Die geformte Gesellschaft

"Kein Schicksal" (Terminator 2)

„Kein Schicksal“ (Terminator 2)

Offenbar sind unheimlich viele Menschen in Deutschland der Meinung, dass unsere Identität als Person durch folgenden Prozess  entsteht: Wir sind zunächst mit leicht variierenden biologischen Anlagen ausgestattet und werden daraufhin leicht variierenden Umweltbedingungen ausgesetzt. Produkt dieser externen, vom „Ich“ nicht kontrollierten, Einflüsse ist: Das Ich. Die eigene Person.

Wie es ausschaut, haben „wir“ gar nichts mitzureden, wenn es um „uns“ geht. Wir sind angeblich nur der passive Rezipient von Faktoren außerhalb unserer Kontrolle, die unser Ich schmieden.

Als ich in einem Seminar über interkulturelle Kommunikation Zweifel an dieser Sichtweise anmeldete und von unseren eigenen, freien Entscheidungen sprach, wurde ich wie ein Mondkalb angeglotzt. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wo dieses Fach gerade dazu dient, unsere kulturelle Befangenheit zu erkennen und gegebenenfalls zu überwinden. Aber man sehe sich vor, dies tatsächlich zu tun! In den USA und generell in den angelsächsischen Ländern ist schließlich die Auffassung viel weiter verbreitet, dass wir uns selbst machen, dass wir der Herr unseres eigenen Schicksals sind – und eben nicht die tumbe Knetmasse, die Biologie und Gesellschaft zu Figürchen formen. Dies ist eine typisch kontinental-europäische Idee.

Die deterministische Auffassung der Persönlichkeitsentwicklung zeugt von einem Mangel an Introspektion. Hoffe ich. Die Alternative lautet, dass sich der überwältigende Teil der sich als geformt betrachteten Menschheit tatsächlich nicht mit bewussten Denkprozessen aufhält. Das glaube ich nicht, sonst würde die objektivistische Definition von „Mensch“ auf einen großen Teil der Menschheit gar nicht zutreffen – und stattdessen die Definition von „Tier“ der höheren Art, etwa wie die anderen Menschenaffen. In der Tat wurde ich von evolutionär-humanistischen Kreisen mehrmals unterrichtet, dass wir genau wie die anderen Menschenaffen seien. Demnach verfügen wir nicht über die Fähigkeit zur Begriffsbildung und die damit einhergehende Fähigkeit zur bewussten Reflektion über unsere Handlungsoptionen. Und natürlich auch nicht über die Willensfreiheit, also die Freiheit, uns für eine der möglichen Optionen zu entscheiden – die in der Tat ebenso von den evolutionären Humanisten bezweifelt wird.

Mal ernsthaft: Glauben Sie wirklich, dass die Umwelt und Ihre Gene Ihre Persönlichkeit bestimmen? Ich habe Menschen kennengelernt, die dies wirklich glauben. Sie hatten sich Erklärungen zurechtgelegt, welche unsichtbaren Faktoren sie dazu zwangen, Ihren Partner systematisch zu betrügen, Kinder mit drei verschiedenen Männern in die Welt zu setzen, um sich gleich wieder von ihnen zu trennen und sie für den Unterhalt aufkommen zu lassen, sich für möglichst hohe Steuerabgaben einzusetzen, von denen sie persönlich in Form von Kinderkrippen (für die Kinder des zweiten und dritten Mannes) zu profitieren gedachten. Aber ebenso Leute, die von anderen ausgenutzt und ausgebeutet wurden und die das bewusste Ausblenden der Realität, das ihre Ausbeutung ermöglichte, erneut ausblendeten. Sie selbst traf keine Schuld und von ihnen ging keine Verantwortung aus. Sie waren die passiven Produkte von Umwelt und Genen.

Man wird nicht sozialisiert – man sozialisiert sich

Die Sozialisation (lat. sociare ‚verbinden‘) ist die Anpassung an gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster durch Internalisation (Verinnerlichung) von sozialen Normen.

So lautet die soziologische Definition von „Sozialisation“. Doch wie funktioniert das in der Praxis? Meiner Ansicht nach mit einer bewussten Willensentscheidung bei jedem einzelnen Schritt auf dem Weg zu einem sozialisierten Menschen. So war es jedenfalls bei mir. Meine Lieblingsfrage als Kind lautete, „warum“? Ich wollte wissen, warum ich in einem Restaurant die Mütze abnehmen sollte, wenn man auch mit Mütze essen kann, warum man die Tür hinter sich schließt, nur um sie später wieder zu öffnen, warum man manchmal aufsteht, wenn jemand den Raum betritt und manchmal nicht, warum man Menschen die Hand zur Begrüßung reicht, statt sich zu verbeugen wie die Japaner, warum man „Guten Morgen“ sagt, aber nicht „Guten Mittag“ und so weiter. Da meine Eltern praktisch keine dieser Fragen beantworten konnten oder wollten, war ich manchmal ein etwas schwieriges Kind, aber sobald sie eine überzeugende Erklärung hatten oder – meistens – mit Strafe drohten, ließ ich mich doch „sozialisieren“. Bewusst. Als Ergebnis einer freien Willensentscheidung.

Jetzt stehe ich der unheimlichen Möglichkeit gegenüber, dass dies bei einigen oder vielen anderen Menschen vielleicht nicht so ist. Vielleicht haben sie einfach Befehle bekommen und sie befolgt, um Strafen zu vermeiden, sowie einfach das getan, was man ihnen vormachte und was andere auch tun – ohne jemals darüber nachzudenken und zu hinterfragen, wozu sie all diese Dinge tun sollten, woher das kommt, warum sie nicht etwas anderes machen sollten oder gar nichts. Warum soll ich heiraten? Warum jetzt Disco und One Night Stand? Vielleicht gibt es Menschen, die sich solche Fragen nie stellen und es einfach machen, weil andere es auch machen und sie es eben so kennen und dieses gesellschaftlich erwünschte Verhalten unmittelbar belohnt wird (auch wenn es ihnen nicht immer auf lange Sicht zum Vorteil gereicht!). Genau dieses passiv-deterministische Menschenbild ist es nämlich, was in der Soziologie und in der empirischen Psychologie verbreitet ist.

Wobei ich an dieser Stelle ergänzen würde, dass sich jedes Individuum und die Gesamtgesellschaft selbst zerstören kann, wenn es unreflektiert einfach nur Traditionen lebt. Es gibt noch immer Naturvölker, bei denen jedes Individuum eine Lebenserwartung von 30-40 Jahren hat, weil sie sich weigern zu denken und sich der modernen Zivilisation anzuschließen. Es wäre politisch inkorrekt, sie als die unverbesserlichen Idioten zu bezeichnen, die sie sind, also akzeptiert man die Alternative: Sie zu infantilisieren und zu entmenschlichen, indem man ihnen jede Verantwortung abspricht.

Was, wenn viele oder die meisten heutigen Menschen einer grausamen Gesellschaft wie in Nazi-Deutschland leben könnten, und keine Eigenschaft ihrer Persönlichkeit würde sie dazu nötigen, kritisch und rational wenigstens über das, was sie betrifft, nachzudenken?

Ist der Mensch das rationale Tier, das über seine Handlungsoptionen reflektiert?

Der Missing Link

Ayn Rand selbst war der Meinung, dass es noch immer einen „Missing Link“ geben könnte. Menschen mit einem perzeptuellen Bewusstsein. Also Menschen, die nur das übernehmen und darauf reagieren, was sie unmittelbar wahrnehmen, ohne Abstraktionen zu bilden oder zu denken. Menschen, die nicht über ihre Sippe und deren Traditionen und Rituale hinauswachsen können. Was, wenn es die immer noch gibt und man es nicht mehr bemerkt, weil die Traditionen und Rituale eine andere Gestalt angenommen haben? Traditionen, Rituale und Ideen der linksgrünen Massenkultur wie Friedensmärsche, anti-amerikanische Haltungen, anti-jüdische Ressentiments, Gleichmacherei, „soziale Gerechtigkeit“. Gedanken, die geäußert werden, Traditionen, die übernommen werden, Rituale, an denen man sich beteiligt – einfach, weil es das ist, was man eben tut und nicht, weil man sie als Resultat bewusster, individueller Reflektion als gut und richtig ansieht. Was auch bedeutet, dass man nicht wirklich von dem Quatsch überzeugt ist und sich auch von einer neuen Massenmeinung vereinnahmen lassen würde.

Bewusste Reflektion tritt demnach meist in Form der Kleinkind-Ethik (laut dem Kohlberg-Schema) auf – werde ich dafür belohnt oder bestraft? Die geben mir den Daumen hoch, wenn ich was gegen Amerika sage, also mache ich es. Laut den empirischen Ergebnissen des Psychologen Lawrence Kohlberg gelangen die meisten Menschen tatsächlich nie über die konventionelle Ebene der Moralentwicklung hinaus. Nur ein Viertel erreicht die post-konventionelle Ebene, bei der man selbst über Moral nachdenkt und moralische Richtlinien nur akzeptiert, wenn sie gut begründet sind. Ich habe den Eindruck, dass sich heute in der Postmoderne (in der Tat ist dies geradezu die Definition der Postmoderne) besonders viele Menschen auf Stufe 4 1/2 befinden: „In der Übergangsphase gelingt es dem Menschen noch nicht, die Begründung von Normen auf ein neues, intersubjektives Fundament zu stellen, er ist moralisch orientierungslos. Menschen dieser Stufe verhalten sich nach ihren persönlichen Ansichten und Emotionen. Ihre Moral ist eher willkürlich, Begriffe wie „moralisch richtig“ oder „Pflicht“ halten sie für relativ. „

Viel Spaß damit.

10 Kommentare zu “Die geformte Gesellschaft

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Netter, gut beobachtender Artikel!
    Was halten Sie von der Einsicht, dass es eine Kultur benötigt um die Menschen (vs. Bären) nachdenken zu lassen? [1]
    Und zwar eine andere als diejenige, die von ‚der Soziologie und in der empirischen Psychologie verbreitet ist‘?
    Aja, Sie stimmen zu.

    MFG
    Dr. W (der sich in jüngeren Jahren genau die Frage gestellt hat, warum sich Leute, die sich nicht oder kaum kennen, einen „Guten Tag!“ wünschen)

    [1] ‚benötigt‘, d.h. klappen muss es nicht

  2. Bjoern sagt:

    Ich beschäftige mich seit einiger Zeit selbst mit diesem Thema und muss allmählich einsehen, es zeichnet sich ein unhoffnungsvoller Schluss ab. Der nicht-reflektierende Mensch existiert und er ist im unterschiedlichen Maße Teil von jedem von uns. Für manche vielleicht der einzige Teil.

    Mein Weltbild hat sich diesem Gedanken noch nicht angepasst, doch das klassisch liberale Menschenbild kann ich nur noch als furchtbar naiv ansehen.

    Die Implikationen kann ich kaum abschätzen, spontan kommt mir der Gedanke der überwältigen Wichtigkeit von Kultur. Ich weis, dass ich selbst viele Verhaltensweisen (schmerzlich vermutlich auch Überzeugungen) unreflektiert übernommen habe. Ein simples Beispiel ist die physische Distanz zu meinem Gesprächspartner, die variiert unter den Kulturen. Bis mir das vor Augen geführt wurde, war ich vollkommen blind für diese Tatsache. Wo und wie viele blinde Flecken habe ich noch?

    Und sind wir ehrlich, wir können gar nicht über alles reflektieren. Ich akzeptiere so viele Ergebnisse, Modelle, Theorien und Formeln aus verschiedensten Wissenschaften. Warum? Weil ich vertraue, mein Vertrauen gilt der (natur-)wissenschaftlichen Vorgehensweise (samt ausführenden Wissenschaftlern) und lässt sich als quasi-Heuristik verstehen. Ich kann ohne diese Heuristik nicht existieren, es sind zuviel Informationen zu verarbeiten. Permanentes Hinterfragen verursacht Handlungsunfähigkeit. Das vollkommen reflektiere Leben, so wie sich es Sokrates vorgestellt haben mag, ist unmöglich.

    Nicht zu reflektieren hat zudem etwas sehr nützliches: Die Energie und Zeit kann für andere Dinge eingesetzt werden, beispielsweise um gesellschaftlichen und beruflichen Erfolg zu haben. Sind die übernommenen Werte und Handlungsmuster gut, kann es nur als wahrscheinlich angesehen werden, dass diese Person mehr erreichen wird als jemand, der erst noch alles hinterfragen und zu eigenen Antworten kommen muss. Und sind die Werte und Handlungsmuster nicht so gut, reicht es vielleicht noch immer zum besseren Leben. Tatsächlich machen mir eher nachdenkliche Menschen einen unzufriedenen Eindruck. Selbstredend ist die Implikation, dass ein zufriedenes Leben das bessere Leben ist. Eine umstrittene Annahme.

    • Ich denke, das hat überhaupt keine politischen Implikationen. Die Existenz dummer Leute ändert nichts daran, dass jeder der Herr seines eigenen Lebens ist. Die von Linken gezogene Schlussfolgerung, dass schlaue Staatsbürokraten den Dummerchen vorschreiben müssen, wie sie zu leben haben, weil sie sonst sterben würden, halte ich für eine unverschämte Anmaßung. So gut wie jeder ist schlau genug, um zu überleben. Wer das nicht ist, um den werden sich andere Menschen auch kümmern, ohne dass der Staat sie dazu zwingt.

    • Dr. Webbaer sagt:

      Nicht zu reflektieren hat zudem etwas sehr nützliches: Die Energie und Zeit kann für andere Dinge eingesetzt werden, beispielsweise um gesellschaftlichen und beruflichen Erfolg zu haben.

      Es gilt aber das Sittliche betreffend zu reflektieren, um diesen Erfolg zu haben. – Und wenn sich dieser Erfolg in den Systemen der Aufklärung einstellt, in „westlichen“ Systemen, ist es nicht mehr weit allgemein politisch zu werden.

      Also bspw. auch am Menschenbild zu rütteln, das von ‚Staatsbürokraten‘ (Müller) angeregt, aber in den o.g. Systemen nicht durchgesetzt werden kann.

    • Skeptiker sagt:

      Ich kann ohne diese Heuristik nicht existieren, es sind zuviel Informationen zu verarbeiten. Permanentes Hinterfragen verursacht Handlungsunfähigkeit.

      Es ist gar nicht notwendig, immer die „neusten Erkenntnisse“ aus den Naturwissenschaften zu übernehmen oder selbigen blind zu vertrauen.
      Das tuen die meisten Menschen ja auch gar nicht. Es genügt ihnen, was sie in der Schule gelernt haben und was sie für ihre Tätigkeiten brauchen. Ab und zu wird das Ergänzt von wissenschaftsjournalistischen Meldungen aus der Zeitung, die dann mehr aus Neugier oder Interesse, wie der Feuilleton, gelesen werden. Aber davon abhängig, die neusten Erkenntnisse zu verstehen ist eigentlich nur der Fachmann auf seinen jeweiligen Gebiet und der muss natürlich weniger vertrauen als ein Laie.

      Btw, auch die größte Faktenkenntnis schützt natürlich nicht davor, einer Fälschung oder einem unentdeckten Fehler zum Opfer zu fallen.
      Man hört ja oft von wichtigen mathematischen Beweisen, von denen man später nichts hört, weil doch ein kleiner Fehler irgendwo gefunden wurde. Erst kürzlich glaubten einige Wissenschaftler, Hinweise darauf gefunden zu haben, dass sich Neurinos schneller als das Licht bewegen, was sich aber als Fehler herausstellte. Von gelegentlichen Fälschungen ganz zu schweigen…

      Ob man jetzt ohne diese Vertrauen nicht überleben kann, darf wirklich bezweifelt werden. Oft sind die Wissenschaftler ja selbst gegenüber neuen Theorien oder überraschenden Experimenten am Kritischsten eingestellt.

  3. Leopold Stotch sagt:

    Es gibt sicher viele Menschen, die spät oder nie über ihre Sippe hinauswachsen. Aber unter den falschen Voraussetzungen, die sie in ihrer Sippe gelernt haben, treffen sie ja durchaus rationale Entscheidungen: Warum soll ich heiraten? Weil Alleinsein furchtbar ist und ich durch die Heirat erreiche, dass jemand jeden Tag bei mir ist. Warum One Night Stands? Weil Einschränkung der Sexualität mir irgendwie schadet, usw. Auch diese Voraussetzungen in Frage zu stellen heißt noch lange nicht, sie als falsch zu erkennen.

    Einen wirklichen „missing link“, eine Gruppe nicht denkender und nicht abstrahierender Menschen, gibt es m. E. nicht – Leute, die mit ihrem Denken halt nicht weit kommen, in ihrer Sippe gefangen bleiben oder leicht von einer anderen Sippe vereinnahmt werden können, gibt es sicher.

    Kultur kann beim Überwinden der Sippe natürlich eine entscheidende Hilfe sein; Werke wie dieser Blog können verhindern, dass einmal begonnenes freies Denken mangels Anregung und Bestätigung im Sand verläuft. Dass eine Kultur _benötigt_ wird, um Menschen nachdenken zu lassen (Dr. Webbaer) halte ich aber für eine paradoxe Auffassung: Als entstünde der freie Wille erst, wenn man den Menschen verrät, dass sie einen haben.

    • Ich behaupte gar nicht, dass man die Gepflogenheiten, die ich nenne, aus rationaler Sicht ablehnen sollte (One Night Stands m.E. schon, aber das ist eine andere Geschichte). Das ist schon größtenteils sinnvoll. Ich nehme meine Mütze auch ab in Restaurants (bzw. trage ich keine Mützen, sondern nur einen Hut bei Regen und Winter).

      Werke wie dieser Blog können verhindern, dass einmal begonnenes freies Denken mangels Anregung und Bestätigung im Sand verläuft.

      No pressure… Aber die Firma dankt.

    • Dr. Webbaer sagt:

      Dass eine Kultur _benötigt_ wird, um Menschen nachdenken zu lassen (Dr. Webbaer) halte ich aber für eine paradoxe Auffassung: Als entstünde der freie Wille erst, wenn man den Menschen verrät, dass sie einen haben.

      Wenn es um das „laute Nachdenken“ geht, macht es aber wieder Sinn. – Der Primat hat ja viele viele Generationen gelebt oder überlebt ohne dass sich im modernen Sinne werthaltige Kulturen ergaben, also auch nur wenig Überliefertes und Werthaltiges das Nachdenken betreffend.

  4. Skeptiker sagt:

    Ich hoffe, es stört niemanden, wenn ich mich hier noch mal zu Wort melde, aber ich habe den Artikel erst vor kurzem gelesen.

    Nun, nehmen wir ein einfaches Beispiel:
    Eine Person N. N. zeigt ein bestimmtes Verhalten X. Vielleicht einmalig, vielleicht regelmäßig.
    Jetzt fragen wir jemanden (nicht unbedingt N. N. selber, er käme aber auch in Betracht): „Wieso hat N. N. X getan?“ Und bekommen als Antwort „Er wollte X tun!“
    Welchen wissenschaftlichen Mehrwert haben wir anhand dieser Erklärung? Was wissen wir jetzt, was wir vorher nicht wussten?
    Vor allem: Wir haben aufgrund des Verhaltens von N. N. auf seinen „Willen“ geschloßen. Ob da tatsächlich etwas in seinem Bewusstsein und/oder seinem (sofern es denn seins ist ;-)) Gehirn vorging, haben wir allein deshalb noch gar nicht ermittelt.
    Wir haben also etwas postuliert und keine zusätzliche Erklärung, denn wir könnten ja einfach fragen „Wieso wollte er X?“.
    Nun vergleichen wir diese Antwort mit 3 anderen (sehr vereinfachten) Antworten:
    A: „N. N. hat X getan, weil er gewisse, evolutionär entstandene Triebe nicht in die richtigen Bahnen lenken konnte, etwa, weil er das in einer bestimmten Phase einer Entwicklung nicht gelernt hat, die sich jetzt über X entladen.“
    B: „In seinem Gehirn ist zu der Zeit etwas aufgeblinkt. Es wurden die Neuronen aktiviert, die für die Bewegungen von X zuständig waren.“
    C: „Bisher wurde N. N., wenn er X tat, von seinem Umfeld dafür belohnt. Daher wurde das Verhalten verstärkt.“

    Es gibt natürlich noch weitere Antworten, aber das wären so einige altbekannte.
    Antwort A und C verweisen mehr oder weniger auf die bisherige Entwicklung von N. N., antwort B verweist dagegen auf gleichzeitig vorliegende physiologische Vorgänge.
    Allen drei Antworten ist aber gemeinsam, dass wir zumindest ein bisschen mehr wissen. Also die Ursachen, warum N. N. das tut eher zu kennen meinen. Sei es in der Außenwelt, sei es in der Physiologie gelegen.

    Was jetzt die Gene und die Umwelt angeht, ist das ungefähr genauso.
    Wenn wir zum Beispiel eine Person vor uns haben, die immer rote Kleidung trägt, müssten wir uns nicht damit zufriedengeben, dass es einfach sein Geschmack ist, sondern könnten fragen, „Wieso mag er rote Kleidung denn so?“.
    Das ist natürlich im praktischen Alltag oft nicht möglich…

  5. “Der historische Liberalismus hat versagt – nicht als Liberalismus, sondern in seiner verhängnisvollen Verquickung mit dem Kapitalismus. Er hat versagt – nicht weil er zuviel, sondern weil er zu wenig Freiheit verwirklichte. Hier liegt der folgenschwere Trugschluss der sozialistischen Gegenströmung. Die liberalistische Wirtschaft war in Wahrheit keine freie, sondern eine vermachtete Wirtschaft, vermachtet durch Monopolbildung, kapitalistische Machtballungen, durch Konzerne und Trusts, die das Wirtschaftsleben über Preise, Zinsen und Löhne nach ihren eigenen Interessen bestimmten. Wo durch Monopole und Oligopole, durch Konzerne und Trusts der freie Wettbewerb entstellt und gefälscht, die freie Konkurrenzwirtschaft unterbunden und zerstört wird, da fehlt die elementare Grundlage eines liberalistischen Systems im ursprünglichen, klaren und eindeutigen Sinn dieses Wortes.

    Der Sozialismus ersetzt die private Vermachtung durch die staatliche Vermachtung der Wirtschaft mit dem Ergebnis, daß die soziale Gerechtigkeit keinesfalls erhöht, aber die automatische und rationelle Funktionstüchtigkeit der Wirtschaft entscheidend geschwächt wird. Der historische Weg, die unerwünschten sozialen Auswirkungen einer fehlerhaften Wirtschaftsordnung durch politische Maßnahmen und staatliche Eingriffe zu beseitigen, musste notwendig scheitern. Eine brauchbare Sozialordnung kann nicht mit bürokratischen Mitteln erzwungen werden, sondern nur aus einer richtig funktionierenden Wirtschaftsordnung erwachsen. Nur eine natürliche, dynamische Gesellschaftsordnung auf der gesicherten Basis einer natürlichen, dynamischen Wirtschaftsordnung ist stabil und kann ohne großen Aufwand an bürokratischen Mitteln und gesetzlichen Regelungen nachträglich noch politisch-rechtlich gesichert werden, soweit dies überhaupt noch erforderlich ist.”

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/08/personliche-freiheit-und-sozialordnung.html

    Was in der Theorie nicht erst seit 1951 gelöst ist, blieb in der Praxis bis heute ungelöst. Dabei beinhaltet die Lösung der uralten Sozialen Frage nicht nur die Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit (gerechte Güterverteilung nach Leistung) bei einem Höchstmaß an persönlicher Freiheit, sondern auch die Überwindung aller Zivilisationsprobleme, die sich überhaupt thematisieren lassen, und damit den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation!

    Doch solange der Mensch noch religiös ist, kommt er über Himmel und Hölle nicht hinaus:

    http://www.deweles.de/willkommen/himmel-und-hoelle.html

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.