Warum Moral objektiv ist

Kann man „Sollen“ vom „Sein“ ableiten? Liegt das, was gut und richtig ist, in der Natur der Dinge begründet oder ist es in einer von Fakten unabhängigen normativen Sphäre gelagert?

Im Folgenden werde ich argumentieren, dass gesellschaftliche Moralvorgaben, subjektive Vorstellungen von Moral und übernatürliche Quellen der Moral alle nicht als ethischer Maßstab taugen und dass es für alle Menschen nur einen objektiven ethischen Maßstab gibt.

Oder, wie Dr. Rick Marshall es ausdrücken würde: David Hume can suck it!

Kein Sein zum Sollen? Humes „Gesetz“

Die meisten Philosophen gehen noch immer davon aus, dass eine Nebenbemerkung des Philosophen David Hume von vor 250 Jahren als absolute Wahrheit, als Tatsache zu werten sei:

 „Bei jedem System der Moral, das mir bislang begegnet ist, habe ich stets festgestellt, dass der Autor eine gewisse Zeit in der üblichen Argumentationsweise fortschreitet und begründet, dass es einen Gott gibt, oder Beobachtungen über menschliches Verhalten trifft; dann plötzlich stelle ich überrascht fest, dass anstatt der üblichen Satzverknüpfungen, nämlich ‚ist‘ und ‚ist nicht‘, ich nur auf Sätze stoße, welche mit ‚soll‘ oder ‚soll nicht‘ verbunden sind. Diese Änderung geschieht unmerklich. Sie ist jedoch sehr wichtig. Dieses ‚soll‘ oder ‚soll nicht‘ drückt eine neue Verknüpfung oder Behauptung aus. Darum muss sie notwendigerweise beobachtet und erklärt werden. Zugleich muss notwendigerweise ein Grund angegeben werden für dies, was vollständig unbegreiflich erscheint: Wie nämlich diese neue Verknüpfung eine logische Folgerung sein kann von anderen, davon ganz verschiedenen Verknüpfungen… Ich bin der Überzeugung, dass eine solche geringfügige Aufmerksamkeit alle gewohnten Moralsysteme umwerfen würde. Sie würde uns außerdem zeigen, dass die Unterscheidung von Laster und Tugend nicht nur auf den Verhältnissen von Objekten gründet und auch nicht mit der Vernunft wahrgenommen wird.“

– David Hume: A Treatise of Human Nature (Buch III, Teil I, Kapitel I)

David Hume argumentierte für eine subjektive Gefühlsethik. Leidenschaften seien die Grundlage der Moral. Die Vernunft beschränke sich auf die Welt der Fakten. „Wir wünschen uns lediglich Dinge als Zwecke, weil sie ein bestimmtes Gefühl in uns auslösen und nicht aufgrund irgendeiner objektiven Eigenschaft von ihnen, welche die Vernunft erkennen könnte.“ So fasst James Q. Wilson Humes Position in seinem Buch The Moral Sense (New York: Free Press Paperbacks. 1993, S. 237) zusammen.

Humes Gesetz besagt, dass keine logische Deduktion von Fakten auf Normen zulässig sei. Der naturalistische Fehlschluss lautet, dass auch Brückenprinzipien, die eine Verbindung zwischen Sein und Sollen herstellen  – etwa, dass unter bestimmten Bedingungen bestimmte Normen gelten würden – unzulässig seien. Laut George Edward Moore sei das Gute keine natürliche Eigenschaft. Zum Beispiel unterscheiden sich zwei gelbe T-Shirts nicht voneinander, indem das eine „gut“ ist und das andere nicht. Anstatt durch Vernunft einen ethischen Maßstab zu erkennen und auf rationale Werte zu schließen, sollten wir daher laut Moore auf unsere „moralische Intuition“ vertrauen.

Laut Hume könnten wir nicht objektiv sagen, dass es falsch ist, eine Frau zu vergewaltigen. Wir könnten lediglich objektiv feststellen, dass wir eine schreiende Frau erblicken, die von einem Mann geschlagen wird, der versucht, mit ihr Sex zu haben. Ob wir dies moralisch verurteilen, hängt davon ab, ob das, was wir erblicken, ein Gefühl der moralischen Empörung bei uns auslöst oder nicht. Wenn nicht, dann wäre im Grunde nichts gegen die Vergewaltigung zu sagen.

Das ist durchaus keine Verzerrung von Humes Ethik. Er selbst drückte es in seinem Treatise of Human Nature, 3. Buch wie folgt aus: „Wenn du irgendeine Handlung oder einen Charakter als bösartig verurteilst, so meinst du nichts anderes damit, als dass du aufgrund der Beschaffenheit deiner Natur ein Gefühl oder eine Empfindung der Verurteilung verspürst, wenn du daran denkst.“ Mörder und Vergewaltiger als unmoralisch zu verurteilen bedeutet also nur, dass man sein eigenes moralisches Unwohlsein ihnen gegenüber zum Ausdruck bringt.

Wie Hume es formuliert: „Es widerspricht nicht der Vernunft, die Zerstörung der ganzen Welt dem Kratzen meines Fingers vorzuziehen.“ In unserer Zeit wurde diese Ethik wie folgt auf den Punkt gebracht: „Mein Glaube lautet, dass, wenn ich etwas sage, es gilt. Ich bin das Gesetz und wenn du es nicht magst, dann stirbst du. Wenn ich dich nicht mag oder wenn ich das nicht mag, was ich dir zufolge tun soll, dann stirbst du.“ (Eric Harris, einer der Amokläufer des Columbine-Massakers).

Wenn moralische Urteile nicht auf Fakten der Realität beruhen könnten, dann wäre Logik nur ein Mittel, um willkürlich gewählte Zwecke zu erreichen und wir befänden uns in einem moralischen Vakuum. Ohne objektiven moralischen Maßstab wäre alles erlaubt. Bevor ich auf diesen objektiven moralischen Maßstab eingehe, folgt ein kurzer Überblick über die vorgeschlagenen Alternativen.

Subjektive Moralmaßstäbe

1. Gott 

Gottes Wille ist kein objektiver moralischer Maßstab, sondern ein subjektiver. Religiöse Moral ist keine objektive Moral, sondern eine Variante des Subjektivismus. Nur ein rational beweisbarer Maßstab der Moral wäre objektiv und Gott ist nicht rational beweisbar, weshalb man an ihn glauben soll.

Es gibt unzählige Varianten von Göttern, die alle angeblich eine objektive Moral vorgeben. Das ist darum so, weil es für keinen dieser Götter irgendwelche Belege gibt. In jedem Fall wird von uns erwartet, dass wir einfach an den Gott des Tages glauben und ferner glauben, dass die in seinem Namen verkündete Moral objektiv sei.

Religiöse Menschen befürchten, dass ohne Gott alles erlaubt sei. Das stimmt so aber nicht, sondern ohne objektiv begründbaren Maßstab der Ethik wäre alles erlaubt. Religiöse Menschen glauben häufig, es gäbe keinen solchen Maßstab, weshalb man besser an Gott glauben solle als an überhaupt nichts. Besser man glaubt an Gott, als dass man seine eigenen Launen absolut setzt, seine eigene Willkür als Grundlage der Moral, als Gott versteht (persönlicher Subjektivismus) oder als dass man eine Rasse, Klasse, sonstige Gruppe als Moralmaßstab festlegt (kollektiver Subjektivismus). Dabei wollen gläubige Menschen nicht erkennen, dass ihr eigenes moralisches Fundament auch nur auf willkürlicher Akzeptanz, auf blindem Glauben beruht, und eben nicht auf den Tatsachen der Realität. Sie erkennen nicht, dass ihre objektive Moral eigentlich eine subjektive Moral ist.

Die Quellen der religiösen Moral sind Autorität, Tradition und Offenbarung. Man hat etwas für richtig zu halten, weil Priester dies so anordnen, weil es seit längerer Zeit an einem Ort so gesehen wurde oder weil es in einem „heiligen“ Text steht. Während keine dieser Quellen notwendig Falschheiten beinhalten, so ist eine Methode nötig, um wahr und falsch zu trennen. Diese Methode ist die Vernunft, mit der wir unsere Sinnesdaten identifizieren und integrieren können. Essenziell erlangen wir Erkenntnis durch die logische Auswertung empirischer Belege. Vor-empirisches Wissen („synthetisches Urteil a priori“ laut Kant) umfasst die Funktionsweise unseres Verstandes, die Grundlagen des logischen Denkens, deren Verlässlichkeit auch a posteriori empirisch bestätigt wurden. Wir wissen allerdings nicht a priori, dass Gott existiert und dass er uns eine objektive Moral offenbarte (es gibt religiöse Evolutionsforscher, die behaupten, Wissen über Gottes Existenz sei bei Geburt schon in unseren Verstand eingebaut, religiöser Glaube sei eine „Adaption“ – was nicht mehr ist als eine Behauptung). Empirische Belege gibt es für Gott nicht.

Laut den einflussreichsten religiösen Moralvorstellungen gehören wir uns nicht selbst, sondern wir sind das Eigentum Gottes und schulden ihm absoluten Gehorsam. Wenn Gott uns befiehlt, unsere eigenen Werte (wie unsere Kinder, siehe die Geschichte über Abraham und Isaac) ihm selbst zu opfern, so haben wir dies zu tun. Wo Logik der religiösen Moral zu widersprechen scheint, haben wir den blinden Glauben der Logik vorzuziehen. Christentum, Judentum und Islam sind Religionen der Selbstaufopferung für andere, ihre Moralvorgaben sind altruistisch. Ein Mensch kann jedoch nur als Mensch leben, wenn er für sich selbst lebt – also kann ein konsistent selbstloser Mensch nicht als Mensch leben, sondern nur als Sklave oder als Ich-loser Zombie.

Ferner gibt es reliöse Moralvorstellungen wie jene des Buddhismus. Auch der Buddhismus fordert von uns, unser Selbst aufzuopfern, aber nicht für andere oder für Gott, sondern um in eine „höhere Sphäre des Daseins“ aufzusteigen. Der Buddhismus befiehlt uns, nicht als Mensch, sondern als eine Pflanze zu leben. Als Kreatur, die nur da sitzt und meditiert, die nicht aktiv handelt und die stattdessen Nährstoffe aus ihrer Umgebung aufsaugt.

Religiöse Moral hatte verheerende Konsequenzen. Man denke an die Inquisition, an Judenpogrome, Hexenverbrennungen, an die Selbstaufopferung von Nonnen, die sich in Klosterwände einmauern ließen, um ihren körperlichen Bedürfnissen zu entsagen, an islamische Märtyrer und an den Theokraten Dalai Lama. Religiöse Moral enthält auch positive Elemente wie den Respekt vor dem individuellen Menschen und der Freiheit seiner Entscheidungen, die man im protestantischen Christentum vorfindet. Die positiven Elemente der religiösen Moral benötigen für ihre Begründung allerdings keinen Gott.

Man könnte die religiöse Moral als eine Mischung aus persönlichem und kollektivem Subjektivismus ansehen.

2. Persönlicher Subjektivismus

Der persönliche Subjektivismus besagt, dass jeder individuelle Mensch selbst entscheiden dürfe, was Moral sei. Daraus folgt ethischer Relativismus. Typische Slogans von persönlichen Subjektivisten sind „Was für dich wahr ist, muss für mich nicht wahr sein“ und „Wer weiß schon, was richtig ist?“. Ein persönlicher Subjektivist kann einfach tun, wonach er sich fühlt.

Eine populäre Variante des persönlichen Subjektivismus ist der Hedonismus, dessen ethischer Maßstab das Vergnügen oder der Genuss ist. Demnach habe man seinen Genuss anzustreben. Sofern es ein Vergnügen für jemanden ist, Menschen zu bestehlen oder zu ermorden, müsste er dies demnach tun dürfen. Hedonisten werden antworten, dass dies nicht wirklich dem Genuss eines Menschen dient. Es dient nicht dem wahren Lebensglück eines Menschen. Das stimmt, aber das wahre Lebensglück, das rationale Eigeninteresse, sind nicht die Maßstäbe der hedonistischen Moral, also ist dies nebensächlich. Das kurzzeitige Vergnügen ist auch ein Vergnügen. Ein Hedonist könnte Vergnügungen, Partys und Orgien, aneinanderreihen und sich für einen moralischen Menschen halten.

Für den Hedonismus gibt es keine individuellen Rechte und somit kein in der Ethik inhärent angelegten Grund, andere Menschen oder sich selbst für irgendwelche „Vergnügungen“ nicht aufzuopfern.

3. Kollektiver Subjektivismus

Die Ethik, die sich historisch als die Gefährlichste erwiesen hat, ist der kollektive Subjektivismus und dessen Varianten.

Der Kollektivismus besagt, dass man seine eigenen Interessen einer Gruppe unterordnen solle. Dies kann eine Klasse sein, eine Rasse, ein Volk, die ganze Menschheit oder einfach „die Gesellschaft“. Dabei wird die Gesellschaft nicht als die Summe von Individuen verstanden, sondern als ein mysteriöses Etwas mit eigenen Interessen, ähnlich wie Gott. Im Gegensatz zu Gott wird das mysteriöse Etwas, dem man sich aufopfern soll, nicht in einer transzendenten Dimension verortet, sondern im Diesseits.

Wie im Falle der Religion hat das mysteriöse Etwas menschliche Repräsentanten. Bei der Religion können sich die Anhänger auf heilige Texte und auf die Tradition beziehen, wenn ihnen etwas nicht gefällt, was ein Repräsentant sagt. Im Falle des weltlichen Kollektivismus haben die Repräsentanten des mysteriösen Etwas noch mehr Macht, da die Traditionen kurz sind (Nationalsozialismus, Kommunismus), die heiligen Schriften ihnen eindeutiger dienen oder von ihnen selbst stammen („Kommunistisches Manifest“, „Mein Kampf“) und weil das mysteriöse Etwas unmittelbarer als real wahrgenommen wird (das „Gemeinwohl“).

Die Grundaussage der Kollektivisten lautet, dass es einen Konflikt zwischen den Interessen von Individuen gebe. Die „Gesellschaft“ (ein Diktator oder eine Oligarchie) solle darum die Individuen beherrschen und ihnen ihre Handlungen vorschreiben. Zum Vergleich: In einem liberalen Rechtsstaat dient die Regierung nur als Wächter, der Individuen davon abhält, gegen die Rechte anderer zu verstoßen. Ein liberaler Rechtsstaat geht allerdings davon aus, dass es keine inhärenten, fundamentalen Konflikte zwischen den Interessen von Individuen gibt und sie friedlich kooperieren können.

Eine heute populäre Variante des Kollektivismus ist der Utilitarismus. Er besagt, dass der Maßstab der Moral das größte Glück der größten Zahl sei. Also nicht dein eigenes Lebensglück, sondern das aufsummierte Lebensglück aller Menschen sei der Maßstab der Ethik. Um eine größere Zahl von Menschen glücklich zu machen, könnten demnach ein paar Menschen geopfert werden.

Ergebnis des kollektivistischen Subjektivismus: 140 Millionen Tote (Kommunismus) plus  70 Millionen Tote (Faschismus, Kolonialismus) innerhalb weniger Jahrzehnte. Quelle: Daten des Empirischen Demozidforschers R.J. Rummel.

Objektivismus: Aus Sein folgt Sollen

Nun zu der Auflösung von Humes Gesetz und des naturalistischen Fehlschlusses. Der objektivistischen Philosophin Ayn Rand ist es gelungen, die Moral auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Zunächst einmal sind menschliche Werte frei gewählt. Das ist der Grund, warum unterschiedliche Menschen viele unterschiedliche Dinge über Moral glauben. Meistens glauben sogar dieselben Menschen unterschiedliche Dinge über Moral. Der Objektivismus bezweifelt das nicht. Er besagt lediglich, dass sich die meisten Menschen irren.

Die Auflösung der Sein-Sollen-Dichotomie setzt nicht bei einer übernatürlichen Sphäre an, sondern bei der natürlichen Welt. Um herauszufinden, was der Maßstab der menschlichen Werte sein könnte, stellte Ayn Rand zunächst die Fragen: Was sind Werte überhaupt? Wofür braucht der Mensch Werte?

Ein Wert ist das, wofür man handelt, um es zu bekommen oder um es zu behalten. Das Konzept „Wert“ setzt eine Antwort auf die Frage voraus: Wertvoll für wen und für was? „Es setzt ein Wesen voraus, das zu handeln in der Lage ist, um ein Ziel im Angesicht einer Alternative zu erreichen.“ (Ayn Rand). Die Auflösung der Sein-Sollen-Dichotomie könnte man wie folgt formulieren:

Es ist einzig das Konzept „Leben“, welches das Konzept „Wert“ ermöglicht.

Die Tatsache, dass ein Lebewesen ist, legt fest, was es tun soll. Ein Lebewesen existiert und es kann nur Werte haben, wenn es existiert. Um seine Existenz fortzusetzen, muss es auf bestimmte Weise handeln – bestimmte Werte anstreben, die seiner Existenz dienen.

Das ultimative Ziel eines jeden Lebewesens ist sein eigenes Leben. Für den Menschen gilt also:

Das eigene Leben eines individuellen Menschen ist sein objektiver Moralmaßstab.

Nicht die spontanen Gelüste eines Menschen, nicht das Glück aller Menschen, nicht die Interessen einer fiktiven Entität wie „Gott“ oder „Gesellschaft“, sondern unser eigenes, individuelles Leben ist der Maßstab der Ethik.

Moralphilosophen sind häufig der Meinung, dass es nicht Ethik sei, wenn man nur sein eigenes Leben im Blick habe. Das ist der Grund für sämtliche Widersprüche ihrer moralischen Anschauungen und der meisten Gräuel, die aus falschen Ethiken entstanden sind.

Aber löst das wirklich die Sein-Sollen-Dichotomie auf? Schließlich sind Menschen noch immer in der Lage, sich für eine Moral zu entscheiden, die schädlich für ihr eigenes Leben ist, oder nicht? Ist die Ethik nicht doch wieder subjektiv? Zwar mag das eigene Leben ein rationaler Maßstab der Moral sein, aber ist er wirklich objektiv?

Der freie Wille bedeutet, dass eine Person sich dazu entscheiden kann, nicht zu leben; aber er bedeutet nicht, dass sie einen anderen Maßstab für ihre Werte wählen kann als ihr Leben. Ohne Leben keine Werte. Also muss das Leben – als Voraussetzung für sämtliche Werte und jegliche Moral – der Maßstab sämtlicher Werte und jeglicher Moral sein. „Maßstab“ bedeutet das endgültige Ziel der Ethik und einen Beurteilungsmaßstab (Dient diese Handlung meinem Leben?).

Ein Mensch kann sich auch entscheiden, zu sterben. Aber: Welcher Wertecodex (Ethik) folgt aus seiner Entscheidung zu sterben? Die Antwort: Keiner. Um zu sterben, muss ein Mensch gar nichts tun. Er muss einfach nur alle Handlungen einstellen. Er braucht keine Ethik. Eine Ethik kann nicht aus der Entscheidung für den Tod resultieren.

Der Objektivismus besagt nicht, dass man leben muss. Er besagt, dass man nur eine Ethik braucht, wenn man sich für das Leben entscheidet. Und tut man das, dann benötigt man eine Ethik, die einem das Leben als das, was man ist, ermöglicht: Das Leben als Mensch, als rationales Tier. „Sollen“ ergibt nur Sinn, wenn man eine Handlungsorientierung für das eigene Leben als Mensch anstrebt. Andernfalls „soll“ man gar nichts. Tiere streben Werte automatisch, instinktiv an. Der Mensch muss sich für das Leben entscheiden. Wenn er es tut, braucht er eine Ethik – Prinzipien, an denen er sich orientieren kann, um zu leben. Wenn nicht, dann nicht und die Frage erübrigt sich. Das Leben als Mensch erfordert also objektiv eine Ethik, die dem Leben als Mensch dient.

Ferner möchte ich die Leser daran erinnern, dass David Hume prinzipiell die Kausalität in Frage stellte. Für ihn gab es keine notwendige Verbindung zwischen Ursache und Wirkung. Er hielt außerdem prinzipiell die Induktion, die Ableitung allgemeiner Gesetze aus Einzelbeobachtungen, für unmöglich. Geht man davon aus, verwundert es nicht, dass er auch eine Folgerung auf das Sollen aus dem Sein ausschloss.

Ergo: David Hume can suck it.

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=4XvVzeo7JBM[/tube]

Anm: Dies ist ein älterer Artikel, den ich aus gegebenem Anlass überarbeitet und neu veröffentlicht habe.

Literatur

„Ideas for Life“ hat einen guten Kommentar zum Thema verfasst:

http://objectivistanswers.com/questions/5781/what-are-your-thoughts-on-the-essay-ayn-rand-and-the-is-ought-problem

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=feuerbringer-21&o=3&p=8&l=as1&asins=0971373701&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

45 Kommentare zu “Warum Moral objektiv ist

  1. Andreas D. sagt:

    „Für den Hedonismus gibt es keine individuellen Rechte und somit kein in der Ethik inhärent angelegten Grund, andere Menschen oder sich selbst für irgendwelche “Vergnügungen” nicht aufzuopfern.“ (Der Autor)

    Ich meine, so ganz zustimmen kann ich dir im Falle des Hedonismus nicht. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob man Epikurs Philosophie der Lust (Lust-Unlust-Kalkül, Vermeiden von Unlust etc.) als Paradebeispiel hedonistischer Ethik ansehen kann. Da er aber über viele Jahrhunderte entsprechend verzerrt und verfälscht als hedonistisches Schwein dargestellt wurde und er diesen Ruf irgendwie auch nicht ganz los wird, mag man zumindest mal hinhören, was der alte Grieche dazu zu sagen hätte:

    „Naturgemäße Gerechtigkeit ist eine Übereinkunft über das Nützliche in der Absicht, einander keinen Schaden zuzufügen und selbst keinen Schaden zu erleiden.“ (Epikur: Hauptlehrsätze, Nr. 31)

  2. Elias sagt:

    „Ohne Leben keine Werte. Also muss das Leben – als Voraussetzung für sämtliche Werte und jegliche Moral – der Standard sämtlicher Werte und jeglicher Moral sein.

    Alle unsere Handlungen und Entscheidungen setzen voraus, dass wir am Leben sind. Darum kann es nur einen Standard unserer Ethik geben, nur ein ultimatives Ziel unserer Werte: Unser eigenes, individuelles Leben.“

    An dieser Stelle ist die Argumentation ein bisschen vage.

    Nur weil das Leben die Voraussetzung für Werte ist, folgt doch nicht automatisch, dass das Leben der Standart für Werte ist.
    Ist Leben die einzige Voraussetzung für Werte, oder gibt es noch weitere? Und was ist in diesem Zusammenhang überhaupt mit Standart gemeint?

    Ein simplifizierter Vergleich:
    Eine Voraussetzung für menschliches Leben ist Sauerstoff. Also muss Sauerstoff (als Voraussetzung für Leben) auch der Standart für Leben sein.
    Das ultimative Ziel unseres Lebens ist demnach Sauerstoff.

    Das scheint zumindest aus der vorliegenden Argumentation zu folgen. Und das Ergebnis ist völlig wirrsinnig.

    Ich würde mich freuen, wenn Sie genauer erläutern können, wie aus erster Aussage die zweite folgt, ohne einfach ein „Darum“ dazwischenzusetzen:
    – „Alle unsere Handlungen und Entscheidungen setzen voraus, dass wir am Leben sind“
    – „Es kann nur einen Standard unserer Ethik geben, nur ein ultimatives Ziel unserer Werte: Unser eigenes, individuelles Leben.“

    • Bjoern sagt:

      Da schließe ich mich an.

      Wie definiert sich Leben?

      Was sind in diesem Kontext Werte?

      Was ist mit den Voraussetzungen für das Leben, warum ausgerechnet beim Leben ansetzen?

      Was ist mit den nachfolgenden Voraussetzungen, zwischen Leben und Werten? (Bewusstsein, Freiheit, Physische Voraussetzung zur Verfolgung der Werte etc.)

      Warum und wie folgt aus einer Voraussetzung ein Sollen und nicht lediglich ein Könnte?

      • sba sagt:

        Anders längs (mein eigenes Gemecker kommt allerdings auch noch):

        1.: Was ist Ethik überhaupt?
        Mein Vorschlag geht über Ethymologie und Beobachtungen historischer Bemühungen um Ethik.
        a) Éthos, etheîn gr. „Verhalten“. Ethische Reflexion reflektiert darüber, wie man sich verhält bzw.: Wie man sich verhalten sollte.
        b) SChaue ich mir an, wie Ethik in den letzten 4000 Jahren betrieben wurde (also einschließlich Ägypten und AT), dann kommte ich zu dem Schluss, dass sie alle sich um die Frage nach dem guten Leben bemüht haben: Wie gestaltet man/ wie gestalte ich das/ je mein / Wie handelt man/ wie handele ich so, dass das / je mein Leben als „gut“ zu bezeichnen ist/ vor meinem Urteil „gut“ ausfällt?
        Was ist die Voraussetzung für ein gutes Leben?: Überhaupt ein Leben. Was ist ein Menschliches Leben (ausgeschlossen tierische Leben, da Tiere für die güte und das Erreichen dieser Güte nur einen Entwurf haben, dem sie auch folgen)? Im Modus des intelligiblen Charakters die Summe der Handlungen eines Menschen. In der je eigenen Perspektive die Zeit zwischen Geburt und Tod, die von Bewusstsein, Sichverhalten-zu und Sichentwerfen-auf geprägt ist (ich bitte um Verzeihung für das Heideggern; und ja: ich rechne damit, im Koma meinen binnenwirksamen Status als Person zu verlieren).
        Was folt daraus?: “Alle unsere Handlungen und Entscheidungen setzen voraus, dass wir am Leben sind” (Verallgemeinerung).
        Als primäres Ziel eines lebenden Menschen ergibt sich daraus sein weiteres Überleben.
        ________________________________
        Bjoern sagt:
        „Was sind in diesem Kontext Werte?“
        steht im Text: Das, was man bekommen, haben Und/ oder behalten will und dafür Aufwand zu betreiben bereit ist.

        „Was ist mit den Voraussetzungen für das Leben, warum ausgerechnet beim Leben ansetzen?“
        Die anfänglichen Voraussetzungen für
        das je eigene Leben sind weder selbst geschaffen, noch selbst ins Werk gesetzt. Ist man aber einmal am Leben, dann hat man die Grundlegende Wahl: Am Leben bleiben oder sich möglichst schnell wieder daraus verabschieden. Im ersten Fall muss man zusehen, dass die Bedingungen für das eigene Weiterleben erhalten bleiben bzw. sie schaffen; im zweiten Fall folgt nahezu Beliebiges (was nebenbei, dem alten logischen Bonmotte „Aus Bullshit folgt beliebiges“ die Bejahung des eigenen Lebens logisch notwendig macht 😉 )

        „Was ist mit den nachfolgenden Voraussetzungen, zwischen Leben und Werten? (Bewusstsein, Freiheit, Physische Voraussetzung zur Verfolgung der Werte etc.)“
        Dabei handelt es sich um Momente der Beschreibung menschlichen Lebens. Damit, dass ein Mensch am Leben ist, sind diese „nachfolgenden Voraussetzungen“ also schon gegeben.

        „Warum und wie folgt aus einer Voraussetzung ein Sollen und nicht lediglich ein Könnte?“
        Streng genommen ist das auch der Fall (siehe grundlegende Wahl oben). Wobei es bei den Wahlmöglichkeiten, die aus dem Lebenwollen folgen, wenige gibt, die das weiterleben erfolgreich ermöglichen und ziemlich viele, die im Exitus enden.

        • Elias sagt:

          Der einzige Grund, den Sie hier angegeben haben, warum unser Leben nun im Mittelpunkt der Ethik stehen sollt, ist, dass man das schon die letzten 4000 jahre so gemacht hat:

          „SChaue ich mir an, wie Ethik in den letzten 4000 Jahren betrieben wurde (also einschließlich Ägypten und AT), dann kommte ich zu dem Schluss, dass sie alle sich um die Frage nach dem guten Leben bemüht haben“

          Das ist auf keinen Fall hinreichend, um daraus eine Moral objektiv herzuleiten.

          Nur weil das eingene Leben eine Voraussetzung für Werte ist, wird das eingene Leben doch nicht der Standart aller Werte.

          • derautor sagt:

            Doch. Wieso bitte nicht?

          • Elias sagt:

            @derAutor
            Wie in meinem ersten post ein simplifizierter Vergleich:
            Eine Voraussetzung für menschliches Leben ist Sauerstoff. Also muss Sauerstoff (als Voraussetzung für Leben) auch der Standart für Leben sein.
            Das ultimative Ziel unseres Lebens ist demnach Sauerstoff.
            Das Ergebnis ist völlig wirrsinnig.

            Wo ist die logische Folgerung?
            „A“ ist Vorraussetzung für „B“, deshalb ist „A“ der ultimative Standart für „B“

            Es lassen sich hunderte Beispiele finden, die zeigen, dass diese Schlussfolgerung nicht prinzipiell funktioniert.

          • derautor sagt:

            Man muss die Definition der enthaltenen Begriffe einbeziehen. Werte sind Handlungsrichtlinien für das Leben. Die Frage: Wie lautet das Endziel, der Standard, von Werten. Antwort: Leben erhalten und zum Erblühen bringen.

          • sba sagt:

            @Elias: na schön: Was ist Ethik dann, wenn nicht die Frage nach dem Guten Leben?

          • Elias sagt:

            Wenn man diese Definitionen mit einbezieht:

            „B“ sind Handlungsrichtlinien für „A“;
            „A“ ist eine Vorraussetzung für „B“;
            daraus Folgt:
            Endziel von „B“ ist die Erhaltung von „A“;

            Diese Argumentation funktioniert doch nur, wenn man sie auf „Leben“ anwendet, und man annimmt, das man nur „Handlungen“ nur von lebendem ausgeführt werden können.
            Damit bin ich prinzipiell einverstanden und die hergeleitete Moral ist vollkommen sinnvoll. Aber man kann doch dann trozdem nicht von „objektiver“ Moral sprechen, da „Leben“ an sich eine Qualität ist, die wir subjectiv an manche Objekte heften.
            Der Argumentation scheint ein nicht begründeter Vitalismus zugrunde zu liegen.

            @sba
            Wenn du mit „Ethik“ das meinst, was im Artikel „Werte“ genannt wird, dann sind es einfach „Handlungsweißungen“ (Danke @Autor)
            Dass das Ziel dieser Handlungsweißungen das „gute Leben“ ist, muss man erst begründen. Man kann nicht einfach sagen, „weil das schon die letzten 4000 Jahre so war“.

            Ich muss mir auf jeden Fall ein Buch besorgen, in dem die Gedanken des Artikels ausführlich ausgebreitet werden. Mein Einblick in das Thema ist viel zu klein. Können Sie mir eines empfehlen?

          • derautor sagt:

            Literatur sollte unter dem Artikel angezeigt werden, sonst anderen Browser versuchen.

          • sba sagt:

            @Elias: „Wenn du mit “Ethik” das meinst, was im Artikel “Werte” genannt wird, dann sind es einfach “Handlungsweißungen”“
            Na eben nicht. Mein Ethik-Begriff steht unter dem Artikel und zu ihm gekommen bin ich durch die Beobachtung, was Ethiker machen, wenn sie Ethik treiben. Ein symples „Handlungsanweisungen“ könnte ich auch akzeptieren, wenn man mir dazusagt, was Ziel, Sinn und Zweck der angewiesenen Handlungen ist.

  3. Andreas D. sagt:

    Noch eine Sache, die der Nachfrage wert ist:

    „Eine heute populäre Variante des Kollektivismus ist der Utilitarismus. Er besagt, dass der Standard der Moral das größte Glück der größten Zahl sei. Also nicht dein eigenes Lebensglück, sondern das aufsummierte Lebensglück aller Menschen sei der Standard der Ethik. Um eine größere Zahl von Menschen glücklich zu machen, könnten demnach ein paar Menschen geopfert werden.“ (Der Autor)

    Ich bin mir nicht sicher, ob diese Zuspitzung der utilitaristischen Auffassung entspricht. Ich habe noch nicht gehört, dass Utilitaristen den Tod von Menschen in Kauf nehmen würden, nur um eine größere Zahl glücklich zu machen. Sie würden wohl den Tod von einigen Menschen in Kauf nehmen, um einer größeren Zahl Menschen das Leben zu retten (diese also vor dem Tod zu bewahren). Ich denke da beispielsweise an humanitäre Interventionen oder an das damals gescheiterte Luftsicherheitsgesetz, das den Abschuss entführter Flugzeuge legitimiert hätte.

    Wenn jedoch in ökonomischen Fragen das größte Glück der größten Zahl das Ziel ist, hat noch kein Utilitarist gesagt, man müsse zu diesem Zweck jemanden umbringen. Gemeint ist doch dabei stets die Bemühung, möglichst vielen Menschen einen gewissen Wohlstand zu ermöglichen, verbunden mit dem Eingeständnis, dass es mit rechtsstaatlichen Mitteln nicht möglich ist Allen Alles zu geben oder Allen das gleiche.

    Wird nicht das aufsummierte Glück einer Gesellschaft durch den Tod eines Teils ihrer Mitglieder so stark reduziert, dass das Ziel verfehlt wird? Mit welchem Wert geht Glück, geht ökonomischer Wohlstand, geht Menschenleben in die Rechnung ein?

    Oder habe ich den Utilitarismus falsch verstanden? Ist er anfällig von Terroristen pervertiert zu werden?

    • Bjoern sagt:

      Ich würde hier noch hinzufügen:

      Wenige Menschen für Viele zu opfern ist nicht möglich, weil es zu Terror und Angst bei den Vielen führt. Jeder der Vielen könnte beim nächste Mal einer der Wenigen sein. Damit löst sich der angestrebte Gewinn wieder auf oder wird ins negative Gekehrt.

      • Archophob sagt:

        > Jeder der Vielen könnte beim nächste Mal einer der Wenigen sein.

        Aber nein, von den Vielen ist ja keiner ein rothaariger kommunistischer Jude.

  4. foundnoreligion sagt:

    In einer Vorlesung zur Systematik der Philosophie habe ich erfahren, dass die Sein-Sollen-Dichotomie eigentlich von Bayle stammt. Aber grundsätzlich muss man eine Frage stellen: „Gibt es Regeln, die zu allen Zeiten angewendet werden können oder sind moralische Handlungen von der Situation abhängig“. Ich gehöre zu denen, die zu zweiterem tendieren. Ich habe in Anlehnung eine eigene Ethik entwickelt, die man entweder „Ethischer Pragmatismus“ oder „Situationsethik“ nennt. Dieser hat drei Grundprämissen:
    1. Jede moralische Entscheidung ist nicht abhängig von unserem Gefühl, einer metaphysischen Instanz, sondern nur von der Situation in der sich das Individuum befindet.
    2. Das Individuum hat Möglichkeiten, zu handeln und sollte sich davon für die vernünftigste entscheiden.
    3. Das Individuum muss mit allen Folgen dieser Entscheidung leben, selbst wenn diese sich gegen das Individuum richtet.
    Wichtigstes Prinzip aber ist noch immer die Eigenverantwortung. Ausnahmen sind dabei Menschen die eher schwach sind und ohne Hilfe von anderen nicht überleben könnten.

    • sba sagt:

      sieht gut aus.
      ich würde bloß noch um ein Kriterium für Prämisse 2 für „die vernünftigste“ bitten.
      Und dann: „Ausnahmen sind dabei Menschen die eher schwach sind und ohne Hilfe von anderen nicht überleben könnten.“
      Über der Zeitachse sind wir alle irgendwann mal schwach.
      Und (das ist mir bei „Into the Wild“ klar geworden) vermutlich kann kaum jemand ohne anderer Menschen Hilfe überleben. Bsp. ItW: Alex hat in sein Wildniss-Exil haufenweise Zeug aus der Gesellschaft mitgenommen, vor der er sich geflohen ist: Tabletten zur Wasserreinigung, Feuerwaffen, Munition, Bücher und seine Behausung in Form eines vergessenen Bauwagens war ein zurück gelassenes Stück Gesellschaft inmitten der Wildniss. Wie und warum man einander hilft, was sagt Dein Entwurf dazu?

      • foundnoreligion sagt:

        Eines der Prinzipien meiner Ethik besagt dass Hilfe letzten Endes allen Parteien nützt. Hier ist es nur dann der Fall wenn es eine Seite kann. Wenn es auf beiden Seiten nicht möglich ist, dann geht es auch nicht. Wenn ein Mensch jemandem nicht helfen will, es aber kann, dann ist dieser Mensch für mich gesehen ein unmoralischer Mensch, ein -si venia verbo- Arsch. Will er helfen, kann es aber nicht, dann muss er auch nicht. Du musst, wenn du kannst, das tun, was am besten für die meisten ist. Aber wenn du es nicht kannst, dann musst du auch nicht. In meiner Ethik wird von niemandem verlangt, er solle sich für andere aufopfern, oder zu tun oder lassen, was er will. Er muss stets überlegt handeln, denn wen er eine Entscheidung getroffen hat, kann er sie nicht mehr rückgängig machen.

  5. sba sagt:

    Zum Artikel:
    Natürlich schmeiße ich wieder Schleiermacher in den Ring mit dem Hinweis, dass Religion und Ethik separat voneinander zu begründen sind, aber (leider) meistens zusammen auftreten. Das gilt auch dann noch, wenn ich einen anderen Begriff von Ethik (siehe oben) habe als SChleiermacher („Vollendung des Universums“ )
    Was folgt daraus? Ja, Gott zur Begründung einer Ethik zu verwenden ist eine schlechte Idee, außer vielleicht durch das scholastische Hintertürchen: Wenn Gott uns die Vernunft gab, warum sollen wir sie dann nicht für eine objektivistische Ethik verwenden?
    „Besser man glaubt an Gott, als dass man seine eigenen Launen absolut setzt, seine eigene Willkür als Moralstandard, als Gott versteht (persönlicher Subjektivismus) oder als dass man eine Rasse, Klasse, sonstige Gruppe als Moralstandard festlegt (kollektiver Subjektivismus).“
    Das gilt unter obiger Voraussetzung dann vielleicht doch, wenn man zu berücksichtigen bereit ist, dass Menschen unterschiedliche Maßstäbe dafür haben, wovon sie sich überzeugen lassen (und das sind nunmal durchaus nicht immer die objektiven guten Gründe, so bedauernswert dieser Umstand ist).

    zum Altruismus: Ist es nicht so, dass ein guter Trade dann zustande gekommen ist, wenn alle Beteiligten damit einverstanden sind? Und werden sie nicht meistens dann damit einverstanden sein, wenn es ihnen nützt?
    Ich proponiere, dass der Objektivismus durch das Trader-Prinzip ein altruistisches Moment hat, das allerdings dem eigennützigen untersteht: Wenn es mir nützt, dem anderen zu nützen, warum sollte ich ihm dann nicht nützen? Wert für Wert.
    Bin mittlerweile dazu übergegangen, diesen ausgeglichenen oder gegenseitigen Altruismus vom „klassischen“ Altruismus, der vom eigenen Nutzen vollkommen absehen will, als „reiner Altruismus“, zu unterscheiden (und als Blasphemie zu verurteilen: Nur ein Gott kann sich leisten, vollkommen und ausschließlich zum Nutzen anderer zu agieren.)

  6. fitz sagt:

    Lieber Autor,

    leider haben sie Humes Gesetz bzw. das Problem mit dem naturalistischen Fehlschluss weder verstanden, noch widerlegt. Sie sollten sich mit dieser komplizierten Materie doch lieber noch einmal auseinandersetzen.

    Ein Wert ist, nach ihrer Definition „das, wofür man handelt, um es zu bekommen oder um es zu behalten.“ Weiters sei das höchste Ziel des Lebewesens das eigene Leben zu erhalten. Lässt man das gelten, muss man daraus folgern, dass die Erhaltung des Lebens selbst der höchste Wert ist. Der Grundwert sozusagen, aus dem sich alle anderen Werte ableiten. Da man aber einen höheren Wert dem niedrigeren nicht opfern darf, darf man alles tun, was der Erhaltung und dem Erblühen des eigenen Lebens förderlich ist. Somit proklamieren Sie das Recht des Stärkeren.

    • derautor sagt:

      Das hängt ganz davon ab, welche Handlungen Sie für das Leben des Menschen für erforderlich halten. Ihrer Aussage zufolge diene das Recht des Stärkeren, die Ausbeutung anderer, der Erhaltung des eigenen Lebens. Das ist eine sozialdarwinistische Auffassung, die nicht der objektivistischen Sichtweise entspricht. Der Objektivismus erachtet die freiwillige, friedliche Kooperation von Individuen auf gesellschaftlicher Ebene, generell die Anwendung der Vernunft, für die Methoden, der Erhaltung des eigenen Lebens zu dienen. Ihre Aussage sagt weniger über Rands Haltung zum naturalistischen Fehlschluss aus als zu Ihrer eigenen Meinung, wie der Mensch überleben kann: Notwendig im Konflikt mit anderen. Ich distanziere mich entschieden von dieser Idee.

  7. fitz sagt:

    „Der Objektivismus erachtet die freiwillige, friedliche Kooperation von Individuen auf gesellschaftlicher Ebene, generell die Anwendung der Vernunft, für die Methoden, der Erhaltung des eigenen Lebens zu dienen.“
    Achso, das war mir nicht bekannt, vielleicht habe ich das überlesen. Sicher bedienen sich die Individuen dieser friedlichen Methoden. Aber genauso können aggressive Methoden der Erhaltung des eigenen Lebens dienen, bzw sich manchmal sogar viel besser eignen, das eigene Leben zu erhalten. Die Frage ist, ob diese Konzentration auf das Individuum, wie sie der Objektivismus anscheinend vornimmt, geeignet ist, zu verhindern, dass sich die Individuen der aggressiven Methoden zur Lebenserhaltung bedienen. Ich glaube es ist die große Errungenschaft der Zivilisiertheit, dass in bestimmten Situationen sich einige für die anderen aufopfern. Dass man also zB zuerst Frauen und Kinder ins Rettungsboot lässt, dann die Männer und erst am Schluss die Besatzung. Hier opfern sich einige für andere auf. Würden sie das nicht tun, würde vielleicht nur einer, nämlich der Stärkste das Rettungsboot erreichen, und alleine wegfahren, während alle anderen ertrinken müssen. -> Erst die Zivilisiertheit, also die Bereitschaft sich in bestimmten Fällen für andere aufzuopfern, ermöglicht es uns, dem Menschen diese agressiven Methoden der Lebenserhaltung, auszutreiben. Wie soll aber der Objektivismus verhindern, dass sich nur der Stärkere durchsetzt, wenn er es kategorisch ablehnt, dass sich einzelne für die Interessen der Gesellschaft opfern? -> Friedliche Zusammenarbeit ohne die Gefahr, dass sich einige für die anderen opfern müssen, ist nicht denkbar.

    „Darum kann es nur einen Standard unserer Ethik geben, nur ein ultimatives Ziel unserer Werte: Unser eigenes, individuelles Leben.“
    Gut, aber ich sehe keinen Grund, daraus zwingend den Sollensanspruch „Arbeitet friedlich zusammen!“ abzuleiten. Das ist halt der Anspruch den der Objektivismus daraus ableitet. Die Sozialdarwinisten könnten ja das genaue Gegenteil daraus ableiten, und hätten nicht weniger recht.

  8. fitz sagt:

    ich glaube jetzt verstehe ich, worums geht.
    sie sagen;
    der mensch ist, also soll er sich um sein (über)leben kümmern. selbst wenn man diesen schluss zulässt, benötigen sie dennoch die prämisse („aber es soll dies mit friedlichen methoden tun“). und diese prämisse können sie aus der deskriptiven tatsache „der mensch ist“ nicht ableiten.
    der hinweis darauf, dass leben grundvoraussetzung für werte ist, ist wohl einfach die begründung einer ethik, die das Individuum besonders berücksichtigen will.Ssonst nichts. es wäre absurd, wenn die Autorin in einem Nebensatz Humes Gesetz widerlegt hätte, und ihr wäre das nichtmal aufgefallen. In den letzten 300 Jahren haben sich schon viele daran versucht Humes Gesetz zu widerlegen, und die Versuche waren meines Wissens nach alle länger als drei Sätze. 🙂

    • derautor sagt:

      Haben Sie sich mal Humes Begründung für „Humes Gesetz“ angesehen? Das ist im Grunde nur eine Nebenbemerkung. Dass dies irgendwer zum „Gesetz“ erklären sollte, ist bemerkenswert.

      Der Objektivismus ist keine rationalistische Philosophie, die mit logischen Deduktionen von willkürlichen Prämissen arbeiten würde. Er beruht auf Induktion, auf Beobachtungen. Und erst danach und parallel auf Deduktion.

      Nun, ist es denn faktisch nötig, dass wir andere Menschen ausbeuten, um zu überleben? Wäre das so, könnte Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel niemals alleine überleben. Wer war dieser Meinung? Faschisten und Kommunisten zum Beispiel. Dienten deren Ansichten dem Erhalt individuellen Lebens? Wohl kaum. Es ist also eine faktische Frage, ob friedliche Kooperation zum gegenseitigen Vorteil unserem Leben dient oder nicht. Sollte es so sein, dass ein Mensch nur überleben könnte, indem er andere ausnutzt, so müsste er in der Tat so handeln. Seine einzige andere Option wäre der Tod – und der wird kaum der Standard einer Ethik sein können.

      • Bernd sagt:

        Nur mal so ganz nebenbei, obwohl mich diese Diskussion nicht wirklich interessiert:
        Du hast dich ja schon explizit zur Evolution bekannt. Diese war nur möglich durch gigantischen „Tod“, „Trial and error“, „Aufopferung als Prinzip“. Schon diese Tatsache allein läßt den „Objektivismus“ in sich zusammenfallen.

        • derautor sagt:

          Nein. Wir sind nicht die Evolution, sondern bestimmte Lebewesen mit einer bestimmten Natur. Der Sozialdarwinismus ist kein Argument gegen den Objektivismus. Wir überleben durch Rationalität, Produktivität in Kooperation mit anderen.

          • Bernd sagt:

            Sozialdarwinist ist, wer ausschließlich die Regeln der Biologie gelten läßt. Anhänger der Beliebigkeit ist, wer ausschließlich auf Verstand und freien Willen abstellt.
            Ein philosophisches System sollte, wenn es schon nicht die ganze Welt erklärt, wenigstens das Gesamtsystem „Mensch“ erklären können (99% Biologie, 1% Verstand und freier Wille). Der Objektivismus beschränkt sich auf die 1% und sortiert damit sogar Menschen aus, die auf Grund geringfügiger Veränderungen im Gehirn unter Wahnvorstellungen oder Demenz leiden.
            Zitat: „Wir überleben durch Rationalität, Produktivität in Kooperation mit anderen.“….
            Natürlich, aber „nicht nur, sondern auch“, es ist ein entscheidender Überlebensvorteil, daher sind alle anderen Hominidenzweige ausgestorben, aber auch diese haben Jahrmillionen überlebt.
            Ein philosophisch-ethisches System, das ausschließlich auf Verstand und freien Willen abstellt und anmaßend glaubt, die Biologie ignorieren zu können, ist a priori unglaubwürdig und will im konkreten Fall nur die eigene „Ellenbogenmentalität“ philosophisch unterfüttern.

          • derautor sagt:

            Was ist die Biologie, die wir angeblich ignorieren?

      • fitz sagt:

        Nun ja, die Stelle bei Hume, auf die sie anspielen ist in der Tat nicht mehr als eine Nebenbemerkung. Relevant ist auch weniger diese eine Stelle, sie dient nur zur Verdeutlichung eines Problems, mit dem er sich durch große Teile seines Werkes beschäftigt. Humes Gesetz wurde übrigens von späteren Philosophen noch verfeinert, Dass das ganze Gesetz genannt wird, liegt daran, dass eben bis heute Humes Gesetz und auch der naturalistische Fehlschluss nicht vom Tisch gewischt werden können, ohne Sprachphilosophische, Erkentnnisphilosophische und Probleme der Logik zu ignorieren. Und wenn der Objektivismus von Beobachtungen (Sein) auf (ethische) Schlussfolgerungen (Sollen) kommt, dann muss er sich dem Sein Sollen Problem stellen, genauso wie das je naturalistische Ethik tun muss. Aber gut, dieses Problem ist garnicht das, was ich für entscheidend halte:
        Robinson Crusoe ist ein interessantes Beispiel: Er kann, solange er allein ist ganz gut überleben. Ok, damit bin ich einverstanden. Aber Robinson Crusoe ist ja nicht der Normalfall, denn im Normalfall kommen Menschen ja in der Mehrzahl vor. Und in dieser Situation muss sich eine Ethik bewähren. Und eine kollektive Ethik, deren oberstes Ziel die Erhaltung des individuellen Lebens ist, führt dazu, dass jedes individuelle Leben absoult ist, der höchste Wert, der keinem anderen Wert weichen darf. Wenn es nun das Leben des A gegen das Leben des B abzuwägen gilt (wie im Beispiel mit dem sinkenden Schiff), liefert diese Ethik keine brauchbare Antwort: Denn diese Ethik verbietet es, dass sich einer für den anderen aufopfert. Ergo bietet diese Ethik keine Lösung (was aber eigentlich Aufgabe der Ethik wäre). Und wo die Ethik keine Lösung bietet, überlässt sie der Willkür, dem Zufall, oder eben dem Recht des Stärkeren das Feld.
        Aus gutem Grund ist daher in modernen Demokratien zB in der BRD das Leben NICHT das höchste Gut. Das höchste Gut ist die menschliche Würde. Der Staat ist aus gutem Grund berechtigt, in bestimmten Fällen das Leben eines Staatsbürgers zu beenden. So darf der Staat zB einen Bankräuber der Geiseln genommen hat, erschießen. Sobald man aber das Leben als ein Gut erachtet, dass absolut ist, und unter keinen Umständen instrumentalisiert werden darf, etc, bekommen sie ein spezifisches Problem: Die Ethik zieht sich zurück und überlässt dem Zufall die Entscheidung. Das können sie beim absoulten Wert der Würde beobachten: Dieser Wert, ist absolut, also nicht abwägbar. Deswegen darf der Geiselnehmer, der irgendwo ein Kind versteckt hat, das zu verhungern droht, nicht gefoltert werden. Obowohl durchaus nicht nur das Leben, sondern auch die Würde des Kindes bedroht ist. Es steht also Würde gegen Würde. Da die Würde aber absolut ist, darf der Staat (bzw die Ethik) keine Abwägung vornehmen, und überlässt dem Zufall die Entscheidung, wessen Würde zu schützen ist. Und das ist die des Geiselnehmers.
        Und genau auf dieses Problem läuft auch ihre Ethik hinaus: Sie verschließt sich der Möglichkeit Leben gegen Leben abzuwägen. Was grundsätzlich sehr human und fortschrittlich erscheinen mag, aber wie gesagt, keine ehtische Lösung, sondern eine ethische Bankrotterklärung ist. Sozusagen: „Liebe Leute, ich als eure Ethik darf keine Abwägung vornehmen, also müssen wir den Zufall entscheiden lassen.“

        • sba sagt:

          „Abseits jener Momente, in denen er irgendwelche Arten von Selbstopfer durchführen soll, hat er (sc. der Mensch) keine moralische Bedeutung: Die(se altruistische) Ethik berücksichtigt ihn nicht und gibt ihm keine Anhaltspunkte für die wesentlichen Fragen seines Lebens; es ist ja bloß sein persönliches, privates, „egoistisches“ Leben, und als solches wird es als böse oder bestenfalls außermoralisch angesehen.“
          (Ayn Rand: The Virtue of Selfishness. Introduction. S. ix. Übersetuung von mir, kursiv i.O.).
          Soviel zum Problem von rein-altruistischer Ethik: Außerhalb von Notfällen und taktischen Situationen sagt sie uns überhaupt nichts, was grundsätzlich sehr human und fortschrittlich erscheinen mag, aber wie gesagt, keine ehtische Lösung, sondern eine ethische Bankrotterklärung ist.
          Aus dem selben Buch empfehle ich den Aufsatz „The Ethics of Emergencies“ (S. 49ff).
          Darin gibt es zwei Leitlinien:
          1.: Eine Ethik von Notfällen aus zu stricken, verrät eine Sicht auf die Welt, die die Welt als nicht lebenswert erscheinen lässt.
          2.: Ob man in einem Notfall zu Gunsten von jemandem interveniert, den man nicht kennt, ist tatsächlich vorderhand mehr oder weniger „willkürlich“, verliert diesen Charakterzug aber sofort, wenn man berücksichtigt, dass man auch hier eigene Interessen zu vertreten hat, da man seine Integrität wahren muss. Und das bedeutet: Man sollte seine Taten so auswählen, dass man ihnen auch später noch wird zustimmen können. Also verhindern, dass irgendetwas, das man tut oder unterlässt, zu einem Verlust an Selbstwert, Glück, Stolz oder zu Depression, Schuld etc. führen kann. Mit anderen Worten: Man sollte die Option wählen, mit der man am besten wird leben können. Man sollte verhindern, dass irgendetwas, das man tut oder unterlässt, in den eigenen Augen das eigene Leben nicht mehr lebenswert werden lässt.

          Was das Bsp. mit dem Schiff angeht: I.d.R. gehört es zu den Aufgaben der Crew, im Havariefall die Evakuierung zu organisieren, woraus sich ergibt, dass sie sich selbst erst am Schluss evakuiert: Das hat organisatorische Gründe, keine der Selbstaufopferung und steht im Vertrag, den sie mit dem Reeder eingegangen sind: Sie haben sich also mit eigenem Wissen dazu entschieden, diese Aufgabe zu übernehmen. Im Übrigen beinhaltet ein guter Havarieplan auch nicht, dass irgendwer geopfert wird, sondern, dass Panik und Chaos, die jedem Einzelnen Überlebenschancen nehmen, eingedämmt werden durch eine Ordnung (irgendeine Ordnung ist zwar in jedem Falle besser, als gar keine, am besten aber ist nat. eine Ordnung, die niemanden Opfert, wozu aber auch gehört, dass genug Platz in den Rettungsbooten für alle ist.)

          • fitz sagt:

            Vielen Dank für die Literaturempfehulng und diesen konstruktiven Beitrag. Ich kann diesen Ansatz gut nachvollziehen. Besonders gut gefällt mir dieser Punkt:
            „2.: Ob man in einem Notfall zu Gunsten von jemandem interveniert, den man nicht kennt, ist tatsächlich vorderhand mehr oder weniger “willkürlich”, verliert diesen Charakterzug aber sofort, wenn man berücksichtigt, dass man auch hier eigene Interessen zu vertreten hat, da man seine Integrität wahren muss. Und das bedeutet: Man sollte seine Taten so auswählen, dass man ihnen auch später noch wird zustimmen können. Also verhindern, dass irgendetwas, das man tut oder unterlässt, zu einem Verlust an Selbstwert, Glück, Stolz oder zu Depression, Schuld etc. führen kann. Mit anderen Worten: Man sollte die Option wählen, mit der man am besten wird leben können. Man sollte verhindern, dass irgendetwas, das man tut oder unterlässt, in den eigenen Augen das eigene Leben nicht mehr lebenswert werden lässt.“

            Hier wird nämlich darauf hingewiesen, dass eben nicht das (Über)leben allein Maßstab einer Ethik sein kann. Selbstwert, Stolz, Schuld,.. all das würde ich als „kultivierte Gefühle“ bezeichnen. Diese Eigenschaften unterscheiden uns von den Tieren, und erlauben uns, uns im Extremfall auch für andere aufzuopfern. Was uns vom Tier unterscheidet ist nicht so sehr die Vernunft, sondern das kultivierte Gefühl. Die Vernunft allein kann uns die genannten Eigenschaften wohl nicht vermitteln.

          • sba sagt:

            nur ein paar letzte Klärungen @Fitz:
            1.: ad hominem-Angriffe sind nie in Ordnung.
            2.: kultivierte Gefühle, von mir aus. Aber „Vernunft allein kann uns die genannten Eigenschaften wohl nicht vermitteln“? Bitte?? Kultur, die nichts mit Vernunft allein zu tun hat? Ich würde soetwas „Barbarei“ nennen.
            3.: Wenn ich meine Werte dagegen verteidige, mir von irgendeinem Zufall kaputt gemacht zu werden (und die „kultivierten Gefühle“ a.k.a. „Tugenden“ sind Werte gem. objektivist. Definition, da sie zum Leben notwenidig sind: teils aus technischen Gründen, teils, weil sie den Lebenswert des je eigenen Lebens bestätigen), dann ist das kein Opfer. Hat Sokrates sich geopfert, als er den Schierling trank, weil er nicht als Lügner leben wollte? Ich neige eher, zu sagen: Athen hat ihn geopfert. Hat seiner geistige Bequemlichkeit das didaktische Potenzial dieses Mannes geopfert.

          • derautor sagt:

            Danke. Fitz musst du allerdings nicht mehr antworten.
            Das ist offenbar ein Troll, nicht an einer rationalen Diskussion interessiert und hat insofern eine neue Heimat im Spamordner gefunden.

  9. Bernd sagt:

    Autor:
    „Was ist die Biologie, die wir angeblich ignorieren?“
    Z. B. diese Zitate des Autors drücken es aus:
    „Wir überleben durch Rationalität, Produktivität in Kooperation mit anderen.“
    “Menschen haben keine Instinkte und keinen “Todestrieb” oder “Aggressionstrieb”, das ist alles Schamanismus, ganz typisch für das nihilistische 20. Jahrhundert….. Wenn ich irgendetwas über “Instinkte” und “Triebe” und Vergleiche mit Ratten und Menschen lese, wird mir nur noch schlecht.”

    • fitz sagt:

      Wie jetzt? Sagt der Autor, dass es keine Triebe gibt? Das wird ja immer widersprüchlicher. Denn seine ganze Ethik gründet auf der Annahme eines Triebes: nämlich darauf, dass es das ultimative Ziel des Lebewesens sei, am Leben zu bleiben (=Selbsterhaltungstrieb),

      Nachdem ich einige Bücher gewälzt habe, komme ich zu dem Schluss, dass dieser Objektivismus Humbug ist. Bedeutende Philosophen haben ihn bereits zerpflückt. Festhalten will ich vA zwei Dinge:
      1) Ayn Rand verstößt natürlich gegen das Humesche Gesetz, Gesetz ist nicht zu verstehen als Norm, die man etwa durch Abstimmung beseitigen kann, sondern es ist ein logischer Einwand, ein Argument. Von da her ist die Verwunderung des Autors, warum man dieses zum Gesetz erhoben hat, unverständlich.
      Ayn Rand versucht auch garnicht das Humesche Gesetz zu widerlegen. Selbst wenn, ist ihr Versuch etwa so erfolgreich, wie der Versuch die Schwerkraft dadurch zu widerlegen, indem man einen Apfel von einem Hochhaus wirft, und darauf vertraut, dass er nicht runterfallen wird.
      2) Ihre Ethik, die sich auf einem radikalen Individualismus gründet, schwächelt an denselben Problemen, an denen alle radikal individualistischen Philosophien schwächeln: Sie proklamieren (meist unfreiwillig) das Recht des Stärkeren.

      • derautor sagt:

        Nein, meine Ethik beruht nicht auf einem Trieb. Und der Objektivismus definiert „Instinkt“ als „automatisches Wissen“. Und nein, man kann eine Philosophie nicht widerlegen, die man nicht einmal ansatzweise versteht.

        • fitz sagt:

          Ja gut, wenn man jeden Begriff so definiert, wie es einem in den Kram passt, ist es natürlich keine Kunst ein „philosophisches“ System zu konstruieren, das sich schwerlich widerlegen lässt.
          Dennoch: Natürlich gründet ihr ethisches System auf einem Trieb. Die Behauptung „Zweck jedes Lebewesens ist sein Leben zu erhalten“ ist nur eine Umschreibung des Selbsterhaltungstriebes. Was denn sonst? Ohne die Annahme, dass es einen Selbsterhaltungstrieb gibt, ist diese Aussage nicht aufrecht zu erhalten. Und um die Sein-Sollen Problematik kommen sie nicht herum – sie ignorieren sie einfach.
          Und in dem zitierten Stellen aus sba’s Beitrag ergibt sich, dass die „Philosophin“ Ayn Rand noch nichtmal fähig ist ein widerspruchsfreies System zu entwerfen.
          Mich würde interessieren, ob sie ein geisteswissenschaftliches Studium (vorzugsweise Philosophie) absolviert haben. Immerhin bezeichnen sie sich als „Vertreter des Objektivimus“. Haben sie an Universitäten geforscht, oder in seriösen Fachzeitschriften publiziert, dass sie sich als Vertreter einer bestimmten Philosophie bezeichnen? Philosophie ist eine Wissenschaft wie jede andere auch, man kann und muss sie erlernen. Keiner würde auf die Idee kommen Theorien zur Physik zu verbreiten, ohne zumindest Physik studiert zu haben. Nur bei der Philosophie ist das leider Gottes anders, da glaubt jeder, der drei Bücher gelesen hat, und eine Sendung mit Michael Schmidt Salomon gesehen hat, eine qualifizierte Meinung abgeben zu können. Jedenfalls sollten sie sich zu allererst mit den Grundlagen beschäftigen (vA Argumente, Terminologie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie,…) bevor sie sich an komplexen Themen wie der Ethik versuchen.
          Die Defizite der Grundlagen findet man auch in ihren Videos: Die „Problematik“ im Zusammenhang mit den Tierrechten, die sie konstruieren, ist schlicht und einfach keine. Sie müssten nur das Wort „Tierrechte“ umwandeln in „Gesetze zum Schutz von Tieren“, dann löst sich das „Problem“, dass Tiere nicht Träger von Rechten sein können auf – der Gesetzgeber schüzt auch Auwälder und alte Gebäude, ohne von ihnen zu verlangen, dass sie über Bewußtsein oder Vernunft verfügen. Schließlich ist ihre Argumentation auch inkonsequent: Was ist mit Menschen deren Großhirn bsp durch einen Schlaganfall geschädigt ist, oder behinderten Kindern, die niemals über das geistige Niveau eines Hundes hinauskommen werden? Diese Individuen können mit Rechten nach ihrer Definition nichts anfangen. Ergo sind sie rechtlos? Oder vertreten sie eine Ethik ala Peter Singer? Wohl kaum, weil sie nichtmal an alle Konsequenzen ihrer Definition denken, und Peter Singer ihnen vermutlich nichts sagt. Und schließlcih (Terminologie!) sollten sie sich darüber informieren was zB Rechte genau sind (ihre Definition ist lückenhaft) oder was Vernunft genau ist, was sie kann, und was sie nicht kann, oder was Gefühle sind (Arbaber verfügen über andere Gefühle als wir, wtf???). Die Definitionen ihrer Lieblingsphilosophen werden dazu nicht reichen – sie müssen sich auch mit anderen Philosophen und Naturwissenschaftlern auseinandersetzen. Ihre Staats“philosophie“ und ihre Lehre vom Tyrannenmord ist ebenfalls mangelhaft, und spiegelt nur das durchschnittliche Niveau eines Zeitunglesers wider, keinesfalls eine philosophisch fundierte Ansicht.

    • derautor sagt:

      Ich habe auf dieses Zitat, das Ihnen von mir so gefällt, schon einmal mit näheren Ausführungen reagiert und es erläutert. Wenn Sie es noch einmal ohne Kontext zitieren und mich dazu zwingen, die Ausführungen zu wiederholen, sind Sie hier gesperrt.

  10. tischheit sagt:

    Franz von Kutschera hat Humes Gesetz logisch bewiesen. (Ich darf voraussetzen, dass Sie diesen Beweis kennen.) Können Sie diesen Beweis in der Sprache der Logik (!) widerlegen? Das wäre wohl die Voraussetzung für Ihre Ausführungen.

    beste Grüße

    • Die Forderung ergibt aus Sicht der objektivistischen Epistemologie keinen Sinn. Ich habe keinen Anreiz, der Forderung Folge zu leisten. Logische Beweise müssen sich nicht auf reale Entitäten beziehen, also sind sie in diesem Kontext nur ein belangloser Zeitvertreib, ähnlich Schach, für intelligente Menschen, die nichts Besseres zu tun haben. Im Übrigen reagiere ich generell nicht wohlwollend auf arbiträre Forderungen aus dem Kontext einer anderen philosophischen Tradition, die mir keinen Mehrwert zu offerieren hat. Man könnte mich ebenso auffordern, einen rein logischen Gottesbeweis zu widerlegen, ohne empirischen Bezug. Oder den calvinistischen Beweis für die Existenz eines Erzengels. Interessiert mich nicht.

      • Dr. Webbaer sagt:

        Es ließe sich hier womöglich der „Kompromiss“ finden, dass das Sein das Sollen bestimmt, was sonst soll das Sollen bestimmen?, aber auf eine unerkannte Art, auf eine zwingend unerkannte Art oder auf eine Art, die fortlaufend diskursiv festzustellen ist.

        MFG
        Dr. W

        • tischheit sagt:

          Natürlich bestimmt das Sein fatkisch das Sollen. Ich meine, da stimmt ja sogar Karl Marx zu. Es geht aber um die Frage, ob diese Bestimmung eben mehr als bloß faktisch ist. Wenn sie bloß faktisch ist, ist die Formel „das Sein bestimmt das Sollen“ wertlos, weil dann jedes kontingente Sein jedes kontingente Sollen bestimmen kann. Damit ist für ethische Fragen nichts gewonnen und jedes System so gut wie das andere, je nach Gegebenheit des Seins.

      • tischheit sagt:

        hm nunja, Logik ist natürlich nicht das Ende der Weisheit, aber in gewisser Weise ihr Anfang (um Spock zu zitieren). Es ist natürlich klar, dass man philosophische Diskussion nicht durch logische Analyse ersetzen kann. Aber: Wir können und sollten philosophische Systeme auf der Ebene ihrer Argumentation (nicht nur, aber auch) logisch untersuchen, um zu überprüfen, ob sie in sich überhaupt stimmig sind. Dieser Anspruch unterscheidet Philosophie von bloßer Meinung, wie wohl auch Objektivisten zugeben werden. Wenn dabei herauskommt, dass das Humesche Gesetz logisch, argumentativ schlüssig ist, muss man das jedenfalls ernstnehmen.
        Wenn man sagt „ergibt aus objektivistischer Epistemologie keinen Sinn“, dann sollte man sich nicht wundern, dass der Objektivismus in der akademischen Philosophie nicht ernst genommen wird. 🙂
        Übrigens passt der Vergleich mit den logischen Gottesbeweisen nicht, weil diese eine formale Analyse nicht bestehen.

        • In diesem Fall kommt es darauf an, wie man Humes Gesetz einordnet. Leider ist ein Essay von Tibor Machan, der auf Ihre Frage eingeht, nicht mehr gratis im Netz verfügbar. Kurz gesagt ist es wahr, dass man nicht rein logisch im Sinne der Aussagenlogik vom Sein aufs Sollen folgern kann, nur geht es uns darum überhaupt nicht. Das liegt daran, dass die objektivistische Epistemologie eine induktive Grundlage hat. Man folgert nicht B aus irgendeinem willkürlichen A, sondern jeder Schritt und jede Aussage muss auf Beobachtungen beruhen. Die Alternative ist der Rationalismus, wie etwa Leibniz Gedankensystem oder das von Descartes, die logisch sind aber nichts mit der Realität zu tun haben.

          Wenn der Mensch leben will, muss er auf eine bestimmte Weise handeln, weil die Welt und er selbst eine bestimmte Natur haben, Identitätsaxiom. Einfachste Illustration: Der Mensch muss essen und atmen, um zu überleben (was aber längst nicht alles ist). Man kann in der Tat nicht von „Der Mensch ist ein Lebewesen, dessen Existenz an bestimmte Bedingungen gebunden ist“ folgern: „Darum muss der Mensch so handeln, dass die Bedingungen seiner Existenz erfüllt werden.“ Ursprünglich sollte der Objektivismus „kontextueller Absolutismus“ genannt werden. Das bedeutet: Wenn der Kontext lautet „Der Mensch möchte überleben“, dann ist es eine absolute, objektive Tatsache, dass er auf eine bestimmte Art und Weise handeln muss, um zu überleben.

          Natürlich ist es auch möglich, dass er nicht überleben möchte. Darauf gehe ich ja ausführlich im Text ein. In diesem Fall braucht der Mensch keine Ethik. Wenn der Mensch nicht leben möchte, hat er keine Werte, die er anstrebt und somit keine Handlungsanweisung nötig, wie er diese Werte erhalten kann (= Ethik). Ayn Rand versteht Ethik wie eine Art Anleitung. Ähnlich wie es eine Bauanleitung für Traktoren gibt, gibt es eine Anleitung für das menschliche Leben. Wer die Anleitung nicht befolgt, bekommt am Ende keinen Traktor oder kein Leben als Mensch. Daran erkennt man auch, dass es im Detail durchaus unterschiedliche Traktoren gibt und unterschiedliche Lebensläufe – die aber auch etwas gemeinsam haben müssen, um das sein zu können, was sie sind.

          Humes Gesetz ist also durchaus logisch in dem Sinne, wie Sie das meinen. Aber das ist für unsere Argumentation nicht relevant.

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