Das Tor, das keines war

Stefan Kießling ist ein erfahrener und erfolgreicher Stürmer und am Freitagabend in Sinsheim wusste er, dass er in dieser 70. Minute den Ball am Tor vorbeigeköpft hatte. Der Stürmer ärgert sich, aber nun passierte etwas, was der Torjäger von Bayer Leverkusen nicht erwartet hatte: seine Mitspieler feiern ihn plötzlich als Torschützen und tatsächlich liegt der Ball auch im Netz. Und nun schwenkt Kießling um, weil aus dem unangenehmen Ereignis plötzlich ein angenehmes geworden: er lässt sich, wenn auch verhalten, als Torschütze feiern.

Jürgen Klopp beschreibt diese Situation: “Für Kießling spricht aus meiner Sicht ganz klar, dass man sieht, er denkt der Ball ist jetzt nicht drin, aber wenn dann fünf Leute zu Dir kommen und sagen, der war drin, dann würde ich es auch glauben!” Dies soll für Kießling sprechen? Kießling gibt in dieser Sekunde sein individuelles, unabhängiges Urteil zugunsten der Anpassung an die Masse seiner Mitspieler auf. Er glaubte seinen Mitspielern, wo sein Wissen gerade noch ein anderes gewesen war. Zugegeben: es war verlockend, dies zu tun, weil er sich plötzlich in einen Wohlfühlmodus begeben konnte, wo er sich gerade noch ärgern musste. Aber trotzdem war es falsch und es spricht nicht für ihn, dass er bereit war, sein Denken zu suspendieren und sich in die Masse der Jubelnden einzureihen.

7 Kommentare zu “Das Tor, das keines war

  1. Thomas sagt:

    Aus eigener Erfahrung kann doch jeder Mensch sagen, dass ihn seine Sinne mal getäuscht haben (bzw, dass man sich nicht richtig an etwas erinnert, oder nicht richtig aufgepasst hat).
    Oft genug passiert es, dass man sich irrt. Zum Beispiel hat man die falsche Uhrzeit für ein Treffen im Kopf, oder man ist sich sicher das ein Freund diesen Samstag Geburtstag hat, wenn es in Wirklichkeit doch schon am Freitag ist.
    Genauso kann man sich leicht täuschen. Man sieht im Supermarkt ein Produkt für 2.99 €, geht damit zur Kasse und ist erstaunt, dass man nun doch 4.99 € zahlen muss. Überüft man dann nochmal das Warenregal, dann fällt einem auf dass man sich irrt, und sich die 2.99 € auf das Nachbarprodukt bezogen.
    Auf diese und ähnliche Art gibt es hunderte Situationen im Alltag, in denen sich das Bild der Realität, das ich momentan in meinem Kopf habe, als falsch erweist.

    Es gibt sie schon, die objektive Realität, jedoch heißt das nicht, dass meine Wahrnehmung dieser Realität nicht doch subjektiv und Fehleranfällig ist.
    Das bedeutet nicht, dass man alle Erkenntniss über die Welt über Bord werfen soll, aber das man immer die Möglichkeit in Betracht ziehen kann, das man sich vielleicht in etwas irrte.

    Wenn ich nun Wahrnehme, dass ich einen Ball nicht ins Tor treffe, dann glaube ich zunächst natürlich daran, dass ich mich nicht irre. Wenn ich dann aber bei genauer Betrachtung feststelle, dass der Ball doch im Tor liegt, dann sollte ich schon in Betracht ziehen, dass ich mich getäuscht haben könnte.

    Wenn nun viele andere Leute beobachteten, dass der Ball ins Netz ging, dann wiederspricht sich das mit meiner anfänglichen Beobachtung. Entweder ich irrte mich, oder die anderen irrten sich. Wie man es dreht kommt man auf jeden Fall zu dem Schluss das subjektive Wahrnehmungen fehlerhaft sein können, denn sonst wäre ja beides, meine Beobachtung, und die Beobachtung meiner Mitspieler korrekt, dass der Ball daneben ging und doch gleichzeitig ins Netz traf.

    Nun gibt es erstmal keinen Grund sicher davon auzugehen, dass der Beobachtungsfehler bei den Mitspielern lag. Man weiß es einfach nicht. Entweder ich, oder die Mitspieler haben die falsche Beobachtung gemacht. An diesem Punkt muss man nun auf keinen Fall blind der Mehrheitsmeinung folgen, aber man sollte zumindest versuchen seine Eigene Beobachtung anhand anderer Indizien zu verifizieren. Man kann ja nochmal suchen, wo der Ball hin ist, und er liegt gerade im Tor hinter der Torlinie. Natürlich könnte man sich auch bei dieser Beobachtung irren, aber man kann sich ja noch weiter versichern, indem man hingeht und den Ball anfasst, vielleicht nach dem Spiel Zeitlupenaufnahmen des Torschusses ansieht, oder Ähnliches. Nur durch wirklich sorgfällte Prüfung der Beobachtung, und dem Eingeständis das manchmal die eigene subjektive Wahrnemung nicht der objektiven Realität entspricht, kann man zuverlässig die Wahrheit finden.

    Ob eine Masse von Leuten einer bestimmten Meinung ist, ist dafür was wahr ist irrelevant. Nur weil viele Leute sahen, wie der Ball ins Tor ging muss das nicht stimmen. Vielleicht unterscheidet sich ihre subjektive Wahrnehmung von der Realität, vielleicht auch nicht. Das muss man überprüfen. Jedoch ist eine Beobachtung auch nicht automatisch Falsch, nur weil sie von der Mehrheit gemacht wird.

    Wenn Kießling seine anfängliche Beobachtung als falsch abtut, nur weil es sich besser anfühlt, oder weil er sich seinen Teamkameraden einfach anpasst, dann ist das zwar falsch und es spricht nicht für ihn.
    Wenn er jedoch seine Beobachtung als falsch abtut, weil er den Ball im Tor liegen sieht, dann ist das nicht umbedingt falsch. Vielleicht hat er sich ja damit abgefunden, dass er die Wahrheit momentan nicht zuverlässig ermitteln kann, und wartet auf des Ende des Spiels, um sich dann nochmal eine Aufnahme des Schusses anzusehen.
    Unabhängig davon was er glaubt was war ist, vielleicht feiert er ja nicht seinen Torschuss, sondern den Punkt den er für seine Mannschaft im Spiel geholt hat. Wenn der Schiedsrichter entscheidet, dass es ein Tor war, dann gibt das einen Punkt, der gefeiert werden kann, egal ob der Ball im Tor war oder nicht.

  2. Dr. Webbaer sagt:

    Der Verdacht besteht, dass Kießlings nunmehriges Umschwenken genau der selben Ethik folgt wie die angebliche Annahme ein reguläres Tor geschossen zu haben.

  3. Gutartiges Geschwulst sagt:

    Vor zahlreichen Olympiaden und elektronischen Messungen, entsagte ein französischer Fechter der Goldmedaille, indem er seinem italienischen Gegner einen Treffer zugestand, den das Schiedsgericht nicht bemerkt hatte, was in den Sozialkundebüchern meiner Kindheit große Beachtung fand.
    „Wenn der Schiedsrichter entscheidet, dass es ein Tor war, dann gibt das einen Punkt, der gefeiert werden kann, …“
    Glücklicherweise gibt es zu allen Zeiten Menschen, die solche Punkte nicht feiern, sondern sich auf diese erbrechen.

  4. @Thomas: In meinem Kommentar ging es nicht ausschließlich um den Fußballer Kießling, sondern auch um Jürgen Klopp, der gar kein Problem damit hat, wenn eine Person plötzlich ihre Meinung ändert, nur weil eine Menschenmasse auftaucht, die etwas anderes behauptet. Zugegeben: ich teile, die Prämisse von Klopp, dass Kießling etwas sehr genau gesehen und dann beurteilt hat, was er dann gerne wieder verwarf, weil ihm plötzlich die Mannschaftskameraden am Hals hingen. Unsere Urteile unterscheiden sich allerdings fundamental: Klopp hat Verständnis, ich nicht. Auch zugegeben: ich spekuliere, denn tatsächlich können Menschen sich auch irren, wie du ganz richtig bemerkst, und auch die Mehrheit kann natürlich richtig liegen – gegen mein Urteil. Aber Fußball ist keine Alltagssituation wie das Einkaufen im Supermarkt und Kießling verfolgt den Ball bis zum Aufprall aufs Tornetz und reagiert dann folgerichtig. Sprich: er ist sehr fokussiert. Okay: der Ball lag plötzlich im Tor … Ein Widerspruch, wo doch die Realität keinen Widerspruch kennt. Ein Ball, der am Tor vorbeigeht, kann nicht zu einem regulären Treffer führen.

  5. @Dr. Webbaer: Ich neige jetzt eher dazu, die Prämisse von Klopp zu verwerfen, der annimmt, dass Kießling der „unschuldige“ Secondhander sei, der nur seinen Mannschaftskameraden „glaubt“. Seine Kameraden ändern nichts an seiner Einschätzung, dass das Tor nicht gültig sein kann, nur jetzt weiß er, dass er etwas Unverdientes abgreifen kann, weil das Schiedsrichter sich im Irrtum befindet. Ein Art Plünderung…

    • Dr. Webbaer sagt:

      Keine ‚Plünderung‘, sondern Dienstmeinung.

      Insgesamt kann das Übermaß an Dienstmeinungen, gerade unter Politikern, dazu dienen nicht das Richtige zu tun, sondern das adäquat Erscheinende.
      D scheint hier stark betroffen, was auch andere Felder betrifft.

      Eher würde ein Politiker sich selbst öffentlich kastrieren als bspw. zum Islam ein treffendes Wort zu finden.
      Gu-ido hat’s gesagt gehabt: Dekadenz.

      MFG
      Dr. W

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