Anpasser und Roboter

In meiner Punk-Phase war ich gegen all diese „Anpasser“ voreingenommen, die sich an anderen orientieren, statt selbst zu denken. Jetzt bin ich nicht länger nur gegen sie voreingenommen. In der objektivistischen Philosophie heißen Anpasser „Second Hander“ und ihre Anpassung gilt als die bestimmte Form eines Denkfehlers, des Unvermögens, in Prinzipien zu denken. Jetzt verstehe ich endlich die Reaktionen vieler meiner Gesprächspartner, die mich so oft in den Wahnsinn getrieben haben mit ihren bizarren Antworten.

Dafür habe ich der kürzlich verstorbenen Philosophin Barbara Branden zu danken, die mir in Teil 5 ihrer Vorlesung „Lectures on the Principles of Efficient Thinking“ einen großen Aha-Effekt, eine regelrechte Epiphanie bescherte.

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Das Pseudo-Denken in Prinzipien

Man stelle sich einen Roboter vor, der auf bestimmte Kombinationen von Wörtern reagiert. Dieser Roboter kann den Inhalt der Wörter nicht verstehen, sondern er reagiert nur auf die akustischen Signale bestimmter Lautfolgen. Er weiß nicht, was „Liebe“ bedeutet, aber er weiß, dass er seine Arme ausbreiten soll, wenn er die Lautfolge „Liebe“ hört.

Die Anpasser reduzieren sich zu genau einem solchen Roboter. Sie reagieren auf „Stichwörter“, deren Inhalt von den Anpassern nicht verstanden wird. Aber der Gebrauch der Stichwörter wird durch den sozialen Kontext definiert, in dem sich die Anpasser befinden.

Stichwörter werden in höherem Ausmaß von sozialen Metaphysikern gebraucht, die sich durch die Gruppe definieren und sich an der Gruppe orientieren. Ein sozialer Metaphysiker sucht verzweifelt die Anerkennung einer Gruppe von Menschen. Die Gruppe bestimmt seine Realität. Er ist ein Mensch, der sein Denken und Verhalten blind an seinem sozialen Umfeld ausrichtet, ohne selbst zu denken. Seine Metaphysik, seine grundsätzliche Wirklichkeit, sind andere Menschen, nicht die objektive Realität.

Branden nennt einige Beispiele. Etwa, wenn man als Objektivist gegen Selbstaufopferung argumentiert und die Leute antworten, dass Selbstaufopferung doch notwendig sei, was ist schließlich mit den Kindern? Oder wenn man für den Kapitalismus argumentiert und die Leute erinnern an „Raubbarone“ und „Sweatshops“. Obwohl man gerade sorgfältig definiert hat, was „Kapitalismus“ bedeutet. Ein solcher Kritiker kann nie genau sagen, was er mit einem „Raubbaron“ eigentlich meint oder was ein „Sweatshop“ ist und was er mit dem Kapitalismus zu tun hat. Der Anpasser reagiert einfach auf die sozial vorgesehene Weise auf bestimmte Stichwörter.

Oder wenn man sagt „soziale Gerechtigkeit“. Dafür erntet man in bestimmten Sphären einhellige Zustimmung. Was das bedeutet, weiß niemand so genau. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung bedeutet es: „Unter »sozialer Gerechtigkeit« sind allgemein akzeptierte und wirksame Regeln zu verstehen, die der Verteilung von Gütern und Lasten durch gesellschaftliche Einrichtungen (Unternehmen, Fiskus, Sozialversicherungen, Behörden etc.) an eine Vielzahl von Gesellschaftsmitgliedern zugrunde liegen […]“. Der Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ ist also sozusagen offiziell ein Begriff für und von sozialen Metaphysikern. Von Menschen, die sich von anderen Menschen („allgemein akzeptiert“) vorschreiben lassen, was gerecht ist und die selbst keine Ahnung haben, wie sie das beurteilen sollen. Gerecht ist, was andere sagen, das gerecht ist. Das ist die Definition des Begriffs von einer deutschen Regierungsbehörde. Jeder Philosoph, nicht nur einer von meiner Variante, wird sich angewidert abwenden vor so einer dreisten Dummheit, vor einer solchen Weigerung, Begriffe klar und eindeutig zu definieren.

Ein Anpasser besitzt kein eigenes Verständnis der Stichwörter, auf die er reagiert oder die er im sozial erwünschten Sinne gebraucht. Er nennt lediglich andere Begriffe, die er ebensowenig versteht, in Reaktion auf Stichwörter, die er hört, um sozial dafür anerkannt zu werden.

Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen, dass es vollkommen zwecklos ist, mit solchen Menschen zu diskutieren. Man wird Menschen, die nicht wissen wollen, wovon sie reden (!), nicht überzeugen können. Man kann nur Diskussionen mit ihnen vermeiden. Und hoffen, dass man irgendwann, irgendwo einmal denkende Menschen finden wird.

5 Kommentare zu “Anpasser und Roboter

  1. Bjoern sagt:

    Spannende Frage:

    Ist wirklich jeder Mensch zu Rationalität im Sinne des Objektivismus fähig?

    • Abgesehen von geistig Behinderten sicherlich schon. Wobei andererseits sogar mein schwer geistig behinderter Bruder dazu in der Lage ist und sein eigenes Verständnis von Begriffen entwickelt hat. Man darf nur kein fauler Anpasser sein.

    • Dr. Webbaer sagt:

      Der Objektivismus im Sinne des Naturalismus ist ein heißes Eisen, der Schreiber dieser Zeilen hat, auch dank dieser Inhalteeinheit, mühsam einige Besonderheiten zur Kenntnis genommen, die die Ethik natürlichen Vorgaben zuzuordnen lassen, vs. sogenannter positivistischer Sicht.

      MFG
      Dr. W (insgesamt aber noch ziemlich objektivistisch-ungläubig)

  2. Dr. Webbaer sagt:

    In meiner Punk-Phase war ich gegen all diese “Anpasser” voreingenommen, die sich an anderen orientieren, statt selbst zu denken.

    Der Webbaer war mal nihilistisch in ga-anz jungen Jahren, hat denn aber sehr schnell dazugelernt. – Eklig bleiben Nachplapperer, korrekt.

    Dr. W

  3. Nennt Branden diese Stichwörter „q-words“? Woher kommt dieser Ausdruck?

    Diskutieren kann man mit solchen Leuten aber durchaus. Nur kann man ihre Überzeugung nicht ändern. Sie haben schließlich keine. Man kann nur das Sicherheitsgefühl erschüttern, das sie daraus ziehen, daß sie sich an den Meinungsführern orientieren.

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