Eine Geschichte von zwei Räubern

John Locke (gemeinfrei)

Der Philosoph John Locke (1632-1704) gehört zu den Vordenkern der modernen Zivilisation

Franz und Heinrich waren zwei Räuberhauptmänner. Aber sie waren keine gewöhnlichen Räuber. Sie wollten schlauer sein als die anderen. Und sie hatten einen großen Plan.

Eine Parabel.

Franz und Heinrich waren lange Zeit gewöhnliche Einbrecher und Diebe gewesen. Sie hatten Männern die Brieftasche gestohlen und Frauen ihre Handtaschen. Mehrmals landeten sie im Gefängnis. Doch sie hatten aus ihrer langen, kriminellen Karriere nach einigen Jahrzehnten endlich gelernt.

Sie wussten zum Beispiel, dass man nicht immer wieder in dieselben Häuser einsteigen und den Menschen alles klauen konnte. Die Menschen würden in eine andere Gegend ziehen oder sie würden sogar aufhören zu arbeiten, weil ihnen ohnehin alles gestohlen wird. Ein vernünftiger Raubplan musste auf lange Sicht funktionieren. Und er müsste am Ende so ausgefuchst sein, dass ihn die Bevölkerung sogar akzeptieren und ihn gar nicht mehr als Raubplan erkennen würde.

Am Ende müssten so viele Menschen vom Raub profitieren, dass sie die Beraubten unter Androhung von Gewalt überstimmen konnten. Franz und Heinrich suchten also nach etwas, was sehr viele oder alle Menschen brauchten und schließlich haben wollten. An der Beute würde jedem Menschen ein gewisser Anteil zukommen, dann würden sie den Plan akzeptieren.

Die Hauptmänner fanden, dass sehr viele Menschen Nahrung und Wasser brauchten, später kamen eine Wohnung und eine Heizung hinzu, dann Straßen und Schulen für ihre Kinder. Schließlich brauchten die Menschen Informationen, damit sie wussten, welchem Räuberhauptmann sie sich anschließen sollten – wer ihnen persönlich die größte Beute einbringen könnte.

Anfangs glaubte noch niemand, dass einem etwas zustehe, nur weil man es braucht oder weil man es gerne hätte. Wenn man etwas wollte, musste man es sich erarbeiten. Man hatte lediglich ein Recht darauf, von anderen Menschen nicht daran gehindert zu werden oder um das gebracht zu werden, was man sich erarbeitet hatte. Die Räuberhauptmänner ließen sich also eine Geschichte einfallen, um zu erklären, warum andere Menschen einem Vieles geben mussten, was man selbst brauchte oder gerne hätte.

„Wenn man sich das einmal überlegt“, sagte Franz den Menschen, „so hat sich doch niemand wirklich das verdient, was ihm gehört. Jeder Mensch hatte viel Glück. Er hatte glückliche Gene, ein glückliches Umfeld und Glück bei der Arbeitssuche. Glück verdient man sich nicht, es überfällt einen einfach – wie ein Räuber. Also steht den Menschen nicht wirklich all das zu, was ihnen gehört. Also kann man ihnen einen Teil davon wegnehmen.“ Das brachte viele Menschen zum Nachdenken.

Heinrich ergänzte noch etwas: „Diejenigen, die am meisten besitzen, haben es sich am wenigsten verdient. Wer schafft denn rund um die Uhr, im Schweiße seines Angesichts? Der Arbeiter in der Fabrik, der kleine Lakai in der Firma. Und wer streicht alles ein? Der Unternehmer. Ihr seht, wie er in seiner Limousine herumfährt, Bordelle besucht, auf Ibiza am Strand liegt. Ihr seht nicht, wie er arbeitet und warum seine Arbeit mehr wert sein soll als eure Arbeit. Er behält einfach euren gerechten Anteil, weil er die Macht hat. Akzeptiert ihr das nicht, werdet ihr entlassen.“

Die Menschen murmelten zustimmend. So hatten sie das noch gar nicht betrachtet. Sie erkannten, dass sie zu traditionsverhaftet waren. Sie hielten an einem antiquierten Verständnis von „Gerechtigkeit“ fest, laut dem jeder das bekommen sollte, was ihm zustand. Eine neue Gerechtigkeit musste her. Eine soziale Gerechtigkeit. Eine Gerechtigkeit, laut der jeder so viel von anderen bekommen sollte, wie möglich, ohne dass die Quelle austrocknete.

Heinrich und Franz hatten die Menschen überzeugt. Sie gründeten einen neuen Staat. Ein Staat, in dem jeder so viel besitzen durfte, wie es ihm die Mehrheit gönnte. Ein Staat, in dem Menschen nicht mehr nur sich selbst gehörten, sondern auch anderen Menschen. Ihrem wirtschaftspolitischen System gaben die Räuberhauptmänner einen Namen: Soziale Marktwirtschaft.

„Die souveräne Gewalt kann von keinem Menschen ohne dessen Zustimmung irgendeinen Teil seines Eigentums nehmen: denn da der Erhalt des Eigentums der Zweck einer Regierung ist und der Grund, warum Menschen einer Gesellschaft beitreten, so geht sie notwendig davon aus und erfordert, dass die Menschen Eigentum haben sollten, ohne welches man davon ausgehen muss, dass sie das verlieren würden, wozu sie einer Gesellschaft beigetreten sind; eine zu große Absurdität, als dass sie irgendein Mensch eingestehen könnte.“

(John Locke: Zweite Abhandlung über die Regierung. 1690)

7 Kommentare zu “Eine Geschichte von zwei Räubern

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Ist jetzt I.E. die Soziale Marktwirtschaft oder die Marktwirtschaft ohne Attribut verbrecherisch in übertragendem Sinne?

    MFG
    Dr. W (der leider als Ordoliberaler nichts dagegen hat, wenn ein bestimmter Teil der Menge auf Basis eines sogenannten bedingungsfreien Grundeinkommens versorgt wird – um Einzelprüfungen zu meiden und um den Sozialapparat „wegzuhauen“)

    • Das Grundeinkommen / Bürgerversicherung ist auch meiner Meinung nach dem Sozialstaat vorziehen. Allerdings wäre eine rein private Sozialfürsorge beiden Optionen vorzuziehen.

  2. Martin sagt:

    Naja…. m.E. ist der Gedanke mit einem Grundeinkommen/einer Bürgerversicherung den Sozialstaat bzw. den Sozialapparat wegzubekommen, völlig illusorisch.

    Spätestens einige Jahre nach der Einführung eines Grundeinkommens würden die beruflichen „Kümmerer“ und pseudomoralischen Gutlinge praktisch dieselben Strukturen in demselben Umfang wieder etabliert haben. Vielleicht etwas verlagert.

    Es wird halt immer Leute geben, die mit dem Geld bzw. der Verantwortung für sich selbst nicht zurecht kommen (mit zunehmender Reduzierung der Konsequenzen und des Umfangs der Verantwortung werden das auch eh immer weniger…) .
    Und wenn Papa und Mama süchteln oder das Geld durch Dummheit oder einfach auch Pech auf den Kopf gehauen haben, dann ist es natürlich nicht „gerecht“, wenn die Kinderlein darben müssen.
    Also muß sich jemand drum kümmern und vielleicht sind das dann anfangs auch private spendengetragene Organisationen, aber dabei wirds nicht bleiben. Denn da geht soviel Geld und Zeit drauf und es ist doch nur „gerecht“ und „sozial“, wenn die „Gemeinschaft“, sprich der Staat, da einspringt.
    Und da mit dem „Sozial“ Gefasel enorm viel zu holen ist und man sich auch noch prima als guter Mensch darstellen kann (ein Musterbeispiel ist da der Vorsitzende des „parasitischen Wohlfahrtsverbands, der Name ist mir grade entfallen) wird sich ein paar Jahre nach der Einführung eines BGE und der Abschaffung des Sozialapparats genau derselbe Apparat wieder etabliert haben.

  3. Skeptiker sagt:

    So hatten sie das noch gar nicht betrachtet. Sie erkannten, dass sie zu traditionsverhaftet waren.

    Das ist sogar nicht mal ganz falsch. Das traditionelle Verständnis von Verantwortung entstand in einer Zeit, in der man von vielen noch nichts wusste.

    Wenn z. B. einige Theorien der Verhaltensgenetik stimmen sollten und ein großer Teil unserer Leistungsfähigkeit (Intelligenz, Ablenkbarkeit usw.) nur genetisch bedingt sind, stellt sich schon die Frage, wieso dann jemand, der die „besseren“ Gene hat, bevorteiligt werden sollte.

    Diesen Standpunkt muss man zwar nicht unbedingt teilen, aber er hat sachliche Gründe.

    • Warum sollten andere Menschen für meine Gene bestraft werden?

    • Martin sagt:

      „Wenn z. B. einige Theorien der Verhaltensgenetik stimmen sollten und ein großer Teil unserer Leistungsfähigkeit (Intelligenz, Ablenkbarkeit usw.) nur genetisch bedingt sind, stellt sich schon die Frage, wieso dann jemand, der die “besseren” Gene hat, bevorteiligt werden sollte.“

      Da sind ein paar Denkfehler drin.
      1: Jemand mit z.B. höherer Intelligenz wird nicht „bevorteilt“. Von wem denn? Er hat bessere Voraussetzungen, d.h. er hat es u.U. etwas leichter durchzukommen. Das wird ihm aber nicht von irgendjemand gegeben. Er hat eben zufällig bessere Anlagen und wenn er sie richtig nutzt, kann er u.U. auch mehr erreichen.

      2: Begriffe wie „Verantwortung“, „Gerechtigkeit“ etc. sind überhaupt nur bei „menschlich verursachtem“ sinnvoll. Wenn ein zufälliges und unverursachtes (positives oder negatives) Ereignis jemanden trifft, ist es sinnlos, daran Kriterien wie „Gerechtigkeit“ etc. anzulegen.
      Wenn jemand von einem Kometen getroffen wird und beide Arme verliert, dann wird das Maß an Gerechtigkeit eben nicht dadurch erhöht, daß man einem Anderen einen seiner beiden Arme wegnimmt und ihn dem Getroffenen transplantiert.
      Wenn jemand bessere genetische Anlagen hat, als ein anderer, verhält es sich analog.

      3: Die ganze Diskussion ist eh müssig, da die unintelligenten noch ein paar Jahrtausende Sklavenarbeit leisten müssten zwecks „bevorteilung“ der intelligenten. Dann wäre die aufgelaufene Schuld der Doofen, die sonst längst zu Milliarden an allem möglichen,von Anthrax bis Verhungern, verreckt wären, vielleicht ansatzweise abgetragen.

    • Dr. Webbaer sagt:

      Die Genetik ist eine Datenhaltung, die zusammen mit der Epigenetik und Umweltfaktoren sozusagen die individuelle Gesamtperformance zu bestimmen scheint.
      Ganz sicher kann man auch hier nicht sein.

      Insofern wird ganz sicher nichts gerechter, wenn unterschiedlich Performierende gleichgemacht werden, auch ganz sicher nicht unter Beruf auf biologistische Argumentationen, selbst wenn sie egaltitaristisch ausfallen.

      MFG
      Dr. W

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