Die gefährliche Verlockung des Schachspiels

Schach – Realitätsflucht für intelligente Menschen? (morguefile.com)

Nach einer zwei Absätze umfassenden Abschweifung soll im folgenden Beitrag die philosophische Bedeutung des Schachspiels beleuchtet werden. Hier zunächst die Abschweifung:

Im Weltanschauungsdschungel geht man leicht verloren, auch wenn man nicht vorhat, in den Dschungel zurückzuwandern. Es mag zwar eine unerschütterliche metaphysische Wahrheit sein, dass ich mit allem Recht habe und andere nicht, insbesondere wenn ich mich irre, und doch ist es wenigstens möglich, dass ein Durchschnittsmensch ehrliche Fehler begeht – also keine Fehler aus Bösartigkeit, sondern Fehler, die aus der menschlichen Unvollkommenheit (betrifft mich ja nicht) resultieren. Zum Beispiel der Anarchismus. Kurz gesagt hätte ich einen vernünftigeren Artikel zum Thema schreiben sollen, toleranter, demokratischer, ausgeglichener, distanzierter, mit mehr Fußnoten und einer Flasche 1870er Chardonnay an meiner Seite. Ich war unmäßig frustriert darüber, neben all den vernünftigen Leuten auch ein paar verirrte Schafe mit meinem Geschreibsel angelockt zu haben.

Diesen Fehler habe ich eingesehen, nachdem ich meinen Kopf eine halbe Stunde lang im Gefrierschrank lagerte, um die Hitzköpfigkeit daraus zu entfernen. Damit mir so etwas in Zukunft nicht mehr geschieht, bin ich heute Morgen mit meinem Hummer in die Zentrale vom örtlichen Bund Naturschutz gefahren. Dort lagern sie Ziegen, die sich im Einkaufszentrum verlaufen hatten, bis sie von Tierschützern eingesammelt wurden. Eine von den Ziegen habe ich auf den Rücksitz geworfen. Leider zertrat ich unversehens mit meinen Krokodillederstiefeln den Lieblingshamster des Chefnaturschützers. Um mein Karma wieder auszugleichen, entfernte ich meinen Hummer friedlich aus seinem Büro. Zu Hause habe ich nun eine Ziege, die mir stets, wenn ich übel gelaunt bin, die Füße leckt, woraufhin ich wie ein Wahnsinniger zu lachen anfange.

Schach als Realitätsflucht

Was eine elegante Überleitung zum eigentlichen Thema darstellt: Schachspieler und wie sie ihre geistige Energie mit so einem Spiel verschwenden. Schach gilt als das favorisierte Spiel wirklich schlauer Leute. Um richtig gut darin zu werden, muss man unzählige Züge auswendig lernen und schwierige Berechnungen anstellen. Meinte zumindest ein Bekannter, der einen Schachclub besuchte. In der Tat besiegt er mich einmal in ungefähr zwei Minuten.

Ayn Rand schrieb dem russischen Schachprofi Boris Spassky 1972 einen offenen Brief. Ein Auszug:

Oh ja, Genosse, Schach ist eine Flucht – eine Flucht vor der Realität. Es ist ein „Ausweg“, eine Art von „Ertragen-können“ für einen Mensch von höherer als durchschnittlicher Intelligenz, der sich davor fürchtet, zu leben, aber seinen Geist nicht untätig sein lassen kann und ihn einem Placebo widmet – und so die Welt der Lebenden, die er ablehnte, anderen überlässt. (AR)

Boris Spassky lebte im kommunistischen Russland. Garri Kasparow ist ein Schachweltmeister unserer Zeit. Im Gegensatz zu Spassky geht er der Realität nicht aus dem Weg und engagiert sich als Vorstandsvorsitzender der Human Rights Foundation für Menschenrechte in Russland. Im aktuellen Magazin „Liberal“ 4/2013 findet man ein Interview mit Kasparow. Das zeigt allerdings auch, dass das heutige Russland mit all seinen Fehlern nicht auf dem Niveau der kommunistischen Diktatur verharrte, wo Systemkritiker nicht nur eingesperrt, sondern sofort erschossen wurden.

Und doch erscheint mir Rands Analyse der Bedeutung des professionellen Schachspiels richtig zu sein. Garri Kasparow hat die Welt des Schachs zum Teil verlassen, um sich mit den Problemen seines Landes auseinanderzusetzen. Die Welt des Schachs selbst bleibt ein Rückzugsgebiet.

Ihr, die professionellen Schachspieler, lebt in einer besonderen Welt – einer sicheren, geschützten, geordneten Welt, in der all die großen, fundamentalen Prinzipien der Existenz so fest etabliert sind und befolgt werden, dass sie euch nicht einmal bewusst sein müssen.

[…]

Im Gegensatz zu Algebra repräsentiert Schach keine Abstraktion – das grundlegende Muster – von geistiger Anstrengung; sondern es repräsentiert das Gegenteil: Es fokussiert geistige Anstrengung auf ein Set von Konkreta und verlangt solche komplexen Berechnungen, dass ein Geist keinen Platz für etwas anderes mehr hat. Durch die Erzeugung einer Illusion von Handlung und Kampf reduziert Schach den Geist eines professionellen Schachspielers auf eine unkritische, nicht wertende Passivität dem Leben gegenüber. Schach entfernt den Motor des intellektuellen Aufwands – die Frage, „Wozu?“ – und lässt ein irgendwo beunruhigendes Phänomen zurück: Intellektuellen Aufwand ohne Ziel. (AR)

Ayn Rand selbst nahm in den 1960ern Schachstunden, aber sie mochte das Spiel nicht. Sie sagte, es gefalle ihr aus Prinzip nicht, da es zu viel verschwendetes Denken beinhaltet. Sie bevorzugte Scrabble oder Solitaire.

Die Bedeutung von Spielen

Was die Bedeutung von Spiel, Spaß, Sport, Entspannung im menschlichen Leben angeht, wird der Objektivismus häufig missverstanden. Als bloße Entspannung kann Schach durchaus legitim sein:

Spiele sind ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens, sie bieten eine notwendige Erholungspause und Schach mag dies für Menschen tun, die unter dem ständigen Druck von zielgerichteter Arbeit leben. Davon abgesehen bieten uns einige Spiele – wie beispielsweise sportliche Wettbewerbe – eine Gelegenheit, menschliche Fähigkeiten bis zu einem Level der Perfektion entwickelt zu sehen. (AR)

Zur Entspannung kann Schach also eine Option sein, wobei das Spiel aufgrund seines intellektuellen Anspruchs gerade dafür weniger geeignet ist als andere. Doch als Hauptbeschäftigung oder wichtigstes Hobby ist Schach eher eine Realitätsflucht für intelligente Menschen, denn eine sinnvolle Investition ihrer geistigen Fähigkeiten.

8 Kommentare zu “Die gefährliche Verlockung des Schachspiels

  1. sba sagt:

    Habe ich den Titel doch tatsächlich erst für Ironie gehalten. Würde aber zustimmen, dass das Spiel in seinem Prestigegehalt überbewertet ist – egal, was etwa ein Kasparov sonst so anstellt, er wird für die öffentliche Wahrnehmung immer zuerst der Großmeister sein. Und egal, was er äußert, es wird (vermute ich) immer erstmal einiges Gewicht bekommen, bevor sich irgendjemand traut, zu widersprechen. Wäre vielleicht mal eine Studie wert, warum Schach auch Nichtspieler so verzaubert.

    Was den geistigen Aufwand ohne Ziel betrifft, kann man Ahnliches über Fußball und körperlichen Aufwand sagen, oder über die Formel1 und Verbrennungsmotoren (wobei wie ich hörte, aber von letzterem doch manchmal Motoren-, Design- und Systementwürfe von Automobilen profitieren). Aber vielleicht ist das ganze doch noch ganz gut, weil es uns daran erinnert, dass Perfektion ihren Preis hat. Und ihre Zeitfenster.

    Dass intellektueller Anspruch der Entspannung im Wege steht, dem wage ich zu widersprechen aufgrund der Selbstbeobachtung, dass eine Tätigkeit, die man gut beherrscht, durch ihre Ausübung erfreut. Geht mir jedenfalls beim Skat, bei Mühle, beim Jonglieren, und sogar bei den Klausurteilen der Sprachprüfungen, sowie beim Mathe- und Physik-Abi so (beim Korrekturlesen übrigens auch). Vielleicht hatte Nietzsche ja ein bisschen Recht, wenn man „Macht“ mit „Fähigkeit“ übersetzt: Das Gefühl der eigenen Fähigkeiten in Tätigkeit –

  2. Positron sagt:

    Gestatte mir bitte eine Frage.

    Was genau versteht man, im Rahmen des Schachspiels, unter „komplexen Berechnungen“?

    MfG Positron

  3. Leopold Stotch sagt:

    Wenn man beim Schach „rechnen“ (Synonym: „kombinieren“) sagt, meint man die nächsten Züge zu planen und dabei alle möglichen Abweichungen des Gegners zu überblicken. Das Wort „Berechnung“ ist da eigentlich irreführend.

    Ich hab in meiner Schulzeit in einem Schachclub gespielt, und es stimmt – das Spiel erfordert größtenteils stupides Auswendiglernen. Ich habe nicht einmal den Eindruck, dass der typische Clubspieler besonders intelligent oder auch nur denkfreudig ist.

    An sich mag ich aber geistig fordernde Spiele und glaube eher, dass sie einen Trainingseffekt haben, als dass sie geistige Kraft verschwenden. Heute spiele ich am liebsten Märchenschach (Sammelbegriff für viele schachähnliche Spiele mit abgewandelten Regeln). Das sind genauso abwechslungsreiche Strategiespiele, bei denen statt dem Auswendiglernen wieder Kreativität entscheidet. So viel Spaß hat Schach wahrscheinlich vor 400 Jahren mal gemacht, bevor es zu Tode analysiert wurde.

    • Wenn ich das richtig verstanden habe, wird es aber wieder anspruchsvoll, gegen Spieler zu bestehen, die ebenfalls alle möglichen Züge auswendig gelernt haben.

    • Positron sagt:

      Danke für den Kommentar Leopold 🙂

      MfG Positron

    • Dr. Webbaer sagt:

      Ich hab in meiner Schulzeit in einem Schachclub gespielt, und es stimmt – das Spiel erfordert größtenteils stupides Auswendiglernen.

      Schach btw. Schachspielstärke basiert einerseits auf der Mustererkennung („Strategie“) und andererseits auf dem Wenn-Dann-Denken („Taktik“).

      Die Eröffnungsphase ist im Rahmen der Spielvorbereitung wichtig und leitet als Einzige, aber nicht notwendigerweise, zum Auswendiglernen bestimmter Varianten ein, die Schlussphase, das Endspiel, dagegen schon nicht mehr, dort sind die Strukturkenntnisse und die richtige Abschätzung bestimmter Positionstypen („ist gewonnen“, „ist Remis“, „ist leicht/schwer verteidigungsfähig im Remis-Sinne“) entscheidend.

  4. Dr. Webbaer sagt:

    Schach ist vor allem auch ein deutlicher Hinweis, dass der Primat in einem System begrenzter Komplexität schon heute einem Staubsauger (den dort meist vorhandenen und für die meisten Schach-Spielenden hinreichenden Chip meinend) unterlegen ist.

    Weitergehend würde Ihr Kommentatorenfreund hier nicht theoretisieren wollen, Intelligenz oder vielleicht besser Weisheit, Klugheit & Abgefeimtheit können auch anderswo verschwendet werden.

    MFG
    Dr. W

  5. Martin sagt:

    Mein Kommentar ist jetzt ein bisschen off-topic, aber es geht auch um Spiele.

    Ich finde „Die Siedler von Catan“ ein sehr gelungenes Brettspiel. Es erfordert eine ausgewogene Mischung aus Strategie und Würfelglück.
    Als ich dieses Spiel das letzte mal spielte, kam ich auf den Gedanken, dass es auch ein interessantes Lehrstück für die freie Marktwirtschaft, vielleicht überhaupt für den Objektivismus ist. Der Grundgedanke dieses Spiels ist, eine unbewohnte Insel zu besiedeln, deren Rohstoffe zu gewinnen und zu nutzen. Weiters ist es hilfreich, durch freien Handel mit den Mitspielern seine Ziele zu verfolgen. Auf der anderen Seite gibt es die Figur des Räubers, mit den man, wenn man eine Sieben würfelt, einen Mitspieler schädigen kann, indem man eine seiner Rohstoffquellen blockiert und ihm einen Rohstoff stiehlt. In allen Runden, in denen eine Sieben gewürfelt wird, werden keine neuen Rohstoffe gewonnen, sondern nur die vorhandenen Rohstoffe umverteilt. Es kommt durchaus vor, dass mehrmals hintereinander die Sieben gewürfelt wird, in solchen Phasen geht im Spiel überhaupt nichts weiter.

    Ich glaube, Ayn Rand hätte „Die Siedler von Catan“ sehr gut gefallen.

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