen.

Jeder, der nicht vollkommen schwachsinnig ist, sieht auf einen Blick, was von einem Fach zu halten ist, dessen Forscher praktisch ausnahmslos die im Kern selbe politische Meinung haben, die obendrein auch noch eng mit der Thematik des Fachgebietes verwoben ist. Es ist so offensichtlich, dass es eigentlich keiner Erwähnung bedürfen sollte. Angenommen, Physiker wären zu 90 Prozent linksradikale Feministen. Dann würde ich sagen: Ok, verdammt seltsam, aber Physik hat einfach nichts mit Politik zu tun, also kann es durchaus sein, dass sie trotzdem gute Arbeit leisten. Aber wenn ein Fach, das Geschlechter erforschen will, zu 90 Prozent aus linksradikalen Feministen besteht – I arrest my case.

Falls immer noch jemand an der Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies zweifeln sollte, weitere Zitate aus Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie von der Heinrich Böll Stiftung (S. 36):

Die unterschiedlichen feministischen epistemologischen Modelle können grob in drei Richtungen unterschieden werden (vgl. Singer 2008: 294ff).

Feministischer Empirismus steht den klassischen Mainstream-Wissenschaftstheorien am nächsten. Jedoch kritisiert er androzentrische Verzerrungen als «schlechte Wissenschaft». Gegen die Vorstellung von Erkenntnisproduktion durch «den einsamen Wissenschaftler in seinem Labor» verweist er darauf, dass Wissenschaft ein soziales Unternehmen ist, das auf Interaktionen und Gemeinschaften beruht, so dass auch soziale Faktoren zu berücksichtigen sind, die für traditionellen Empirismus als «wissenschaftsextern» gelten.

Es mögen sich bitte Natur- oder andere Geisteswissenschaftler melden und mir erklären, ob ihre Forschungsergebnisse dadurch systematisch ideologisch verzerrt werden, dass sie sich mit Kollegen austauschen. Oder, inwiefern ihr Dasein als sozialer Mensch, der mit anderen Forschern spricht, für ihre Erkenntnisse relevant ist. Gilt A² + B² = C² für manche Forschergruppen, nicht aber für andere?

Feministische Standpunkttheorien heben stark auf die gesellschaftliche Positioniertheit von Wissensproduzent_innen ab. Insbesondere die Unterdrückten können einen adäquateren, weniger partiellen Blick auf ein Machtverhältnis entwickeln, da ihr Blick nicht durch das Eigeninteresse am Machterhalt getrübt ist. Wissenschaft müsse stärker an ihren Erfahrungen und Lebenssituationen ansetzen, um objektiveres Wissen zu produzieren (Sandra Harding nennt dies «starke Objektivität»).

Sind direkt vom Forschungsgegenstand betroffene Menschen eher in der Lage, diesen neutral, objektiv und sachlich distanziert wahrzunehmen? Niemand (niemand!) würde das innerhalb einer echten Wissenschaft jemals behaupten. Sollten die Opfer eines Messerstechers seine Richter sein? Es gibt nur eine Sorte Mensch, die so etwas behauptet.

Postmoderne Epistemologie radikalisiert den Gedanken der Situiertheit von Wissen in einem konstruktivistischen Sinne. Dadurch stellt sie Wahrheitsansprüche stark in Frage und verweist auf die Verbindung von Wissen und Macht. Auch die erkennenden Subjekte selbst werden hinterfragt – beispielsweise in ihrem Selbstverständnis als rational und autonom. Objektivität sei gerade nicht dadurch zu erreichen, dass die Situiertheit von Wissen ignoriert würde, sondern eher dadurch, dass partiale Sichtweisen in einem unabschließbaren Prozess dialogisch verknüpft würden.

Objektivität im Gender-Sinne kann also erreicht werden, indem Leute miteinander quatschen („partiale Sichtweisen in einem unabschließbaren Prozess dialogisch verknüpft sind“). Wissen ist nämlich nur eine Konstruktion. Es gibt kein Wissen über die objektive Realität. Es gibt nur Leute, die behaupten, sie wüssten etwas (echte Wissenschaftler) und Leute, die das Spiel durchschauen und wissen (!?), dass die anderen Leute nichts wissen. Es gibt also kein objektives Wissen laut der Epistemologie der Gender Studies. Also sind die Gender Studies laut Definition keine Wissenschaft.

Siehe auch: Gender Studies: Wir machen keine Wissenschaft

Ein Kommentar zu “Wie würde wissenschaftliche Gender Studies aussehen?

  1. mindph sagt:

    Schöner Text, eines hätte ich aber noch dazu zu sagen:

    „Sollten die Opfer eines Messerstechers seine Richter sein?“

    Ja, das sollen sie, zumindest laut (feministischem) Konzept der Definitionsmacht („DefMa“) und zumindest, wenn es nicht um Messer, sondern um sexuelle Gewalt geht. Dieses Konzept geht davon aus, dass nur das Opfer eine Straftat bzw. ein Vergehen als solches definieren kann, wenn es sich als Opfer fühlt. Eine sexuelle Situation zB ist dann Vergewaltigung, wenn sich das Opfer vergewaltigt fühlt, auch wenn vorher Konsens über die Situation bestand. „Es geht also darum, statt objektiver Kriterien das subjektive Erleben in den Mittelpunkt zu rücken.“ (Wikipedia) https://de.wikipedia.org/wiki/Definitionsmacht_%28sexualisierte_Gewalt%29

    Hintergrund-Idee ist natürlich, dass in einer „patriarchalen Gesellschaft“ ein Machtgefälle bestehe. Ist etwa ein Richter oder andere Beurteilende Teil dieser privilegierten Gruppe, etwa als weißer. heterosexueller Mann („HWM“), dann kann er, laut feministischer Theorie, eine Vergewaltigung unter Umständen nicht als solche erkennen, weil ihm die „Perspektive“ fehle. Daraus folgt, dass nur das Opfer das Urteil schuldig oder nicht schuldig sprechen könne, aus subjektiven Empfinden heraus, und nicht über objektive juristische Definition, welche ja als Gesetz im Machtgefüge entstand. Manche gehen sogar so weit zu fordern, dass das Opfer nicht nur über die Schuldfrage entscheidet, sondern auch über etwaige Sanktionen.

    Dass solch ein Konzept klassische Selbstjustiz ist und damit eines Rechtsstaats nicht würdig, lässt man im Feminismus nicht gelten, eben wegen der perspektivischen Gründe.

    Interessant dazu auch dieser sehr lange aber lesenswerte Text, welcher sich mit dem Konzept kritisch auseinander setzt:
    https://linksunten.indymedia.org/node/90318

    Wer auf die Idee kommen könne, Feminismus und Genderstudies seien totalitär, könnte mit dieser Idee schon ganz richtig liegen…

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