Immer diese extremen Extremisten

Wer erinnert sich noch an den Terrorangriff auf ein Einkaufszentrum in Nairobi, Kenia? Das war erst Ende September 2013, ist also nicht lange her. Islamisten überfielen ein Einkaufszentrum. Sie teilten die Kunden in Muslime und Nicht-Muslime auf. Je nachdem, wer eine Frage über den Propheten beantworten konnte. Die Muslime durften gehen. Mit den Nicht-Muslimen stellten die Terroristen folgendes an (siehe Quellensammlung – Vorsicht, nichts für zarte Gemüter!):

Nicht-Muslimen wurden die Gliedmaßen abgehackt, ihnen wurden die Augen ausgestochen, die Terroristen haben sie von Haken an der Decke baumeln lassen. Männer wurden kastriert und ihre Finger wurden abgeschnitten. Kinder wurden erdolcht und mit Maschinengewehren erschossen. Die Islamisten haben Nicht-Muslimen die Ohren und die Nase abgeschnitten. „Sie nehmen deine Hand und schärfen sie wie einen Bleistift und sagen dir, du sollst deinen Namen mit Blut schreiben“, sagte ein Zeuge. Außerdem haben sie Mütter vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt.

Der Journalist Kamal Kaur war dabei. Er twitterte: „Kinderleichen waren überall. Undschuldige kleine Kinder. Halten sich an mir fest und fragen mich, wo ihre Mamis sind.“

Ein ehemaliger britischer und ein ehemaliger irischer Soldat, die anonym bleiben wollen, waren auch vor Ort. Sie kämpften mit einer Handfeuerwaffe gegen die Terroristen und retteten Geiseln. Der somalische Muslim Abdul Haji kämpfte ebenfalls mit einer Handfeuerwaffe gegen die Terroristen und beschützte Nicht-Muslime.

Wie mir gerade zu Ohren kam, sagte der britische Premierminister David Cameron, dass der Terrorangriff nichts mit dem Islam zu tun habe. Die Täter gaben vor, im Namen einer Religion zu handeln, aber „das tun sie nicht“, sagte Cameron laut business-standard.com. „Sie tun es im Namen des Terrors, Gewalt und Extremismus und ihrer schrägen Weltanschauung. Sie repräsentieren nicht den Islam oder Muslime in England oder irgendwo auf der Welt.“

Wenn es wie eine Ente quakt…

Mir fehlt da allerdings ein Ansatz für einen Interpretationsspielraum. Die Islamisten haben die Besucher des Einkaufszentrums in Muslime und Nicht-Muslime unterteilt und die Nicht-Muslime haben sie gefoltert, vergewaltigt und ermordet. Und das hat ja dann wohl etwas mit der Religion des Islams zu tun. Mag sein, das es Muslime gibt – wie der heldenhafte Abdul Haji – die Ungläubige lieber beschützen als ermorden. Aber die Behauptung, der Terrorangriff habe „nichts“ mit dem Islam zu tun, ist absurd.

Dann könnte man ebenso sagen, die Verbrechen von Stalin hätten nichts mit dem Kommunismus zu tun gehabt (was ja in der Tat noch viele sagen) oder die Verbrechen der Nazis nichts mit dem Nationalsozialismus.

Es handelt sich offensichtlich um einen Versuch, einer Identifikation des Problems auszuweichen. Die Erklärungen, die Cameron anbietet, sind keine, sondern bloße Worthülsen. „Terror“ ist eine Strategie und ohne Ziel greift man nicht zu einer Strategie, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn jemand wegen einer Gewalttat vor Gericht steht, dann behauptet niemand, die Gewalt sei „im Namen der Gewalt“ verübt worden. Vielmehr fragen Richter und Anwälte nach dem Motiv. Würde der Staatsanwalt sagen, der Täter hätte ein Gewaltverbrechen begangen, um damit „der Gewalt“ zu dienen, so wären seine Kollegen doch wohl der Auffassung, er möchte einfach seinen Job nicht machen oder er will sie irgendwie veralbern.

„Extremismus“ ist schließlich eine weitere Worthülse. Es kommt eben sehr wohl darauf an, was es ist, worin man „extrem“ ist. Ich bin ein „extremer“ Vertreter der Idee individueller Menschenrechte. Ich bin ein Menschenrechts-Extremist. Ich bin ebenso ein „extremer“ Vertreter der Idee, dass kein Mensch das Recht hat, gegen einen anderen Menschen Gewalt einzuleiten (also mit der Gewalt anzufangen). Das macht aus mir nicht unbedingt einen allzu gefährlichen Menschen, würde ich meinen.  Extreme Gourmets essen vielleicht nur in Gourmet-Tempeln. Damit schaden sie niemandem. Und eine „schräge Weltanschauung“ hat mir im Gymnasium schon mein Deutschlehrer attestiert – weil ich Naturalist bin, also nicht an das Übernatürliche glaube. Auch damit breche ich niemandem ein Bein (in Anlehnung an eine Formulierung Jeffersons).

Um den heißen Brei herumzureden, bringt nun gar nichts. Niemand ist einfach ein „Extremist“. Er wird immer eine bestimmte Ideologie „extrem“ (bzw. konsequent) vertreten. Und nicht „das Extreme“ selbst. Was bitte würde denn ein extremer Extremer tun? Der einfach nur „extrem“ ist? Es gibt auf die Frage keine Antwort. Das Problem ist letzten Endes eben nicht die „extreme“ Ausübung einer Idee oder Ideologie, sondern gegebenenfalls die Idee oder eine Ideologie selbst. Wenn man eine Idee nicht leben kann oder wenn sie einen auffordert, Ungläubige entweder zu unterwerfen, sie zu konvertieren oder zu töten (so die Mainstreamauslegung des Islams), dann taugt sie eben nichts. Ob sich die offiziellen Anhänger von Ideen in der Praxis an diese halten, ist eine andere Frage.

Statt Evolution sollte man lieber Philosophie in die Grundschulen bringen. Dann hätten Menschen am Ende vielleicht ein elementares Verständnis für die Bedeutung von Wörtern. Und sie würden nicht als Staatsoberhäupter bedeutungslose Phrasen aneinanderreihen, für die ich mich als Kindergartenkind geschämt hätte (in der Tat geschämt habe).

6 Kommentare zu “Immer diese extremen Extremisten

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Ihr Kommentatorenfreund möchte Ihre Aufmerksamkeit auf diesen Artikel lenken:
    -> http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article121334049/Wenn-jemand-islamkritisch-ist-findet-er-Platz.html (K-Probe: ‚Wenn es aber heißt, der Islam als Weltreligion ist böse und muss bekämpft werden, ist dies nicht mit dem Grundgesetz und dem Recht auf Religionsfreiheit zu vereinbaren.‘)

    Erkennen auch Sie den Mops? Können einige Interviewaussagen auch I.E. als symptomatisch für die in D real existierende liberale Szene eingestuft werden?

    Sorry für das halbe Off-Topic,
    Ihr Dr. Webbaer

    • Nicht gerade überzeugend, diese Differenzierung zwischen islamkritisch und islamfeindlich.

      • Dr. Webbaer sagt:

        Ich hab’s so verstanden:
        Wenn die Kritik in Emotion umfällt, zumindest von außen so eingeordnet werden kann, wird sie unzulässig für die hier betrachtete AfD-Kraft.

        Zudem kann es keine Religionskritik geben, die eine Religion als per se verfassungsfeindlich erkennt, denn dann wäre wiederum diese Religionskritik verfassungsfeindlich.

        Amüsant auch, dass in D in Bayern erstmals streng den I Ablehnende als verfassungsfeindlich (vs. rechtsextremistisch) erkannt worden sind.

        Das war für mich ein Novum, nicht mehr nur rechts- oder links- oder I-Radikale seien verfassungsfeindlich, sondern auch deren Gegner, wenn sie den I nicht so gut finden.

        Ich selbst hatte hier, ohne irgendwelchen rechten islamkritischen anzugehören oder generell ohne irgendwie politisch organisisiert zu sein, ebenfalls Probleme im d-sprachigen Austausch im Web, nur weil die die religiösen Stätten des I umschließenden Bewegungen (Wahhabiten, Moslembruderschaften, Salafiten, Boko Haram, Taliban, Mullahs und Großajatollahs etc.) ernst und wörtlich genommen worden sind.

        MFG
        Dr. W (geht vielleicht ein wenig vom Thema weg, bearbeitet aber den „Extremismus“, dem die Extremismus-Gegner in D anscheinend zunehmend zugeordnet werden, wenn’s den I betrifft)

  2. Dr. Webbaer sagt:

    Statt Evolution sollte man lieber Philosophie in die Grundschulen bringen. Dann hätten Menschen am Ende vielleicht ein elementares Verständnis für die Bedeutung von Wörtern. Und sie würden nicht als Staatsoberhäupter bedeutungslose Phrasen aneinanderreihen, für die ich mich als Kindergartenkind geschämt hätte (in der Tat geschämt habe).

    LOL, dito.

    MFG, Dr. W

  3. MM sagt:

    Ein anderer Vorschlag wie man islamkritisch und islamfeindlich unterscheiden könnte: http://homment.com/richtige-islamkritik

    Man sollte kein Abstraktum kritisieren sondern konkrete Organisationen und deren konkrete Auffassung von Islam. Diese konkrete Auffassung kann nämlich nicht mehr pauschal bestritten werden sondern ist konkret greifbar. Milli Görüs, Gülenbewegung, Ahmadiyya, Ditib, Taliban, usw usw

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