Video: Der Neue Atheismus und die Krise des Humanismus

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Brendan O’Neill, Redakteur des britischen Online-Magazins Spiked, kritisiert in dieser aktuellen Diskussionsrunde den Neuen Atheismus rund um Richard Dawkins, Christopher Hitchens und co. Seiner Ansicht nach ignorieren die Neuen Atheisten die Unterschiede zwischen Menschen und Tieren und haben ein deterministisches, reduktionistisches Menschenbild, das weniger humanistisch ist als alles, was gläubige Menschen vertreten. Die Neuen Atheisten reduzieren den Menschen zu einer rein biologischen Entität.

Zudem wirft O’Neill ihnen Intoleranz vor. In England wurden in Folge von Dawkins Kritik an privaten Konfessionsschulen offenbar Quoten für Schüler eingeführt. Demnach dürfen private Konfessionsschulen nur eine bestimmte Anzahl von Schülern aufnehmen, welche die Religion teilen, für welche die Schule steht. Sie müssen eine bestimmte Menge Schüler mit einem anderen weltanschaulichen Hintergrund aufnehmen. Das ist ein Eingriff in die Rechte gläubiger Menschen, sagt O’Neill, und das sehe ich ebenso. Er erinnert daran, dass die Aufklärung mit der Idee der Glaubensfreiheit begann, nicht mit der Unterdrückung von Religion. Das stimmt für die USA allerdings eher als für Frankreich.

Schließlich meint O’Neill, dass die Neuen Atheisten für nichts stehen, sondern nur gegen Religion seien. So ganz trifft das nicht zu, sie präsentieren sich zumindest als Vertreter der Aufklärung und der Vernunft. Über den Umweg bin ich auch beim Objektivismus gelandet, der die Sache zu Ende denkt und eine positive Philosophie darstellt.

O’Neill sieht die Neuen Atheisten als Syndrom einer Krise des Humanismus. Menschen werden überall als gefährliche, hilflose Kreaturen dargestellt. Sie werden von mysteriösen Faktoren wie Genen, Neuronen, der Umwelt oder Computerspielen zum Morden gebracht. Sie tun alles mögliche, weil sie psychisch krank oder süchtig sein sollen. Süchtig nach Fast Food, süchtig nach Nicht-Essen, süchtig nach Drogen, süchtig nach zu schnellem Autofahren. Der freie Wille spielt keine Rolle mehr. Persönliche Verantwortung spielt keine Rolle mehr. Der Mensch ist kein Mensch mehr, sondern ein Automat.

Ein Beleg für O’Neills These der Krise des Humanismus ist diese aktuelle, ungeheuerliche Diskussion zwischen dem Bruder von Christopher Hitchens, dem Konservativen Peter Hitchens, und dem Schauspieler Matthew Perry aus der Serie „Friends“. Perry war ein Drogenkonsument. Peter Hitchens ist der einzige, der die Position vertritt, dass Drogenkonsumenten eine Wahl haben. „Wenn sie einfach Drogen nehmen müssen, warum hören dann manche Konsumenten auf, Drogen zu nehmen?“, „Können Sie einen objektiven, physischen Beleg dafür nennen, dass Drogenkonsumenten keine Wahl haben?“ All diese Fragen beantwortet keiner der anderen Diskussionsteilnehmer. Es ist auch recht schön, Hitchens Stimme wieder zu hören – er spricht sehr ähnlich wie sein Bruder. Und diesmal hat er Recht. Außer mit seiner Idee, Drogenkonsum gesetzlich verfolgen zu lassen. Hitchens hat aber Recht mit seiner Argumentation, dass die deterministische „Sucht“-Theorie in der Tat impliziert, dass Menschen vom Staat gewaltsam vom Drogenkonsum abgehalten werden sollten. Wenn sie ihren freien Willen mit Drogen verlieren, können sie vom Staat davon abgehalten werden, Drogen zu nehmen. Wenn nicht, dann eher nicht.

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4 Kommentare zu “Video: Der Neue Atheismus und die Krise des Humanismus

  1. Patrick Sele sagt:

    Andreas Müller: „Schließlich meint O’Neill, dass die Neuen Atheisten für nichts stehen, sondern nur gegen Religion seien. So ganz trifft das nicht zu, sie präsentieren sich zumindest als Vertreter der Aufklärung und der Vernunft.“

    In seinem gegen den Neuen Atheismus gerichteten Buch „The Last Superstition: A Refutation of the New Atheism” (South Bend 2008) vertritt der Philosoph Edward Feser ebenfalls die Sicht, dass der Neuen Atheismus (und der Atheismus im Allgemeinen) keinen positiven Gehalt hat, sondern sich in der Ablehnung von Religion erschöpft und begründet dies damit, dass er nachzuweisen versucht, dass der Atheismus die Grundlagen für Moral, Menschenrechte, Vernunft und Wissenschaft untergräbt.

    Andreas Müller: „Der freie Wille spielt keine Rolle mehr.“

    Im folgenden Auszug aus dem genannten Buch führt Feser aus, dass sich der freie Wille auf der Grundlage des Materialismus nicht, auf derjenigen der von ihm vertretenen aristotelisch-thomistischen Philosophie sehr wohl begründen lässt:

    „In an Aristotelian-Thomistic analysis, the relationship between a choice and the action it results in can be understood as an instance of formal-cum-final causation. The matter or “material cause” of the action is the sequence of neural firing patterns, muscular movements, and the like by means of which the action is carried out. The formal and final causes of the action – that which gives intelligible structure to the movements – is just the soul considered as a kind of form, and in particular the activities of thinking and willing that are distinctive of the soul’s intellective and volitional powers. The action is free precisely because it has this as its form, rather than having the form, say, of an involuntary muscular spasm. Nor are the intellect and will themselves determined by such things as physical law, because they exists as parts of the realm of formal and final causes, not material and efficient ones.

    … To take the materialist route entails more or less denying free will outright, unless it is simply redefined so that any action that flows from our desires counts as „free“, even if those desires were themselves determined by forces outside our control (a theory known as “compatibilism” since it alleges that free will and determinism are compatible). Intellect and will are no longer formal and final causes (given that there are no such things) but rather efficient causes, reducible, like everything else (so it is claimed), to arrangements of material elements operating according to impersonal laws of nature. Hence human behavior differs in degree but not in kind from the behavior of billiard balls and soap suds. It is more complicated, but no less determined by blind physical forces.“

    (S. 208 f.)

    Die Begriffe „formal cause“, „material cause“, „efficient cause“ und „final cause“ entstammen der aristotelischen Metaphysik, welche Feser auf den Seiten 49-73 seines Buches ausführlich erklärt.

    Als Argument gegen den freien Willen wird unter anderem auf das „Libet-Experiment“ verwiesen. Im Buch „Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ (Bielefeld 2012), welches eine kritische Auseinandersetzung mit einigen Schlussfolgerungen aus der Hirnforschung darstellt, stellt der Autor, der Pharmakologe Felix Hasler, die Deutung der Ergebnisse dieses Experiments als naturwissenschaftlichen Nachweis des Nichtvorhandenseins des freien Willens in Frage.

  2. Joachim sagt:

    „Wie hälst Du’s mit dem freien Willen?“ … das ist die Gretchenfrage, mit der man bei Atheisten die Spreu vom Weizen trennen kann. Wem nützt ein Atheismus, der alte religiöse Bindungen auflöst, am Ende aber eine Gesellschaft voller Veganer, Ökospinner oder fanatischer Kollektivisten hinterlässt?

    Seit wir das Christentum aufgegeben haben, hat sich unsere Gesellschaft ja leider nicht in ein Paradies des Rationalismus verändert. Also mir kommt es manchmal so vor, daß heutzutage viele Leute einen noch grösseren Unsinn glauben, als meine Großeltern, die noch jeden Sonntag in die Kirche gingen.

    Ich will keineswegs in die 50er jahre zurück, aber ein erwachsenes Kleinkind, dass plärrt:“Ich glaub nur, was ich seh..“ und nicht bereit ist, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen; wollten das die Atheisten?

    Echte Aufklärer sind leider rar…

  3. Dr. Webbaer sagt:

    Howdy!
    Wie sehen denn Sie den Humanismus zurzeit aufgestellt, werter Herr Müller?

    MFG
    Dr. W (der erst nach langem Ringen zum Entschluss kam Humanist zu sein, hauptsächlich natürlich nur wegen bekannter & fortlaufender Minder-, Mangel-, Fehl-, Null- und Minusleistungen aus diesem Lager)

    • Ganz schön allgemeine Frage. Objektiv ist er in seiner organisierten Form wohl besser aufgestellt als je zuvor in Deutschland, allerdings dominiert von linken Ideen.

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