Es gibt keine Flucht vor der Verantwortung

Ethik ist nicht vor allem politisch; und Politik ist nicht vor allem ethisch – wie die bösen Zungen sogleich einwerfen mögen. Das mag in der Praxis wohl sein. Und doch sollte eine wichtige Unterscheidung betont werden, die allzu oft in Vergessenheit gerät: Die Unterscheidung zwischen Ethik und Politik.

In der Philosophie sind Ethik und Politik zwei Teilbereiche jedes vollständigen philosophischen Systems. In der Tat bin ich ebenso wie andere Bürger unserer schönen Nation der Meinung, dass sich Ethik und Politik nicht widersprechen sollten. Die Politik hat aber keineswegs die Aufgabe, quasi für uns oder statt uns als individuelle Menschen ethisch zu handeln. Wir selbst müssen als die individuellen Personen, die wir sind (wir sind nicht der Staat), ethisch handeln. Wir können unsere – und ich meine wirklich „können“ – Verantwortung nicht auf die Politik übertragen. Denn auch eine versuchte Übertragung der eigenen Verantwortung auf die Politik ist letztlich eine Entscheidung, die in den Bereich der Ethik fällt und für die wir ebenso Verantwortung tragen.

Wenn wir beispielsweise die Verantwortung, für die Kinder von unverheirateten Frauen mitzusorgen, auf den Staat übertragen, so tragen wir (bzw. diejenigen, die das tun) Verantwortung für die Konsequenzen. Wir helfen einerseits der Frau, deren Mann sie rücksichtslos im Stich gelassen hat. Wir fördern andererseits ein beliebiges und verantwortungsloses Sexualleben. Ist diese Aufgabe erst einmal in staatlicher Hand, gelten nur noch grobe, allgemeine Richtlinien. Ein Abwägen für den Einzelfall findet kaum mehr statt. Private Hilfsorganisationen im 19. Jahrhundert trafen beispielsweise noch Unterscheidungen zwischen Frauen, die sich ihre missliche Lage selbst zuzuschreiben hatten und jenen, denen übel mitgespielt wurde. Den ersteren halfen sie in der Regel auch, aber diese Hilfe war an deutlichere Bedingungen und Schranken geknüpft.

Ich komme auf dieses Thema zu sprechen, weil ich in Facebook folgendes schrieb:

Ich bin Objektivist und somit:

1. der Meinung, dass die objektive Realität existiert,

2. dass wir sie durch unsere Vernunft erkennen können,

3. dass wir moralische Prinzipien im rationalen Eigeninteresse befolgen sollten,

4. dass der Laissez-faire-Kapitalismus das optimale politische System ist.

René Wiedmann antwortete darauf: „Ich halte den Punkt 4 zwar als absoluten Widerspruch zu Punkt 3.“

Nun, ich nicht. Und meine Erklärung lautet, dass es Aufgabe der Politik ist, eine Sphäre zu schaffen, innerhalb derer wir frei handeln können. Wie wir handeln sollen – und um handeln zu sollen, muss man erst einmal handeln können – ist die Frage der Ethik. Können wir nicht frei handeln und ist alles, was wir tun und lassen, durch politische Gewalt festgelegt, so gibt es keinen Platz mehr für Ethik im menschlichen Leben.

Die Politik sorgt dafür, dass wir frei unseren Weg gehen können. Handeln wir ethisch, so führt unser Weg zum Erfolg im Leben. Tun wir es nicht, so tut er dies – auch wenn wir nicht so weit gehen, Gesetze zu brechen – eben nicht. Der Staat garantiert unsere Handlungsfreiheit. Wir selbst müssen dann unsere Willensfreiheit nutzen, um uns zum ethisch richtigen Handeln zu entscheiden.

In Deutschland herrscht meiner Erfahrung nach eine gewisse Geisteshaltung vor, die folgendes unterstellt:

1. Spricht sich jemand gegen etwas aus, so möchte er es politisch verbieten.

Wenn ich beispielsweise etwas gegen moderne Kunst sage, so behauptet sofort jeder, ich würde sie zensieren oder verbieten wollen. Man kann sich beispielsweise auch gegen den Gebrauch von Schimpfworten aussprechen, ohne sie gleich verbieten zu wollen. Man kann ebenso sagen, dass man es nicht gut findet, wenn Jugendliche den ganzen Tag nur auf ihren Handys rumtippen, ohne gleich Handys verbieten zu wollen.

2. Ist jemand gegen die politische Durchsetzung einer Tugend, dann ist er gegen diese Tugend.

Wenn ich etwa meine, wir brauchen keinen Sozialstaat, dann behaupten die Leute, ich wäre nicht sozial. Als wäre es die Aufgabe des Staates, an unserer Stelle sozial zu sein, damit wir selbst es nicht sein müssen. Ich kann auch gegen das politische Verbot von Rauchen in Gaststätten sein, ohne dass ich selbst das Rauchen in Gaststätten genießen oder für sonderlich rücksichtsvoll erachten würde (oder eine Gaststätte, in der geraucht wird, betreten würde). Ebenso kann ich gegen das Verbot von bestimmten Drogen eintreten, ohne für den Drogenmissbrauch zu werben.

Ethik ist vor allem eine persönliche Aufgabe. Der Staat muss lediglich dafür sorgen, dass vor allem wir selbst an unseren ethisch falschen Handlungen leiden und nicht andere Menschen. Dies tut er, indem er unsere Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum schützt. Wenn wir Drogen einwerfen, schaden wir uns damit in der Regel vor allem selbst (der Staat darf eingreifen, wenn beispielsweise ein Vater aufgrund seines Drogenmissbrauchs seine Kinder vernachlässigt). Wenn wir unentwegt fluchen, so schaden wir uns vor allem selbst damit, weil niemand mehr mit uns sprechen möchte.

Einverstanden?

9 Kommentare zu “Es gibt keine Flucht vor der Verantwortung

  1. freeman sagt:

    Ich habe diese Haltung irgendwann mal als „Perversion des kategorischen Imperativs“ bezeichnet: „Handle so, dass die Maxime deines Handelns Grundlage eines allgemeinen Gesetzes WIRD“

    Es ist manchmal zum aus der Haut fahren…

    • Dr. Webbaer sagt:

      Handle so, dass die Maxime deines Handelns Grundlage eines allgemeinen Gesetzes WIRD

      Das scheint die hintergründige, aber eindeutige Idee hinter dem sogenannten Kategorischen Imperativ zu sein.
      Die unglaubliche Anmaßung, dass das Individuum derart erkennen wie bestimmen kann, steckt dahinter und erregt seit langer Zeit leider nicht nur Pfaffen.

      Wobei der Staat in diesem Sinne – ‚Der Staat gibt uns die Handlungsfreiheit. Wir selbst müssen dann unsere Willensfreiheit nutzen, um uns zum ethisch richtigen Handeln zu entscheiden.‘ – Maßgaben bereitzustellen hat, die allerdings auch Grenzen kennt.
      Auch der Entscheid für ein weitgehend freiheitliches System also leider ein Glaubensentscheid (vgl. ‚objektivistische Ethik‘) bleiben muss.

      MFG
      Dr. W

  2. Dr. Webbaer sagt:

    Es gibt keine Flucht vor der Verantwortung

    Klingt gut, ist das von Ihnen?

    Hmm, zur 4-Punkte-Liste vielleicht noch kurz: Ist der „Kapitalismus“ nicht erst in Gesellschaften eines bestimmten Zivilisationsniveaus möglich? Also am besten mit wenig Analphabeten und gewissen ethischen Standards, die zumindest anfänglich auch religiös hergeleitet werden dürfen?

    MFG + schönen Sonntag noch,
    Dr. W

    • Ja, ich wüsste zumindest nicht, woher ich den Ausdruck habe. Man könnte ja immer sagen, dass die Zeit des Kapitalismus noch nicht gekommen ist. Im 19. Jhd hat es mit viel mehr Analphabeten auch funktioniert.

  3. Skeptiker sagt:

    „Ist diese Aufgabe erst einmal in staatlicher Hand, gelten nur noch grobe, allgemeine Richtlinien“

    Das kann, muss aber nicht so sein. Man kann auch einen gewissen Ermessensspielraum einräumen wie das bei manchen Behörden auch heute schon der Fall ist oder sogar einen Richtervorbehalt einführen. Dann muss vor jeder Aktion zunächst ein Richter entscheiden.

    Dass festgesetzte, starre Regeln, dazu verwendet werden können, das System zu manipulieren, ist in der Tat ein reales Problem. Man beruft sich zum Beispiel auf einen Formulierungsfehler in einem Gesetz, um es so zu unterlaufen.
    Das ist natürlich ein Problem. Wenn man einen Ermessensspielraum einräumt, gibt man andererseits damit jemanden mehr Macht. Auch das kann zum Problem werden…

    Man muss hier also sehr genau Acht geben.

    • sba sagt:

      Mir gerade nebenbei aufgefallen:
      „Wenn wir Drogen einwerfen, schaden wir uns damit in der Regel vor allem selbst (der Staat darf eingreifen, wo beispielsweise ein Vater aufgrund seines Drogenmissbrauchs seine Kinder vernachlässigt).“
      Müsste eigentlich die Freigabe aller Drogen daraus folgen, weil Fremdschädigungen in dem Zusammenhang stets eigene Straftatbestände darstellen? Betrug, Veruntreuung, Gefährdung des Straßenverkehres, Raub, Diebstahl, Körperverletzung – alles Dinge, zu denen vielleicht Drogen den Anlass liefern mögen, die aber auch ohne diesen Zusammenhang gehen.
      Hast Du aber mal gegen die komplette Freigabe argumentiert (im Wesentlichen damit, dass bei verbilligter und legaler Verfügbarkeit die Selbstschädigung überhand nähme und die Fremdschädigungen durch Zugedröhnte ebenfalls.)
      Meinung geändert? Oder hab ich was übersehen? Oder überinterpretiere ich?

      • Das weiß ich noch nicht so genau. An sich sollten Erwachsene das Recht haben, sich alle Drogen einzuwerfen, die sie wollen. Nur, wie man es verhindern kann, dass Drogen in die Hände von Minderjährigen geraten, wäre dann eine Frage.

        • sba sagt:

          Modell Niederlande vs. Modell Waffenschrank, würde ich sagen:
          Konsum-, Erwerb- und Besitzfreigabe könnte auf bestimmte, auf diesen Zweck ausgerichtete Lokalitäten (früher hieß das „Opiumhöhlen“, heute sind es halt die „Coffeeshops“) beschränkt sein, in denen sie ausschließlich zu erwerben sind und aus denen sie nicht abtransportiert werden dürfen.
          ~oder~
          ausschließliche Sperrung des Verkaufs an Minderjährige (was sich durch deren ohnehin nur eingeschränkte Geschäftsfähigkeit rechtfertigen lässt) und für den Rest ist durch die Fürsorgepflicht für Schutzbefohlene jeder selbst verantwortlich.
          Hat beides seine Vor- und Nachteile.

          Ich verbuche das jetzt mal unter „Gedankenspiele“, bin mir nämlich nicht ganz sicher, ob ich dieser Gesellschaft zutraue, mit legalem Heroin klarzukommen.

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