Sind Objektivisten gegen Mitleid?

Der Mensch wird dieser Tage als der mitleidende Affe angesehen und nicht länger als der denkende Affe (bzw. das rationale Tier), wie Aristoteles ihn definierte. Kein Wunder also – wobei trotzdem unlogisch -, dass der Verdacht aufkommt, jemand, der den Menschen noch als denkenden Affen ansieht, könnte vielleicht ein Problem mit dem Mitleid haben. Da diese Frage nun aufgeworfen wurde, möchte ich nunmehr erklären, wie die Philosophie des Objektivismus zum Mitleid steht. Und was ist Mitleid überhaupt?

Sind Objektivisten gegen Mitleid?

Nein. Mitleid ist eine Emotion und Emotionen sind laut Definition keine Tugenden. Da der Objektivismus eine Tugendethik ist und sich also nur mit Tugenden und den Werten, auf die sie abzielen, befasst, kommt das Mitleid nicht direkt in der objektivistischen Ethik vor. Mitleid wird jedoch von anderen Tugenden wie Wohlwollen und Gerechtigkeit vorausgesetzt, die zum klassischen Tugendkanon des Objektivismus gehören. Wie Mitleid überhaupt dem menschlichen Sozialverhalten dient.

Mitleid ist keine Tugend, weil Emotionen keine Handlungsanweisungen implizieren. Man kann Mitleid mit jemandem empfinden, der unschuldig von einem korrupten Richterkollegen zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde, ohne irgendetwas gegen dieses Unrecht zu unternehmen. Man kann jedoch nicht die Tugend der Gerechtigkeit leben, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Man kann auch andere Emotionen wie Liebe empfinden, ohne dass irgendeine Handlung daraus folgen muss. Vielleicht liebt man die Frau eines anderen und teilt es ihr aus Rücksicht auf ihr Familienleben nicht mit. Man kann jedoch nicht die Tugend der Ehrlichkeit leben und seiner eigenen Frau sagen, dass man sie liebt, wenn man es nicht länger tut.

Ethik ist aus objektivistischer Sicht ein Wertecodex, der die Entscheidungen und Handlungen eines Menschen leitet – die Entscheidungen und Handlungen, die seinen Lebenssinn und seinen Lebensweg bestimmen. Ethik als Wissenschaft dient dazu, einen solchen Codex zu entdecken und ihn zu definieren.

Emotionen sind die automatischen Ergebnisse von menschlichen Werturteilen, die unbewusst integriert werden. Emotionen wie das Mitleid mit bestimmten Menschen (etwa ein unschuldig Verurteilter) und nicht oder weniger mit anderen Menschen (wie Hitler oder Stalin) resultieren aus der persönlichen Ethik eines Menschen. Emotionen sind keine Wissensquelle und können somit nicht sinnvollerweise für die Entwicklung einer Ethik dienen. Geschweige denn, selbst direkter Bestandteil einer Ethik sein.

Evolutionsbiologen wie Frans de Waal argumentieren, dass auch Affen Mitleid empfinden würden. Somit sei Mitleid angeboren und der Mensch sei nicht „von Natur aus“ ein rücksichtloses Tier, das andere Tiere ausbeutet. Da der Mensch allerdings das rationale Tier ist und sein Handeln von Ideen und nicht von Instinkten bestimmt wird, kann der Mensch auch rücksichtlos handeln.

In der Tat sollte der Mensch im Eigeninteresse mit anderen Menschen kooperieren und niemanden ausbeuten. Dies ist jedoch eine ethische, normative Aussage und muss somit philosophisch begründet werden. Der Grund lautet, dass wir die Wahl haben, auch anders zu handeln und darum brauchen wir gute Gründe, kooperativ zu handeln. Wäre kooperatives Verhalten angeboren, dann könnte sich Franz de Waal seine Argumente ersparen und wir Objektivisten könnten uns gleichermaßen unsere Argumente ersparen. Dann würden wir einfach kooperativ handeln, wie wir atmen und trinken und essen.

5 Kommentare zu “Sind Objektivisten gegen Mitleid?

  1. sba sagt:

    Schön die Grundlagen mal wieder zusammen gefasst.

    Wenn Herr de Waal statt Affen Kinder beobachtet hätte, wäre er vielleicht zu einem anderen Urteil gekommen.

    Und wo ich so darüber nachdenke, komme ich auf die Idee, dass Mitleid im evolutionären Rahmen ein schlichtes Nebenprodukt sein könnte – Geht man davon aus, dass es von der Aktivität bestimmter neuronaler Cluster im Gehirn abhängt (um mal nicht von „Spiegelneuronen“ zu schreiben), stellt sich ja die Frage, wofür diese Cluster eigentlich gut sind, was seinerseits die Frage stellt, was sie eigentlich tun. Liege ich nicht ganz falsch, so simulieren sie Bewegungen eines und Einflüsse auf einen anderen, dem eigenen Körper ähnlichen, Körper mit Bezug auf den eingen und ermöglichen so die Nachahmung von Bewegungen bis hin zu komplexen Handlungsabläufen (Gehen, Tanzen, Sprechen(?) Lautformung). Mit anderen Worten: Ermöglichen es, zu lernen, bevor man die Begriffe dafür hat, also schon als kleines Kind (kann man gehen lernen, ohne sich bewusst klarmchen zu müssen, wie die Gliedmaßen dazu zu bewegen sind und welche Muskeln dazu angesteuert werden müssen.)
    Sollten diese Cluster genau dazu dienen, so wären sie in späteren Entwicklungsstadien des Individuums nurmehr Relikte, deren tatsächlicher praktischer Nutzen sich auf jene Ausnahmesituationen beschränkt, in denen man etwas (wieder-)erlernen muss, das man nicht ganz begreift (z.B. nach einem Schlaganfall). In der Zwischenzeit spielen sie munter weiter und „kultivieren“ das Mitfühlen, weil die Bedeutung der reinen unbegrifflichen Bewegungsnachahmung nahe Null oder bei Null liegt, während zugleich das Urteil über die Ähnlichkeit sich auf immer mehr Körper ausweitet (anders kann ich es mir bislang nicht erklären, dass diejenigen, die als Kinder andere Kinder, vorzugsweise stark anders aussehende, und Tiere quälen, später zu Greenpeace gehen).

    Folgt daraus irgendwas Philosophisches (also, außer der Notwendigkeit, diese Bewusstseinsvorgänge irgendwie sinnvoll zu integrieren, also darüber, wie sie integriert werden sollten)?

    • Na ja, ich denke schon, dass Empathie dem menschlichen Sozialverhalten dient, auch nach dem Kindesalter. Es ist ja praktisch, sich in potenzielle Handelspartner oder Feinde einfühlen zu können.

      • sba sagt:

        Vielleicht zu viel Holmes und Consorten gelesen, aber müssten die selben Leistungen im konzeptuellen Stadium nicht auch per Vernunft zu erbringen sein?
        (Und dann könnte man noch diskutieren, worauf Mit- und Einfühlen alles basieren kann. Außer der Reprojektion fremden Ergehens auf das Selbst fielen mir da mindestens noch geteilte Werte und Werturteile ein, die einen dazu bringen, sich mit jemandem zu freuen etc, was ich vor allem unter Freunden (und geschäftspartnern) erwarten würde).

        Kann aber auch sein, dass ich mich bloß sträube, weil mir die Ausführungen über und von de Waal auf Wikipedia komisch vorkommen. Wenn Empathie sich insgesamt negativ auswirkte, hätten wir sie uns evolutionär sicherlich gar nicht erst angewöhnt. Aber da die Evolution sich weigert, auf Individuen Rücksicht zu nehmen, heißt „evolutionärer Vorteil“ nicht unbedingt auch „mein Vorteil“. Und dann ist noch die Frage, ob die Evol. überhaupt der richtige Ansatzpunkt ist, wenn es um Ethik und damit um vernunftgelenktes Handeln (das ja unser Hauptvorteil ist, uns damit aber auch autonom setzt) statt um instinktives Verhalten geht?

  2. T. Franke sagt:

    Ach, das ist mir doch wieder zu kalt und zu glatt gedacht, das da oben …

    IMHO hat Mitleid doch sehr viel und sehr direkt mit Ethik zu tun. Mitleid bedeutet ja, dass ICH leide, wenn ein anderer leidet. Also ist es purer (guter) Egoismus, dass ich Mitleid in ein ethisches Kalkül mit einbeziehe. Wenn mein eigenes Wohlergehen die Maxime ist, kann Mitleid in der Rechnung nicht außen vor bleiben. Das Eigeninteresse, das einen altruistisch handeln lässt, bemisst sich nicht nur an materialen Vorteilen, die man daraus (später) einmal ziehen kann, sondern bemisst sich auch an emotionalen Vorteilen.

    Hinzu kommt die Überlegung, dass Mitleid angeboren ist. Man kann es nicht loswerden, ohne Schaden zu nehmen (Psychopathologisch); um genau zu sein: Man kann es überhaupt nicht loswerden, denn wenn man das versucht, kommt das Verdrängte an anderer Stelle in schädlicher Form wieder hoch. Man kann das Mitleid aber auch übertreiben (ebenfalls psychopathologisch, das sagt heute aber keiner so). Was folgt aus all dem? Mithin muss man eben seine Mitleidensfähigkeit kultivieren, erziehen, pflegen. So wie andere Instinkte und Triebe auch.

    • sba sagt:

      Die Fähigkeit dazu könnte angeboren sein. Und eine alternative Deutung dieser Annahme habe ich unten angeboten.

      Asonsten finde ich Ihre Anführungen logisch richtig (wenn man etwas nicht schadlos loswerden kann und wenn man sich nicht schaden sollte, dann sollte man es zu einer schadlosen Form bringen).
      Betrifft die Differenz nun die Wahrheit der ersten Prämisse. Da es sich um emotionale und Psychohygiene handelt, wird viel davon abhängen, was für ein Mensch der Einzelne ist und wie seiner Herangehensweise, bzw. bräuchte man für allgemeine Aussagen größer angelegte Studienergebnisse (ansonsten kann ich für meine These bloß meine eigene Anektdote anführen). Immerhin habe ich meine Ansicht dazu in der Zwischenzeit um ein Detail variiert und halte Mitleid für einen Luxus. Den man sich, wie jeden Luxus, erstmal leisten können muss, damit er etwas wert ist.

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