Fortunas Rückkehr

Vor meinen Ohren tönt das alte Lied—
Vergessen hatt‘ ich’s und vergaß es gern—
Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen

(Parzen = Schicksalsgöttinen. Aus Goethes Iphigenie auf Tauris)

Unser Leben werde von unsichtbaren Wesen bestimmt. Diese Idee trieb bereits die alten Griechen um, die mit dem Willen der Götter und dem Fatum, dem Schicksal, rangen. Christen sahen sich jeher dem Willen Gottes unterworfen. Die Calvinisten nahmen den Menschen auch noch die Möglichkeit zur Erlösung im Jenseits durch eigene, gute Entscheidungen im Diesseits. Humanistische Denker verteidigten schließlich während der Renaissance die menschliche Fähigkeit, das eigene Leben zu bestimmen. Die Aufklärer forderten im Anschluss, jeden Menschen seines eigenen Glückes Schmied sein zu lassen.

Heute sehen uns führende Aufklärer von Genen und Umwelt determiniert. Humanismus bestehe nunmehr darin, den Menschen von jeglicher Schuld und schließlich gar von seinem eigenen Ich zu „befreien“. Und weil das noch nicht genug ist: Die Marxisten vom britischen Magazin Spiked verteidigen nunmehr die Selbstbestimmung und den freien Willen. Und das, obwohl Marxisten einst behaupteten, die ökonomische Basis bestimme den ideellen Überbau. Sie waren ebenfalls Deterministen, die das menschliche Leben von äußeren Kräften gelenkt sahen.

So sehe ich mich als klassischer Humanist und Aufklärer nunmehr motiviert, sechs Artikel von britischen Marxisten meinen Lesern ans Herz zu legen.

Wir sollen aus den Fehlern unserer Vorfahren lernen, um sie nicht zu wiederholen. Natürlich können wir auch Angry Birds auf dem iPad spielen. Je mehr wir schließlich von vergangenen Fehlern wissen, desto enttäuschter sind wir, wenn sie trotz aller Warnungen und jeglichen Bemühens wiederholt werden.

Verteidigung von Willensfreiheit und Selbstbestimmung

Brendan O’Neill erinnert in seinem Artikel Widerstand gegen die Schicksalsgötter in weißen Kitteln an die humanistische Revolution. Der italienische Renaissance-Dichter Francesco Petrarca schrieb in seinem Buch De remediis utriusque fortunae (1354/66), dass der Mensch allein unter Gottes Kreaturen die Fähigkeit habe, sein Schicksal zu bestimmen. Giannozzo Manetti bekundete in seinem Werk Über die Würde und Erhabenheit des Menschen von 1452, dass Menschen durch „die vielen Operationen der Intelligenz und des Willens“ ihr eigenes Leben kontrollieren könnten. Der italienische Gelehrte Leon Alberti sagte im 15. Jahrhundert, es sei Individuen möglich, „den höchsten Gipfel der Herrlichkeit“ zu erreichen, auch wenn sich uns „das verhasste Schicksal widersetzt“.

Stuart Derbyshire greift in seinem Artikel Vergesst den Neuro-Schwachsinn den Neuro-Determinismus an. Dieser Auffassung zufolge wird unser Bewusstsein von physischen Gehirnprozessen bestimmt. Derbyshire widerspricht: „Das Bewusstsein ist real, ebenso wie Gras für Kühe wirklich Nahrung ist, aber das Bewusstsein kann nicht im Gehirn gefunden werden. Das Bewusstsein ist nicht materiell und kann darum nicht physisch lokalisiert werden.“ (Anmerkung: Laut der objektivistischen Philosophie ist das Bewusstsein das Vermögen, das, was existiert, zu identifizieren. Das Bewusstsein ist natürlich und eine Eigenschaft bestimmter Lebewesen, siehe Philosophiebereich.)

Helene Guldberg argumentiert in ihrem Artikel Der deterministische Mythos der ‚ersten Jahre‘ gegen den Kleinkind-Determinismus. Laut dieser Auffassung prägen uns die ersten Lebensjahre für den Rest unseres Lebens. Guldberg geht die empirischen Belege durch und kommt zu dem Schluss, dass es keinen Grund gibt, so etwas zu glauben. Wir können uns jederzeit verändern. „Wenn Kindern und Erwachsenen erzählt wird, dass bestimmte Erfahrungen in der Kindheit sie lebenslang schädigen werden, sehen sie sich dann nicht eher als ‚Opfer‘ vergangener Erfahrungen, wenn sie aufwachsen?  Es bringt uns nichts, unsere Eltern für Schwierigkeiten zu verurteilen, denen wir später im Leben begegnen. Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Aber wir können die Zukunft ändern und wir sind dazu viel eher in der Lage ohne Kleinkind-Determinismus.“

In Große Geschichte: Die Auflösung menschlicher Urheberschaft schreibt Frank Furedi gegen einen neuen Trend in den Geschichtswissenschaften an: Mit der Geschichte am Anfang des Planeten oder gar des Universums zu beginnen. Auf diese Weise wird der Mensch zu einer von vielen biologischen Arten erniedrigt, die eines Tages ebenso aussterben wird wie alle. Menschliche Errungenschaften, geschweige denn die Errungenschaften der westlichen Zivilisation, werden auf einer Ebene mit den Abenteuern von Amöben im Urozean verortet. Wie ein Anti-Humanist es ausdrückt: „Homo sapiens ist nun seit 160 000 Jahren auf diesem Planeten beheimatet – ein kleiner Anteil der Gesamtzeit. Die meiste Zeit bevölkerte die menschliche Spezies den Planeten dünn mit einem nur geringen ökologischen Fußabdruck.“

Craig Fairnington schließlich argumentiert in seinem Artikel Wie natürlich ist Homosexualität?, dass Homosexualität nicht angeboren ist. Darauf zu bestehen, würdige Schwule vielmehr herab, als dass es ihnen hilft: „Diese Auffassung sieht Menschen (ironischerweise insbesondere Schwule) als gedankenlose Tiere an, als Sklaven ihrer angeborenen Gelüste.“ Damit würden Schwule zu einem Objekt des Mitleids reduziert. Vielmehr sollte die Gesellschaft akzeptieren, dass man liebt, wen man eben liebt.

In Schulkinder: Opfer ihrer Gene? nimmt Frank Furedi die weit verbreitete Auffassung auseinander, dass die angeborene Intelligenz den Schulerfolg bestimme. Daraus schließen Pädagogen, dass die Schulbildung nicht wirklich zähle. „Aber Schulen zählen wirklich. Sie zählen vor allem für Kinder mit einem benachteiligten Hintergrund. Schulen können solche Kinder mit der Art von Wissen ausstatten, das, bis zu einem Grad, ihren relativen Mangel an Zugang zum kulturellen Kapital in ihrem Leben Zuhause kompensieren kann. Alle Kinder, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund und ihrer angeborenen Fähigkeit, profitieren von einer guten Bildung. Was sie erreichen, ist weder durch ihre Gene vorherbestimmt, noch durch ihren sozialen Hintergrund. Fatalistische Pädagogik in ihren verschiedenen Gewändern ist eine Ausflucht.“

8 Kommentare zu “Fortunas Rückkehr

  1. Skeptiker sagt:

    Danke für die für mich z. T. interessanten und neuen Links.

    Allerdings ist folgendes anzumerken: Nur weil etwas nicht „in den Genen“ liegt, heißt das nicht zwangsläufig, dass es der Freie Wille sein muss, der sich zeigt.
    Man kann auch argumentieren (und so wird ja argumentiert), dass sich die menschliche Persönlichkeit in Auseinandersetzung mit der Umwelt bildet und man für die Umwelt ja nichts kann. So kann man dann auch nichts für seine Persönlichkeit.

    • Die ganze Diskussion würde sich erübrigen, wenn die Leute einfach mal darüber nachdenken würden, wie sie selbst Entscheidungen treffen. Kein Mensch würde sagen, dass es die Umwelt oder die Gene waren, aufgrund derer er sich für einen Café Latte oder eine Karriere als Pianist entschieden hat.

      • Skeptiker sagt:

        Die ganze Diskussion würde sich erübrigen, wenn die Leute einfach mal darüber nachdenken würden, wie sie selbst Entscheidungen treffen.

        Das jetzt voraus, dass die Leute alle auf ähnliche Weise entscheidungen treffen. Es gibt aber Leute, die handeln mehr spontan, andere planen lange voraus, einige folgen ihrer Leidenschaft, andere versuchen, möglichst emotionslos zu entscheiden.

        Kein Mensch würde sagen, dass es die Umwelt oder die Gene waren, aufgrund derer er sich für einen Café Latte oder eine Karriere als Pianist entschieden hat.

        Bei dem Café Latte stimme ich zu, bei dem Pianist wäre ich mir nicht so sicher. Vielleicht würde er sagen: „Ich wurde bereits in eine Musikerfamilie hineingeboren und bekam sehr früh Klavierunterricht. Bereits zu meinen 12 Lebensjahr habe ich viel trainiert und beherrschte das Spielen“ oder so ähnlich.

      • Dr. Webbaer sagt:

        Kein Mensch würde sagen, dass es die Umwelt oder die Gene waren, aufgrund derer er sich für einen Café Latte oder eine Karriere als Pianist entschieden hat.

        Ich schon. Die Zuneigung zu bestimmter Getränkewahl oder bestimmten kulturellen Konsumverhaltens kann gut erblich sein.
        Zum Beispiel ist die Abneigung gegen Kabarett aus dem Hause Rether sicherlich erblich.
        Zur Bevorzugung bestimmter Getränke, Whisk(e)y, Cognac bzw. zur Herstellung (Mais, Wein, Getreide) gibt es Studien.

        MFG
        Dr. W

    • Martin sagt:

      @Skeptiker: Stimmt so aber auch nicht. Für die Umwelt könnte man nur dann nichts, wenn das eine völlig „rückwirkungsfreie“ Beziehung wäre. Ist es aber ja nicht, man beeinflußt -wie marginal auch immer- auch seine Umwelt.

      • Skeptiker sagt:

        Natürlich kann man seine Umwelt auch beeinflussen, aber das nur Anhand einer Persönlichkeit, die sich durch frühere Umwelteinflüsse gebildet hat. 😉

  2. Leopold Stotch sagt:

    Danke für die Links, die Artikel sind wirklich gut. Aber sind die Spiked-Autoren denn eigentlich noch Marxisten, oder ist Spiked gar ein erklärt marxistisches Magazin? Konnte auf der Seite nichts dergleichen finden, und im Wikipedia-Artikel steht nur „Publizisten, die oft einen linken oder marxistischen Hintergrund haben und sich mittlerweile libertären Standpunkten angenähert haben.“

    • Tja, wer weiß. Es ist ein äußerst merkwürdiges Magazin, das steht einmal fest. Es kommt mir fast so vor, als würden die Autoren mit marxistischer Sprache libertäre Standpunkte vertreten.

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