Schule ohne freien Willen

Andreas Müller liest Isch Geh Schulhof

Der Test zeigt: Egal, wie lange man ungläubig ein Buch anstarrt – der Inhalt bleibt gleich. (Foto: AM)

Philipp Möllers Isch Geh Schulhof ist zu einem deutschen Bestseller avanciert. Der einstige Hilfslehrer Philipp Möller beschreibt in dem Buch seinen Schulalltag an einer Berliner Problemschule. In die Erzählung sind analytische Elemente eingeworfen, die Interpretations- und Lösungsansätze für die Schulmisere bieten.

Während der Großteil des Buches eine unterhaltsame, flüssig zu lesende Geschichte darstellt, die einen Einblick in die muslimische Parallelwelt in Berliner Schulen gewährt – so ist der Analyseteil wenig überzeugend und steht in einem befremdlichen, oft widersprüchlichen Verhältnis zum übrigen Buch.

Grundsätzlich ist „Isch Geh Schulhof“ angenehm zu lesen. Philipp Möller nutzt sein Talent als „People Person“ und Alleinunterhalter, der spannende Geschichten darüber erzählt, was er so getan hat, was er dabei dachte, was ihm widerfahren ist. Sein Buch ist ähnlich mitreißend wie seine persönlichen Erzählungen.

Ich hatte Philipp Möller in Berlin getroffen, als er Hilfslehrer war und die Erfahrungen sammelte, die seinem Buch zu Grunde liegen. Wir waren damals noch beide in der Giordano Bruno Stiftung. Philipp erzählte, dass man mit Kuschelpädagogik bei seinen Krawallkindern nicht weit komme. Man müsse autoritär wirken, die Störenfriede deutlich zurechtweisen und klare Regeln vorgeben, ohne dabei unfair oder grausam zu sein. Ich fand das nachvollziehbar und überzeugend. Nur ist diese Botschaft nicht länger die Botschaft von Philipp, seinem Buch und seinen Vorträgen. Vielmehr ist seine Botschaft inzwischen dieselbe wie jene von Michael Schmidt-Salomon. Es gibt keinen freien Willen. Niemand ist an irgendetwas schuld. Wir sollten jedem alles vergeben. Und schaut euch nur die dummen Leute da draußen an – und was von Intellektuellen geführte Politiker mit ihnen tun könnten.

„Von diesem Standpunkt aus drängt sich der Eindruck auf, dass die Zukunft von Pasquale seit seiner Geburt vorgezeichnet ist“ (S. 74), schreibt Philipp zum Beispiel über einen seiner Schüler, um dann auf S. 75 rhetorisch zu fragen: „Ist wirklich jeder seines eigenen Glückes Schmied?“

Schule als Kuriositätenkabinett

Freak Show von 1941 in Vermont, USA

Freak Show von 1941 in Vermont, USA

Obwohl sich Philipp als mitfühlender Lehrer verstanden wissen möchte, der keineswegs auf die Kinder hinabblickt, so tut er das recht häufig – das Buch gewinnt einen Teil seiner Unterhaltungswertes durch die Beschreibungen von gewalttätigen, kaum der deutschen Sprache mächtigen Jugendlichen, die Philipp mit einem künstlich elaborierten Stil von sich selbst und seiner Leserschaft abgrenzt. Er macht die Jugendlichen und Kinder zum passiven Gegenstand der Analyse durch sich und seine vermeintlich gebildeten und humanistischen Leser.

Über die Ausstattung der Unterschichts-Elternschaft mit moderner Unterhaltungselektronik schreibt Philipp: „Durch die matt getönten Scheiben eines Dienstwagens der gehobenen Mittelklasse mag das armselig erscheinen, aber aus einer solch herablassenden Perspektive habe ich die Welt glücklicherweise nie betrachtet.“ (S. 97) Trotzdem muss man den Leser explizit darauf hinweisen, dass es armselig erscheinen mag. Aber natürlich nicht für uns, nicht für Philipp Möller und seine Leser. Isch geh Schulhof beginnt mit Philipps Fahrt in der Berliner U-Bahn, wo er einem türkischen Macho begegnet, der einer Blondine ins Dekolleté starrt. Kommentar des Autors: „Na prima, denke ich, wieder einmal werde ich unfreiwilliger Zuschauer der endlosen Daily Soap Willkommen auf dem Planeten Hartz IV. Drehbuch und Regie: das Leben. Produzenten: die politische Sabotage an der deutschen Bildung, die noch immer andauernde Abwesenheit einer funktionierenden Integrationspolitik und der stetige Abbau unseres Sozialsystems.“ [S.9, kursiv im Original]

Das wäre dann auch schon die Aussage des Buches: Die Kinder und Jugendlichen sind keine selbstbestimmten (denn dazu benötigt man die Willensfreiheit) menschlichen Subjekte, sondern sie sind determinierte Objekte und zu formendes Menschenmaterial für die Sozialingenieure in der Politik. Die Ursachen des jugendlichen Fehlverhaltens verortet Philipp ausschließlich bei anderen Menschen, nie bei den Schülern selbst. Andere Menschen haben die Macht, für eine bessere Integrationspolitik und ein noch weiter ausgebautes Sozialsystem zu sorgen. Die Kinder und Jugendlichen hingegen sind hilflos. Im Effekt wird dadurch politischen Herrschern und Intellektuellen die Freiheit, eine Entscheidung zu treffen, welche das Leben der Kinder positiv verändern kann, zugesprochen und den Kindern und Eltern – die im Buch nur als verantwortungslose und verwahrloste Verlierer auftreten – wird diese Freiheit abgesprochen. Die einen haben Willensfreiheit, die anderen haben sie nicht.

Rhetorisch spricht sich Philipp natürlich auch selbst die Willensfreiheit ab, als auch seinen Lesern: „Schließlich handelt es sich hier um Menschen, für die das Gleiche gilt wie für mich und alle anderen auch: Sie haben sich nicht ausgesucht, so zu sein, wie sie sind.“ (S. 128). Wir können uns als Erwachsene zwar angeblich nicht aussuchen, wie wir sind, aber wir können uns offenbar aussuchen, wie andere Menschen zu sein haben – und wie wir sie mit politischen Maßnahmen in unsere gewollte Form pressen können.

Gut in der Theorie, schlecht in der Praxis?

Theorie und Praxis – müssen sie auseinandergehen?

Laut der objektivistischen Philosophie ist eine Theorie nur gut, wenn sie mit den Tatsachen der Realität übereinstimmt, also praktisch ist. „Theorie ist praktisch“, formulierte ich das in einem Vortrag. Wenn eine Theorie nicht „funktioniert“, also etwas beschreibt, was man in der Realität nicht vorfindet, dann ist es keine gute Theorie.

Philipp scheint anderer Meinung zu sein. Er beschreibt immer wieder die katastrophalen Auswirkungen reformpädagogischer Konzepte in der Praxis – nur um dann die großartige Theorie zu loben. Jahrgangsübergreifendes Lernen (JÜL) zum Beispiel bedeutet, dass Kinder aus mehreren Jahrgangsstufen in eine Klasse gesteckt werden. Die Erst-, Zweit- und Drittklässler von Philipps Schule wurden alle zu einer Lerngruppe erklärt. Die Lehrer mussten nun einer Klasse in einem Jahr den Stoff von drei Jahrgängen gleichzeitig erklären. Dabei wurden sie ständig unterbrochen von Kindern, die da verständlicherweise nicht mitkamen. Absolutes Chaos war das Resultat.

Philipps Kommentar zum Thema: „[…] bei JÜL – das habe ich gestern noch recherchiert – handelt es sich eigentlich um ein wirklich kluges Konzept. Weil die Kinder hier keine starren Klassenstrukturen mehr haben, sondern verschiedene Lernwege beschreiten, können sie (unter der richtigen Anleitung wohlbemerkt) ihr Lerntempo selbstbestimmen.“ (S. 144).

In der Tat gibt es in der Humanistischen Grundschule in Fürth ein meines Erachtens erfolgreich durchgeführtes, ähnliches Programm (siehe meine Reportage über die Schule). Allerdings werden dort nur jeweils zwei Klassen zusammengelegt: Die Erst- und Zweitklässler sowie in einer anderen Gruppe die Dritt- und Viertklässler. In Fürth sind zudem die Lerngruppen relativ klein und es sind stets ein Lehrer und ein Pädagoge anwesend. Obendrein ist das ganze Lernsystem völlig anders, denn Frontalunterricht ist die Ausnahme und die meiste Zeit arbeiten die Kinder unter Anleitung von Lehrern und unter Mithilfe ihrer Mitschüler an Arbeitsblättern. Das funktioniert an einer kleinen Privatschule mit nur sehr wenigen „Problemkindern“ hervorragend. Aber in Berlin, bei der Klassengröße, bei dem völlig anderen Konzept und bei der hohen Anzahl von verhaltensauffälligen Schülern ist es eben keine gute Idee, keine gute Theorie. Theorien sind nur in einem bestimmten Kontext gültig.

Philipp stellt die pädagogische Einsicht, die er mir in Berlin verraten hatte, obendrein als entgegen seiner pädagogischen Überzeugungen dar – obwohl sie ihm zufolge funktioniert: „Mit im Militärton vorgetragenen Befehlen komme ich hier halbwegs voran. Das widerspricht zwar komplett meinen pädagogischen Vorstellungen, aber es funktioniert.“ Theorie und Praxis. Sie gehen zusammen oder sie gehen nirgendwohin.

Wir brauchen mehr faule Beamte

Beamter: Ich habe nichts zu tun, also sitze ich hier und kratze meinen Hintern wie gestern.

Ein weiteres Beispiel für Philipps konsequente Teilung der Sphären des Theoretischen und Praktischen ist Philipps Kritik am Beamtensystem, das er zugleich ausweiten möchte. Über unfähige Kollegen schreibt er: „Aber weil das System der Staatsdienerschaft solche Fälle nicht vorgesehen hat, sind die Schulleitungen machtlos – die Klapperkandidaten müssen mitgeschleppt werden, komme, was wolle. Eine Kündigung ist wegen des Beamtenstatus nicht möglich, und eine Versetzung – wenn sie überhaupt erreicht werden kann – verlagert das Problem auch nur an eine andere Schule und hilft weder den bisherigen noch den zukünftigen Schülern und Kollegen weiter.“ (S. 250-1). Also, würde man doch meinen, sollte man das Beamtensystem abschaffen. Aber tatsächlich beschwert sich Philipp über die Unterversorgung der Berliner Schulen durch Lehrer, fordert also noch mehr Beamte. Es könnte auch sein, dass er die Beamtenprivilegien reduzieren möchte, aber seine Ausführungen an anderer Stelle verweisen darauf, dass diese ihm tatsächlich gut gefallen.

Das wird klar, als Philipp in Erwägung zieht, weiterhin als Lehrer zu arbeiten. Da sieht er rosige Aussichten für sich, seine Frau und die Tochter: „Der frühe Feierabend würde uns außergewöhnlich viel gemeinsame Zeit verschaffen, die Vor- und Nachbereitung könnten wir erledigen, wenn Klara schläft, und später hätten wir immer gleichzeitig mit ihr Ferien. Wir setzen uns zum Nachtisch wieder in die Küche, wo ich Sarah begeistert von den wochenlangen Sommerurlauben mit meiner Lehrer-Familie erzähle.“ (S. 284). Zuvor beschwerte er sich darüber, dass Lehrer häufig von der Bevölkerung als faul angesehen werden und dass Hilfslehrer in den Ferien nicht bezahlt werden. Ihr Vertrag wird gekündigt und nach den Ferien ein neuer aufgesetzt. Was also soll man aus all dem schlussfolgern? Beamte können ungestraft faule, unkündbare Nichtsnutze sein – aber die Bevölkerung sollte das nicht sagen und gut, wenn man selbst dazugehört?

„Wenn ich einmal alt bin, sage ich mir, dann blicke ich […] zurück auf ein Leben, in dem ich Zeit für die Dinge hatte, die mir wichtig sind: meine Familie, meine Freunde und meine Hobbys.“ (S. 284). Kinder aus schwierigen Verhältnissen, denen Philipp helfen oder denen er gar Wissen vermitteln konnte, gehören nicht zu den Dingen, auf die er einmal stolz zurückblicken möchte. Noch gehören intellektuelle Tätigkeiten allem Anschein nach zu den Dingen, die ihm wichtig sind.

Das Andere des Unterrichts

Drachen erschlagen

Unterricht: Es ist nicht alles nur Theorie. Manchmal lernt man etwas Nützliches, wie Drachen erschlagen.

Wie es angeblich ein „Anderes“ der Aufklärung geben soll, so gibt es offenbar auch etwas, was „Unterricht“ genannt wird und doch ganz anders ist. Phillips Musikunterricht zum Beispiel. „Also habe ich mir am Anfang des Schuljahres die Lieblingslieder der Kids nennen lassen zu Hause all die, die sich auf der Gitarre spielen lassen, für den Unterricht vorbereitet.“ (S. 158) Offenbar bestand der Musikunterricht ausschließlich darin, dass Philipp Popmusik auf der Gitarre vorspielte und die Lieder vorsang und die Kinder mitsangen und / oder dazu tanzten. Damit machte er sich sehr beliebt bei den Kleinen.

Man ist ja gerne bei anderen Menschen beliebt. Also wird das bunte Treiben zum vorbildlichen Unterricht rationalisiert: „Eine der wichtigsten Grundregeln des Lehrberufs ist also: für Spaß im Unterricht sorgen, um die Dopaminproduktion anzuregen.“ Ohne Neurosprech heißt das so viel wie: Eine der wichtigsten Grundregeln des Lehrberufs ist, für Spaß zu sorgen, damit die Kinder Spaß haben. Spaß zum Zwecke des Spaßes. An dieser Stelle erinnere ich mich an eine Bemerkung meines einstigen Erdkundelehrers, der seine ganz eigene Meinung zu diesem Thema hatte: „Jetzt heißt es, wir Lehrer wären hier für das Entertainment zuständig. Soll ich euch hier was vortanzen? Fällt mir ja gar nicht ein. Ich bin hier, um Wissen zu vermitteln… Florian, für den Zwischenruf bist du jetzt bei zwanzig Seiten angelangt! Also das macht mir Spaß.“ In seiner Klasse herrschte fast immer eine Grabesstille. So viel Spaß hat dieser Unterricht auch mir nicht gemacht. Aber man konnte es praktisch gar nicht vermeiden, etwas zu lernen.

Und doch gehört auch für Philipp mehr als Spaß zu einem gelungenen Unterricht: „Der Musikunterricht und speziell diese Spiele [wie „Stopptanz“; AM] zeigen immer wieder, welche Zutaten für gelungenen Unterricht nötig sind: die Nähe zur Lebenswelt der Kinder, der Spaßfaktor und die geistige und körperliche Herausforderung.“ (S. 162). Die Vermittlung von Wissen kommt bei Philipps Idealvorstellung eines Lehrers überhaupt nicht vor. Was ist ein Lehrer ohne Lehre?

Ohne Regeln spricht sich‘s leichter

„Du gebrauchst immerzu dieses Wort. Ich glaube nicht, dass es bedeutet, was du glaubst, dass es bedeutet.“

„Mein persönliches Umfeld besteht aus vielen Menschen mit Migrationshintergrund, und von einigen wurde ich darum gebeten, sie auf Sprachfehler aufmerksam zu machen“, schreibt Philipp. „Hier an der Schule habe ich das keine zehn Minuten durchgehalten. Sprache lebt eben, habe ich mir gedacht, mich vom weichen ‚ch‘ und sämtlichen Präpositionen verabschiedet und angefangen, mich mit dem Füllsel ‚Dings‘ anzufreunden.“ (S. 222). Nun muss man als Lehrer die Schüler nicht immerzu auf Sprachfehler aufmerksam machen – aber darum sollte man nicht behaupten, dass es keine Sprachfehler gebe, da Sprache eben „lebt“.

Philipp Möller schließt sich offenbar der Auffassung des Sprachwissenschaftlers und Evolutionären Psychologen Steven Pinker (dessen Buch Das Unbeschriebene Blatt er auf S. 350 zitiert – ich gebe beschämt zu, es ihm empfohlen zu haben) an und überhaupt der modernen Linguistik, wie sie mir im Studium derselben präsentiert wurde. Demnach gebe es kein objektives „Richtig“ und „Falsch“, wenn es um Sprache gehe. Was die Duden-Redaktion ausarbeitet, sei letzten Endes Willkür, durchgesetzt durch die Macht der Duden-Redaktion. Irgendwie gab es im Studium dann doch ein „Richtig“ und „Falsch“ und nicht jeder bekam automatisch eine Top-Note.

Sprache lebt, sie verändert sich evolutionär. Wörter und Redewendungen aus anderen Ländern finden Einkehr in unsere Sprache. Ständig werden neue Wörter geboren und alte nicht mehr gebraucht. Auch grammatikalische Regeln sind Veränderungen unterworfen. Rein deskriptiv stimmt das natürlich. Aber wenn Linguisten den Schritt von „Regeln verändern sich“ zu „es gibt keine Regeln und soll keine geben, alles ist Willkür“ beschreiten, so verurteilen sie Generationen von Schülern zu mangelndem Ausdrucksvermögen.

In ihrem Bemühen um politische Korrektheit verschwenden sie keinen Gedanken daran, was es für die Menschen generell und insbesondere jene, die mit Sprache arbeiten oder diese lehren oder lernen, bedeuten muss, wenn Linguisten die „wissenschaftliche“ Auffassung zum Ausdruck bringen, Sprache sei das Ergebnis angeborener Instinkte, beliebiger Launen der Geschichte und von mächtigen Institutionen wie der Duden-Redaktion. Steven Pinker stört das wenig, denn er ist der Auffassung: „Sprache ist eine komplexe, spezialisierte Fähigkeit, die […] qualitativ bei jedem Individuum dieselbe ist […] Sprache ist nicht mehr eine kulturelle Erfindung als der aufrechte Gang.“ (Pinker: The Language Instinct, S. 4). Angeblich lerne jeder Mensch automatisch die Sprache, die er für die Umwelt, in der er lebt, benötige.

Diese Auffassung ist auch epistemologisch katastrophal. Welche Laute mit welcher Bedeutung versehen werden, mag beliebig sein, aber hat man die Verbindung zwischen Signifikat und Signifikant erst einmal hergestellt, so hat sie einen definitiven Bezug zur Realität. Man könnte eine Biene auch „Hornisse“ nennen, aber dann beschreibt das Substantiv „Hornisse“ eben das Tier mit den Eigenschaften einer Biene. Ein real existierendes Tier. Ein Begriff ist laut der objektivistischen Epistemologie eine Integration von Einheiten auf Grundlage gemeinsamer Eigenschaften und Unterschiede zu anderen Einheiten. Eine Biene hat bestimmte Eigenschaften, die sie von Hornissen und anderen Entitäten unterscheiden. „Biene“ bezieht sich auf sämtliche Einheiten (auf alle einzelnen Bienen), die unter diesen Begriff fallen. Wer die Begriffsbildung der Willkür unterwirft, entzieht den Menschen die Fähigkeit, die Realität begrifflich zu erfassen und sie zu verstehen. Er reduziert den Menschen zu einem Tier.

So lange er nichts mit der Vermittlung von nützlichem Wissen zu tun hat, hält Philipp Unterricht durchaus für sinnvoll. „In unserem heutigen Schulsystem, das den Kindern den Spaß am Lernen in der Regel erfolgreich verdirbt, erscheint mir eine solche Gartenarbeitsschule als echter Lichtblick. Hier können die Kinder Pflanzensamen in der Erde verbuddeln, Torf riechen, das Wachstum des Gemüses Woche für Woche beobachten und in der Erntezeit erfahren, wie Lebensmittel schmecken, die nicht aus der Mikrowelle kommen und zwischen zwei Weizenbrötchenhälften liegen.“ (S. 330). Mit anderen Worten ist Unterricht dann gelungen, wenn Kinder darin lernen, wie man als Wilder in der Steinzeit überlebt.

Mit Propaganda-Häubchen

Linkes Mitleid: Armutszuhälter erzeugen eine dauerhafte Unterschicht, die Linke wählt, damit sie weiterhin ihre Arbeitslosenhilfe erhält.

Bestimmte halb-wissenschaftliche Erklärungen, politische Forderungen und Slogans von Michael Schmidt-Salomon tauchen in Isch geh Schulhof immer wieder mal in belehrenden Absätzen auf. Sie wirken wie Fremdkörper, die Philipps lockeren Erzählstil unterbrechen.

Ein Beispiel ist das obskure Gerede über „Spiegelneuronen“, die eine Weile lang im populärwissenschaftlichen Trend waren und die dem altruistischen Codex einen wissenschaftlichen Anspruch verleihen sollen. Mit Hilfe dieser Neuronen können wir angeblich mit anderen Menschen mitfühlen, ihre Erlebniswelt werde in unserem Gehirn gespiegelt. „Sämtliche Entwicklungs- und Kommunikationsprozesse, die wir erleben, erfordern die ständige Mitarbeit dieses verdammt klugen Prinzips der Reflexion“ (S. 254), also der Spiegelung fremder Emotionen in unseren Gehirnen. Das eigentlich Interessante wäre, warum so viele Schüler an Berlins Problemschulen so wenig Spiegelneuronen zu haben scheinen und sich ständig gegenseitig die Köpfe einschlagen. Einige von Philipps Schülern äußerten die Auffassung, der Mann habe das Sagen, weil „wir können die Frauen in Fresse schlagen“ (S. 238). Haben die keine Spiegelneuronen? Angeblich schon, wie Philipp an einer anderen Stelle schreibt: „Da die Gehirne von uns Menschenaffen eine gigantische unbewusste Festplatte enthalten, reichen den Spiegelneuronen nach ein paar Lebensjahren schon die Anfänge einer Bewegung aus, um aktiv zu werden. Den Ausgang basteln sie dann selbst zusammen und belohnen uns im Anschluss mit den passenden Gefühlen.“ (S. 263). Na, wenn sie das denn machen, warum machen sie das dann nicht? Offenbar müssen wir doch lernen, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen.

Steven Pinker ist als Evolutionärer Psychologe der Auffassung, dass uns bestimmte persönliche Eigenschaften bereits angeboren wären – in der Tat sei der Großteil unserer Persönlichkeit genetisch determiniert. Die gegenteilige Auffassung bringt Philipp zum Ausdruck, wenn er schreibt: „Stattdessen schafft Schule das, was sie eigentlich verhindern soll: einen Graben zwischen Arm und Reich, zwischen dumm und klug, zwischen erfolglos und erfolgreich.“ (S. 195). Wenn unsere persönlichen Eigenschaften angeboren sind, dann auch unsere Unterschiede (und das schreibt Pinker auch) in der Intelligenz und anderen Eigenschaften, die unserem Erfolg dienen können. Wir sind demnach von Natur aus unterschiedlich. Also ist es nicht die Schule, die uns unterschiedlich macht. Philipp scheint hier einem radikalen Egalitarismus das Wort zu reden, laut dem wir alle identisch sein sollen, gleichermaßen klug und wohlhabend – die Auflösung des individuellen Menschen zu einem Bestandteil einer unterschiedslosen Masse.

Diese totale Gleichmacherei gilt für Philipp auch für Pädagogen; selbst angesichts erheblicher Unterschiede in der Qualifikation und Verantwortung von Lehrern: „Erzieherinnen, deren Arbeit in der Entwicklung von Kleinkindern eine immense Rolle spielt, werden deutlich kürzer ausgebildet und viel schlechter bezahlt als beispielsweise Studienräte, bei denen die reine Vermittlung von Wissen im Vordergrund steht.“ (S. 282-3). Bei Philipp spielt die Vermittlung von Wissen, wie man gesehen hat, für einen Lehrer überhaupt keine Rolle. Lehrer sind eigentlich keine Lehrer, folgt man seiner Denkweise, sondern gute Freunde der Kinder, nur mit der Macht, Strafen zu verteilen. So findet Philipp „kein einziges gutes Argument“ (S. 283) dafür, dass Studienräte der Oberstufe so viel mehr Geld verdienen sollten als Kindergärtnerinnen. Eine derartige Geringschätzung, ja Verachtung von Wissen und Bildung hätte ich von einem Lehrer kaum erwartet – und ganz bestimmt nicht von einem „Aufklärer“.

Der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen

David Horowitz: One Party Classroom. In den USA ist es schon zu spät

David Horowitz: One Party Classroom. In den USA sind Linke für die Bildung zuständig

Wann immer Philipp seine eigenen Beobachtungen und Schlussfolgerungen präsentiert, ist das Buch überzeugender als wenn er sich bemüht, der Parteilinie der Giordano Bruno Stiftung das Wort zu reden. So kritisiert er an einer Stelle den Mangel an objektiven Richtlinien, als er einen Schüler zur Schulleitung schickt: „Welche Strafe ihm dort droht, kann ich kaum einschätzen, denn das hängt ganz davon ab, wer seinen Fall bearbeitet und welche Laune derjenige heute hat. Einen verbindlichen Maßnahmenkatalog oder eine zentrale Datenbank für die bisherigen Regelbrüche der Kids habe ich an unserer Schule nämlich vergeblich gesucht, und so muss jede Konsequenz wie auf einem Basar neu verhandelt werden – blöder geht’s wohl kaum!“ (S.. 261).

Solche nachvollziehbaren Einsichten sind ebenso im Buch verstreut. Philipp schlussfolgert sie ohne Umweg über die GBS direkt aus seinen eigenen Erfahrungen. Klare, rationale Richtlinien, die für alle Schüler gelten, würden den verwahrlosten Kindern die Orientierung bieten, auf die sie zu Hause verzichten müssen.

Auf der anderen Seite ist das Rousseau-68er-Weltbild von Michael Schmidt-Salomon schon derart weit in Philipps Gedankenwelt vorgedrungen, dass man seine Gedanken nicht mehr klar von denen des ideologischen Führers unterscheiden kann. Und von den Gedanken anderer linker Philosophenväter der Nation, darunter Richard David Precht (Anna, die Schule und der liebe Gott), dessen Kritik am Schulsystem dem der „Aufklärer“ wie ein Ei dem anderen gleicht. „Weg von diesem schwachsinnigen Notensystem, das den Kindern beibringt, sich für eine möglichst geringe Ziffer ins Zeug zu legen – anstatt das zu lernen, was sie als zukünftige Mitglieder einer aufgeklärten Gesellschaft später einmal können sollen: Ein selbstbestimmtes Leben führen.“ (S. 336).

Ohne Willensfreiheit kann man kein selbstbestimmtes Leben führen. Angeblich sind wir laut Philipp und Schmidt-Salomon alle fremdbestimmt durch unsere Gene und unsere Umwelt, also wo ist das noch Platz für die Selbstbestimmung? Davon abgesehen lernen die Kinder in Philipps Musikclub und in der „Gartenarbeitsschule“ rein gar nichts, was ihnen in einer aufgeklärten Gesellschaft hilft, sondern sie lernen, wie man in der Jungsteinzeit am Lagerfeuer Lieder singt und mit ersten Versuchen des Gemüse-anpflanzens überleben kann. Und das ist vollkommen überflüssig, um Kinder für ein Leben in der modernen Zivilisation vorzubereiten.

Fazit

„Meine Eltern sind kapitalistische Schweine! Ich verlange, von einem Regierungsbeamten erzogen zu werden!“

Mit Isch geh Schulhof beweist Philipp, dass er so unterhaltsam schreiben kann, wie er spricht. Die Beschreibungen der Zustände an Berlins Problemschulen, die Einblicke in die mit diesen verbundenen politischen und personellen Schwierigkeiten und die Berichte von den reaktionären Haltungen sehr vieler muslimischer Schüler sind durchaus lesenswert.

Der Analyseteil beziehungsweise die analytischen und insbesondere die propagandistischen Einwürfe hingegen sind weitgehend verzichtbar. Philipp Möllers Schlussfolgerungen gehen größtenteils nicht nachvollziehbar aus seinen Berichten hervor und widersprechen ihnen sogar häufig. Wenn man das Buch lesen möchte, so sollte man das Werk „mit einer Prise Salz“ genießen, wie es die Briten ausdrücken. Rationale Vorschläge zur Bildungspolitik sind von Philipp Möller oder von der Giordano Bruno Stiftung offenbar leider nicht zu erwarten. Die Ansätze der objektivistischen Philosophie für eine rationale Bildungspolitik werde ich in einem kommenden Beitrag vorstellen.

Persönliches Fazit

Ich hätte nie gedacht, das einmal zu schreiben, aber: Ich bin froh, in Bayern zu leben. Diese unheimlichen pädagogischen Ideen, die in den progressiven Bundesländern noch stärker verbreitet sind und die man in Philipps Buch nacherleben kann, vertreiben einem jegliche Lust, selbst einmal ein Kind in die Welt zu setzen. Ich bin zufrieden, mich gegen den Lehrerberuf entschieden zu haben. Ich bin stolz, auf Voltaires Seite der Aufklärung zu stehen und nicht auf der Seite Rousseaus. Und wo wir schon bei Dingen sind, die ich niemals tun wollte, so zitiere ich nunmehr einen Auszug aus der Bayernhymne:

Gott mit uns und Gott mit allen,

die der Menschen heilig Recht

treu beschützen und bewahren

von Geschlechte zu Geschlecht.

Gott mit dem, der Recht und Frieden

uns bewahrt in jedem Gau!

Gott mit dir, du Land der Bayern

deutsche Heimat Weiß und Blau!

Würzburg

Würzburg in Bayern, traute Heimat. So schlecht ist sie gar nicht, wie ich immer dachte. (Foto: AM)

Literatur

Philipp Möller: Isch geh Schulhof

Steven Pinker: The Language Instinct. How the mind creates language

Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur

Theodore Dalrymple: Spoilt Rotten! The toxic cult of sentimentality

Theodore Dalrymple: The Gift of Language

Ein Kommentar zu “Schule ohne freien Willen

  1. ÜÖ sagt:

    Besonders erschreckt an „Isch geh Schulhof“ hat mich die Empathielosigkeit und das Desinteresse des Autors gegenüber denjenigen Schülern, die Opfer von Gewalt und Mobbing wurden. Mehr sorgen machte er sich um das Schicksal der Täter, als um das Schicksal der Opfer. Im Grunde sieht er gar keine Täter. In seinem Weltbild sind alle gleichermaßen Opfer – auch die Täter. Wie kann ausrechnet ER dem Leser etwas von Empathie und Humanismus predigen?
    Und noch etwas: In seiner Kritik gegenüber den elenden Zuständen in Berlin macht er ausschließlich die Schulpolitik verantwortlich. Wie selbstverständlich lässt er (ein Autor, der sich eigentlich Aufklärung und Kritik auf die Fahnen schreibt) einige sehr nahliegende Ursachen der Verslumung einfach unhinterfragt, wie z.B.: die unbeschränkte Masseneinwanderung, die lasche Justiz, die verrückten Wahnideen der Multikulturalisten und Interkulturalisten sowie die (leider völlige) Inkompatibilität der orientalischen Kulturen mit dem westlichen Wertekanon.

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