Der deutsche Liberale

"Ich habe die Prinzipien der freien Marktwirtschaft aufgegeben, um

„Ich habe die Prinzipien der freien Marktwirtschaft aufgegeben, um das System der freien Marktwirtschaft zu retten.“
„Und was genau waren Ihre Freimarkts-Prinzipien?“
„Oh, ähm, äh…“ (Bosch Fawstin)

Vielleicht hat der deutsche Liberale der Achgut-Variante ja doch Prinzipien. Mal sehen:

1. Das Rauchverbot in Gaststätten ist ein Eingriff in unsere Grundrechte.

2. Die totale Überwachung der Bevölkerung ist zum Schutz unserer Sicherheit notwendig.

3. Barack Obama ist böse, weil er eine staatliche Gesundheitsfürsorge für alle Amerikaner eingeführt hat.

4. Barack Obama ist gut, weil er alle Amerikaner ohne gerichtliche Anordnung abhören lässt.

5. Die Beschneidung von Mädchen ist als muslimische Grausamkeit zu verbieten. Auch Kinder haben Rechte.

6. Die Beschneidung von Jungen ist als jüdische Tradition zu akzeptieren. Kinder haben keine Rechte.

7. Der Staat sollte den Bürgern nicht vorschreiben, was ihre Feiertage beinhalten sollen.

8. Der Staat darf den Bürgern am Karfreitag das Tanzen verbieten. Weil Christen dafür sind. Und die Grünen dagegen.

9. Der Staat ist für innere und äußere Verteidigung zuständig.

10. Der Staat soll in Libyen und Syrien einmarschieren, auch wenn sie uns nicht angegriffen haben.

Ok, ich nehme es zurück.

„Anything Goes“ ist der Leitspruch unserer Zeit. Linke, Liberale und Konservative sind sich einig: Moral ist von gestern, Prinzipien sind für die Katz, die Welt ist grausam und willkürlich und nur mit Grausamkeit und Willkür können wir darin überleben. Man muss das Böse mit seinen eigenen Waffen schlagen – indem man selbst böse wird. Man muss Kompromisse eingehen zwischen grundlegenden Prinzipien. Menschenrechte kann man am besten schützen, indem man sie nicht definiert und sich nur rhetorisch auf sie bezieht, wenn es einem gerade passt und sie stillschweigend ignoriert, wenn man sie nicht braucht.

Wenn ich auswandere, dann in ein angelsächsisches Land, irgendwo in die tiefste Provinz. Wo die alten Leute noch unter vorgehaltener Hand flüstern: „Dein Leben gehört dir.“

Zur Aufheiterung ein Auszug aus einem Gedicht aus dem Zeitalter der Aufklärung. Damals glaubten die Menschen noch an etwas – Sinnvolles.

The pomp of courts, and pride of kings

Arthur O’Connor

The pomp of courts, and pride of kings,
I fain would banish far from hence.
I prize above all earthly things;
The Rights of Man and Common Sense.

Anything Goes“ ist auch eine empfehlenswerte Gesellschaftskritik des Briten Theodore Dalrymple:

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Ergänzung:  Angeblich sind die Achse-Autoren ganz unterschiedliche Leute mit verschiedenen Meinungen, die sich nur bei irgendwelchen liberalen Grundprinzipien (welche, in Herrgotts Namen?) einig seien. Es gibt tatsächlich nur selten unterschiedliche Positionen dort: Wer auf der Achse spricht sich für das Rauchverbot, gegen männliche Beschneidung, gegen militärische Einsätze in Libyen und Syrien aus? Wer unterstützt Snowden? Wer akzeptiert, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt? Und so weiter. Könnte man auch alles mit liberalen Argumenten tun.

Es geht mir aber nicht darum, dass sie eine andere Position vertreten als ich, sondern dass ihren Positionen keine Prinzipien (etwa die Menschenrechte oder individuelle Freiheit) zugrundeliegen. Das ist alles reine Willkür. Die Grünen sind dagegen, also sind wir dafür. Die Grünen sind dafür, also sind wir dagegen. Das ist das einzig erkennbare „Prinzip“. Mal so, mal so, das ist keine nachvollziehbare Philosophie. Weder bei einzelnen Autoren dort, noch bei der Redaktionslinie der Achse (als ob es die nicht gäbe!).

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Politik.

3 Kommentare zu “Der deutsche Liberale

  1. Skeptiker sagt:

    Für wie viel Prozent der deutschen Liberalen werden die „Achgut“-Autoren wohl repräsentativ sein?
    Wahrscheinlich spricht das Portal auch deshalb verschiedene Meinungen an.

    Was Prinzipien angeht, die einmal so klar definiert sind, das sie nicht weiter ausgebessert werden müssten:
    Das mag eine gute Idee sein, aber nicht umsonst tagt unsere Legislative mit Unterbrechnungen ständig. Man muss die Formulierung der Gesetze der Realität anpassen, um sie zu verbessern.
    Schon allein, weil sonst Kriminelle auf die Idee kommen, Lücken in den Gesetzen auszunutzen.

    • Ja, ok. Aber FDP-Politiker sprechen ja ebenfalls von einem Kompromiss zwischen Freiheit und Sicherheit, auch wenn sie sich für die Aufdeckung der Prism-Abhörtätigkeiten einsetzen. Ich frage mich einfach, ob die überhaupt wissen, was sie wie schützen wollen, oder ob das auch für sie eine „Abwägung“ ist. Stimmt aber, dass die FDP im Gegensatz zur Achse Grundrechte irgendwie wichtiger zu finden scheint.

  2. Lukian sagt:

    …sehr gut. Gut beobachtet.

    Cheers

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