Die Wiedergeburt des Sherlock Holmes

Sherlock kommt wieder - nicht nur in der dritten Season der BBC-Serie (Bild: BBC)

Sherlock kommt wieder – nicht nur in der dritten Season der BBC-Serie (Bild: BBC)

Sogar einen (scheinbaren) Sturz in die Schweizer Reichenbachfälle überlebte der berühmte Detektiv Sherlock Holmes in Das letzte Problem. Seitdem sind über 100 Jahre vergangen und Sherlock Holmes lebt noch immer: In drei neuen Film- und Serienadaptionen. Sind diese sehenswert?

Strikt betrachtet gibt es mehr als nur drei neue Film- und Serienadaptionen, aber die B-Movie-Varianten sind nicht erwähnenswert. Diese hier sind es hingegen schon:

  1. Sherlock

Sherlock (Bild: BBC)Die BBC-Serie mit Benedict Cumberbach (Khan in „Star Trek Into Darkness“) und Martin Freeman (Bilbo Beutlin in „Der Hobbit“) ist die beste moderne Umsetzung der Holmes-Geschichten. Sherlock Holmes wurde modernisiert und löst in unserer Zeit Kriminalfälle. Das alleine hat leider viele Fans abgeschreckt, zu ihrem eigenen Nachteil. Alle Schauspieler der Serie spielen ihre Rolle herausragend, die meisten Drehbücher überbieten die Originalgeschichten und die innovativen Aufnahmetechniken wirken endlich einmal nicht überdreht und nervig, sondern passend und sie bieten einen Mehrwert. Besonders spannend sind die Geschichten rund um Irene Adler und Moriarty: „Das große Spiel“, „Ein Skandal in Belgravia“ und „Der Reichenbachfall“.

Vergleichsweise schwach sind die Folgen „Der blinde Banker“ und „Die Hunde von Baskerville“. Sie haben wenig mit der „großen Story“ um Holmes, Irene Adler und Moriarty zu tun und sie dienen auch nicht der Einführung der Charaktere, wie die erste Folge „Ein Fall von Pink“. Die Hunde von Baskerville leidet ferner daran, dass Holmes in der Folge einige Fehler macht, schließlich seinen Sinnen nicht mehr traut und kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht. Das passt nicht zum extrem intelligenten und rationalen „Polizeiberater“, der sonst allen anderen Menschen weit überlegen ist.

Doch lohnt es, selbst die schwächeren Folgen öfter anzusehen, weil man im Detail immer wieder etwas Aufschlussreiches oder Witziges entdecken kann. Die Serie ist äußerst sorgfältig gedreht und wie Fritz Lang einst an seine Tür schrieb: „Es gibt keine Zufälle.“ Alles ist geplant.

  1. Sherlock Holmes und Sherlock Holmes: Spiel im Schatten

Sherlock Holmes (Warner Brothers)Die Kinofilme mit Robert Downey Junior als Sherlock und Jude Law als Watson sind ebenfalls sehr gut und sehr spannend gemacht. Sie sind nicht ganz von der detailbesessenen und schauspielerischen Genialität gezeichnet wie die BBC-Serie, aber auf ihre eigene Hollywood-Weise sind sie ebenfalls sehr gelungen. Sherlock ist hier nicht mehr nur ein professioneller Rätsel-Löser, sondern auch ein Actionheld. Manche Kritiker meinten, das passe nicht zum Charakter, aber die Vorlage gibt das durchaus her. In den Erzählungen ist Holmes schließlich ein Kampfsport-Experte. Dieses Element ist in der Hollywood-Fassung stärker betont, aber unterschiedliche Gewichtungen von Holmes-Elementen gehören seit jeher zum Repertoire der Verfilmungen.

Besonders stark in meiner Erinnerung hat sich das letzte Duell zwischen Sherlock und Moriarty in „Spiel im Schatten“ verankert. Die Charaktere spielen Schach, während Holmes Moriartys verbrecherischen Plan aufklärt und Moriarty pariert. Beide Charaktere müssen dafür unglaublich fokussiert bei der Sache sein. Eine Hymne an den menschlichen Verstand.

  1. Elementary

Elementary (CBS Television)Auf Elementary bin ich eher zufällig gestoßen. Es handelt sich um eine aktuelle amerikanische Serie rund um Sherlock Holmes. Dieser ist nach der Ermordung seiner Geliebten Irene Adler von London nach New York gezogen und löst dort Fälle. Die Macher der BBC-Serie glaubten zunächst, es handle sich um eine billige Kopie, um den Versuch, mit ihrem Erfolg das schnelle Geld zu machen. Das ist die Serie aber nicht – sie ist absolut eigenständig und sehenswert.

Sherlock Holmes wird von Jonny Lee Miller dargestellt und Lucy Liu mimt Watson. Das heißt, dass Dr. Watson hier weiblich ist – eine ehemalige Chirurgin, die nach einem Operationsfehler ihren Beruf aufgibt und Drogensüchtige auf ihrem Weg zurück in ein drogenfreies Leben begleitet. Zu diesem Zweck ist Watson ständig mit Holmes unterwegs und schleppt ihn zu Gruppentherapien. Dort hypnotisiert sich Holmes selbst, damit die Geschichten der Drogensüchtigen keinen wertvollen Platz in seinem Gehirn einnehmen. Ich vermute, es wird einen solchen Beruf einer „Entzugs-Patin“ irgendwo geben, aber mir scheint es trotzdem an den Haaren herbeigezogen, dass eine Drogenberaterin einen Süchtigen monatelang auf Schritt und Tritt begleitet. Das muss ja absurd viel Geld kosten. Kein Wunder, dass Holmes Senior Watson irgendwann nicht mehr bezahlen möchte.

In Elementary ist Holmes arbeitslos und wird von seinem reichen Vater finanziert, der sich nie blicken lässt. Eine eher fragwürdige Story-Entscheidung – in BBCs Variante leben Holmes und Watson von den Gegenleistungen ihrer Auftraggeber, den Verwandten von Opfern und Vermissten. Auch seltsam: Holmes ist in dieser Serie der Auffassung, dass Sex im Grunde widerlich ist, aber einem rein physischen Nutzen dient. Darum sieht man in einer Folge, wie er sich mit zwei schönen Zwillingsschwestern vergnügt. Gegenüber Watson behauptet er, er würde die Unterschiede zwischen eineiigen Zwillingen untersuchen wollen, was natürlich Unsinn ist. Diese ganze Sex-Angelegenheit passt einfach nicht zum Charakter. Weitaus gelungener ist da Sherlocks Wut auf den Mörder von Irene Adler (nämlich Moriarty), an dem er sich rächen will.

Und noch ein Problem: Die Fälle verlaufen immer nach demselben Muster. Holmes verdächtigt zunächst den Falschen – doch stellt sich jedes Mal heraus, dass auch der falsche Verdächtige ein Verbrecher ist, nur dass er etwas anderes verbrochen hat. Das ist im Grunde verrückt – wäre das so, dann würde die Welt von Verbrechern nur so wimmeln. Trotzdem rätselt man sich doch jedes Mal durch, wer denn nun der wirkliche Täter sein mag. Es ist nämlich immer ein Charakter, der irgendwo in der Folge vorkommt.

Das letzte Problem, das ich mit dieser Serie habe, sind die politischen Meinungen, welche die Drehbuchautoren Holmes in den Mund legen. Zum Beispiel glaubt er, Banker hätten die Weltwirtschaft beinahe zerstört. Man merkt an verschiedenen Stellen, dass die Drehbuchautoren ihr linkes Weltbild durchblicken lassen – auch, wenn man an Holmes sexuelle Beliebigkeit denkt, die eigentlich gar nichts mit dem Charakter zu tun hat.

Und doch: Insgesamt ist die Serie sehenswert und spannend. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens spielt Jonny Lee Miller Holmes sehr gut und glaubwürdig. Wir haben es erneut mit dem hyperintelligenten, schnell sprechenden Soziopathen zu tun, der einerseits eindeutig Holmes ist und doch nicht derselbe wie Benedict Cumberbach. Durch seine asoziale Art und seine bizarren Hobbys (er züchtet Bienen auf dem Dach und verwendet eine Haus-Schildkröte zur Rekonstruktion seiner Fälle) erregt Holmes immer wieder Ärgernisse, während er aufgrund seiner Genialität doch ernstgenommen werden muss. Der zweite Grund ist Holmes spannendes und angespanntes Verhältnis zu Watson, bei dem man sich immer fragt, was nun daraus wird.

Im Grunde macht Holmes einfach, was er für die Lösung der Fälle für nötig erachtet, inklusive Einbruch, Unterschlagung von Beweismitteln, heimliche Überwachung und tätliche Angriffe. Zum Beispiel hat er in einer Folge keine eindeutigen Beweise, dass sein Verdächtiger der Täter ist, also nimmt er Watsons Auto und rammt damit den Sportwagen des Verdächtigen, um ihn zu provozieren. Und einmal entführt er sogar einen Mörder, um ihn zu foltern, weil er glaubt, er habe Irene Adler ermordet. Für diese zweifelhaften Methoden bekommt Holmes immer wieder Ärger mit dem Polizeichef. Als Zuschauer fragt man sich trotzdem immer wieder, was Holmes wohl als nächstes einfällt.

Fazit

Am Ende kann ich alle der genannten Filme und Serien empfehlen. Die BBC-Serie gibt es auf Blu-ray (Season 1 und Season 2), die Hollywoodfilme auch (Sherlock Holmes und Sherlock Holmes: Spiel im Schatten) und Elementary ist auf DVD erschienen und läuft außerdem auf Sat1. Zumindest die beiden Serien werden fortgesetzt. Die Zukunft der Hollywood-Variante ist noch nicht ganz entschieden.

2 Kommentare zu “Die Wiedergeburt des Sherlock Holmes

  1. Skeptiker sagt:

    Wieso sollte ein Nervenzusammenbruch nicht zum super-rationalen Holmes passen? Auch im Orginal hat er, soweit ich weiß, einige Probleme, etwa ist er Drogen nicht ganz abgeneigt und er lehnt es ab, astronomisches Wissen zu erwerben, aus Angst seinen Verstand „zuzumüllen“.

    Die Kinofilme fand ich sehr schön. Sie bringen das rationale und doch exzentrische Verhalten von Holmes sehr schön zum Ausdruck. Irgendwie ist es eine Hommage an die Kultur des 19. Jahrhunderts.
    Ich finde es auch schön, dass man in dieser Verfilmung wenigstens bemerkt, dass Moriarty eigentlich ein intelligenter, talentierter Wissenschaftler ist.

    Danke, „Elementary“ kannte ich noch nicht.

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