Kollektivschuld 2.0

Alexia schrieb einen Kommentar, der mich erschaudern ließ. Ihre Argumentation ist weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Sie ist trotzdem höchst problematisch. Unser Austausch:

Ich schrieb: “Wenn ich einen an sich harmlosen Beitrag zur CO2-Verschmutzung leiste und erst das kummulierte CO2 von tausenden Bürgern schädlich ist, dann ist das nicht meine Schuld.”

Alexias Antwort: „Doch. Und meine und die meiner Familie und deiner Familie, unserer Nachbarn und überhaupt allen, die mehr CO2 produzieren als nur durch normale Körperfunktionen.. […] Wenn alle kollektiv an der Zerstörung von etwas Schuld sind, dann sollten auch alle gemeinsam die Konsequenzen tragen. Wenn sich die genauen Anteile der Schuld nicht nachweisen lassen – Pech gehabt. Dann wird der Anteil eben Pi mal Daumen geschätzt.“

Es ist nicht gerade überraschend, dass es die Ökobewegung sein sollte, die Kollektivschuld wieder hoffähig gemacht hat.

Ergänzung: Antwort auf einen Einwand von Volkswirt Ulrich Berger hinzugefügt

Meine Antwort auf Alexias Kommentar:

Gut, dass du keine Richterin bist.

Angenommen, eine Eisverkäuferin schaut einen Kriminellen komisch an, er wird darum wütend und sticht einen Passanten ab, dann müsstest du die Eisverkäuferin für den indirekten Schaden, den sie mit komischen Blicken anrichtete und der kollektiv mit anderen Ursachen zu einem Mord führte, ebenso bestrafen wie den Autofahrer wegen dem indirekten Schaden durch seinen CO2-Ausstoß. Ist doch egal, ob man genau sagen kann, welche Faktoren den Mord auslösten, dann wird der Anteil am Mord der Eisverkäuferin einfach Pi mal Daumen geschätzt.

Wenn das Mitglied eines anderen Stammes eine Frau aus deinem Stamm entführte, bedeutete das in der Steinzeit einen Freischein für Krieg und die Auslöschung des anderen Stammes. Die Idee kollektiver Schuld war ebenso typisch für Kommunisten, die Mitglieder der Bourgoisie unterschiedslos exekutierten (man weiß ja nie genau, welcher Bourgois individuell ein Ausbeuter war und welcher nicht – also Pi mal Daumen) und für die Nazis, für die alle Juden schuldig waren für in der Regel auch noch fiktive Vergehen einzelner.

Nein, nur individuelle Schuld ist strafrechtlich relevant. Es gibt keine Kollektivschuld.

In meinem nächsten Essay über externe Effekte werde ich näher darauf eingehen, wofür man uns wirklich verantwortlich machen kann und wofür nicht. Aber es ist mir sehr wichtig, schon einmal festzustellen – und das ist keine Spinnerei meiner Philosophie, sondern jeder Jurist wird Ihnen dasselbe erzählen – dass man Menschen nur nach dem Maßstab ihres persönlichen, individuellen Verschuldens verurteilen darf und nicht aufgrund von Taten, die an sich harmlos sind (wie Eis verkaufen mit einem „komischen Blick“ oder Auto fahren) und die nur „kollektiv“ zu Problemen führen können.

Ein weiteres Beispiel: Sie fahren mit zulässiger Geschwindigkeit nüchtern und verantwortungsbewusst auf der Autobahn. Vor Ihnen taucht plötzlich ein Geisterfahrer auf. Sie können ihm nicht mehr ausweichen und er rammt sie seitlich. Es kommt nicht zu einem frontalen Zusammenstoß, aber ihr Auto wird aus der Bahn geschleudert. Ihr Auto rammt einen anderen PKW und dabei wird ein Kind verletzt.

Der ökologischen Kollektivschuld-Logik folgend, müssten Sie für den Zusammenstoß verurteilt werden. Obwohl Sie eigentlich keinen Fehler begangen haben. Sie haben individuell nichts getan, was ein Vergehen darstellen würde. Aber in Interaktion mit einem Geisterfahrer (strafrechtlich der eigentlich Schuldige) sind Sie Teil einer kollektiven Unfallkette, die zur Verletzung des Kindes führte.

Ich sage (aus Sicht des liberalen Rechtsstaates, in dem wir zum Glück weitgehend leben), dass Sie natürlich nicht zu bestrafen sind, da Sie sich keines Vergehens schuldig gemacht haben – sondern nur der Geisterfahrer. Oder sehen Sie das anders?

Ergänzung: Keine Kollektiv-, aber Mikroschuld?

Der Volkswirtschafts-Professor Ulrich Berger wandte ein:

Eine Million Menschen werfen ein je 1 Gramm kleines Kieselsteinchen auf mich. Ich werde unter einer Tonne Gestein zerquetscht. Wer ist schuld an meinem Tod? Alle oder niemand?

Meine Antwort:

„Niemand“ wäre meine direkte, juristische Antwort. Jedenfalls unter der Bedingung, dass keiner der Million Menschen die Absicht hatte, Herrn Berger irgendwie zu schaden oder gar zu kieselsteinigen (eine nicht zu unterschätzende Gefahr – und in der Tat der erste Schritt, den Deutschland zur Steinigung beschreitet!). Ich gehe eher davon aus, dass das Gramm Kieselsteinchen versehentlich auf Herrn Berger gelandet ist bei einer Handlung – wie Wandern – die nicht das Verschütten von Kieselsteinen zum Zweck hat, sondern das nur ein ungewollter Nebeneffekt sein kann (wie CO2-Ausstoß nicht der Zweck des Autofahrens ist). Diese Million Menschen sind somit die physische Ursache vom hoffentlich in ferner Zukunft liegenden, avardgardistischen Tod vom sehr geschätzten Herrn Berger, aber sie sind nicht schuldig im rechtlichen Sinne für sein Ableben.

Eigentlich geht es bei unseren Beispielen um die Frage, ob ein Autofahrer an der globalen Erwärmung mitschuldig ist. Ich habe mir folgende Illustration überlegt, um klarzustellen, was „Schuld“ in diesem Kontext bedeutet:

Angenommen, eine Gruppe Jugendlicher schließt sich zusammen, um ein fremdes Auto zu demolieren. Sie schlagen alle mit Stangen darauf ein. Jeder von ihnen trägt also einen Teil der Schuld an dem Schaden, den das Auto davongetragen hat.

Nun nehmen wir an, Millionen von Menschen fahren Auto. Keiner von ihnen als Einzelner richtet mit seiner Tätigkeit des Autofahrens als solche irgendeinen Schaden an anderen Menschen oder ihrem Eigentum an, auch keinen winzig geringen Schaden. Also ist ein Autofahrer nicht zu vergleichen mit einem Jugendlichen, der auf ein Auto einschlägt. Das muss man in Zeiten der Banlieue-Aufstände und 1. Mai Demos klar betonen. Selbst wenn der Jugendliche hingegen nur die Karosserie zerkratzt, richtet er einen Schaden an. Der CO2-Ausstoß von einem einzigen Auto hingegen schadet niemandem. Ein einzelner Jugendlicher hingegen schon.

Neben dem Komfort, den Autos beim Reisen bringen, haben sie zahlreiche weitere Vorteile. Unternehmer nutzen sie, um schneller Geschäfte abzuschließen und für den Transport und somit wächst die Wirtschaft schneller, als sie ohne Autos wachsen würde. Als Konsumenten (wir alle sind Konsumenten und Produzenten zugleich!) reisen wir mit Autos zu Orten, wo wir unser Geld ausgeben, welches wir sonst nicht dort ausgegeben und es vielleicht auch nicht erarbeitet hätten. Das Auto bedeutet zahlreiche Vorteile für alle Wirtschaftsteilnehmer, also für jeden. Für manche dieser Vorteile bezahlen wir, für andere nicht. Konkret bezahlen wir nur für die Vorteile, für die ein Preis auf dem Markt entstanden ist und die wir auf Grundlage einer freien vertraglichen Vereinbarung nutzen möchten. Wir bezahlen nicht für das Privileg, uns schöne Autos ansehen zu dürfen. Die Werbung wird uns kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wir Glücklichen! Und das ist nur ein harmloses, aber anschauliches Beispiel für „positive externe Effekte“ von Autos.

Ein negativer externer Effekt ist der CO2-Ausstoß, der die Atmosphäre belastet. Wie Menschen nicht für das Ansehen schöner Autos bezahlen, dürfte man sie auch nicht für den CO2-Ausstoß in Form von Steuern zahlen lassen. Das jedoch geschieht. Ursache ist das absurde Konzept der externen Effekte selbst, wie es gemeinhin verstanden wird: Man versucht das Schöne und Schlechte am menschlichen Leben, das keinen Preis hat, zwangsweise in den Markt einzubinden. Das ergibt nicht den geringsten Sinn und ist völlig unmoralisch. Warum, werde ich im kommenden Essay über die Externalitäten erläutern.

11 Kommentare zu “Kollektivschuld 2.0

  1. Martin sagt:

    Der Kollektivschuld-These nach, wäre nicht auch jeder „Gentechnik ist böse!“ Propagandist oder auch nur Anhänger und Verbreiter der Ideologie mit schuld an ein paar Millionen toter asiatischer Kinder?

    Wären nicht *alle* DDT-Gegner bzw. Anhänger von Organisationen etc. die dessen Einsatz verhindert und verboten haben, mit schuld am Tod von (sehr vorsichtig geschätzt) 60 Millionen Menschen?

    Und sollte man sie dann nicht auch kollektiv zur Rechenschaft ziehen?

  2. Hmmmm, das Beispiel von Alexia scheint mir ein Fall von „Mikroschuld“ zu sein, nicht von Kollektivschuld. Insofern sind deine Vergleiche nicht ganz passend. Ich versuch’s mal so:

    Eine Million Menschen werfen ein je 1 Gramm kleines Kieselsteinchen auf mich. Ich werde unter einer Tonne Gestein zerquetscht. Wer ist schuld an meinem Tod? Alle oder niemand?

    • Ja, aber sie will mit dem Beispiel auf unsere Verantwortung für die Klimaerwärmung hinaus und darauf beziehen sich meine Beispiele.

      Bei deinem Beispiel bist du selber schuld, weil du nicht einfach den Verrückten ausweichst, die je ein Gramm Kieselsteinchen auf dich werfen. Du müsstest ja geduldig an einer Stelle verharren, bis du endlich unter den Kieselsteinen zerdrückt wirst.

      Wer sich mit anderen zusammentut, um z.B. ein Auto abzufackeln, der trägt natürlich eine Mitschuld am Abfackeln des Autos. Aber wer Auto fährt, hat nicht die Absicht, irgendetwas kaputt zu machen oder die Rechte seiner Mitmenschen zu verletzen. Er möchte einfach bequem und schnell von A nach B fahren. Ebenso fügt ein Mensch, der Auto fährt, anderen keinen Schaden zu.

      • Ergänzung: Ich bleibe dabei: EIN individueller Mensch, der Auto fährt (und das sind Sie als Autofahrer) fügt als solcher niemandem einen Schaden zu – auch nicht ein bisschen, weil hier schon wieder andere Menschen eingerechnet wurden (etwa einen winzigen Anteil am CO2-Ausstoß und somit der Klimaerwärmung). Man kann nur für seine eigenen Handlungen verurteilt werden und nicht für irgendetwas anderes.

  3. Bjoern sagt:

    Mal am Rande: Wie stehst du zur Impfpflicht?

  4. Rüdiger sagt:

    Das Beispiel von Herrn Berger ist nicht entkräftet. Es ist zugegebenermassen schwer, ein passendes Gedankenexperiment zu konstruieren. Daher nochmal der Fall ohne konkretes Beispiel:

    Eine grössere Zahl von Menschen begeht, jeder für sich, dieselbe kleine Handlung, von der alle wissen, dass sie *kumuliert* zu einer katastrophalen / bösen / unerwünschten Folge führt.

    Auch wenn sie nicht die Absicht haben, diese Folge herbeizuführen und diese Handlung zu einem anderen Zweck vornehmen, nehmen sie die Folge in Kauf. Sie wissen: Wenn viele so handeln wie ich, haben wir die Katastrophe.

    Dass, wenn dann die Katastrophe passiert, keiner schuld sein soll, soll glauben wer mag – überzeugend begründet finde ich es nicht.

    Im Kraftfahrbeispiel:

    Eine Rechtfertigung, CO2-Steuern zu erheben oder sogar den Benzinverbrauch gesetzlich zu begrenzen, kann es *nur* dann geben, wenn der Zusammenhang von CO2-Ausstoss mit globaler Erwärmung zweifelsfrei erwiesen ist. Die Frage, ob die Theorie von der globalen menschengemachten Erwärmung wahr ist oder nicht, ist daher entscheidend.

    Denn die Existenz der Gesellschaft als Ganzes zu bewahren, ist etwas, was über das individuelle Interesse und die individuellen Freiheiten ihrer Bürger hinausgeht und daher sicherzustellen ist. Hier sind wir bei einer der elementaren Voraussetzungen, unter denen wir überhaupt in den Genuss von Freiheit kommen können.

    Da also die Frage, ob es die menschengemachte globale Erwärmung wirklich gibt, entscheidend ist, finde ich die Frage wichtig, wie an dieser Stelle eine „gesamtgesellschaftlich relevante Wahrheitsfindung“ vonstatten gehen soll. Wann ist der Zusammenhang „so wahr“, dass ein staatlicher Eingriff gerechtfertigt ist? Wenn alle Kritiker vor den besseren Argumenten die Waffen strecken (also wahrscheinlich nie)? Wenn die „scientific community“ einen Konsens erreicht hat? Ab wie viel Abweichung gilt es dann nicht mehr als Konsens? Wenn man es schafft, eine allgemeine Regel über einen solchen Konsens aufzustellen, wie verhindert man dann die Technokratie?

    Wie glaubwürdig ist die „scientific community“ in solchen Fragen überhaupt, wenn sie zum grössten Teil vom Staat finanziert wird und somit nicht unparteiisch ist (weil nach aller Erfahrung derjenige, der eine Studie finanziert, einen Einfluss auf ihre Ergebenisse hat)? Aber auch wenn nur Privatleute forschen, könnte das (im weiteren Sinne allerdings nicht-rationale!) Eigeninteresse sie zum Lügen verleiten…

    • Und es gibt noch eine Frage: Mit welchen Maßnahmen können wir den CO2-Ausstoß wirklich signifikant senken? Offenbar haben entstehende Industrienationen wie China und Indien keinerlei Interesse am Klimaschutz. Wie ich das sehe, können wir durch Staatseingriffe nur unsere eigene Wirtschaft schädigen, ohne damit irgendetwas zu erreichen, außer einer Schädigung unserer Wirtschaft. Wenn individuelle Menschen hingegen auf umweltbewusstes Verhalten achten, fallen wenigstens die Nachteile der staatlichen Planung weg und man kann mit geringeren Verlusten das CO2 reduzieren.

      • George Reisman argumentiert allerdings nicht, dass die globale Erwärmung kein Problem wäre, sondern dass wir so etwas wie die Klimaschädigung durch CO2 als natürliches Phänomen betrachten sollten wie eine Flut oder einen Sturm. Auf diese können wir uns dann individuell einrichten. Kostet auch Geld, aber es ist eine bloße Behauptung, der Staat könnte das irgendwie besser.

  5. Alexia sagt:

    Ich hatte bewusst nicht Recht oder Bestrafung geredet sondern von Konsequenzen.

    Wenn durch das Fahren von, sagen wir einer Milliarde Autos, genug CO2 erzeugt wird, um das globale Klima so zu verändern, dass es menschlichen Interessen mehr schadet als nützt, dann tragen alle Autofahrer die Konsequenzen. Diese Konsequenzen könnten sein, dass nichts unternommen wird und alle unter den klimatishen Veränderungen leiden. Das werden besonders die nicht-Autofahrer sein.
    Alternativ kann ein Schuldanteil geschätzt werden. Das ist die KFZ-Steuer. Für mich als Wenigfahrer ist diese allein aber gegenüber Vielfahrern ebenfalls nicht sehr gerecht. Also kommt noch ein Zusätzliches Regulierungselement hinzu: Die Mineralölsteuer.
    Auch diese ist aber eher ein Schätzwert, die lediglich auf der Menge des Treibstoffs, den ich verbrauchen werde, basiert und nicht auf meinem Fahrverhalten von dem die Menge an ausgestoßenem CO, CO2 und Rußpartikeln abhängt. Oder gar die Menge an unverbranntem Treibstoff, der in den Boden sickert und noch mehr Schaden anrichtet.

    Ich habe keine Ahnung, in welchem Umfang dieses Geld verwendet wird, um den von mir angerichteten Schaden zu kompensieren. Aber zumindest was mich angeht, ist diese Konsequenz tragbar. Wird sie es nicht mehr, muss ich das Auto eben stehen lassen.
    Der Rest, also wie die KFZ- und Mineralölsteuern von Millionen von autofahrenden Bürgern sinnvoll in den Biosphärenerhalt gesteckt werden, ist Aufgabe der Politik.

    Andreas wird vielleicht einwenden, dass die Privatisierung von Straßen, Grundwasser, Luft etc. zu einer effektiveren Lösung dieser Problematik führen kann. Ich sehe nur nicht, wie.

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