Der Verrat an der Aufklärung

Gustave Doré: Der Fall Satans (gemeinfrei)

Gustave Doré: Der Fall Satans (gemeinfrei)

Die aufgeklärte Sicht auf das Selbst bedeutet die Selbsterkenntnis durch Introspektion, die Erkenntnis der objektiven Realität, das Verstehen von anderen Menschen und die Selbstverbesserung durch Bildung und durch die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten.

Das Gegenteil der aufklärerischen Sicht auf das Selbst ist: Die Selbstverleugnung. Die Aufopferung des Selbst. Und der Gipfel des gegenaufklärerischen Schmonsens: Die Selbstauflösung. So versteht das jedenfalls unsere inzwischen gut 200-jährige aufklärerische Tradition.

Ratet mal, wer das anders – ja gegenteilig sieht. Michael Schmidt-Salomon natürlich. Mal wieder. Bei der Veranstaltungsreihe „Ouverture spirituelle“, mit der die „Salzburger Festspiele 2013“ (mit Franz Liszt erneut im Programm, um geschmackvolle Menschen zu verscheuchen) begannen, versuchte er, sich bei Gläubigen beliebt zu machen, indem er den Mystizismus lobte und die buddhistische Selbstauflösung predigte. Das kam bei den Gläubigen auch gut an:

Das gemeinhin als eher konservativ geltende Salzburger Publikum reagierte auf Schmidt-Salomons Darlegungen mit lang anhaltendem Applaus. Viele bekundeten nach dem Vortrag, dass sie die Dinge von dieser Warte noch nie betrachtet hätten.

Neue Perspektiven müssen ja keine wahren Perspektiven sein. So ähnlich wie moderne Kunst die Originalität zum Maßstab aller Dinge erhoben hat, so verkauft man Philosophie heute am besten mit „neuen Perspektiven“. Jedenfalls habe ich gerade allen Respekt vor österreichischen Konservativen verloren.

Was ist Mystizismus?

Mystizismus ist generell „die Akzeptanz von Behauptungen ohne Belege oder Beweise, entweder unabhängig von oder entgegen den Belegen der eigenen Sinne und des eigenen Verstandes.“ (Ayn Rand) In der Philosophie gibt es drei grundsätzliche Varianten von Mystizismus: Dualismus (Geist und Materie existieren unabhängig voneinander) und die beiden Varianten des Monismus: Idealismus (alles ist Geist) und Materialismus (alles ist Materie).

Die objektivistische Philosophie hingegen geht davon aus, dass der Mensch ein integriertes Lebewesen ist, das sowohl aus Geist, wie aus Materie besteht, die zusammen als Einheit funktionieren. Das Bewusstsein (Geist) ist ein Vermögen bestimmter Tiere und des Menschen, das dazu dient, die Tatsachen der Realität zu erkennen. Dieses Vermögen dient wiederum dem Überleben des jeweiligen Organismus. Die Seele ist das menschliche Bewusstsein, das im Gegensatz zu Tieren nicht automatisch, sondern durch einen freien Willensakt funktioniert.

Die Giordano Bruno Stiftung akzeptiert die materialistisch-monistische Variante des Mystizismus. Die hält sie für „rational“, weil ein Think-Tank der Aufklärung alleine schon aus Public-Relations-Gründen mit solchen Begriffen wie „rational“ und „Vernunft“ um sich werfen muss.

Was ist Rationalität?

„Die Tugend der Rationalität bedeutet die Erkenntnis und Akzeptanz der Tatsache, dass die Vernunft die einzige Quelle des Wissens ist, die einzige Richtschnur für Werte und Handlungen. Sie bedeutet eine Verpflichtung zu einem Zustand vollständiger bewusster Aufmerksamkeit, zu der Erhaltung eines vollständiges geistigen Fokus in allen Dingen, in allen Entscheidungen, im gesamten Wachzustand. Sie bedeutet eine Verpflichtung zur vollen Wahrnehmung der Realität innerhalb der eigenen Kräfte und zu einer konstanten, aktiven Erweiterung der eigenen Wahrnehmung, also des eigenen Wissens.“ (Ayn Rand)

Das Gegenteil von Aufklärung

Das direkte Gegenteil von „rational“ ist folgende Haltung von Michael Schmidt-Salomon. Damit niemand behauptet, ich würde etwas aus dem Kontext zitieren, hier ein langes Zitat:

So wissen wir heute, dass das „Ich“, das uns so ungeheuer wichtig erscheint, bloß ein virtuelles Theaterstück ist, das von einem blumenkohlförmigen Organ in unseren Köpfen inszeniert wird.

[…]

Die psychologische Wahrheit der buddhistischen Lehre vom „Nicht-Selbst“ (Anatta) lässt sich, wie ich meine, recht gut in einem einzigen Satz zusammenfassen: Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelasseneres Selbst. Gelassenheit hat nämlich sehr viel mit Gelassenhaben, dem Loslassenkönnen der Fiktion eines von der Welt abgegrenzten Ichs zu tun.

[…]

Wenn wir nun versuchen, die biologischen Prägungen und kulturellen Zuschreibungen (oder um es im buddhistischen Jargon auszudrücken: die „Anhaftungen“) von unserem „Ich“ abzuziehen, so entdecken wir, dass dieses „Ich“ im Grunde keinen wirklichen Inhalt hat. Tief in unserem Inneren sind wir weder gläubig noch ungläubig, weder gebildet noch ungebildet, weder schön noch hässlich, weder gut noch böse: Wir sind einfach!

Es ist wie bei einer Zwiebel: Wenn wir das Ich schälen, also Schale für Schale abtragen, was zur Konstruktion dieses speziellen Selbst geführt hat, bleibt von der virtuellen Inszenierung unseres Egos am Ende nichts übrig. Wenn man diese „produktive Leere“ erfährt (und dies ist das Ziel jeder meditativen Übung!), so spürt man den Urgrund der eigenen Existenz – und diesem Urgrund haftet nichts Eigenes, nichts Individuelles mehr an, es ist ein unbestimmtes und unbestimmbares Etwas, ein Etwas, das ein jeder von uns mit allen anderen Lebensformen auf der Erde teilt, nämlich das Leben selbst.

Unser Ich hat keinen wirklichen Inhalt? Sprich für dich selbst.

„Die Kardinalsünde des Menschen, die Quelle all seiner Bösartigkeit, ist der Akt der Entfokussierung seines Geistes, der Aufhebung seines Bewusstseins, was nicht Blindheit ist, sondern die Weigerung zu sehen, nicht Ignoranz, sondern die Weigerung zu wissen. Irrationalität ist die Ablehnung der menschlichen Überlebensmethode und darum eine Verpflichtung zu einem Kurs der blinden Zerstörung; das, was gegen den Geist ist, ist gegen das Leben.“ (Ayn Rand)

Im Grunde gibt es für mich nicht viel zu ergänzen, es wurde schon alles gesagt.

„Das Selbst, das du betrogen hast, ist dein Geist; Selbst-Vertrauen ist das Vertrauen auf die eigene Kraft zu denken. Das Ich, das du suchst, das essenzielle „Ich“, das du nicht in Worte fassen oder definieren kannst, sind nicht deine Emotionen oder unausgesprochenen Träume, sondern dein Intellekt, jener Richter deines höchsten Gerichtshofs, den du abgesetzt hast, um der Gnade jeglichen dahergelaufenen Rechtsverdrehers ausgeliefert zu sein, den du dein „Gefühl“ nennst.“ (Ayn Rand).

Soweit ein Duell zwischen zwei modernen Philosophen, die behaupten, in der Tradition der Aufklärung zu stehen. Wem kauft man das eher ab, Schmidt-Salomon oder Ayn Rand?

16 Kommentare zu “Der Verrat an der Aufklärung

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Michael Schmidt-Salomon trägt hier ungünstig vor, es kann dem Aufklärer offensichtlich nicht darum gehen sich aufzulösen, gar in der Gruppe, sondern nur darum Sachen sinnvoll zu definieren und sich anschließende Sachfragen angemessen zu bearbeiten – dabei die Machtfragen, auch die eigene Macht betreffend, außen vor zu lassen.

    Was jetzt nicht als Unterstützung des Objektivismus verstanden werden soll,
    MFG
    Dr. W

  2. sba sagt:

    Naja, man kann MSS auch etwas netter lesen, indem es zwar stimmt, aber immernoch trivial ist, dass von einer Entität, wenn man sämtliche Eigenschaften gedanklich von ihr abzieht (sämtliche Definienten löscht oder vergisst), nichts übrig bleibt. Ist ja als Aussage nicht falsch.
    Bleibt nur die Frage, was einem diese Denkübung bringt und warum man sie, und dann auch noch dauerhaft, auf das eigene Ich anwenden sollte. Sobald man dafür auf den Buddhismus zurück greift, ist dann dessen Ontologie und Kosmologie involviert, und die besagt essenziell, dass Leben = Leiden, sodass Erlösung von Leiden = Aufhebung von Leben. Im Zusammenhang mit der an sich zutreffenden Beobachtung, dass Menschen nur als Ich leben können, ergibt sich dann alles weitere.
    Wo sich dann der Kreis schließt, wenn man Rand folgt, dass aus der Abschaltung der Vernunft nur Leid entstehen könne – der Buddhismus löst ein Problem, dass die selben Wurzeln hat, wie er selbst.

    • Ich weiß einfach nicht, was das alles soll. Es kommt mir so vor, als würde er allem, woran ich glaube, ins Gesicht spucken und es trotzdem genauso nennen wie ich, „Aufklärung“. MSS ist ein unverbesserlicher Anhänger von Rousseau und alles, was man sagt, egal wo und wie, bringt überhaupt nichts. Wenn er unbedingt ein linker Öko, ein lebenslanger 68er sein will, dann soll er es halt sein, bitte, aber warum nennt er das „Aufklärung“? Das ist keine Aufklärung.

      Aufklärung ist Vernunft, ein Anerkennen von Fakten, ein harmonisches Verhältnis zur Realität, ein positives Verhältnis zur Wissenschaft, Vernunft, zur modernen Industriegesellschaft. Und kein buddhistisches, selbst-auflösendes, Regenwald-rettendes, „mit ihrem kleinen blauen Planeten am Rande der Milchstraße sehr viel behutsamer“ umgehendes Mumbo-Jumbo.

      Vor allem: Was bringt das? Wozu sich den Mystizismus so zurecht biegen, dass er irgendwas mit Wissenschaft zu tun haben soll, um dann darüber reden zu können, wie großartig der Mystizismus ist und dass die Religion doch irgendwie Recht hatte. Man muss sich doch nicht mit aller Gewalt beliebt machen. Das ist auch überhaupt keine sinnvolle, aufklärerische Botschaft, sondern in der nettesten Auslegung inhaltslos, zwecklos und verwirrt. Was sollen die Leute jetzt eigentlich machen, nachdem sie die Ansprache gehört haben? Sollen sie sich hinsetzen, meditieren und sich eins mit dem Kosmos fühlen? Das haben schon Steinzeitmenschen tun können, dazu braucht man keine Aufklärer.

      • Dr. Webbaer sagt:

        So wie es rechte Aufklärung gibt, gibt es auch linke.
        Der Schreiber dieser Zeilen hat es aufgegeben den Semischlauen zu schulen.
        Solange die Jungs zumindest gelegentlich noch ein Wort gegen den Islam herauspressen…

        MFG
        Dr. W

      • Skeptiker sagt:

        Das haben schon Steinzeitmenschen tun können, dazu braucht man keine Aufklärer.

        (ich hoffe, HTML funktioniert.)

        Jetzt unter der Voraussetzung, dass man diesen Mystizismus wirklich für erstrebenswert hält:
        Ja, aber die Steinzeitmenschen wären dabei immer wieder von Kälte, Hunger, der Notwendigkeit zu fliehen oder Krankheiten unterbrochen worden.
        Insofern braucht es vielleicht keine Aufklärer, wohl aber technischen Fortschritt, um dieses „Vereinigt mit den Kosmos“-Gefühl schön zu zelebrieren.
        Aufklärung ist in dieser Hinsicht vielleicht auch nützlich, damit der Nachbar jemanden beim still Dasitzen nicht stört.

        Vielleicht vollendet diese Form des Mystizismus sogar die Aufklärung, weil sie besonders treffende Introspektionen erlaubt und den Menschen, die ihre Selbstverwirklichung vollendet haben, erlaubt, diese auch zu beenden, bevor wieder andere Bedürfnisse, Wünsche und Meinungen sie daran hindern?
        Zweifellos gehört es auch zu einem selbstbestimmten Leben, seine eigenen Wünsche zurückzustellen und eine Zeit lang ruhig zu leben und vielleicht andere zu fördern, oder? 😉

      • sba sagt:

        Nachdem ich mir die Rede mal etwas vollständiger angeschaut habe (ist das eigentlich normal, dass man nur Auszüge bekommt?): Ich glaube, Du überschätzt die Funktion der Buddhismus-Passage. Meiner Sicht nach fungiert die nur als Illustration für MSS‘ Kernthese, die voll und ganz auf der schon seit Jahren vorhandenen Linie der gbs liegt – insofern eigentlich nichts Neues.
        Habe ich dennoch drei Einwürfe:
        1) Es ist schon ziemlich gewagt, um nicht zu sagen, unzulässig, dass MSS Verbindung und Einheit gleich setzt. Ein Pheotus ist auch auf sehr reale, lebensbedingende physiologische Weise mit seiner Mutter verbunden. Trotzdem sind es zwei verschiedene Entitäten.

        „Die Wissenschaft … ist heute in der Lage, eben jene unauflösliche Verbindung des Teils mit dem Ganzen zu erklären, die der Mystiker in seiner Verschmelzung mit dem Kosmos erfährt.“

        Dürfte der Kardinalfehler am ganzen Gedankengang sein, selbst dann, wenn (falls) sämtliche empirischen Aussagen korrekt seien.

        2) Haben wir hier denke ich ein Phänomen, das es vermutlich schon so lange gibt, wie es Menschen gibt: Unzutreffende Schlussfolgerungen aus zutreffenden Beobachtungen. Hier die Beobachtung, dass nach Abzug aller Accidenzen von irgendetwas von diesem irgendetwas für den Beobachter nichts übrig bleibt. Wäre unsere Schlussfolgerung, dass man die Abstraktion eben nicht bis zum Nichts treiben sollte, weil einem sonst die Erkenntnisobjekte ausgehen. Scheint MSS‘ Schlussfolgerung zu sein, dass es nicht allzu viel zum Erkennen gebe. Spricht doch eigentlich für das Publikum, wenn sie die Sache noch nie so gesehen haben. Und vermutlich werden sie sich demnächst auch wieder einrenken, wenn sie feststellen, dass sie mit diesem Ansatz nicht weiter kommen als zu einem kurzen „Whoa“.

        3) „Wozu sich den Mystizismus so zurecht biegen, dass er irgendwas mit Wissenschaft zu tun haben soll … ?“
        Vielleicht „Zur Beruhigung“ (um mal Heine zu zitieren). Denn wie wir wissen, erfordern Vernunft, Wissenschaft und die moderne arbeitsteilige Industriegesellschaft vor allem jede Menge denken. Schwer genug, wird es nicht einfacher, wenn man nie gelernt hat, wie man systematisch, oder vielleicht besser, ökonomisch denkt in dem Sinne, dass man sich mit der Verarbeitung neuer Informationen, von Problemen, Projekten etc. nicht selbst auf die Füße tritt – mit dem Erfolg, dass unsere Gesellschaft in einschlägigen Periodika allenthalben die Präfixe „Burnout-„, „depressive“, „Borderline-“ und andere Schrecklichkeiten verpasst bekommt. Die zugehörigen Behandlungsvorschläge laufen dann meistens, neben den klassischen Therapien, auf Entspannungstechniken, den Wert von Freizeit und Hobbies, Meditation und sich-selbst-nicht-ganz-so-ernst-nehmen hinaus. Wo MSS sich ja nun bequem einreihen ließe.
        Und was dann letztendlich dazu führen dürfte, dass die Überforderten bloß zwischen übermäßigem Stress und übermäßiger Defokussierung hin und her pendeln, statt sich so einzurichten, dass der Stress gar nicht erst überhand nimmt.Z.B. durch Priorisierung und Dringlichkeits-Kalküle (halte ich jedenfalls so, dass ich mich nur um den Kram kümmere, den ich auch tatsächlich beeinflussen kann und zu allem anderen Kalender- bzw. Ausweichnotizen mache).

  3. Punktesieg für Ayn Rand.

  4. anonymous sagt:

    Ich hab bei diesem Artikel den Eindruck, dass hier künstlich ein Konflikt zwischen MSS und Aynd Rand hochstilisiert wird, der nicht besteht.

    Die sinnvollste Def von Rationalität ist für mich – ganz nach Hume – die richtige Wahl der Mittel um ein (i.d.R. emotional vorgegebenes) Ziel zu erreichen. Wenn man (über)leben will ist es rational, Sprünge von Hochhäusern zu vermeiden. Ob man aber überhaupt leben will ist eine subjektive, emotionale Entscheidung. Wer wegen krankheitsbedingter Dauerschmerzen den Suizid vorzieht ist deswegen ja nicht irrational. Es kommt auf das emotionale Ziel an ob ein eingeschlagener Weg rational/zielführend ist oder nicht.

    Auf den vorliegenden Fall übertragen: wenn es darum geht, politische Konflikte, wirtschaftliche, medizinische und ökologische Gefahren abzuwenden, um Sachfragen also, sind natürlich Wissenschaft, Empirie und logische Argumentationstechnik das Mittel der Wahl und emotionales Ausblenden von Fakten ein großes Übel. Das siet MSS sicher nicht anders als A. Rand.

    Wenn es aber darum geht, Bewusstseinszustände zu erlangen, die man selbst als angenehm oder zumindest interessant empfindet, kann es durchaus rational sein, sich von den „Zuschreibungen“ die MSS erwähnt zu befreien. Es gibt viele Dinge, die mehr Spaß machen als logisch-problemlösendes Denken, das weiß intuitiv jeder, der seinen Feierabend lieber mit anderen Dingen als mit mathematischen Knobelaufgaben verbringt. Sich von den Zuschreibungen und Problemen des Alltags frei zu machen wie MSS es beschreibt, ist eine Möglichkeit. Oder ein Bier zu trinken. Oder ins Fußballstadium zu gehen oder ne Seifenoper im Fernsehen zu sehen. Was auch immer. Bei obiger Zielsetzung geht es nicht darum, die Weltprobleme zu lösen, sondern sich selber – ohne dass für diese Zeit Dritte betroffen wären – einen angenehmen Feierabend zu machen und aus dem Erlebnis (Entgrenzungserfahrung, Vollrausch, Fußballbedinger Gefühlsausbruch) erfahrungsmäßig bereichert zu sein. In diesem Kontext ist die Mystik, die MSS beschreibt (allerdings auch nur in diesem) m.E. daher nicht gefährlich.

    Auch der Autor dieses Blogs wird gelegentlich wohl mal, so vermute ich, ein Bier am Feierabend trinken ohne dabei die grundsätzliche Ausrichtung an Logik und Empirie aufzugeben wenn es um Sachfragen geht. Bier und Integralrechnung, Mystik und Logik, schließen sich nicht aus, solange man das geeignete Problemlösungsmittel für das passende Problem anwendet.

    MSS hat zum Ausdruck gebracht dass man sich dadurch, sich selbst manchmal nicht so furchtbar ernst zu nehmen, besser fühlen kann und hat das als rationale Mystik vertreten. Wo ist das Problem? Wo der unüberwindbare Gegensatz zwischen Ratio und der Rede von MSS? Ich sehe den hier ebensowenig wie zwischen rationalem Herangehen an Sachprobleme und der Vorliebe für ein Feierabendbier.

    Viele Grüße.

  5. Amyklas sagt:

    Naja, ich finde ja schon länger, dass die GBS eine Art „Buddhistsch-Evangelische-Kirche“ ohne Gott ist.

    Micheal Schmitt-Salamon hat ja auch ganz offen gesagt, dass Religionskritik ihm nicht ausreicht. Was ja durchaus richtig ist. Aber statt sich der Kritik an politischen Ersatzreligionen und wirren Ideologien zu widmen, also durchgehend rational zu sein, versucht man scheinbar schon länger Leute aus den verschiedenen Lagern der neuen „Jugendreligionen“ zu gewinnen. Was den Siebzigern die Hare Khrishna, sind unserer Dekade z.B. die Veganer und radikalen Tierschützer. Zwar verlieren die Kirchen an Mitgliedern, aber die Menschen werden deswegen nicht weniger abergläubisch. Da gibt es für die säkulare Szene kein Wachstumspotenzial, wenn man nicht die „diffus tranzendenzgläubigen“ mit ins Boot holt.

  6. Amyklas sagt:

    Das Problem besteht m. E. darin, dass man die Axiome seiner Ethik in einem mystischen Vereinigungserlebnis erlebt, statt sie rational zu begründen. Das ist eine „metabasis eis allo genos“.
    Wenn ein Besoffener die Welt als „Schwanken und Drehen“ erlebt, bedeutet das doch nicht, dass die Welt „Schwanken und Drehen“ ist und das oberste Prinzip unserer Ethik sollte deswegen „Flexibilität“ oder „Wendigkeit“ sein.
    Wenn ein Schläfenlappenepileptiker aber ein „Erleuchtungserlebnis“ hat und die Welt als „vollkommene Liebe“ erfährt, dann soll man aber alle lieben. Aus einem solchen mystischen Erlebnis (Erleben der Vereinigung mit etwas Transzendentem), ziehen die Esoteriker/Buddhisten offenbar die Schlussfolgerung, dass „rationaler Eigennutz“ ein Konzept der „Unerleuchteten“ ist. Die „Erleuchteten“ verfügen nach dieser Vorstellung über eine überlegene Ethik, deren zentraler Bestandteil die Selbstauflösung ist. Michael Schmidt Salamon hat selbst auf einem Vortrag erzählt, dass er ein „Erleuchtungserlebnis“ hatte und danach die ganze Welt umarmen wollte. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Eigentlich hat die ganze säkulare Szene das christliche/buddhistische/Wohlfühl-Eso Wertegerüst voll übernommen.

    Im alltäglichen Leben gelingt es aber kaum einem (keinem?) der „Erleuchteten“, diese „Anhaftungen“, wie sich auch MSS ausdrückt, abzulegen, wie die zahlreichen Sexskandale der spirituellen Szene belegen.

    Zur Psyche der Mystiker gibt es übrigens eine Untersuchung des Frankfurter Psychiaters Frenken, die ich für sehr lesenswert halte. Fast alle (oder alle?) Mystiker waren schwer gestörte Menschen.

    http://primal-page.com/rf-2.htm

    Als Überfigur und vollständig erleuchtet gilt in der Eso-Szene Ramana Maharshi. Ich zitiere mal aus dem Buch die Erleuchtungsfalle von Klaus Peter Horn.

    „Im Weste wäre Ramana entweder als katatoner Schizophrener in eine psychiatrische Klinik gebracht oder als Penner verachtet worden. Ein Hindu, besonders ein religiöser Sucher aus dieser Kultur erkennt aber in der extremen Weltabwendung des Heiligen seine eigene Chance zum Ausstieg aus dem Rad der Wiedergeburten.“

    Mit anderen Worten, wer in unserer Kultur geisteskrank ist, gilt in Indien als „erleuchtet“. Solche Leute sind in der westlichen spirituellen Szene große Vorbilder.

    Mahlzeit!

  7. Skeptiker sagt:

    „Die aufgeklärte Sicht auf das Selbst bedeutet die Selbsterkenntnis durch Introspektion, die Erkenntnis der objektiven Realität, das Verstehen von anderen Menschen und die Selbstverbesserung durch Bildung und durch die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten.“

    In dieser Form läuft die aufgeklärte Sicht aber in eine andere Richtung als die wissenschaftliche Psychologie seit ca. Mitte des 20. Jahrhunderts. Dort verzichtet man nämlich eher auf Introspektion und bedint sich mehr experimenteller Methoden dabei, den Menschen zu verstehen.

    „[…]in der Tradition der Aufklärung zu stehen. Wem kauft man das eher ab, Schmidt-Salomon oder Ayn Rand?“

    Wenn man jetzt diese Frage beantworte wollte, hängt es wohl sehr davon ab, welche Aufklärer man als Typisch für die Tradition annimmt. Rousseau beispielsweise hat eine andere Position vertreten als die Materialisten unter den Aufklärern, Locke eine andere als Hume oder Kant.

  8. Xenophanes sagt:

    @Andrea Müller
    Hi.
    Neben Salomon, ist doch auch der Metzinger in der GBS, right? Schwärmt nicht dieser schon lange vom Buddhismus? Ich glaube, Solomon wurde mehr oder weniger von diesem zu seinen „mystischen“ Ergüssen beflügelt.
    Ich selber kann damit auch nichts anfangen und bevorzuge Rand. Salomon mag Atheist sein. Aber er ist kein Skeptiker. Er hat vielleicht keinen Glauben an Gott. Aber eine generell skeptische (kritische, prüfende) Weltenanschauung, wie man sie von einem westlichen Atheisten erwartet, hat er wohl eher nicht.^^ Genau deswegen bezeichne ich mich als Skeptiker und nicht nur als Atheisten.
    Früher hielt ich noch recht viel von Salomon. Aber in letzter Zeit schmilzt meine Begeisterung für ihn rapide dahin. Nicht alles, wo Atheist draufsteht, ist wirklich koscher. Sam Harris wurde z. B. auch schon von Randi gerügt wegen seiner Begeisterung für Reinkarnation und solchen Unsinn.
    Gruss

  9. Xenophanes sagt:

    Hi
    So wie ich das sehe, wollen es manche der populären Religionskritiker nicht bei der Religionskritik bewenden lassen, sondern sind der Meinung, man müsse, nachdem man die religiösen Menschen von ihrem Glauben abgebracht habe, das dadurch entstandene (Sinn-)Vakuum mit etwas anderem füllen. Die „alten“ und „neuen“ Atheisten wollen den Begriff „Spiritualität“ nicht den esoterischen und religiösen Menschen überlassen, sondern ihn von seiner esoterisch-religiösen Aura befreien. Wozu sie das allerdings machen wollen und was das bringen soll, habe ich bis heute nicht herausfinden können. An dieser Stelle würde mich interessieren, was der Objektivismus zur Spiritualität sagt? Ich frage mich, wozu ein Mensch, der Philosophie und Wissenschaft hat, so etwas wie „Spiritualität“ überhaupt noch brauchen sollte? Gibt’s überhaupt eine sinnvolle Spiritualität? Der Begriff „Spiritualität“ ist doch derart nebulös (jeder versteht etwas anderes darunter, auch die Atheisten sind sich da nicht einig), man würde ihn am besten begraben.
    Gruss

    • Charles-Louis Joris, Visp (CH) sagt:

      Spiritualität wurde schon nach erfolgtem zentrifugalem Aufbruch der muntern 68er in den späteren Siebzigern zum Thema; die radikale Hinwendung zum Diesseits war – wie so oft schon in der Geschichte – gescheitert. Die grosse Mehrheit der Institutions- und Kirchennegierer von einst geriet mehr oder weniger stark in die Esoterik- oder schwammige „Alternativ“-Falle.
      Wenn eine rationale Bewegung wie die GBS sich nicht radikal von einer wie immer gestrickten, aber per se auch immer irrationalen Spiritualität verabschieden kann, dann wird sie sich früher oder später leider in denselben irrationalen Kokon einer scheinbaren Geborgenheit flüchten.

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