„The Sun“-Kontroverse: Halbnackte Frauen gegen Bilder von halbnackten Frauen

Wie selig sind die Menschen, die nicht an der „Rationalität“ leiden – eine seltene Nervenkrankheit, die bei mir diagnostiziert wurde. Der kleinste logische Widerspruch löst schreckliche Kopfschmerzen aus. Nachdem jüngst eine Umfrage zeigte, dass die Deutschen Preisfestsetzungen – einst ein Merkmal der Kriegswirtschaft – bei Mieten gut und bei Grundnahrungsmitteln nicht so gut finden, hatte ich mir vorgenommen, zwei Tage lang nur noch zu schlafen.

Das ist mir nicht gelungen. So wandte ich meinen Blick in erbaulicher Absicht auf die einstige Insel der Vernunft, Geburtsort von John Locke und anderer Aufklärungsphilosophen, Springquell der Meinungsfreiheit und der Marktwirtschaft: England. Die Nachwuchs-Elite hat dort gerade in bislang 28 Universitäten von Cambridge bis Cardiff den Verkauf der „Sun“-Zeitung unterbunden. „No More Page Three“ heißt die zugehörige Kampagne. Die Studenten fordern den Chefredakteur der „Sun“ auf, Fotos von leichtbekleideten Damen von Seite 3 der Zeitung zu entfernen.

Nun, die Puritaner stammten ebenfalls aus England. Aber diese hier behaupten, sie wären moderne, aufgeklärte Feministen.

Die „feministischen“ Studenten und vor allem Studentinnen verfassten einen Offenen Brief / Petition an David Dinsmore, den Chefredakteur der Sun, der von rund 130 000 Unterstützern und darunter mehreren Parlamentsabgeordneten unterschrieben wurde. Die Petition wird vom Foto einer jungen Dame angeführt, die allem Anschein nach nur ein T-Shirt trägt und keine Hose. Immerhin sieht man nicht ihre Brüste. Nun mag mancher eine heitere britische Ironie darin erblicken, dass eine Petition gegen Fotos von halbnackten Frauen auf Seite 3 mit dem Foto von einer halbnackten Frau auf Seite 1 angeführt wird, aber so augenzwinkernd ist der durch Proteste erzwungene Verkaufstop einer Zeitung an 28 Universitäten doch eher nicht. Alleine an der Leeds Universität verlor die Sun damit 30761 potenzielle Kunden.

Eine nette, persönliche Bitte

„Wir fragen sehr freundlich“, beginnt die Petition, „Bitte, David.“, „Keine Seite 3 Mehr.“ Daraufhin vergleichen die Studenten halbnackte Damen auf Seite 3 (muss man die Zeitung nicht aufschlagen, um zur dritten Seite zu gelangen?) mit einer Fernseh-Nachrichtensendung, bei der die Moderatorin auf einmal die Hüllen fallen lässt. Schließlich schreiben sie: „David, bitte zeige keine Bilder von jungen Frauen mit nackten Brüsten in Englands meist gelesener Zeitung mehr, hör auf, deine Leser zu konditionieren, Frauen als Sexobjekte anzusehen.“

Das am wenigsten aufgeklärte Bevölkerungssegment der britischen Gesellschaft sind offenbar Studenten von Eliteuniversitäten. Vor allem sie müssen durch ihre Kommilitonen vor weiblichen Brüsten geschützt werden, weil sie sonst konditioniert sind, Frauen zu vergewaltigen. Das kann sicher jeder nachvollziehen, der schon einmal seinen Shakespeare beiseitelegte, nur um das Foto einer halbnackten Frau zu erblicken und sogleich eine junge Dame zu besteigen.

Schau, sie hat ihre erste Botschaft!

Der Feminismus war ja einst vernünftig. Wobei, seltsam: Der Satz klingt wie: „Das Wahrsagen aus Hühnereingeweiden war ja einst vernünftig.“ War er aber wirklich, als Feministen wie Mary Wollstonecraft zugleich das Recht auf freie Berufswahl und generell Rechtsgleichheit mit den Männern forderten – und anerkannten, dass somit auch ihre Privilegien, wie von Männern verwöhnt, von allen Widrigkeiten beschützt und finanziert zu werden, wegfallen mussten. Das Recht auf „sexuelle Selbstbestimmung“ meinte einst das Recht, seinen Partner selbst zu wählen, statt vom Patriarchen an Cousin Alfred zwangsverheiratet zu werden – und nicht das Recht auf sexuelle Beliebigkeit und Verantwortungslosigkeit (das „Recht auf Sex wie ein Mann“). Allerdings ist der Feminismus schon recht früh wahnsinnig geworden, als er sich im 19. Jahrhundert mit der sozialistischen Ideologie vereinigte.

Ironischerweise hat die „No More Page 3“-Kampagne auch eine kapitalistische Seite: Die Initiatorinnen verkaufen in einem eigenen Online-Shop T-Shirts mit dem Motto der Kampagne. Die Einkünfte aus den Verkäufen gehen an Women’s Aid und außerdem finanzieren die Aktivisten damit ihre Reisekosten. Die entstehen, weil sie durchs Land reisen und ihre Botschaft verbreiten möchten. Ihre Botschaft, dass eine britische Zeitung auf Seite 3 keine Fotos von halbnackten Frauen mehr zeigen sollte. Für so etwas muss man durchs Land reisen. Da frage ich mich, ob die Leute bereitwilliger meine Reisekosten für Vorträge finanzieren würden, hätte ich auch eine idiotensichere Botschaft anstelle eines philosophischen Systems im Angebot. Wie wäre es damit: „Eine Zensur findet nicht statt!“