Hauptsache meckern

TrollZur Abwechslung ein Off-Topic-Beitrag über ein Phänomen, das mich schon lange aufregt. Ist euch auch schon aufgefallen, dass bei praktisch jedem bewerteten Produkt bei Amazon irgendjemand dabei ist, der die durchschnittlich sehr positive Wertung runterzieht, indem er irgendeinen totalen Blödsinn schreibt?

Grundsätzlich kann es ja durchaus sein, dass das neue Samsung Ultra Perfekt Smartphone einige Fehler aufweist, die erst nach längerer Nutzung auffallen oder die anderen entgehen, weil sie nicht genau genug hinsehen. Wenn jemand ein Produkt aufgrund solcher Fehler abwertet ist das auch legitim (war z.B. beim Kindle Paperwhite so, weil die ersten Modelle häufig Bildschirmfehler aufwiesen). Man braucht nicht der Masse zuzustimmen. Ich kenne durchaus Fälle, wo der durchschnittliche Nutzer eine viel positivere Meinung von einem Produkt hatte als professionelle Testmagazine, weil er einfach nicht auf die Details achtet und ihm die Probleme erst später klar werden.

Nicht, dass man mich falsch versteht: Kundenkritiken haben oftmals auch einen Vorzug vor den Expertentests: Sie bieten häufiger Einschätzungen von Updates und Langzeiterfahrungen. Manchmal kann ein Update ein Produkt nämlich erheblich verbessern (wie z.B. das Jelly Bean Update des Acer Iconia A700 Tablets).

Die Falle des Dr. Mies

Aber jedes Mal gibt es diese andere Art von Kritiker. Ich nenne ihn Dr. Mies. Dr. Mies leidet am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) und er hält sich für den größten Experten unserer Galaxie. Wer sich für ein Produkt interessiert wird wahrscheinlich nicht nur die positiven Kritiken lesen, sondern auch mal reinschauen, was Menschen zu sagen haben, die nicht zufrieden waren. Dr. Mies kann also damit rechnen, dass seine Kritik viel häufiger beachtet wird als die tausendste positive Kritik. Und damit rechnet er auch.

Dr. Mies arbeitet je nach Fall mit einer von zwei Strategien:

1. Er schreibt seine rein subjektive Meinung oder das, was er für seine Meinung ausgibt, ohne sie auch nur im Mindesten zu belegen. Seine Meinung zur neuen Zehennagellackiermaschine könnte ebenso seine Meinung zu einem neuen Fernseher sein. „Ich mag das neue XY nicht.“ „Ich habe mich von den positiven Kritiken blenden lassen, aber das neue XY ist eigentlich voll scheiße.“ „Die anderen Kritiker übersehen leider, dass das XY gar nicht so gut ist.“ „Ich finde das XX viel besser als das XY, weil ich damit zufriedener war.“

Typisch Internetgemeinde steht unter solchen Kritiken eine längere Diskussion. Enttäuschte Leser der Rezension schreiben dort etwas in der Richtung: „Aussageloseste Kritik ever.“ „Können Sie Ihre Meinung vielleicht auch mal begründen?“ „Ich will die zwei Minuten von meinem Leben zurück.“ Dr. Mies hat schon gewonnen. Die lange Diskussion zieht nämlich weitere Leser an.

2. Er beschwert sich über Aspekte, die mit dem Produkt selbst nichts zu tun haben. Dr. Mies wird sich etwa darüber aufregen, dass das Produkt zu spät geliefert wurde. Er wird schreiben, dass es kaputt angekommen ist oder dass er zu dumm war, das Betriebssystem zu installieren. Er wertet ein Kindle-Buch ab, weil er E-Reader nicht mag. „Ich hatte so viele Probleme mit dem Service von Sony. Immer wieder habe ich da angerufen, aber die konnten mir nicht sagen, was mit meinem Smartphone nicht stimmt.“ „Ich habe diesen neuen PC gekauft, der ja bestimmt supertoll ist, aber wenn ich Windows nicht darauf installieren kann, bringt er mir gar nichts. Darum nur einen Stern.“ „Ich habe das Produkt selbst nicht getestet. Ich habe mich für ein anderes entschieden, weil da ein Schmusekissen dabei ist und bei diesem nicht.“

Auch unter solchen Wertungen stehen lange Diskussionen. „Das ist doch nicht die Schuld des Herstellers.“ „Ich hatte keine Probleme mit dem Service.“ „Wenn Sie das Produkt nicht getestet haben, dann schreiben Sie doch auch keinen Testbericht darüber!“ Oder einfach: „Sie sind ein Idiot!“

Sicher gibt es auch Menschen, die einfach nicht wissen, was man in so eine Kundenmeinung reinschreiben sollte und was nicht. Zum Beispiel steht auch bei vernünftigen Kritiken häufig drin, dass Amazon das Produkt schnell lieferte, was an der Sache einfach vorbeigeht. Aber mir kommt es doch stark so vor, dass es auch einige Dr. Mies da draußen gibt, die absichtlich schlechte Kritiken schreiben, obwohl es keinen objektiven Grund dafür gibt, nur, um auf sich aufmerksam zu machen.

Das Mittel gegen Mies

Ich würde also empfehlen, solche Trolle nicht zu füttern. Klar ärgert man sich darüber, aber man sollte derartige Kritiken nicht kommentieren. Eventuell kann man sie Amazon melden, wenn sie gar zu sehr neben der Spur sind.

Ansonsten, im Namen aller gewissenhaften, ernsthaft interessierten Amazon-Kritikenleser: Fick dich, Dr. Mies!

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Humor, Kultur.

3 Kommentare zu “Hauptsache meckern

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Worin besteht denn der Reiz Produktkritiken zu schreiben?

    MFG
    Dr. W

    • Vermutlich Enthusiasmus für das neu erhaltene Produkt bei den Amazon-Testern. Oder grobe Enttäuschung darüber. Oder das damit verbundene Prestige, jedenfalls bei Hardcore-Testern.

      • Dr. Webbaer sagt:

        O-kay. Ich selbst habe schon vglw. viel im Web kommentiert, aber Lust etwas über (meine) Geräte zu schreiben, hatte ich nie entwickelt.
        Danke für die Erklärung.

        BTW, als „Dr. Mies“ noch kurz angemerkt: Es gibt eigentlich keine Trolle, gemeint meist gegenrednerisches, markantes und polarisierendes Feedback.
        Störer (das Fachwort an dieser Stelle, Definition: schaden einem Web-Inhalt bewusst oder unbewusst) gibt es, sind aber sehr selten.

        MFG + weiterhin viel Erfolg!
        Dr. W

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.