Die Moderne schön verachtet – Roger Kimballs „The Long March“

long-march-library-edition-roger-kimball-audio-cover-artSelbst ihre eigene Kultur hassen die Amerikaner mit mehr Stil und Esprit als wir unsere – und erst recht als wir ihre. Der amerikanische Intellektuelle Roger Kimball beweist dies mit seinem Buch The Long March, welches sich mit der kulturellen Revolution der 1960er befasst. Kimball gehört zu der Variante amerikanischer Konservativer, die die Werte der Aufklärung gegen das, was danach kam, verteidigen (also nicht zur „Adam und Eva haben mit den Dinos gelebt“-Variante).

In Kimballs The Long March nimmt  der Kritiker die „Vordenker der Revolution“ auseinander, darunter Norman Mailer, Susan Sontag, Timothy Leary, Eldridge Cleaver und Herbert Marcuse. Wer die einfühlsamen Porträts Linksradikaler von David Horowitz gewöhnt ist (siehe meine Rezension von Radicals), der darf sich auf eine literarische Tracht Prügel freuen. Kimball reduziert mit einem ätzenden Sarkasmus die 68er zu einem winselnden Häufchen Elend.

Man erfährt, wie die Intelligenz der 60er kommunistische Regimes verharmloste und glorifizierte. Wer es noch nicht gehört hat, lernt zudem, wie sich linke Intellektuelle für die Freilassung des literarisch aktiven Mörders Jack Abbott einsetzten, der gleich nach seiner Haftentlassung fröhlich weitermordete. Er war nur ein „Opfer der Gesellschaft“, schrieben Norman Mailer und co. Dass Abbott in seinen gefeierten literarischen Werken seine orgiastische Freude am Messerstechen beschrieb, war für niemanden ein Anlass zur Sorge.

Die bizarren, pathologischen Schriften, auf denen die sexuelle Revolution aufbaute, werden ebenfalls thematisiert. Allen Ginsberg, ein Dichter der Beat-Generation, war beispielsweise ein homosexueller Pädophiler, der die North American Man Boy Love Association unterstützte, deren Ziel die Legalisierung von Sex mit Minderjährigen ist. Die sexuelle Revolution drehte sich, an ihren Schriften beurteilt, um die Förderung von sexueller Beliebigkeit sowie um die Sexualisierung von allem und jedem. Sie hatte rein gar nichts zu tun mit der Forderung nach sexueller Selbstbestimmung oder mit dem Recht, Sex vor der Ehe zu haben. Die Forderung lautete Verantwortungslosigkeit, Willkür, Beliebigkeit und Sex notfalls mit Gewalt. Manch linker Intellektueller verteidigte konsequenterweise die Vergewaltigung oder gar Ermordung von Frauen als „revolutionärer Akt“ gegen die Bourgoisie – wobei natürlich die Revolutionären selbst zur Bourgoisie gehörten.

Führende linksradikale Intellektuelle schrieben über die revolutionäre Tat, wenn jugendliche Gangster einen Süßwarenhändler erschlagen. Schließlich gehe man damit „ein neues Verhältnis zur Polizei“ ein, die Ermordung normaler Leute sei ein heroischer Akt gegen das System. Man erfährt, wie die linke Terrorgruppe Weather Underground ihre Taten rechtfertigte. Es geht auch um die Studentenproteste, die von radikalen Marxisten organisiert waren. Und um Professoren, die zu feige waren, akademische Standards gegen die Radikalen zu verteidigen. Und heute, in unserem eigenen Land, wieder zu feige sind (siehe Kein Fußbreit den Störern).

Was mich besonders verwunderte, war die Schärfe von Kimballs Tonfall, der meine eigene weit übersteigt. Das ist offenbar in den USA weniger ein Problem als hier. Was würde man etwa über jemanden hierzulande sagen, der – wie Kimball in einem anderen Buch – folgendes über moderne Kunst schreibt:

„Vieles, was sich heute als Kunst präsentiert, kann kaum von politischen Predigten einerseits oder der erbärmlichen Rekapitulation dadaistischer Pathologien andererseits unterschieden werden. Die Bewältigung des Kunsthandwerks ist weitgehend ein vergessenes und häufig ein aktiv abgelehntes Ziel.“

Gut, das brauche ich im Grunde nicht zu fragen, weil ich dergleichen in Der Westen. Ein Nachruf ausgiebig geschrieben habe und die Reaktionen kennenlernen durfte („Sag doch gleich ‚Entartete Kunst`, etc.). In den USA wird man damit führender Kultur- und Kunstkritiker, in Deutschland gilt man als kaum gesellschaftsfähig. In den USA gibt es wenigstens eine starke Gegenbewegung gegen den Nihilismus und verantwortungslosen Hedonismus.

Wer wissen möchte, wie es zu dem Wahnsinn kommen konnte, indem er lebt, dem sei Roger Kimballs The Long March neben anderen Büchern ans Herz gelegt. Jedenfalls, sofern er mit wüsten, aber treffenden und lehrreichen Tiraden etwas anfangen kann, verdammt nochmal.

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Ein Kommentar zu “Die Moderne schön verachtet – Roger Kimballs „The Long March“

  1. Martin sagt:

    Interessante Parallele zwischen der Jack Abbott Geschichte und der Geschichte um Johann (Jack) Unterweger. Wobei der noch eine ganze Kante widerlicher war und mehr gefeiert wurde.

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